Die Irrlehre des Gnostizismus

Kirchenlexikon: Die Irrlehre des Gnostizismus

Der Kollektivname häretischer Systeme

Gnostizismus, ein Kollektivname häretischer Systeme in den ersten Jahrhunderten der Kirche.Das (griechische) Wort, welchem bei dem uralten Übersetzer des hl. Irenäus das lateinische agnitio entspricht (z. B. 1, 1, 1; 4, 33, 8), bedeutet eigentlich Erkenntnis, das Wissen, im biblischen und christlichen Sprachgebrauch gewöhnlich mit besonderer Beziehung auf religiöse Gegenstände. Der alte christliche Sprachgebrauch richtet sich nach den biblischen. Die heilige Schrift kennt aber eine zweifache Gnosis, ein echtes und ein falsches Wissen, deren eines sie rühmt und empfiehlt, während sie das andere brandmarkt und verwirft. Wie das Wissen noch heutzutage entweder als Steigerung des Glaubens oder als Gegensatz des Glaubens auftritt, so in der christlichen Urzeit die Gnosis.

Zweifache Gnosis

Die echte Gnosis

Die echte Gnosis, die Gnosis im guten Sinn des Wortes, ist ein immer tieferes Eindringen in das innere Wesen des unwandelbar fest gehaltenen, von Gott geoffenbarten Glaubens, verbunden mit einer auf festen Beweisgründen ruhenden Überzeugung von dessen Wahrheit, ein immer allseitigeres Erfassen desselben mit allen Kräften des menschlichen Geistes, so daß derselbe vom Verstand aus das ganze Leben durchdringt (vgl. Röm. 15, 14; 1. Kor. 1, 5; 8, 1. 7. 10. 11; 12, 8; 13, 2. 8;14, 6; 2. Kor. 6, 6; 11, 6; Kol. 2, 3; 2. Petr. 1, 5. 6; 3, 18). Das ist die Gnosis, welche der Sohn Gottes geoffenbart und der Menschheit übergeben hat (Clemens Alex. Strom. 6, 7, ed. Potter II, 771); das ist „die vollkommene und verläßliche Gnosis“, um derentwillen die Christen zu Korinth in den ersten Zeiten allenthalben gerühmt waren (Clemens Rom. ep. I, c. 1); das ist jenes erhabene Ideal christlicher Geistesbildung und vollkommener Handlungsweise, (…) und welches die edelsten gebildetsten Männer der ersten Jahrhunderte unablässig anstrebten. Daher wird auch das Ideal des vollkommenen Christen von Clemens von Alexandrien in seinen begeisterten Schilderungen immer mit dem Namen Gnosticus bezeichnet (s. das ganze 6. und 7. Buch der Stromata, vgl. Strom. 2, 17). Eben dieser alexandrinische Clemens, welcher der vornehmste Stimmführer der wahren Gnosis im Altertum ist, erklärt an verschiedenen Stellen, was er unter derselben verstehe, und wie dieselbe nur auf dem Grund des Glaubens gedeihe; so Paed. 1, 6, ed. Potter I, 116; Strom. 2, 17 p. 468; 3, 5 p. 531; 6, 1 p. 736; 6, 8 p. 774 und besonders 7, 10 p. 864-866 (wo er sie den „vollkommenen und sicheren Beweis dessen“ nennt, „was man im Glauben bereits erfaßt hat, den Aufbau auf der Grundlage des Glaubens, wodurch man zum unfehlbaren Verständnis gelangt“). –

Die falsche Gnosis

Die andere Art der Gnosis ist jene, von welcher schon der Apostel Paulus sagt, daß sie sich fälschlich so nenne (1. Tim. 6, 20), weshalb er vor derselben warnt, wie die meisten Väter und Schriftsteller der Kirche in der nachapostolischen Zeit. Dies ist die Gnosis, welche den Boden des Glaubens verläßt und sich zu ihm in Gegensatz stellt, indem sie aus der alten heidnischen Philosophie oder aus den verschiedenen Volksreligionen Sätze aufnimmt, welche den geoffenbarten Glauben entstellen oder verfälschen. Man nennt diese falsche Gnosis der ersten Jahrhunderte in ihren mannigfachen schillernden Gestaltungen gewöhnlich mit dem Gesamtnamen Gnostizismus.

Der Gnostizismus ein gigantisches System von Irrtümern

Der Gnostizismus ist eine der merkwürdigsten Verirrungen des menschlichen Geistes, ein wahrhaft gigantisches System von Irrtümern, wobei man nicht weiß, ob man mehr staunen soll über die Keckheit derjenigen, welche alle diese Traumgestalten ihrer überreizten Phantasie für Wirklichkeit auszugeben sich erfrechen oder über die gedankenlose Kurzsichtigkeit derer, welche solche willkürliche Erfindungen unbedenklich für bare Wahrheit annahmen; ein Beweis zugleich, welche Anziehungskraft das Christentum gleich anfangs in weiten Kreisen auf die Geister übte, und ein lebendiges Beispiel, wie tief der Menschengeist sinken könne, wenn er, von Hochmut verblendet, der Wahrheit von Oben sich nicht in gläubiger Demut unterwirft.

Die Fragen des Gnostikers

Der Gnostizismus, nicht zufrieden mit der einfach erhabenen, beseligenden Wahrheit des Christentums, verlangte von demselben Aufschlüsse über Fragen, bei welchen dasselbe entweder den grübelnden Menschengeist auf den Glauben verweist, oder welche dem Kreis der göttlichen Offenbarung fremd sind und in das Gebiet menschlicher Forschung gehören, nur daß deren Resultate nicht mit der göttlichen Offenbarung vermengt oder zum Kampf gegen dieselbe mißbraucht werden dürfen. Diese Fragen waren die alten und stets wieder kehrenden Untersuchungen darüber, wie man sich den Übergang vom unendlichen zum Endlichen, oder den Anfang einer Schöpfung zu denken habe. Wie kann Gott, der reine Geist, als Urheber einer seinem Wesen so fremdartigen materiellen Welt gedacht werden? Woher, wenn Gott vollkommen ist, das Mangelhafte in dieser Welt? Woher das Böse, wenn ein heiliger Gott der Schöpfer des Menschen ist? Woher unter den Menschen selbst so große Verschiedenheit der Naturen von den Edelsten unseres Geschlechtes bis hinab zu den Verworfensten? Da die Fragenden hierüber bei dem Christentum keine ihnen genügende Antwort fanden, so wandten sie sich an die orientalische Philosophie, welche mit den Volksreligionen des Orients (Ägypten, Persien, Indien und Vorderasien) vielfach verwachsen war, um Aufschlüsse über diese Fragen zu erhalten. Da fanden sie manches, was ihnen zusagte, wenn es auch häufig nur eine schöne Dichtung war, wie solche aus derselben Quelle einst in Platons Dialoge übergegangen waren; das nahmen sie hin, wobei ihnen die damals herrschende eklektische Richtung in der Philosophie zu Statten kam, und gestalteten sich daraus nach subjektivem Belieben ihre mehr oder minder unter einander verwandten Systeme, für welche dann jeder, das seine anpreisend, die anderen schmähend, nach Kräften Anhänger warb. Das Christentum sollte sich`s nun auch gefallen lassen, gleich den anderen Volksreligionen einige Ideen zu diesem neuen Bau beizutragen; namentlich war es die Idee der Erlösung und Wiederherstellung aller Dinge, welche, einer tief empfundenen Sehnsucht der Menschen entsprechend, begierig ergriffen und in mannigfacher Weise diesen Systemen eingefügt wurde. Bei der lebhaften Einbildungskraft der Orientalen war es natürlich, daß noch so phantastische Vorstellungen, wenn sie nur der Einbildungskraft sich gut präsentierten, Freunde in großer Zahl fanden. Allen diesen fast zahllosen Gebilden einer reichen Phantasie lagen aber immer zwei damals weit verbreitete Irrtümer zu Grunde: Der Dualismus, d. h. die Annahme zweier von Ewigkeit neben einander bestehenden Wesen, und die Emanation, d. h. die Entwicklung des einen oder beider Wesen in verschiedene ihm gleichartige Wesen. Dazu kam dann in irgend einer Weise die Idee der Erlösung als eine unentbehrliche Beigabe. Auf diesen Grundlagen entstanden die zahlreichen Systeme des Gnostizismus in Ägypten und Vorderasien, deren allgemeiner Inhalt nur kurz dargestellt werden soll.

Die gnostische Auffassung von Gott

Der Gnostizismus faßte Gott auf als den in sich verschlossenen unbegreiflichen Urquell aller Vollkommenheit. Zwischen diesem unbegreiflichen Wesen Gottes und dem Endlichen lasse sich kein Übergang denken; Selbsterfassung, Selbstbeschränkung, das Sich-selbst-bewußt-werden Gottes sei der erste Anfangspunkt einer Lebens-Mitteilung Gottes, das erste Offenbarwerden des verborgenen Gottes, von dem alle weiter sich entwickelnde Offenbarung Gottes ausgehe. So oft das göttliche Urwesen sich nach einer andern Seite hin selbst erfasse, z. B. als denkend, als redend, als lebend, als weise, gerecht und heilig, selig, allmächtig usw., gestalte sich diese allmählich immer mehr selbstbewußt werdende Tätigkeit jedesmal zu einer eigenen Persönlichkeit, deren jede den Namen Aeon trage, wie das Urwesen selbst (denn ewig seien sie ja alle, da sie von Ewigkeit her, wenn schon unbewußt, im Urwesen enthalten gewesen); die Gesamtheit aller Aeonen, deren Zahl bei den verschiedenen Sekten sehr ungleich ist, bildete nach Anschauung aller das Pleroma (die Fülle, den vollen Inhalt des göttlichen Lebens). Diese Entfaltung der göttlichen Lebenskräfte und ihre Gestaltung zu Persönlichkeiten geht den Gnostikern zufolge so vor sich, daß sie allmählich die ganze Idee des göttlichen Wesens wohl auch mit Hilfe der Zeugung durch männliche und weibliche, paarweise zusammen gestellte Aeonen erschöpfen, dabei aber zugleich immer tiefer sinken, da sie aus einander hervor gehend, immer weiter von dem Urgrund des göttlichen Lebens sich entferne, bis das Ende dieser ganzen Entwicklung (in der bilderreichen Sprache des Orients der Aeon, d. h. Grenze, Ende genannt) eintritt. Dadurch war die Entstehung einer Gott verwandten reinen Geisterwelt in ihren verschiedenen Abstufungen von Vollkommenheit erklärt.

Die gnostische Erklärung des Ursprungs der Welt

Aber wie war die niedere sichtbare materielle Welt entstanden? Die Gnostiker verwarfen zuerst den kirchlichen Glauben einer Schöpfung aus Nichts; an dessen Stelle nahmen sie den Dualismus zu Hilfe, und zwar in doppelter Weise, wonach sich eine doppelte Hauptrichtung des Gnostizismus heraus stellt. Alle nahmen zur Erklärung des Ursprungs dieser sichtbaren Welt und zugleich des Bösen (denn beides fiel bei den Gnostikern zusammen) ein ewiges böses Prinzip an (etwa die Valentinianer ausgenommen), doch so, daß die Einen dasselbe unter dem in Alexandria herrschenden Einfluß der platonischen Vorstellung (…) als eine tote, gestalt- und leblose Masse (als Finsternis, Chaos u. dgl.) dachten, die anderen aber in Vorderasien unter dem Einfluß der in Persien allgemein verbreiteten Glaubenslehre von dem bösen Urwesen Ahriman ein tätiges wild tobendes Reich des Bösen mit dem Fürsten der Finsternis an der Spitze im Sinne hatten. Beide Anschauungs- Weisen näherten sich jedoch in den einzelnen Systemen nicht selten so, daß sie fast in einander verschwammen.

Der alexandrinische Gnostizismus

Nach der ersten Anschauung, die man füglich die alexandrinische nennen kann, geriet entweder von der übersprudelnden Fülle göttlicher Lebenskraft oder (konsequenter) aus der Unmacht, sich an der göttlichen Lebenskette als unterstes Glied zu halten, etwas aus dem Pleroma hinab in die tote Masse und wurde für sie belebendes Prinzip. So entstand ein untergeordnetes, mangelhaftes, teilweise böses Leben, welches von nun an in unablässigem Kampf zwischen den beiden Prinzipien sich betätigt. Damit aber das Formlose sich gestalte, wurde ein neuer Aeon entweder vom höchsten Gott oder von einem der schon vorhandenen Aeonen hervor gebracht oder doch herab gesendet, welcher selbst beschränkt und untergeordnet diese belebte Masse nun bilden sollte und daher Demiurg, der Weltbildner, genannt wird. Dieser bildet aus dem vorliegenden Material nach höheren Ideen, die ihm jedoch selbst nicht klar bewußt sind, so gut er`s vermag, diese Welt, indem er aus der reinsten Essenz des bösen Prinzips den Satan und die bösen Geister macht, sonst das Gute und Böse in die verschiedenen Wesen verteilt, die Menschen aber so zusammen stellt, daß bei einigen das Gute entschieden vorwaltet, bei anderen eine ziemlich gleiche Mischung von Gut und Bös heraus kommt, bei anderen endlich das Böse, die Materie ganz vorwiegt. Daher drei Klassen von Menschen: spirituales, wozu natürlich alle Gnostiker gehörten; animales, wohin sie vorzüglich die Katholiken rechneten; materiales. Der die Welt geschaffen, musste sie auch regieren, da es des höchsten Gottes ebenso unwürdig schien, eine so schlechte Welt zu schaffen, als eine Welt zu regieren, wo es so schlecht hergeht. Der Weltbildner war demnach der Urheber des Alten Bundes, welcher in demselben teils durch das Gesetz, teils durch die Leitung des ihm besonders anvertrauten jüdischen Volkes unbewußt auf die Erlösung vorbereiten musste.

Der syrische Gnostizismus

Anders verhielt sich die Sache bei der syrischen Gnosis, wie man die in Vorderasien sich bildende von ihrer Heimat mit Recht nennt. Diese Anschauung, wonach in jenes ewig tätige, wild tobende Reich der Finsternis Bestandteile des Pleroma entweder bei einem Angriff der Fürsten dieses Reiches auf das Pleroma selbst oder durch die innere Schwäche jener Bestandteile gleichsam in Gefangenschaft gerieten, kam folgerecht zu einer ganz andern Auffassung der Verhältnisse. Freilich musste auch hier der Demiurg die Weltbildung vermitteln; aber dieser Demiurg war ein dem höchsten Gott feindseliges, beschränktes und beschränkendes Wesen, welches durch die Weltbildung die göttlichen Lebenskeime in dem Reich der Finsternis festzuhalten suchte, so daß in der Natur sich nichts Göttliches abgespiegelt hat, und die aus dem Pleroma herab gekommenen Teile des Göttlichen nur in der Menschheit zerstreut und gefangen sind. Der Demiurg, welcher auch hier wie der Weltbildner, so der Weltleiter ist, habe im Alten Bund die verschiedenen Gesetze, darunter selbst den Dekalog, gegeben, um die Menschen, besonders die höheren Naturen, welche viele Bestandteile aus dem Pleroma besäßen, in ihrer Befangenheit fest zu halten, ihre Entwicklung zur Erkenntnis des ihnen inne wohnenden Göttlichen zu hemmen und zu unterdrücken. Hier konnte also von einer Vorbereitung auf die Erlösung schon gar keine Rede sein.

Die Ansicht des Gnostizismus von der Erlösung

Wenden wir uns nun zu ihrer Ansicht von der Erlösung nach der oben angedeuteten doppelten Richtung. Gemeinsam war ihnen die Lehre, daß das Ziel aller Weltbildung darin bestehe, die beiden uranfänglich getrennten Prinzipien, das gute und das böse, wieder von einander zu sondern, die Teile des Pleroma aus der Gefangenschaft in dieser sichtbaren Welt zu befreien, loszumachen oder zu erlösen; der Gedanke der Erlösung gehe von dem höchsten Gott aus; dazu sei ein eigener Aeon erforderlich, den sie bald Erlöser, bald Jesus, bald Christus, wohl auch noch anders nannten, und der nicht gerade bei allen Sekten einer der höchsten Aeonen war; bei keiner dieser Sekten wurde der erlösende Aeon als wirklich Mensch werdend gedacht. Hier aber trat nun die Verschiedenheit wieder mehr hervor.

Die Ansicht der alexandrinischen Gnosis

Die Alexandriner, bei welchen die Materie als die niedere tote Schranke der göttlichen Lebens-Entwicklung da stand, sahen im Erlöser ein Doppelwesen, nämlich den Menschen, welcher aus der Materie gebildet war, und den später hinzu gekommenen Aeon. Letzterer habe erst bei der Taufe im Jordan, vom höchsten Gott gesandt, mit dem Menschen sich verbunden, weshalb sie schon im 2. Jahrhundert das Fest der Epiphanie des Herrn feierten (Clem. Alex. Strom. 1, 21), habe von da an außerordentliche Taten in ihm gewirkt und zur Zeit des Leidens ihn wieder verlassen.

Die Ansicht der syrischen Gnosis

Die syrische Gnosis, welche in der Materie ein durchaus Böses erkannte, ließ dem Erlöser keinen wirklichen aus der bösen Materie bestehenden Leib, sondern einen bloßen Scheinleib (daher sie Doketen genannte wurden), ungefähr so, wie sich jetzt der Volksglaube die den Menschen erscheinenden Gespenster mit einem sichtbaren und doch nicht reellen Leib vorstellt. Das (wirkliche oder scheinbare) Leiden des Erlösers wird als eine Tat des Demiurgen dargestellt, welcher entweder in seiner Beschränktheit oder in seiner Bosheit auf solche Weise das Werk der Erlösung zerstören und die Menschen in seiner Botmäßigkeit erhalten gewollt habe; sonst habe dasselbe keine weitere Bedeutung oder Wirkung. Die ganze Aufgabe der Erlösung bestand in der Aufklärung der pneumatischen Naturen, d. h. der Gnostiker, über ihre eigene Vortrefflichkeit und himmlische Abstammung; wer`s glaubte, der war`s; die psychischen Naturen, d. h. die Katholiken, hatten auch noch einige Hoffnung, wenn sie nur der Gnosis huldigten; für die hylischen Naturen gab es keine Erlösung, da ihnen die Empfänglichkeit dafür gänzlich fehlte.

Ablehnung der Auferstehung

Von einer Auferstehung des Erlösers, wie sie im Christentum gelehrt und geglaubt wird, konnte natürlich keine Rede sein; da der Erlöser nicht auferstanden war, so wartete auch der übrigen Menschen keine Auferstehung des Leibes; eine solche würde sich mit dem ganzen System nicht vertragen haben, da es unmöglich sei, daß die Materie, als Quelle alles Bösen, in das Pleroma, wo es nur Gutes, Göttliches gebe, eingehe. Das Ziel und Ende des Weltlaufs sei demnach die Rückkehr aller Bestandteile des Pleroma in dasselbe, worauf die Materie, alles Höheren bar, in den früheren Tod oder in ihr Nichts zurück sinke, das reich der Finsternis rein auf sich beschränkt werde. Diesen Zustand nannten sie (…) die Wiederherstellung aller Dinge, welche in ihrem System eine bedeutende Rolle spielt.

Ablehnung der Sakramente und der Gnade

Von Sakramenten, in christlicher Weise gefaßt, konnte begreiflicher Weise in diesem System keine Rede sein, da sie bei ihrer Verachtung der Materie dieselbe nimmer mehr als Gnade vermittelnd anzuerkennen vermochten. Selbst der Begriff von Gnade fehlte ihnen; sie hatten ja eine vortreffliche Natur und brauchten deshalb keine Gnade; die ihnen zu Teil gewordene Belehrung aber war gewissermaßen Gottes Schuldigkeit, damit er den ihm für eine Zeit lang abhanden gekommenen Ausfluss seines eigenen Wesens rette und wieder an sich bringe.

Die gnostische Sittenlehre

Eine solche Kette von Irrtümern konnte nicht ohne Rückwirkung auf die Sittenlehre ihrer Anhänger bleiben. Aber auch in dieser Hinsicht trat der Unterschied von alexandrinischer und syrischer Gnosis stark hervor.

Die Sittenlehre der alexandrinischen Gnosis

Die alexandrinischen Gnostiker konnten nach ihren Prinzipien, da sie im Demiurgen das Organ des höchsten Gottes erkannten, der nach dessen Ideen die Natur bildete und das alte Gesetz gab, eine gemäßigte Richtung hinsichtlich der Behandlung des Leibes und des Verhaltens zur Welt einschlagen und dem Gesetz sich fügen; insbesondere ließen sie die Ehe in ihrer Würde bestehen, teils weil in dem von Juden stark bevölkerten Alexandria immerhin eine gewisse Rücksicht auf das die Ehe sehr hoch haltende Judentum genommen ward, teils weil das in Alexandria stark verbreitete System des Valentinus, welches das Pleroma mit lauter Aeonenpaaren bevölkerte, in diesen Aeonen-Verbindungen das himmlische Urbild der Ehe darstellte.

Die Sittenlehre der syrischen Gnosis

Anders die syrische Gnosis, welche aus dem Weltbildner und Gesetzgeber ein gegen den höchsten Gott und dessen Weltordnung durchaus feindseliges Wesen machte; aus ihr ging nur zu leicht ein wild schwärmerischer, finsterer Welthass hervor. Dieser äußerte sich in zweifacher Weise: entweder bei edleren und besonneneren Menschen durch eine übertrieben strenge Lebensweise, welche jede Berührung mit der Welt ängstlich vermied, oder bei unreinen, zu wilder Schwärmerei geneigten Menschen durch freche Verhöhnung aller Sittengesetze; die ersteren erhielten den Namen Enkratiten (Enthaltsame), die letzteren Antitacten oder antinomistische Sekten; die ersteren schrieben den Zölibat vor und verabscheuten die Ehe als etwas Unreines, durchaus Verwerfliches; die letzteren rechtfertigten alle und jede Befriedigung schändlicher Lust nach dem Grundsatz, daß alles Sinnliche, Äußere ganz gleichgültig sei, und daß der echte Gnostiker dem Demiurgen durch Verhöhnung seiner beschränkenden Gesetze, namentlich durch Übertretung der vom Demiurgen ausgehenden, auf Knechtung und Unterjochung des höheren Menschengeistes hinzielenden Gebote des Dekalogs Trotz bieten und seine Verachtung zeigen müsse. Nach alle dem wird es nicht befremden, daß die Gnostiker vom Martertum für Christus und seine Lehre nichts wissen wollten; der Erlöser blieb, was er war, auch ohne ihr Bekenntnis; als Gott verehrten sie ihn ohnehin nicht, während gerade beim Bekenntnis vor Juden und Heiden dem Christen die Gottheit Jesu die Hauptsache war; und sie selbst, die Gnostiker, blieben ohne alles Bekenntnis, welches ihnen Unannehmlichkeiten zuziehen konnte, gleichfalls, was sie waren, jene vortrefflichen Naturen, die weit über alle anderen erhaben vom Himmel kamen und zum Himmel zurück kehrten; da konnte kein Bekenntnis irgend etwas ändern, noch irgend etwas hinzu tun; nur glauben mussten sie dieses, bekennen nicht.

Die Gründe für die gnostischen Phantasien

Fragt man sich, wie die Gnostiker es wagen konnten, so abenteuerliche, phantastische Gebilde für christliche Wahrheit auszugeben, so findet man, daß sie dieselben aus verschiedenen Quellen herleiteten. Die einen beriefen sich auf eine geheime Überlieferung, welche die Apostel einzelnen Vertrauten hinterlassen, und welche sich bis auf sie im Stillen als Geheimlehre eines auserwählten Kreises fort vererbt habe. Andere bezogen sich auf die heilige Schrift, wobei sie jedoch den Alten Bund als Werk des Demiurgen betrachteten und danach entweder ganz verwarfen oder doch bis zur Ungebühr gering schätzten. In den Schriften des Neuen Bundes, bei deren kritischer Behandlung sie mit schrankenloser Willkür verfuhren, unterschieden sie manchmal, was aus dem Erlöser der himmlische Aeon, und was der irdische Mensch gesprochen, behaupteten, die Apostel hätten Manches nicht recht verstanden und sich den Vorstellungen ihrer Zeit akkomodiert (Iren. 3, 12, 12. 13), und deuteten nicht ohne Scharfsinn das Wenige, das nach diesem Läuterungs-Prozeß als reine Christuslehre übrig blieb, zu Gunsten ihres Systems. Besonders willkommen waren ihnen die Parabeln des Herrn, weil eine willkürliche Auslegung, wenn einmal der wahre Vergleichungs-Punkt außer Acht gelassen war, hier den freiesten Spielraum hatte. So ließ sich natürlich alles beweisen, was man nur wollte; und wer gerne glaubt, dem ist leicht zu beweisen. Viele huldigten aber bereitwillig dem Gnostizismus, weil sie so an dem lieb gewonnen Alten (an ihrer alten Volksreligion) bequem festhalten konnten, und weil das neu aufgeputzte System dem angeborenen Stolz und (wenigstens bei der einen Richtung der syrischen Gnosis) der Sinnlichkeit, diesen beiden alten Kupplern jedes häretischen Irrtums, so sehr schmeichelte. Übrigens gab es außer den im verlauf bereits mehrfach angedeuteten Quellen des Gnostizismus, der orientalischen Philosophie, und den mit ihr enge verwandten Volksreligionen des Orients, der ägyptischen, der phönizischen, der parsischen und der buddhaistischen Religion, dann aber auch dem alexandrinischen Judentum, wie es sich unter dem Einfluß der platonischen Philosophie besonders durch Philo gestaltet hatte, auch noch beachtenswerte Anknüpfungs-Punkte für gnostische Ideen im Christentum selbst. Die feindselige Stellung der damaligen Welt gegen die christliche Kirche und die tiefe sittliche Versunkenheit des größten Teiles der Menschheit, verbunden mit der Lehre des Christentums, daß es zwei Reiche gebe, ein Reich Gottes und ein Reich des Bösen, zwischen welchen ein unablässiger Kampf bestehe, daß der Christ Bürger einer höheren Welt sei, daß „der Fürst dieser Welt“ zu besiegen sei u. dgl., konnte wohl gnostischen Ideen hie und da bei einzelnen gut gesinnten, aber weniger einsichtsvollen Christen Eingang verschaffen.

Vertreter des Gnostizismus

Der Gnostizismus, in seinen heidnischen Quellen älter als das Christentum, erhob sich fast gleichzeitig mit dem ersten Erscheinen des Christentums als mächtiger Gegner desselben; er lebte hauptsächlich im 2. Jahrhundert in den mannigfachsten Gestaltungen, zumeist in Syrien und Ägypten, neigte sich aber schon im 3. Jahrhundert stark seinem Verfall zu, besonders seitdem der dem syrischen Gnostizismus sehr nahe verwandte Manichäismus empor tauchte und durch den Reiz der Neuheit, wie durch die Abrundung des Systems viele Anhänger gewann.

Vertreter der alexandrinischen Gnosis

Die ältesten Gnostiker, welche noch mit den Aposteln selbst in Berührung kamen, sind Simon der Magier (Anm.: Simon Magus) und Menander, beide aus Samaria (Iren. 1, 23), dann Cerinthus und die schon in der Offenbarung des hl. Johannes (2, 14-15) erwähnten Nikolaiten. Die späteren Gnostiker lassen sich zur leichteren Übersicht in Anhänger der alexandrinischen und der syrischen Gnosis teilen. Die Häupter der alexandrinischen Gnosis waren: Basilides (mit seinem Sohn Isidorus), Justinus und Valentinus, welcher letztere das kunstreiche gnostische System aufgebaut hat. Aus seiner Schule gingen mehrere Sektenhäupter von geringerer Bedeutung hervor, welche einigeModifikationen an seinem System vornahmen und nun auf eigene Faust Anhänger warben. Solche sind: Heracleon, bemerkbar durch größere wissenschaftliche Besonnenheit; Ptolemäus, dessen Partei Irenäus vorzüglich bekämpfte; Marcus (Anm.: Marcus Magus) welcher in der Darstellung seiner Lehre besonders das Poetische und Symbolische liebte; Colorbasus; Secundus, welcher den Urgrund des Bösen in Gott selbst setzte und die Lebens-Entwicklung Gottes in Gegensätzen von Gut und Bös vor sich gehen ließ; der Antiochener Axionticus; weiter Bardesanes, berühmt durch seine ausgebreitete Gelehrsamkeit und dichterische Gabe, und dessen Sohn Harmonius; endlich die beiden römischen Priester Florinus und Blastus (s. Theodoret. Haeret. Fabul. Lib. 1, c. 23). Der Afrikaner Hermogenes hat nur die gnostische Vorstellung von der Weltbildung und dem Ursprung des Bösen geteilt, im Übrigen den Gnostizismus bekämpft.

Vertreter der syrischen Gnosis

Zur syrischen Gnosis gehörten: Saturnilus, Tatian, der Vater der Enkratiten (auch Hydroparastaten oder Aquarier genannt); die mit letzteren verwandten Apotactiker, welche nebst der Ehe auch noch allen eigentümlichen Besitz verwarfen; Severus, der Stifter der Severianer; Julius Cassianus, der vorzüglichste Lehrer des Doketismus (nach Clemens Alex. Strom. 3, 13); Cerdo; Marcion (ein „echter Protestant“, wie A. Neander sagt, Kirchengesch. I, 782), dessen Sekte sich bis ins 5. Jahrhundert erhielt, dessen Schüler aber (Marcioniten) seine Lehre so bedeutend änderten, daß einige, wie der ältere Lucianus und Apelles, als eigene Sektenstifter gelten können (s. Theodoret Haeret. Fabul. 1, 25); die Ophiten (Naassener oder Schlangenbrüder); die Sethianer; die Oeraten; die Archontiker). Die entschieden antinomistische Richtung der Gnostiker vertrat hauptsächlich Karpokrates und dessen Sohn Epiphanes, der uralte Kommunist, der, ausgehend von der All-Eins-Lehre, die Gemeinschaft aller Güter und Weiber lehrte. Verwandte ethische Lehren, die nicht selten zur gröbsten Unsittlichkeit führten, verbreiteten auch die Nikolaiten (wenigstens in ihrer späteren Ausartung), die Antitacten, die Prodicianer (von ihrem Stifter Prodicus) oder Adamiten, Barbelioten oder Borborianer (verschiedene andere Namen, unter welchen diese Sekte sonst noch vorkommt, s. bei Epiph. Adv. Haer. 26), die Kainiten und selbst ein Zweig der Ophiten. Noch einige andere, übrigens unbedeutende Sekten zählt Theodoret (Haer. Fab. 1, 10. 17) auf.

Katholische Kämpfer gegen den Gnostizismus

In mannigfachem Wechsel der Namen und Gestalten (Priscillianisten, Paulicianer, Bogumilen, Albigenser usw.) dauerte der gnostisch-manichäische Kreis von Irrtümern bis in die neuere Zeit herab, wo derselbe noch immer unter neuen täuschenden Scheingestalten umgeht und mit dem alten Gesang die Menschen lockt, mit dem alten Köder sie fängt. Der Gnostizismus fand seit der Zeit der Apostel besonders im 2. und 3. Jahrhundert viele kraftvolle und geistreiche Gegner, deren Schriften uns zum Teil noch erhalten sind und die reiche Quelle bilden, aus der wir die gnostischen Irrtümer selbst und im Gegensatz zu demselben die uralte katholische Wahrheit schöpfen. Auch die ältesten Regeln und Grundsätze, nach welchen bei der Kritik und Exegese der heiligen Schriften zu verfahren sei, welche sodann, später zusammen gestellt, der Anfang der biblischen Hermeneutik geworden sind, finden wir in den gegen die Gnostiker und ihre Irrtümer gerichteten Schriften der Kirchenväter und kirchlichen Schriftsteller. Diese Kämpfer gegen den Gnostizismus waren: Johannes der Apostel, welcher sein Evangelium zum Teil gegen die gnostischen Irrtümer geschrieben hat (Iren. 3, 11, 1; Hieronym., De vir. Ill. c. 9); Ignatius von Antiochia, der Apostelschüler, an verschiedenen Stellen seiner Briefe; der hl. Irenäus, Bischof von Lyon, in seinem berühmten Werk Contra haereses; Clemens von Alexandria in den Büchern, welche Stromata heißen; Tertullian in mehreren Werken, z. B. in dem Buch Adversus Valentinianos, in dem berühmten Werk Contra Marcionem, in der Schrift Contra Hermogenem (die Lehre von der Schöpfung), in der Schrift Scorpiacum contra Gnosticos (vom Martertum) usw.; der gelehrte Origenes an verschiedenen Stellen seiner Werke. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 5, 1888, Sp. 765 – Sp. 774

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