Lexikon N

Naturalismus

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Naturalismus

Naturalismus bedeutet etwas Verschiedenes, je nach dem Begriff von Natur, den man zu Grunde legt.

1) Natur im Unterschied von Übernatur. Der Naturalismus in diesem Sinne leugnet jede Beziehung des Menschen zu einer übernatürlichen Ordnung und glaubt, dass das menschliche Dasein ausschließlich von natürlichen Faktoren bestimmt werde. Dabei kann man unterschieden

a) den monistischen Naturalismus, der entweder Materialismus oder Pantheismus ist, und

b) den dualistischen Naturalismus, der sich entweder als Deismus oder als Agnostizismus darstellt.

Man kann den Naturalismus auch als Rationalismus bezeichnen (vgl. Denzinger nr. 1701/04) u. 1885), weil nur die Vernunft als Erkenntnisprinzip anerkannt wird; ebenso auch als Evolutionismus, insofern alles, was der Glaube auf die göttliche Offenbarung zurückführt, als Produkt der durch die Jahrtausende fortschreitenden Entwicklung der Vernunft oder der Menschheit betrachtet. Da der Naturalismus sich hinsichtlich der Grundlagen des menschlichen Daseins irrt – denn in Wahrheit gibt es nur eine übernatürliche Ordnung, der die natürliche eingegliedert ist – , kommt er zu irrigen Folgerungen auf allen Gebieten des religiösen und sittlichen, des privaten und öffentlichen Lebens.

Pius IX. und Leo XIII. haben besonders den Naturalismus als Staatslehre verurteilt, d. h. die Auffassung, der Staat brauche sich nicht um die Religion, geschweige denn um den Unterschied zwischen der wahren und den falschen Religionen zu kümmern (Denzinger nr. 1688ff u. 1885). Vgl. Laizismus. –

2) Nimmt man Natur im Sinne der Gesamtheit der Dinge, die unter Naturgesetzen stehen, so ist Naturalismus die Lehre, dass alles Natur ist; hier wird also nicht nur die Übernatur geleugnet, sondern auch die Eigenständigkeit des Geistes und der geistigen, d. i. der logischen, ethischen, ästhetischen, rechtlichen und religiösen Werte. Der Naturalismus in diesem Sinne ist im Laufe der Geschichte in mannigfacher Form aufgetreten, so

  • als erkenntnis-theoretischer Naturalismus (Pragmatismus): Wahr ist, was dem Lieben dient;
  • als ethischer Naturalismus (Antinomismus, Eudämonismus, Epikureismus): Gut ist, was gefällt;
  • als rechtlicher Naturalismus (Ablehnung ewiger Rechtsnormen): Recht ist, was dem Volke dient;
  • als ästhetischer Naturalismus: Schön ist, was natürlich ist.

Die jüngste Form des Naturalismus ist der Rassenglaube, der das gesamte geistige Leben eines Volkes von bestimmten, ihm eigentümlichen Rassen-Merkmalen ableiten möchte. –

Der Naturalismus ist eine ungeheure Gefahr für das religiöse Leben, weil er den Menschen ganz auf sich stellt und Gott völlig entfremdet. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. VII, 1935, Sp. 451

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