Pantheismus und das Dogma der Inkarnation

Der hochheilige Weihnachtstag: Die Geburt unseres Heilandes Jesus Christus; das Jesuskindlein liegt in der Krippe, von hellem Licht umstrahlt ebenso wie Maria, die ihr Kind beseelt anschaut; Joseph und Hirten stehen im Dunkeln und beten das göttliche Jesuskind an

Der Pantheismus führt zur Vermengung des Endlichen und des Unendlichen

Teil 2

Der Pantheismus und das Dogma der Inkarnation

Gott und der Mensch, der Unendliche und der Endliche, sollen sich vereinigen, noch mehr, sich wechselseitig durchdringen und besitzen, wechselseitig und eben darum, ohne sich zu vermischen; denn die persönliche, ich möchte sagen, possessive Aktion beider wird diese Durchdringung vermitteln: „Ich will ihr Gott sein, sie sollen mein Volk sein.“ (Jerem. XXXI, 33)

Und wie wird dieses Wunder verwirklicht werden? Braucht man das Ereignis abzuwarten, um dies zu wissen? Nein, die prophetische Verheißung macht uns sofort damit bekannt; hören wir:
„Der Herr selbst wird euch ein Zeichen geben. Siehe, die Jungfrau wird empfangen, und einen Sohn gebären, und seinen Namen wird man Emmanuel nennen“, das ist: Gott mit uns.

Siehe da die wunderbare Vereinigung, die anbetungswürdige Lösung des großen Geheimnisses des Daseins, welches auszusprechen, ein einziges Wort genügt: Emmanuel!

Und damit die beiden Seiten der Vermittlung, das Endliche und das Unendliche, in der geheimnisreichen Vollendung ihrer Vereinigung vollkommen unterschieden bleiben, habt der Prophet wieder an, und spricht: „Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. (der, der in der Tat der Menschensohn genannte werden sollte.) Auf dessen Schultern Herrschaft ruhet, und man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Ratgeber, Gott, starker Held, Vater der Ewigkeit, (oder auch nach anderer Überlieferung: der Zukunft), Friedensfürst.“ (Isaias IX, 2.3.6.)

Niemals in den heiligen Schriften sind die höchsten und erhabensten Attribute des unnennbaren Namens in solcher Fülle, in solcher Menge, ich möchte sagen, mit solcher Überhäufung angewandt worden, wie hier auf das kleine Kind, welches uns geboren ist, damit so die Größe der Erniedrigung, das Unendliche dem Endlichen gleichsam die Waage halten, und dadurch bei ihrer innigen Vereinigung die beiden die beiden Gegensätze scharf unterschieden werden. Hier ist kein Mißverstand möglich; denn das Kindlein ist der Vater der Ewigkeit, und aus diesen beiden Gegensätzen erwächst ein einziger Emmanuel. Himmel und Erde vereinigen sich unbeschadet ihres Gegensatzes, um ihm das Leben zu geben, gemäß jenem prophetischen und wunderbaren Worte: „Tauet ihr Himmel von Oben, ihr Wolken regnet den Gerechten, die Erde tue sich auf, und sprosse den Heiland, und die Gerechtigkeit entspringe zugleich!“ Rorate, coeli, desuper, et nubes pluant Justum:aperiatur terra, et germinet Salvatorem, et Justitia oriatur simul. (Isaias XIV,8)

Das Dogma der Inkarnation

Und betrachten wir nun staunend den Einklang der Erfüllung, die wunderbare Folge in dieser großen Lösung der Aufgabe, die göttliche Natur und die menschliche Natur ohne Vermischung zu vereinigen, welche Lösung in allen Zeiten nur das katholische Christentum gegeben hat, außerhalb dessen sie die verhängnisvolle Klippe aller Religionen und Philosophien geblieben ist.

Das Ereignis ist zur Erfüllung gekommen. Das Kindlein, dieser Same des Weibes, der dem ersten Weibe angekündigt wurde, dieser Sohn der Jungfrau, auf welchen Isaias hinwies, Emmanuel ist uns geboren. Wie hat sich das erfüllt, wie ist der Gang der Geschichte?

„Im Anfang war das Wort, und Wort war bei Gott, und Gott war das Wort… Alles ist durch dasselbe gemacht worden; und nichts wurde ohne dasselbe gemacht, was gemacht worden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen… Das wahre Licht, welches alleMenschen, die in diese Welt kommen, erleuchtet. Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht worden; aber die Welt hat ihn nicht erkannt… und das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voll der Gnade und Wahrheit.“ (Evang. Joh. Kap. 1)

Wohl zu merken, durch jene erhabene Erklärung der göttlichen Genealogie des Wortes und seiner schöpferischen Allmacht, leitet der Evangelist die große Verkündigung ein: „das Wort ist Fleisch geworden“, durch welche er die Vereinigung desselben mit der menschlichen Natur ausdrückt; er ruft das Dogma der Schöpfung in dem Augenblick ins Gedächtnis, wo er das Dogma der Menschwerdung verkündet, um im höchsten Grade die schärfste Unterscheidung inmitten der vollkommensten Vereinigung zu wahren und zu schützen.

Und betrachten wir nun auch, in welchen Worten die himmlische Botschaft der Jungfrau überbracht wird, an welcher das durch den Propheten verkündete Wunder erfüllt werden sollte: „Siehe, du wirst empfangen in deinem Leibe, und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus heißen. Dieser wird groß sein, und der Sohn des Allerhöchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben… Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Allerhöchsten dich überschatten: darum wird auch das Heilige, welches aus dir geboren werden soll, Sohn Gottes genannt werden.“ (Evang. Luk. Kap. 1)

In solcher Weise ist diese einzige Frucht des Leibes, welcher das Kind gebären soll, zu gleicher Zeit und in unterschiedener Weise der Sohn des Allerhöchsten und der Sohn Davids, der Gottessohn und der Menschensohn, Gott und Mensch in Unterscheidung, obwohl persönlich eine einzige Frucht, ein einziger Jesus.

Und später, da dieser Jesus die Laufbahn seines Apostolates antritt, da er seine erstes Wunder verrichten soll, verrichten auf die Einladung seiner Mutter, welcher er bis dahin unterworfen war: da sehen wir, obgleich er allerdings der Mutter in etwa gehorchte, und die Allmacht in den Dienst der Liebe und Barmherzigkeit stellte, als ob er nur der Spender des Liebeswerkes wäre, da sie den Gegenstand nur zu bezeichnen, und nur zu sagen brauchte „Sie haben keinen Wein mehr“, wir sehen, sage ich, wie dennoch in dieser bis zur Unterwürfigkeit gehenden Vereinigung des Unendlichen mit dem Endlichen, der Unendliche durch jene hohen Worte sich frei macht, „quid nihi et tibi est, mulier?“ „Weib, (nicht Mutter, sondern Weib, Geschöpf), was habe ich mit dir zu schaffen?“ was diese Mutter aber nicht stört, die im Geheimnis jener Worte war, und sie nicht abhält, mit Vertrauen zu den Dienern zu sagen: „was er euch sagt, das tut“; so wie auch den Allmächtigen, ihren Sohn, nicht abhält, ihrer Bitte das Wunder zu gewähren. (*)

Ich beschränke mich auf diese einzelnen Züge; ich spreche nicht von den anderen Kundgebungen der Gottheit in Jesus Christus, wie sie gleichsam durch die Wolke seiner Menschlichkeit durchblitzen, z. B. in dem Zeugnis der Hölle durch den Mund der Dämonen, die er austrieb, in dem Zeugnis des Himmels bei seiner Verklärung auf dem Tabor, endlich in dem Zeugnis der Natur durch ihre Erschütterungen bei seinem Tode und durch den Trauerruf, den dieser selbst in dem Herzen der heidnischen Nationen erweckte: „der große Pan ist gestorben!“ (Plutarch über die verstummten Orakel)

Welch ein wunderbarer Einklang, welch eine merkwürdige Folge in dieser so klaren, so wohl gestützten, sie wohl verketteten, sich selbst so getreuen Lösung von den Anfangsworten der Genesis an, „in principio Deus creavit coelum et terram“ – bis zu den Anfangsworten des Evangeliums „et verbum caro factum est!“

Indem die Kirche diese heilige Lehre in dem Maße und Verhältnis, wie die Häresie dazu Veranlassung gab, feststellte und promulgierte, hat sie, von Anfang an gegen alle Angriffe und alle Schleichwege des Irrtums diesen Glauben, der in ihrem Schoße niemals wankte, ausgesprochen und aufrecht erhalten, daß in Jesus Christus zwei wesentlich verschiedene Naturen seien, die göttliche Natur und die menschliche Natur, der Gott und der Mensch, eben so verschieden (der Natur nach), wie es ein Jeder von uns von der Gottheit ist. Als Sohn Gottes ist er Eines Wesens mit dem Vater, ist selbst Gott; als Sohn Mariä ist er Eines Wesens mit dem Menschen, ist selbst Mensch; wahrer Gott, wahrer Mensch; das ist die scharf gezogenen Unterscheidung zwischen dem Unendlichen und dem Endlichen.

Aber zu gleicher Zeit vereinigen sich diese beiden verschiedenen Naturen, ohne sich zu vermischen, um eine einzige Person zu bilden, welche Jesus Christus ist; gewissermaßen in gleicher Weise, wie die geistige und die körperliche Natur in einem Jeden von uns sich vereinigen, um eine menschliche Person zu bilden.

Dieses ist das Dogma der Inkarnation, welches uns Jesus Christus als Gottmenschen zeigt, mit zwei verschiedenen Naturen, aber Einer Person, und welches uns zu sagen gestattet, daß, wenn der Natur nach seine Gottheit von seiner Menschheit absolut verschieden ist, er dagegen als Person vollkommen und ungeteilt Gottessohn und Menschensohn ist, und daß in diesem Sinne Marie wirklich als Mutter Gottes erscheint, als Mutter des Gottmenschen, wie der himmlische Vater der Vater des Gottmenschen ist, und wir seine Brüder, seine Glieder sind, wenn wir es werden wollen, da wir Eins sind mit ihm, wie sein Vater und Er Eins sind.

Anbetungswürdiges, tiefes Geheimnis, welches die Lösung des ersten, des wichtigsten und, so zu sagen, des einzigen Problems ist, des Problems der Religion, welche in der Verbindung des Endlichen mit dem Unendlichen unbeschadet des Gegensatzes besteht! Die ganze Ökonomie der christlichen Offenbarung liegt in diesem Initial-Mysterium: Gott Mensch geworden. Alle Mysterien sind bloße Entwicklungen dieses Mysteriums. Überall zwei Gegensätze, welche die Kirche aufstellt und festhält im Glauben der Welt, und welche sie zu gleicher Zeit miteinander versöhnt: das Natürliche und Übernatürliche, das Menschliche und das Göttliche, das Endliche und das Unendliche. Wie schön wäre es, dieses Mysterium in all seinen fruchtbaren Anwendungen zu verfolgen!

(*) Anmerkung des Übersetzers:

Ohne Zweifel wird durch diese herrliche Einleitung des Wunders Christi, wie schon der heilige Augustinus gelehrt, die Gottheit des Menschensohnes hervor gehoben; nicht minder aber die unbegrenzte Gnadenmacht der bittenden Mutter, (des „Weibes“ unter dem Baume – Gen. III,15; – des „Weibes“ unter dem Kreuze – Joh. XIX,24; – des „Weibes“, welches den Menschensohn geboren), und der mit ihr mystisch vereinten, die Geburt des Erlösers im Altarsakrament täglich erneuernden, bittenden Kirche. Jene mahnende Erinnerung an das Dasein des Gottes in dem Sohne der Jungfrau wurde zuerst durch das Ereignis im Tempel ausgesprochen, wo der der Knabe Jesus ganz als Gottessohn spricht, um so bedeutsamer, da er noch Knabe war, und ihnen doch wieder nach Nazareth folgte und untertan blieb. Und seine Mutter, so sagt Lukas, bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen. (Kap. 2) – Übrigens mag in Betreff der Wandlung des Wassers in Wein noch zu erwägen sein, ob nicht, sofern die Hochzeit auf die höchste Ehe, die Vermählung des Himmels mit der Erde, Bezug hat, und der Wein (wie wir sehen werden), das irdische Element bezeichnen könnte, das ausgegangen ist, das Wasser aber, das Reinigungs-Wasser (Joh. II,6), mit welchem das Wort des Herrn die Krüge füllte das himmlische Element, ob nicht, sagen wir, diese Wandlung den göttlichen Erlöser darstellt, der die menschliche Natur annimmt, um in dieser Gestalt des guten Weines, die Stelle des Bräutigams einnehmend, das Vermählungs-Fest zu vollenden. –
aus: August Nicolas, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus, 1853, S. 242 – S. 249

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