Vom Protestantismus zum Philosophismus

Der Protestantismus in seiner Entwicklung

4. Teil: Der dämmerige Übergang vom Protestantismus zum Philosophismus

Der dämmerige Übergang vom Protestantismus zum Philosophismus, von der Freiforscherei zur Freidenkerei, ist durch einen berühmten Protestant-Philosophen, durch Bayle, gezeichnet worden, von welchem Voltaire so treffend sagt: „Seine größten Feinde müssen gestehen, daß in seinen Werken sich nicht eine einzige Zeile findet, die eine augenscheinliche Lästerung gegen die christliche Religion enthielte; aber seine größten Verteidiger gestehen, daß in seinen Kontrovers-Artikeln keine einzige Seite ist, die nicht den Leser zum Zweifel und oft zum Unglauben zu führen geeignet wäre“ (Lettres sur les Francais); durch Bayle, welcher so richtig von sich selbst sagte, in Entgegnung auf die Frage des Kardinals de Polignac, ob er Anglikaner sei oder Lutheraner oder Calvinist: „Ich bin Protestant, denn ich protestiere gegen alle Religionen“. (Eloge du Cardinal de Polignac, par de Boze)

Man hat übrigens den Philosophismus aus dem Protestantismus in England sich entwickeln sehen; dort war seine Wiege. Descartes in Frankreich, was man auch davon gesagt haben mag in unseren Tagen, kann den freidenkerischen Philosophen nicht beigezählt werden. Es ist wahr, er schüttelt das Joch der Meinungen ab; aber er bleibt dem des katholischen Glaubens unterworfen; nichts in seinen Schriften tritt demselben zu nahe; und überdies in seinen ersten Schülern Bossuet, Fénelon, Malesbranches hat er ganz gute Gewährsmänner, und in dem Haß Voltaires einen ganz guten Titel auf unser Vertrauen. Wenn er den Zweifel anwandte, so brauchte er ihn nur als Methode, und um ihn als Lehrer homöopathisch zu bekämpfen. Leibnitz, obwohl Protestant, war eben so wenig Freidenker; aber es ist doch wahr, daß dieser umfassende Geist immer der katholischen Einheit nachgestrebt hat, und daß man sagen kann, er hat zuletzt wirklich den Protestantismus abgeschworen. Locke ist wohl eher ein Freidenker, der sich versucht, und der, im Einverständnis mit dem Feind, ihm sachte die Türe des Deismus, in der Tat selbst des Materialismus, ein wenig öffnet, indem er diesen Verrat mit der nebelhaften Hoheit seiner Schreibart deckt. „Mit Unrecht hat man den großen Philosophen Locke zu den Feinden der christlichen Religion gezählt“, sagt Voltaire halb ironisch. „Es ist wahr, daß sein Buch über das vernünftige Christentum von dem gewöhnlichen Glauben ziemlich abweicht; aber die Religion der Ursprünglichen, welche man Zitterer nennt, die in Pennsylvanien eine so große Rolle spielt, ist noch weiter von dem gewöhnlichen Christentum entfernt; und doch achtet man sie für Christen.“ (Lettres sur les Agelais) Diese treffende Bemerkung Voltaires bestätigt das, was wir oben gesagt haben, und gibt uns noch Anlaß, hinzu zu fügen, daß gewisse Philosophen, ohne in irgend eine Sekte der Protestanten wieder einzutreten, dennoch auf den christlichen Namen größeren Anspruch haben, als mehrere unter dieselben.

Aber hinter Locke und um ihn herum welche Zahl frank und frei denkender Protestanten in England! Erwähnen wir nur Herbert von Cherbury, Shaftesbury, Wollaston, Toland, Collins, Chubb, selbst Swift und dann Bolingbroke, den großen philosophischen Gevatter Voltaires. Das sind die ersten Freidenker in der Reihe der allmählichen Entwicklung des durch Luther aufgestellten Prinzips der freien Forschung.

Selbst die Benennung der Freidenker (freethinkers) ist von englischem Ursprung, und Anfangs bezeichnete sie nur eine Art von Christen, zu welchen Bolingbroke selbst gezählt sein wollte; so weit und unbestimmt ist dieses Wort Christ außerhalb des Katholizismus, welcher allein ihm einen genauen und bestimmten Begriff gibt! Immerhin findet Voltaire, daß Bolingbroke gegen das Christentum zu weit ging oder vielmehr zu rasch: „Man kann die Religion reinigen, sagte er; man hat dieses große Werk vor beinahe 250 Jahren angefangen; aber die Menschen lassen sich nur schrittweise aufklären.“- In der Tat war der Philosophismus nur ein solcher Schritt mehr in dem Fortgang jenes hellen Brandes, welchen Luther gestiftet, und welcher die heutige Welt zu einem Aschenhaufen gemacht hat, aus dem noch immer Gluten hervor sprühen, um unsere letzten Trümmer zu zerstören.

Er kündigte sich in der Zeit, von der ich spreche, durch die ersten irreligiösen Werke an, welche den christlichen Glauben geschmäht. Sie waren zahlreich in jener Epoche, sagt Herr Villemain; es war in dieser Hinsicht ein emsiger Verkehr, ein lebhafter Wetteifer zwischen England und Holland.

Holland, ebenfalls protestantisch, trug mit England und vor Frankreich tätig bei zur Entwicklung der Irreligiosität. Holland machte daraus ein wahres Handelsgeschäft gemäß seiner doppelten, zugleich kaufmännischen und protestantischen Natur. Seine Pressen waren es, welche über Europa Alles ausspien, was nur irgendwo Frevelhaftes und Gotteslästerliches gedacht wurde; es war die große gemeine Presse der Gottlosigkeit, und sein Wilhelm trug durch seine Erhebung auf den englischen Thron nicht wenig zur Entwicklung der Gottlosigkeit in diesem letzteren Lande bei.

Frankreichs Anteil an dem Geschäft bestand darin allein, daß es durch diese beiden protestantischen Mächte geschult und geschätzt wurde. Von der einen erborgte es ihre Ideen und von der anderen ihre Pressen, um sich zu vergiften. Voltaire, wie man weiß, holte das Gift des Philosophismus in England, wo er zwei Jahre in der Schule Bolingbrokes und seiner Freunde zubrachte. –

„Unter den verwegensten Lehren der französischen Philosophie im achtzehnten Jahrhundert, so bemerkt Herr Villemain, gibt es keine einzige, die sich nicht in der englischen Schule zu Anfang des Jahrhunderts fände. Bolingbroke vereinigte sie Alle in sich. In seiner lockeren Jugend, in seinen großen Ämtern unter der Königin Anna, in seiner Verbannung hat er nicht aufgehört, sich den Studien einer widerchristlichen Gelehrsamkeit hinzugeben. Diese interessanten Kenntnisse waren es, welche Voltaire in seinen Unterhaltungen mit Bolingbroke ergötzten und verwirrten. Dort fand er, statt jenes ausschweifenden Skeptizismus seiner erstenSchule und der einzigen Philosophie der Vendome und der Chaulieu, einen gelehrten, vielsprachigen Unglauben, welcher sich auf die Autorität eines sehr unterrichteten Mannes und auf die eines Staatsmannes stützte. Man begreift leicht, daß der Abglanz dieser Gelehrsamkeit, die Bekenntnisse dieses kecken Skeptizismus, diese Essenz von Irreligion, welche aus so vielen von Voltaire rasch durchlesenen Büchern floß, nach Frankreich übertragen, wo nur ein ohnmächtiger Schutz gegen die Einführung und kein ihrer Bekämpfung gewachsener moralischer Einfluß bestand, eine unberechenbare Gewalt ausüben mußte.“ (Tableau de la litterature au XVIII siècle, t. I. p.121)

Aus diesem protestantischen Mittelpunkt, „wo Christus verhöhnt wurde“, schrieb Voltaire (Lettres à d`Alembert 28. September 1763), dieser Geist voll unglücklicher Begabung, das, was er nach Frankreich hinüber geführt hat, und die englischen Wahrheiten nannte. – Zu dieser Zeit, sagt Condoret, sein Lobredner, schwor er, sein ganzes Leben dem Umsturz der Religion zu widmen, und er hat Wort gehalten. (Vie de Voltaire, édit. De Kehl.)

Wie der Lutheranismus vor dem Anabaptismus zurück gewichen war, der Calvinismus vor dem Sozinianismus, so mußte wiederum der Sozinianismus vor dem Philosophismus zurücktreten und dieser endlich vor dem Sozialismus.

Das ist die gewöhnliche Haltung des Irrtums, vor seinen Konsequenzen zurück zu schrecken, wie naturgemäß alles, was Dasein hat, vor dem Tode zurückschreckt. Der Irrtum kann das Teilchen Wahrheit, kann das Leben, welches ihn unterhält, nur unter der Bedingung retten, daß er unlogisch und inkonsequent ist. Sobald also durch die natürliche Kraft der Logik, die er nur bis zu einem gewissen Punkt bemeistern kann, mit der Geburt seiner Konsequenzen das Leben von ihm scheidet, so weicht er nicht allein vor diesen Konsequenzen zurück, sondern wird auch ihr unerbittlichster Feind. Wer hat gewaltiger gegen die Wiedertäufer gedonnert als Luther? Wer hat heftiger gegen die Sozinianer getobt als Jurieu? In gleicher Weise mußten die protestantischen Sozinianer Clarke, Pierce, Lardner, Warburton und andere die philosophischen Sozinianer Cherbury, Shaftesbury, Tolaud, Collins und Bolingbroke bekämpfen.

Auch nennt Herr Villemain sehr treffend diese Bewegung eine Art von Reaktion oder Spaltung, wodurch in der Philosophie selbst eine religiöse Partei entstanden. Es war nichts anderes… Aber die Wirkung dieser Reaktion beweist zuletzt immer, daß sie mehr ein verzögernder Hemmschuh, als ein den Sturz unterbrechender Widerstand ist. Auch hat selbst der glückliche Erfolg dieser Reaktion das Traurige, daß nach Beseitigung der unmittelbaren Gefahr die Hemmung aufhört, und nun dem Irrtum der Weg seines logischen Fortschrittes gegen den Abgrund hin offen steht.

Es gibt zwei Arten dieser Fortschritts-Bewegung; die eine ist rasch und jäh, wie diejenige, welche den neugeborenen Protestantismus mit einem einzigen Satz von Luther zum Sozialismus führte; die andere ist langsam, unmerklich, aber nicht minder notwendig, sie braucht drei Jahrhunderte, um denselben Weg zu machen. Vergebens mag der Irrtum sich bemühen, dieser absteigenden Bewegung Halt zu gebieten; er kann sie hemmen, sie sogar umkehren durch eine rückgängige Bewegung, wenn er sich zu heftig fortgerissen fühlt durch die Spitze des Zuges, er kann diese preisgeben; aber die unerbittliche Logik drängt ihn; vorwärts, vorwärts! Schreit sie ihm ins Ohr; und der Irrtum, seinen Gang, willig oder unwillig, wieder antretend, gelangt langsamer und in geschlossenen Massen auf demselben Punkt an, wohin seine Kinder ihm nur voran gegangen waren.

Auch haben diese Werke christlicher Apologetik, welche der Protestantismus anfänglich dem seinem Schoß entschlüpften Philosophismus entgegen stellte, gewissermaßen der Schwanengesang seines Christentums, nicht hindern können, daß er selbst, seine Doktorwürde bewahrend, mit langen, schweren Schritten auf einem noch weiter vorgerückten und noch entschiedeneren ungläubigen Standpunkt angekommen wäre, als jener Philosophismus selbst. Deutschland, seinen Strauß und seinen Hegel bewundernd, und angelangt, Schritt für Schritt, bei diesen, vorüber an Kant und Fichte, mit der einen Hand die geheiligten Quellen unseres Glaubens ausmerzend, Seite für Seite, Zeile für Zeile, Wort für Wort, und mit der anderen hand die Fahne des Pantheismus aufrichtend, und Frankreich und Europa mit dieser Lehre vergiftend: rechtfertigt nur zu sehr das eben ausgesprochene Urteil.

Was stellt heute der Protestantismus dieser Überschwemmung entgegen? Nichts, oder beinahe nichts; und das ist die deutlichste Anzeige seines Endes. Die größten Glaubens-Helden in Deutschland und in England sind es nur geworden, indem sie zum Katholizismus übergingen, und der Katholizismus, der sich, wie ihr sagt, so wenig gegen den Philosophismus verteidigt hat, der es dem Protestantismus überlassen hat, gegen den Unglauben zu protestieren, hat, in dem Blut seiner Märtyrer sich erhebend, die stärksten, originellsten und glänzendsten Verteidiger des christlichen Glaubens hervor gebracht, und heute trägt er allein, wie Atlas, in seinem höchsten Haupt und in seinen ehrwürdigen Oberhirten das Gewicht der durch den Sozialismus erschütterten Welt, trotz des Beistandes, welchen dieser vom Protestantismus empfängt.

Der aus dem Widerspruch, welchen der neu geborene Philosophismus bei seinem unmittelbaren Erzeuger, dem Sozinianismus, erfahren, entnommene Einwurf verschwindet also, oder er begünstigt vielmehr die katholische Wahrheit, und der Beweis bleibt unerschüttert, daß der eine wie der andere, nur eine Entwicklungsform des Protestantismus ist. –
aus: August Nicolas, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus, 1853, S. 127 – S. 139

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