Ursprung der Aufklärung im Protestantismus

Wahre und falsche Aufklärung

Der Ursprung der Aufklärung im Protestantismus

Wahre Aufklärung

I. Aufklärung im wahren Sinne des Wortes ist gleichbedeutend mit Erkenntnis, und einen Menschen aufklären heißt ihm eine richtige, mit der objektiven Wirklichkeit übereinstimmende Erkenntnis einer Sache mitteilen. In diesem Sinne ist die Aufklärung vollkommen berechtigt und notwendig, sowohl in profanen wie in religiösen Dingen. Von dieser wahren ist aber die falsche Aufklärung, welche sich im 18. Jahrhundert in Deutschland unter dem spezifischen Namen „Aufklärung“ auf dem religiösen Gebiet geltend zu machen suchte, wohl zu unterschieden. Sie ist nach der Definition Kants (in der Berliner Monatsschrift von 1784, S. 481) „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“, d. h. mit anderen Worten: die falsche Aufklärung ist die schrankenlose Herrschaft der menschlichen Vernunft mit Verwerfung einer jeden Autorität, ihr letztes Ziel ist die Verherrlichung des Naturalismus in seinen verschiedenen Gestalten im Gegensatz zur übernatürlichen geoffenbarten Religion. Diesen Zweck verfolgen mehr oder weniger alle Anhänger der falschen Aufklärung, mögen sie noch einige Reste des positiven Glaubens sich erhalten oder ganz mit demselben gebrochen haben. Diese naturalistische, höchst verderbliche, Glauben und Sitten untergrabende Richtung ging aus dem Schoß des Protestantismus hervor, drang aber auch in katholische Kreise, ein und war überall von den schlimmsten Wirkungen begleitet. Entstehung und Verlauf dieser neuen Aufklärung mag etwas näher angegeben und begründet werden.

Protestantische Aufklärung des 18. Jahrhunderts.

Die Verwerfung der Lehrautorität der Kirche durch Luther und sein schrilles Auftreten gegen die menschliche Vernunft, welcher er jede Berechtigung in Glaubenssachen absprach, mußten notwendig zu einer Polemik gegen den Wittenberger Reformator führen, um so mehr, als dieser, im Widerspruch mit dem von ihm aufgestellten Prinzip von der freien Forschung, seine eigene Autorität an die stelle der göttlichen Lehrgewalt der Kirche setzte und nicht den geringsten Widerspruch gegen seine Lehrmeinungen ungeahndet ließ. So lange der gefürchtete Reformator lebte, wagten nur einzelne Männer, ihre von dessen System abweichenden Meinungen auszusprechen, mußten jedoch hart dafür büßen. Nach Luthers Tode aber nahm die Opposition gegen seine Ansichten im Schoße des Protestantismus größere Dimensionen an. Zwar gelang es noch den Bemühungen protestantischer Fürsten, durch Absetzung der Prediger, Einkerkerung und Verbannung die unruhigen Geister zu beschwören und durch die symbolischen Bücher einigermaßen Einheit in das Chaos des Protestantismus zu bringen. Auf die Dauer waren jedoch diese Mittel unzureichend. Die symbolischen Bücher, von protestantischen Theologen ausgearbeitet und oft revidiert und verbessert, konnten nur auf eine menschliche Autorität Anspruch machen, und der fürstliche Befehl, dieselben ohne jede Prüfung als Lehrnorm anzunehmen, war ein Hohn auf die menschliche Vernunft, deren berechtigte Opposition durch Zwangsmaßregeln wohl eine Zeitlang aufgehalten, keineswegs aber unterdrückt werden konnte. Die ersten Angriffe auf die symbolischen Bücher mißlangen. Sie wurden aber wieder erneuert und zugleich auf die ganze protestantische Orthodoxie ausgedehnt. Schon der niederländische Theologe Coccejus (gest. 1669), Professor in Leiden, hatte auf Grund der Philosophie des Cartesius eine biblische Theologie ohne Rücksicht auf die symbolischen Bücher konstruiert. Um dieselbe Zeit erfolgte in Deutschland der erste nachhaltige Angriff auf das „papierene Papsttum“ und die protestantische Orthodoxie durch die Pietisten, welche die Dogmen als unnütz für`s christliche Leben erklärten und das orthodoxe Luthertum durch eine falsche Gefühlsreligion ersetzen wollten. Die Polemik zwischen den lutherischen Theologen und den Pietisten offenbarte noch mehr die Inkonsequenzen und Blößen des protestantischen Lehrgebäudes und untergrub dessen Fundamente, welche die fürstlichen Strafedikte und Vorschriften nicht mehr sichern konnten. Auf diese Weise arbeiteten beide Parteien der sogenannten Aufklärung in die Hände. Einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf den Gang der Ereignisse übten die ins Deutsche übersetzten Schriften der Deisten aus, welche wegen ihres gelehrten Anstriches und eines gewissen Ernstes dem deutschen Verstand mehr zusagten, als die witzigen, aber oberflächlichen und frivolen Geistesprodukte der französischen Enzyklopädisten, welche hauptsächlich zur Korruption des Adels beitrugen. –

Der eigentliche Bahnbrecher Christian Thomasius

Der eigentliche Bahnbrecher der sog. Aufklärung wurde der Jurist Christian Thomasius, welcher mit der Orthodoxie zerfallen, zuerst im Verein mit den Pietisten Francke und Lange die lutherischen Theologen bekämpfte, bald aber mit Ersteren sich wieder entzweite. Ohne besonders hervorragende Gelehrsamkeit, aber gewandt und witzig in seiner Darstellung, war Thomasius auf fast allen Gebieten der Wissenschaft polemisch tätig, bekämpfte mit den Waffen der Satire den Pedantismus und die Geschmacklosigkeit der lutherischen Theologen, verwarf aber auch jeden „beschränkten Konfessionsglauben“ zu Gunsten der Naturreligion. Der beißende freigeistige Ton seiner Schreibweise leistete der aufklärerischen Richtung keinen geringen Vorschub. Von entscheidendem Einfluß auf dieselbe wurde Christian Freiherr v. Wolf, Professor in Halle (gest. 1754). Von Leibniz angeregt, brachte er die Anschauungen desselben in ein einheitliches System, zu dessen Erklärung und Verteidigung er sich der streng mathematisch-syllogistischen Methode bediente. Obgleich persönlich nicht ungläubig und auch in erster Linie nicht auf theologischen Gebiete tätig, rüttelte er doch gewaltig an dem positiven Christentum durch seine zu weit getriebene und zu schroff geltend gemachte Unterscheidung zwischen der natürlichen und der geoffenbarten Religion, wonach die erstere als mathematisch-demonstrierbar und streng notwendig, die letztere aber nur als ein wissenschaftliches Anhängsel erschien. Hierdurch war ein großer Schritt „Aufklärung“ getan. Wolf basierte seine natürliche Religion noch auf christliche Ideen, wich aber schon vielfach von denselben ab. Unter seinen Schülern machten sich vornehmlich zwei Richtungen geltend, welche bei anscheinender Verschiedenheit doch von denselben Prinzipien ausgingen und zu dem nämlichen Resultate führten. Ein Teil der Anhänger Wolfs, z. B. Canz in Tübingen (gest. 1753), Reinbek in Berlin (gest. 1746), Ribov in Göttingen (gest. 1774) u. A., wollte dessen mathematische Beweisführung im Dienste der protestantischen Dogmatik verwerten und war bestrebt, die Geheimnisse des Glaubens mathematisch zu demonstrieren. So bewies Carpzov in Weimar die Notwendigkeit der drei Personen in Gott mit mathematischer Gewissheit usw. Aber das Ganze war nur ein geistloses, leeres Spiel mit Formeln, welches, jeder wahren Wissenschaft bar, nur zur Zerstörung, nicht aber zur Befestigung des positiven Christentums führen musste. Andere, wie Moses Mendelsohns (gest. 1785), Reimatus (gest. 1768), Garve (gest. 1792), Jerusalem (gest. 1789), G. S. Steinbart in Frankfurt a. d. O. (gest. 1809), Eberhard in Halle (gest. 1809) u. A. gaben die trockene mathematisch-syllogistische Form auf und versuchten im Stile der Konversation eine sogen. Popularphilosophie zu begründen, welche dem „gesunden Menschenverstand“ im Gegensatz zur protestantischen Orthodoxie zu seinem Rechte verhelfen sollte. Die Männer dieser Richtung wollten nur der natürlichen Religion Berechtigung gestatten; spezifisch christliche Dogmen wurden nur selten erörtert. Der Humanismus sollte das Christentum ersetzen. –

Der Hauptherd der Aufklärung war Halle

Der Hauptherd der Aufklärung war Halle, wo der gefeierte, wenn auch nicht sehr bedeutende Professor Jak. Sigismund Baumgarten (gest. 1755) die philosophischen Resultate seines Lehrers Wolf auf die Theologie anwandte und einer großen Anzahl (oft 400) von Theologen, auch Juristen und Medizinern, seine langweiligen, geistesermüdenden und breiten Syllogismen langsam vordiktierte, die Theologie durch seinen trockenen Formalismus und toten Schematismus verunstaltete und dadurch nur die oberflächlichen Raisonnements, den Hochmut und die Frivolität der Studenten nährte und begünstigte. Noch weiter gingen die Professoren F. Gruner, welcher die christlichen Dogmen aus dem Platonismus (platonizantes) ableitete, und der eitle, in seinem Gesichtskreise sehr beschränkte, nichts weniger als spekulative Vielwisser Salomon Semler, welcher seine destruktive Tätigkeit auf das ganze Gebiet der Theologie ausdehnte und zur Untergrabung des Glaubens und der Sitten nach Kräften mithalf, zuletzt aber, über die Früchte seiner Wirksamkeit erschreckt, wieder in positivere Bahnen einzulenken suchte. Die Aufklärung machte rasche Fortschritte. Bald dominierte sie auf den meisten protestantischen Universitäten; nur wenige verweigerten ihr den Zutritt. Ein besonderer Freund und Gönner der Aufklärung war König Friedrich II. von Preußen, welcher das Protektorat derselben übernahm. –

Hauptaugenmerk der falschen Aufklärung

Ein Hauptaugenmerk richteten die Koryphäen der falschen Aufklärung auf die heilige Schrift. Der Widerspruch zwischen ihren Behauptungen und den Lehren der Bibel war zu offenkundig und wurde auch von den Verteidigern der Orthodoxie besonders hervor gehoben. Um diesen Stein des Anstoßes zu entfernen und ihre falschen Lehren wenigstens scheinbar in Übereinstimmung mit der heiligen Schrift zu bringen, stellten sie ganz neue, bisher unerhörte Grundsätze überInspiration, Kanon und Auslegung der Bibel auf. Professor Ernesti in Leipzig (gest. 1781), mehr Philologe als Theologe, behandelte die Bücher der heiligen Schrift nach Art der profanen Klassiker, womit die göttliche Inspiration derselben aufgegeben war. Auch Joh. David Michaelis, Professor in Göttingen (gest. 1791), welcher vorzugsweise des AT bearbeitete und die rationalistischen Erklärungen der englischen Deisten verwertete, zerstörte den übernatürlichen Charakter der Bibel und des Christentums, obschon er sich den Schein der Orthodoxie zu retten suchte. Weiter ging sein Schüler Joh. Gottfried Eichhorn (gest. 1827), welcher öffentlich bedauerte, daß man noch über Bibeltexte predige.

Um die mißliebigen Stellen der heiligen Schrift abzuschwächen und ihre Beweiskraft in Abrede zu stellen, brachten die Aufklärer die sog. Akkomodations-Theorie in Anwendung, nach welcher Jesus und die Apostel in ihren Belehrungen auf die jüdischen Vorurteile Rücksicht genommen und sich der damals herrschenden Anschauungsweise anbequemt hätten. Auf diese Weise gelang es Semler u. A., die wichtigsten Stellen als jüdische Lokalideen weg zu interpretieren. Denselben Zweck verfolgten die vielen sogen. Bibel-Wörterbücher. Propst Abraham Teller (gest. 1804) in Berlin verfaßte ein Wörterbuch des N. T. zur Erklärung der christlichen Lehre, in welchem er unter anderem die „Besessenen“ der heiligen Schrift als „kranke, milzsüchtige, melancholische, lichtscheue Leute“ bezeichnete, deren Heilung durch Christus in der Befreiung von ihrer Krankheit nicht in der Austreibung des Teufels bestand. Unter „Hölle“ ist jede „außerordentliche Tiefe“ oder „Zustand nach dem Tode“ oder „das Grab“ zu verstehen usw. –

Tendenziöse Bibelübersetzungen

Auch die tendenziösen Bibelübersetzungen, in welchen der Text der heiligen Schrift verflacht, gänzlich entstellt und den Ideen der Aufklärer angepaßt wurde, sollten das Ansehen derselben untergraben. Das erste Geistesprodukt dieser Art ist die 1735 erschienene sog. „Wertheimer“ Bibelübersetzung von Lorenz Schmid, einem Schüler Wolffs. Einen ähnlichen Charakter trägt die Übersetzung des N. T. (1758) durch Rektor Damm (gest. 1779) am kölnischen Gymnasium in Berlin an sich. Was die Übersetzungen nicht zu Stande brachten, sollten die beigefügten Erklärungen bewirken. Am heftigsten polemisieren die von Reimarus und von Lessing im Jahre 1777 edierten „Wolfenbüttler Fragmente“ gegen das Christentum. Sie verwerfen die Wunder der heiligen Schrift, leugnen die Möglichkeit der Offenbarung und bezeichnen Christus und die Apostel als Betrüger. Auch die meisten Kommentare zu den Büchern der heiligen Schrift tragen das Gepräge der Aufklärung in allen Schattierungen an sich. Die gegebenen Erklärungen sind sehr oft höchst abgeschmackt und geistlos. Große Verheerungen richteten die im Volkstone gehaltenen, frivol-sentimentalen und mit einem Anschein von Gelehrsamkeit verfaßten Schriften des berüchtigten Bahrdt an, dessen Leben der getreue Ausdruck seiner ungläubigen Gesinnung war. – Ebenso wenig blieben die Gesangbücher und Kinderschriften von dem Gift der Aufklärung verschont. Die ganze Tendenz ihrer Verfasser läuft darauf hinaus, alles Übernatürliche vom Christentum abzustreifen. Produkte dieser Sorte sind: das 1870 auf königlichen Befehl vorgeschriebene „Berliner Gesangbuch“, an dessen Abfassung Teller großen Anteil hatte, und „das allgemein christliche Gesangbuch für alle Kirchen und Zeiten“ von Basedow. Friedrich Feddersen, seit 1777 Domprediger in Braunschweig, schrieb ein „Leben Jesu für Kinder“, worin die Gottheit Christi geleugnet und der Erlöser nur als ein „frommes Kind“, als „ein Jüngling, der Gott fürchtete“ und als „der gottselige, wohltätige und überall rechtschaffene, gesunde Mann“ bezeichnet wird. Rosenmüller (gest. 1819) lehrte in seinem „Christlichen Lehrbuch für die Jugend“, das Dogma von der Trinität sei später von unwissenden Bischöfen eingeführt worden. –

Auch in Reisebeschreibungen und anderen Jugendschriften wurde das positive Christentum nach Kräften ausgemerzt. Der viel gelesene Robinson von Campe verherrlicht die natürliche Religion, welche das Christentum entbehrlich macht. Überhaupt wollten die Aufklärer die Religion aus dem Jugendunterricht entweder ganz entfernt, oder auf ein bloßes Moralisieren beschränkt wissen. Eine Musteranstalt dieser Art war das Philanthropinum in Dessau. Sein Gründer war der gemeine Basedow (gest. 1790), welcher mit der Verbreitung der Aufklärung zugleich eine Geldspekulation verband. In seine Fußstapfen traten Salzmann in Schnepfental bei Gotha, Campe u. A. –

Der Hauptpolemiker Lessing

Ein Hauptpolemiker gegen die Orthodoxie, vorzüglich auf dem Gebiet der Belletristik, war Lessing; er stellte in seinem „Nathan der Weise“ Christentum, Judentum und Islam auf dieselbe Linie, deckte in seiner Polemik gegen Pastor Götze in Hamburg die Blößen des orthodoxen Protestantismus schonungslos auf und wirkte durch seine von Abneigung gegen jede positive Religion erfüllten, geistreichen und witzigen Schriften besonders auf die höheren Schichten der Gesellschaft ein, welche schon durch die Lektüre der französischen Schöngeister für die antichristliche Aufklärung gewonnen waren. Herder, General-Superintendent in Weimar, in seiner ersten Periode mehr positiv, wandte sich immer mehr dem Humanismus zu, welchem er die christlichen Dogmen zum Opfer brachte, und schwärmte für eine natürliche Religion ohne Dogmen. Weiter noch ging Wieland (gest. 1813), welcher in seinem „Agathon“ es unentschieden ließ, ob das Göttliche oder das Tierische im Menschen das Echte sei. Wolfgang von Goethe (gest. 1832) verherrlichte in glänzender Sprache die rationalistische Aufklärung; für das Christentum hatte er keinen Sinn. Sein Zeitgenosse F. von Schiller (gest. 1805) nahm manchmal einen Anflug zu christlichen Ideen, bewegte sich aber ganz in den Anschauungen Kants, beklagte den Untergang der Götter Griechenlands und verwarf jede Religion. Auch die weniger bedeutenden Dichter dieser Periode, wie Tiedge, Hölty, Matthison, Salis, huldigten dem Humanismus, welchen sie in ihren sentimentalen Gedichten anpreisen. Die Romanliteratur stand ebenso im Dienst der Aufklärung und führte oft in recht plumper Weise den Kampf gegen die positive Religion. Ein Beispiel dieser Art ist der „Sebaldus Nothanker“ von Nicolai. –

In der gemeinsten Weise polemisierten gegen das Christentum die Anhänger des Matth. Knuzen (seit 1674) oder die sogen. Konszientiarier, Chr. Edelmann, welcher den „christlichen Koran“ und alle Dogmen bekämpfte, Prediger Venturi zu Horndorf in Braunschweig (gest. 1805), der preußische Kriegs- und Kriminalrat Ludwig Paalzow u. A. Auch die für die unteren Volksklassen berechneten, nach Form und Inhalt rohen und pöbelhaften „Predigten eines Landgeistlichen für Leute vom Lande“, Halle 1777, seien hier angeführt. –

Das Hauptorgan der Aufklärer

Das Hauptorgan der Aufklärer war die von Nicolai in Berlin herausgegebene „Allgemeine deutsche Bibliothek“ (seit 1765), welche das ganze Gebiet der Literatur umfaßte, die Schriften gläubiger Verfasser systematisch als unwissenschaftlich verschrie, die Werke der Aufklärer dagegen lobte und empfahl. Die Tyrannei, welche diese Zeitschrift ausübte, wurde um so drückender, weil ihr Einfluß auf die gebildeten Stände fabelhaft groß war. Weniger einflußreich war die „Mietauer Bibliothek“, welche sich auf das theologische Gebiet beschränkte. Auch die von Biester redigierte „Berliner Monatsschrift“ stimmte in ihren Grundsätzen mit den genannten periodischen Blättern überein. Um mit größerem Erfolg an der Entchristlichung ihrer Zeitgenossen zu arbeiten, gründeten die Wortführer der Aufklärung noch besondere Vereine, von welchen nur der von Biester gestiftete „Verein für Licht und Wahrheit“ erwähnt werden soll. Auch die verschiedenen Zweigvereine der Freimaurer, zu welchen fast alle Aufklärer gehörten, taten das Ihrige zur Zerstörung des Christentums. –

Die aufklärerische Strömung führte zum Pantheismus und Materialismus

Die Anstrengungen von Seiten der Orthodoxen, der Zerstörungswut Einhalt zu tun, waren vergebens. Sie waren ihren Gegnern nicht gewachsen, und standen außerdem mit den Prinzipien des Protestantismus in Widerspruch. Sie ernteten deshalb meist nur Spott und hohn, wie sich bei Pastor Götze zeigt. Auch die zum Schutz der Orthodoxie erlassenen verschiedenen Regierungs-Verordnungen erwiesen sich als unzulänglich. Das preußische sog. Wöllnerische Religionsedikt vom 9. Juni 1788 beließ die rationalistischen Prediger in Amt und Würden und verlangte nur, daß sie in ihren Lehrvorträgen sich an die symbolischen Bücher halten sollten. Aber auch dieses gelang nicht. Eine Flut von Gegenschriften erschien alsbald gegen das Religionsedikt, welches seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. (1797) seine Bedeutung verlor. Die aufklärerische Strömung im Schoße des Protestantismus, welche Kant in eine philosophische Form umzukleiden suchte, dauerte auch im 19. Jahrhundert fort und führte in ihren letzten Konsequenzen zum Pantheismus und Materialismus und zur Verflüchtigung der heiligen Schrift in eine Mythe. –
Quelle: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 1, 1882, Sp. 1605 – Sp. 1611

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