Lamennais und sein tragisches Ende

Felicite Lamennais und sein tragisches Ende

Die Brüder Lamennais

Felicite La Mennais jugendliche Starrköpfigkeit

Hugues Félicité Robert de, Lamennais, Abbé, politisch-theologischer Schriftsteller und Gründer einer nach ihm genannten Schule, wurde am 19. Juni 1782 zu St. Malo in der Bretagne aus einer adeligen Familie geboren. Nach dem frühen Tod seiner Mutter kam er in das Haus seines Oheims Robert de la Saudrais, eines eifrigen Katholiken und heftigen Gegners der Enzyklopädisten. Während der Schreckenstage war das Haus der Zufluchtsort vieler Eid verweigernden Priester, welche hier zur Mitternachtszeit das heilige Opfer darbrachten. Lamennais fand an seinem Oheim einen trefflichen Lehrer in den altklassischen und einigen neueren Sprachen, aber keinen achtsamen Erzieher. Begabt mit poetischem Sinn und mit Schwärmerei für stille Natur, versenkte er sich in Rousseau`s Schriften, die er in der Bibliothek fand, und geriet schon in seinem zwölften Jahr in einen so starrköpfig ausgesprochenen Unglauben, daß alle Versuche, ihn für die erste heilige Kommunion vorzubereiten, umsonst waren. Die von seinem Neffen A. Blaize in neuester Zeit heraus gegebenen Briefe und Nachrichten bringen aus seinen Jünglings-Jahren erschütternde, wenig beachtete Enthüllungen über die Stürme von Zweifeln und Versuchungen und über die sittlichen Verirrungen, denen er anheim gefallen war. Aus diesen riß ihn erst sein älterer Bruder Jean Marie, Vikar in St. Malo, heraus.

Gemeinsame Arbeit der Brüder im Glauben

In seinem 22. Jahre (1804) empfing er nun die erste heilige Kommunion. Mit diesem Bruder weilte er seit 1807 in der Einsamkeit des Landgutes La Chesnaye bei Dinan und vertiefte sich unter seiner Leitung während der folgenden Jahre in theologische, philosophische und sprachliche Studien. Mit Feuereifer ergriff er dessen Gedanken, den religiösen Indifferentismus, auf dessen Wegen er selbst so lange gegangen war, zu bekämpfen und sein Leben der Verteidigung der katholischen Kirche zu weihen. Als erste Frucht des gemeinsamen Strebens erschienen 1808 die Réflexions sur l`état de de l`église en France pendant de 18 siècle et sur la situation actuelle. Schon in dieser Schrift sind einige Punkte angedeutet, die für seine spätere Entwicklung von Bedeutung waren. Nur die göttliche Kraft der Kirche, so führen die beiden Brüder aus, könne den europäischen Völkern Rettung bringen. Damit die Kirche aber ihre Macht entfalten könne, müssten Hindernisse beseitigt und Reformen vorgenommen werden. Es sei zu beklagen, daß es dem französischen Klerus an der ausreichenden wissenschaftlichen Bildung und an einer solchen Organisation fehle, wodurch die zersplitterten Kräfte dem allgemeinen Zwecke der Kirche dienstbar gemacht würden. Es gäbe in Frankreich wohl einen Episkopat, aber keinen Klerus als juridische Persönlichkeit. Die Brüder fordern darum Abhaltung von Provinzial- und Diözesan-Synoden, von Dekanats-Konferenzen, gemeinsames Leben der Pfarrgeistlichkeit, Einsetzung von Offizialaten für die Sicherung der klerikalen Rechte, Einführung von Lehrorden und Kongregationen sowohl für die Erziehung der Kinder als zur Heranbildung des Klerus. Die sogen. Organischen Artikel, welche Napoleon dem Konkordat des Jahres 1801 beigefügt hatte, wurden einer scharfen Beurteilung vom Gesichtspunkt des kanonischen Rechts unterzogen, und es ward insbesondere die Aufhebung des Generalpfarr-Konkorses verlangt, weil dieser ein ernstes Streben und eine priesterliche Charakterbildung verhindere und Stellenjägerei begründe.

Die Früchte des brüderlichen Stillebens

In politischer Beziehung erklärten sich die Brüder als Anhänger einer erblichen Monarchie, welche allein auf göttlichem Rechte beruhe; das Ideal eines Monarchen sei Ludwig XIV. gewesen. Die Schrift wurde sogleich bei ihrem Erscheinen konfisziert; die beiden Lamennais ließen sich aber nicht entmutigen, sondern bereiteten in aller Stille in ungleich bedeutsameres Werk vor, in welchem sie Napoleons gewalttätige Versuche, mit oder ohne Papst die kanonische Einsetzung seiner ernannten Bischöfe zu erzwingen, der Kritik unterzogen. Es entstand das dreibändige Werk La tradition de l`èglise sur L`institution des évêques (gedruckt erst nach Napoleons Sturz 1814). Ausgehend von der der Autorität des Evangeliums und der gesamten kirchlichen Tradition, legt das Buch dar, daß Petrus der Träger der von Christus ausgehenden Jurisdiktion sei, welche durch seine Vermittlung auch den übrigen Hirten zu Teil werde. Der erste Teil zeigt dieses in Bezug auf die durch Petrus eingesetzten Patriarchate, deren Privilegien, zumal was die Bestätigung der unter ihnen stehenden Bischöfe betreffe, nur Ausfluss der Primatialgewalt des römischen Stuhles seien. Der zweite und dritte Teil sind dem Nachweis gewidmet, daß die Lehre der okzidentalischen Kirche mit des Orients übereinstimme. Die Geschichte der Konzilien von Konstanz und Basel, der pragmatischen Sanktion und des Konzils von Trient zeige, daß die alte gallikanische Kirche das Recht des Papstes hinsichtlich der Bestätigung der Bischöfe nie bezweifelt habe und das Staatskirchentum der Neugallikaner nicht kenne. Als dritte Frucht des brüderlichen Stillebens erschien 1809 die Übersetzung des Speculum religiosorum von Ludwig Blosius unter dem Titel Guide spirituel ou Miroir des âmes religieuses. Gegenüber dem öden Aszetismus, welchen selbst viele Gegner der Jansenisten als Opfer ihrer Zeit zur Schau trugen, und gegenüber den Fadheiten und süßlichen Spielereien, welche damals Mode wurden, wirkte das Büchlein wie eine Offenbarung aus einer andern Welt und ist noch heute in Frankreich geschätzt.

Die Trennung der Brüder

Leider nötigten traurige Vermögens-Verhältnisse die Brüder zu einer Trennung. Félicité nahm in St. Malo die Stelle eines Mathematik-Lehrers an. Dem Einfluß des Bruders entzogen, der die Gegensätze in seinem Innern auszugleichen verstanden hatte, gab er sich jetzt wieder seiner düstern Melancholie und einem exaltierten Mystizismus hin. Seine begangenen Sünden wollte er durch härteste Strenge und und lebenslange Buße sühnen. Er fühlte Neigung zum Priesterstand und zugleich Schrecken davor. So kam er 1814 nach Paris, um sich eine Stellung zu suchen, und lebte in bitterster Armut auf einer Mansarde; bei Napoleons Rückkehr musste er als politisch kompromittiert nach England flüchten und fand dort in seinem leiblichen und geistlichen Elend Hilfe durch den edlen Emigranten Abbé Carron. Auf dessen Zureden entschied sich Lamennais endlich 1815, in das Seminar von St. Sulpice einzutreten, wurde noch in demselben Jahre Subdiakon und am 9. März 1816 im 34. Lebensjahr Priester. Ein Aufschub der Weihe, eine Vertiefung der theologischen Studien, eine längere aszetische Vorbereitung hätten sein folgendes Leben vielleicht besser gestaltet. Er war, wie später Bischof Frayssinous von ihm sagt, „ein Genie, aber kein Theologe“ und, was noch schlimmer war, ein Mann von schwankendem Willen, leicht entflammt und noch leichter entmutigt. Zeugnis dafür geben seine vertraulichen Briefe aus diesen Jahren.

Felicite Lamennais weiterer Werdegang

Sein berühmtes Werk Essai

Die nächste Zeit widmete er der Abfassung eines Werkes, das seinen Namen mit einem Schlag in Europa bekannt machte. Es war der berühmte erste Essai sur l`indifférence en matière de religion, Par. 1818. Noch heute empfindet man den mächtigen Eindruck, den die klare und energische Sprache dieser Schrift auf die Zeitgenossen ausüben musste. „Seit dem Tode Bossuets“, sagte später Lacordaire (Considérations sur le système de M. de Lamennaie 35 ss.), waren 114, seit dem Massillons 76 Jahre verflossen, und kein katholischer Priester hatte in Frankreich mehr den Ruf eines Schriftstellers oder eines überlegenen Mannes errungen. Da erschien Lamennais Angesichts der neuen Schilderhebung der Männer des 18. Jahrhunderts. Sein Essai war eine wunderbare Auferstehung jener Vernunfturteile, welche den Menschen die Notwendigkeit des Glaubens erweisen, Urteile, die jetzt neu erschienen durch die Anwendung auf Irrtümer größerer Art, als irgend ein Jahrhundert sie vorher gesehen.“ Lamennais hatte mit divinatorischem Blick die neue Gesellschaftsordnung gemessen und ihr innerstes Leben inmitten des prunkhaften Scheines als das unseligste erkannt; seine Anklage lautete auf Atheismus. „Das elendste Jahrhundert“, rief er, „ist nicht dasjenige, welches sich für den Irrtum begeistert, wohl aber dasjenige, welches die Wahrheit verachtet… Wer wird den bleichenden Gebeinen dieses Totenfeldes noch einmal Leben einhauchen? Der Baum des Lebens und der Baum des Todes wachsen inmitten der Völker; diese aber gehen, ohne das Haupt zu erheben, vorüber und greifen nach den Früchten, die ihnen zufällig in die Hand fallen… Religion, Moral, Ehre, Pflicht, die heiligsten Prinzipien wie die edelsten Gesinnungen sind nur noch eine Art von Träumerei, schillernde, gaukelnde Phantome, die aus weiter Ferne in der Gedankenwelt auftauchen, einen Augenblick spielend belustigen und dann für immer verschwinden… Es bedurfte langer und beharrlicher Anstrengungen, eines unerbittlichen Kampfes des Menschen gegen sein gewissen und seine Vernunft, um zu einer derartigen Gleichgültigkeit zu kommen. Wer einmal mit gleichem Widerwillen die Wahrheit und den Irrtum anschaut, sucht mit mit der Annahme, man könne beide nicht unterscheiden, sich zu betrügen, nur um beiden mit der gleichen Verachtung zu begegnen; das ist die letzte Stufe geistiger Entartung, auf welche der Mensch herab sinken kann…“ Über die Haltung der alten gallikanischen Theologen, welche sofort behaupteten, seit 100 Jahren habe sich nichts geändert, und Lamennais sei ein Neuerer, schrieb letzterer (18. Mai 1820) an J. De Maistre: „Sie sehen nicht ein, daß ihre Art von Beweisführung (für die Notwendigkeit des Glaubens) heute durchaus keinen Eindruck mehr macht… Seitdem die (menschliche) Vernunft sich souverän erklärt hat, muss man gerade auf sie losgehen, sie auf ihrem Thron angreifen und sie unter der Strafe des Todes zwingen, sich vor der Vernunft Gottes zu beugen.“

Gründe für die soziale Unordnung

In der Tat wagte er diesen kühnen Schritt; im Essai führte er den Grundgedanken durch, daß die einzige und verhängnisvolle Ursache der sozialen Unordnung die rationalistische Leugnung des Autoritäts-Prinzips sei. Man leugne die göttliche Autorität sowohl in Richtung auf das Übernatürliche, als in den Fragen der Wissenschaft, der Politik und des sozialen Lebens. Gegen dieses vierfache Unheil müsse die göttliche Autorität der Kirche wieder zur Anerkennung gebracht werden. Die Welt müsse endlich erkennen, daß die Kirche das Recht habe, in Bezug auf das Übernatürliche Unterwerfung zu fordern, in der Wissenschaft die menschliche Vernunft zu leiten und vor Irrtum zu beschützen, für die Politik die Auslegung des Sittengesetzes und die Entscheidung in Gewissensfällen zu geben, in dem sozialen Gebiet ihre Caritas ungehindert zu entfalten und das Schiedsrichteramt zwischen den Gesellschaftsklassen zu üben. Mit diesen Gedanken war das Programm der späteren Lamennais`schen Schule in Kürze formuliert. Mit Spannung sah man der Fortsetzung des Werkes entgegen.

Reaktionen und Widerspruch betreffs seines Systems

Er schrieb zur Verteidigung und Vervollständigung seines Systems 1821 und 1823 die zwei letzten Bände und dazu 1822 die Défense de L´Essai sur l`indifférence gegenüber steigendem Widerspruch und bald leidenschaftlich geführter Polemik. Nichts desto weniger war die Überlegenheit des „Meisters“ für weite Kreise eine wahrhaft bezaubernde, so daß man gerade die letzten Bände mit ihren sophistischen Abhandlungen über die polytheistischen Religionen für unwiderleglich hielt. Lamennais selbst ließ sich zuletzt in der Leidenschaftlichkeit der Polemik zu radikalen Angriffen auf die bestehenden politischen und sozialen Angriffen auf die Institutionen hinreißen. Noch am 22. Januar 1818 hatte er an seinen Bruder geschrieben: „Ich werde so strenge Beweise vorlegen, daß, wer noch nicht auf das ‚Ich bin‘ verzichten will, das Credo bald wird bis zu Ende aufsagen müssen“; er hatte das Cartesische Prinzip durch die Entgegenstellung des sens commun gegen den methodischen Zweifel zerstören wollen, und jetzt stand er selbst mit beiden Füßen in einer Skepsis, aus der sich fortan schwere theologische, philosophische und politisch-soziale Irrtümer entwickeln sollten. Inmitten der heftigen Polemik, an deren Spitze Saint-Sulpice und fast alle Seminarien Frankreichs, sowie ein großer Teil des Episkopates traten, verbitterte Lamennais bald so, daß seine Freunde erschraken. Selbst Abbé Carron, in dessen Haus Lamennais zu Paris während dieser Zeit meist lebte, hatte ihn gebeten, doch nichts mehr ohne die Befragung erprobter Theologen in dieser Streitfrage zu veröffentlichen. Er erhielt am 1. November 1820 die Antwort: „Wenn man meine Thesen verwirft, sehe ich kein Mittel mehr, die Religion solid zu verteidigen… Ich habe Rom gebeten, mein Buch zu prüfen; fällt das Urteil gegen mich aus, so steht mein Entschluss fest, nichts mehr zu schreiben.“ Wie Foisset (Vie du R. P. Lacordaire I, 112) mitteilt, stand Lamennais auf den Rat J. de Maistre`s von dem Rekurs nach Rom ab. Rom schwieg; es legte selbst einer italienischen Übersetzung der Défense nichts in den Weg, das Urteil sich vorbehaltend.

Seine vergiftende Polemik

In seinen teilweise sehr berechtigten Angriffen auf die gallikanische Richtung im Klerus, auf die Tätigkeit der Pariser Universität, auf die religiösen Orden und selbst auf die Bischöfe führte er jetzt in die katholische Presse auch den leidenschaftlichen und vergiftenden Ton der Polemik ein, welcher so viel Unheil in Frankreich erzeugte, wurde aber gerade deshalb von allen gepriesen, welche grelle Farben und starke Worte liebten. Er galt als genialer Vertreter des Glaubens nach den strengsten römischen Grundsätzen. Als er 1824 vom Papst Leo XII. sehr freundlich in Rom empfangen wurde, glaubte man sogar, daß seine Erhebung zum Kardinal bevorstehe. Lamennais behauptet, nur der Einspruch des Ministers de Villèle habe die Erhebung verhindert. Der Papst selbst aber hatte tiefer gesehen und zum Kardinal Bernetti geäußert (vgl. dessen Brief vom 30. August 1824 bei Crétineau-Joly, L`église romaine en face de la révol. II, 338), daß der Mann ihm Schrecken einflöße und schon das Zeichen des Häresiarchen an der Stirne trage. Nach seiner Rückkehr nahm Lamennais im Mémorial seine Polemik sowohl gegen die Gesetzgebung der Regierung als gegen die Lehrweise der Priesterseminarien, besonders des von Saint-Sulpice, wieder auf… in der Schrift La Religion considérée dans ses rapports avec l`ordre politique et civil, 1825 und 1826, zog er die Regierung zur Verantwortung.

Sein Kampf gegen den Gallikanismus

In einer Sprache, die an die des ersten Bandes des Essai erinnerte, erklärte Lamennais in letzterer Schrift, daß der konstitutionelle Parlamentarismus mit seinem Wahlsystem, seinen zusammen gewürfelten Majoritäten und verantwortlichen Ministern im Grunde nichts Anderes sei, als die soziale Organisation des Atheismus; man habe die Religion ganz außerhalb der bürgerlichen und politischen Gesellschaft gestellt; durch die Unterrichts- und Ehe-Gesetzgebung sei der Atheismus auch in das Leben der häuslichen Gesellschaft gedrungen; die Religion in Frankreich sei in den Augen des Gesetzes nur ein Verwaltungs-Departement; die Verwaltung sei indessen eine elende, verletze alle Kirchengesetze, hindere die Verbindung der Bischöfe mit dem Papst und treibe offen zum Schisma; man wolle durch die „Freiheiten der gallikanischen Kirche“ die Hoheit des Papstes und damit die Kirche, die Religion, die Gesellschaft vernichten. Lamennais wurde nun am 3. April 1826 vor die Korrektions-Kammer gestellt unter der Anklage, die Rechte des Königs angegriffen und zur Vernichtung der Deklaration von 1682 aufgefordert zu haben. Berruyer verteidigte ihn mit dem Nachweis, daß die Deklaration kein Staatsgesetz sei; Lamennais selbst erklärte vor den Richtern:

„Ich schulde es meinem Gewissen und meinem priesterlichen Charakter, zu erklären, daß meine Treue gegen das gesetzmäßige Haupt der Kirche eine unerschütterliche bleiben wird, daß sein Glaube mein Glaube, seine Lehre meine Lehre ist, und daß ich bis zum letzten Atemzug fortfahren werde, sie zu bekennen und zu verteidigen.“ Nach langer Beratung verurteilte der Gerichtshof Lamennais zu 30 Francs Geldbuße. Zehn Tage nachher wurde eine vom Kultusminister Msgr. Frayssinous erhobene doktrinelle Erklärung von 14 Bischöfen, vorauf Kardinal de Latil, an den König bekannt gegeben, worin mit Bezug auf Lamennais`schen Ideen, die von diesem sofort als untergeschoben bezeichnet wurden, der erste Artikel der Deklaration von 1682 im Besonderen, die übrigen Artikel im Allgemeinen erneuert wurden. Von diesem Tage an hielt Lamennais die Bande, welche ihn noch bis dahin unter der Devise „Gott und der König“ mit den Bourbons vereinigt hatten, für unwiderruflich gelöst. Als Burruyer ihn zwei Jahre nachher beschwor, das legitime Königtum retten zu helfen, hatte Lamennais nur das Wort Martha`s über ihren Bruder Lazarus: Jam foetet!

Sein unaufhaltsamer Absturz in die Apostasie

Seine Verteidigung der Demokratie

Am 16. Juni 1828 hatte Karl X. zwei Ordonnanzen unterzeichnet, wodurch die Jesuiten aus acht von ihnen geleiteten bischöflichen Seminarien entfernt und von den Oberen der übrigen Seminarien die Erklärung verlangt wurde, keiner Ordens-Kongregation anzugehören. Dem Papst gegenüber hatte der König sich durch die politische Zwangslage zu rechtfertigen gesucht; der päpstliche Staatssekretär war darauf eingegangen und hatte den Bischöfen Vertrauen in die Weisheit des Königs anempfohlen. Die Mehrzahl der Bischöfe glaubte damit einer schweren Lage gegenüber der Kammer-Majorität enthoben zu sein; aber nun trat, als Alle schwiegen, Lamennais in die Arena. Für ihn lag außer der kirchlichen Frage noch die Unterrichtsfrage vor. Den Kampf gegen die erdrückende Gewalt der Universität, als der alle Unterrichts-Anstalten des Landes dirigierenden Verwaltungs-Behörde, hatte er schon 1814, 1817 und 1818 in drei Manifesten De léducation dans ses rapports avec la liberté eröffnet und am 22. August 1823 nochmals in der berühmten Lettre au Grand Maître (Frayssinous) fortgesetzt; jetzt (Anfang 1829) erhob er sich in der Schrift Des progrès de la révolution et de la guerre contre l`église, von der in vierzehn Tagen 6000 Exemplare vergriffen waren, unerwartet zu einer neuen, damals noch kaum begriffenen Art des Kampfes. Die Bewegung der modernen Gesellschaft zur Demokratie hielt er fortan nicht mehr für eine Verletzung der göttlichen und menschlichen Gesetze, sondern sie erschien ihm jetzt als Durchgangspunkt für eine bessere Zukunft. Nachdem einmal die Monarchie sich vor den Feinden der Autorität gebeugt und auf deren Forderungen hin die religiöse Verfolgung ins Werk gesetzt habe, sei hiermit ihre Schwäche offenbar geworden und ihr Untergang angekündigt. Jetzt müsse das katholische Volk Frankreichs gleich den Katholiken Belgiens für „Gott und die Freiheit“ eintreten. Lamennais forderte die in der Charta allen Religionen zugesagte und den Juden und Protestanten tatsächlich gewährte Freiheit auch für die katholische Kirche; er forderte Gewissensfreiheit, Unterrichtsfreiheit und Pressefreiheit. Vor dem Sturm, der sich jetzt allenthalben gegen ihn erhob, zog sich Lamennais 1829 in die Stille von La Chesnaye zurück, begleitet von zahlreichen Schülern, welche seit 1825 um ihn und um Gerbet sich gesammelt hatten.

Gründung einer religiösen Genossenschaft

Zu La Chesnaye wurde nunmehr der Versuch gemacht, für das begonnene Werk einen festen Boden zu gewinnen, indem Lamennais eine Anzahl Priester und Laien zu einer religiösen Genossenschaft in der Art eines katholischen Port Royal um sich vereinte… Zur Heranbildung eines wissenschaftlich tüchtigen Klerus wurde ein Studienhaus in Malestroit bei Ploermel (Diözese Bannes) eigerichtet und unter die Leitung der Priester Blanc und Rohrbacher gestellt; Lamennais blieb mit den jüngeren Gliedern in La Chesnaye und leitete ihre Vorbereitung auf den Eintritt in Malestroit. Für sie schrieb er den Guide de ja jeunesse, Dialoge über die Gefahren der Welt, das Ziel des Menschen, die Treue gegen die Pflicht, den Empfang der heiligen Sakramente. Für die Vorgerückten verfaßte er unter dem Titel Journée du chrétien eine Sammlung der besten Gebete aus dem Schatz der Kirche, untermischt mit eigenen Ergüssen in ergreifender Sprache. Für weitere Kreise wirkte er durch die Bibliothèque des dames chrétiennes, eine Sammlung der besten aszetischen Traktate älterer Zeit, die unter seiner Leitung von seinen Schülern übersetzt wurden. Die Blüte des Stilllebens in La Chesnaye wurde die Übersetzung der Imitation de Jésus-Christ. In den bescheidenen Reflexionen, welche er jedem Kapitel beifügte, zeigt sich höher als in allen anderen Schriften der große Geist des Mannes. Wenn man heute die zahlreichen Berichte der Schüler über die „Abendversammlungen“ liest, in welchen Lamennais diese aszetischen Arbeiten vortrug, seine Gedichte mitteilte, über die heilige Schrift sprach; wenn man die Beratungen mit den Mitgliedern der Kongregation in Malestroit über die weit ausschauenden Projekte des „Meisters“ kennt, wie über die Gründung eines Mutterhauses in Paris, die Wiedereröffnung des alten Oratorianer-Kollegs in Juilly, die Schöpfung einer katholischen Universität- New York u.A.; wenn man sieht, wie rastlos und unaufhörlich im Mémorial der Kampf gegen die Universität und den Gallikanismus weiter geführt wird, – so ahnt man kaum, daß alles dieses Arbeiten doch ganz zurück trat gegen das furchtbare innere Ringen und Kämpfen La Mennais` mit sich selbst, je näher die Katastrophe der Julirevolution rückte.

Gründung der Zeitschrift Avenir

Als endlich Karl X. durch die Liberalen gestürzt worden war, und Louis Philipp, der sich selbst den letzten Voltairianer des Reiches nannte, den Thron bestiegen hatte, da traten Lamennais, Gerbert, Rohrbacher und Lacordaire mit den Grundzügen einer katholischen Zukunftspolitik auf`s Neue in die Öffentlichkeit. Sie gründeten die Zeitschrift Avenir und forderten darin die Katholiken auf zur Allianz mit der Demokratie behufs ihrer Wiederversöhnung auf dem Boden der gemeinsamen Freiheit. Anfangs September 1830 wurde der Prospekt versandt, der die Grundlage des Werkes erkennen ließ; es handelte sich um eine neue Form des Liberalismus. „Die Majorität“, hieß es dort, „verlangt die Religion und die Freiheit. Keine feste Ordnung ist mehr möglich, wenn beide als Feinde angesehen werden. Von ihrer naturgemäßen, notwendigen Einigung hängt das Heil der Zukunft ab. Aber es bleiben viele Vorurteile zu besiegen, Leidenschaften zu beruhigen. Auf der einen Seite stehen Männer, die aufrichtig religiös sind, aber nicht oder nur mit Mühe auf den Lehren der Freiheit fußen; andererseits blicken die entschlossenen Freunde der Freiheit nur mit düsterem Mißtrauen auf die Religion, zu der 25 Millionen Franzosen bekennen. Der Augenblick ist günstig, um diese Feindseligkeit zu beseitigen, denn in dem französischen Liberalismus ist ein heilsamer Umschwung eingetreten. Es gibt zwei Arten von Liberalismus unter uns: den alten und den jungen. Als Erbe der zerstörenden Lehren der Philosophen des 18. Jahrhunderts und insbesondere ihres Hasses gegen das Christentum atmet der alte Liberalismus nur Unduldsamkeit und Unterdrückung. Aber der junge Liberalismus, welcher den älteren am Ende verdrängen wird, beschränkt sich hinsichtlich der Religion auf die Forderung der Trennung von Kirche und Staat, eine Trennung, welche notwendig ist für die Freiheit der Kirche und die alle erleuchteten Katholiken in der gleichen Weise fordern.“ … Angesichts der sich erhebenden Gegensätze und Kämpfe gewannen im düsteren Charakter Lamennais` jetzt die finsteren Geister Gestalt, welche nach letzten Schwankem die zweite Hälfte seines Lebens beherrschten. Aus dem Fanatiker des Autoritätsprinzips wurde der Fanatiker des Freiheitsprinzips, aus dem Gegner des Gallikanismus der Todfeind des Katholizismus, aus dem Liberalen der Sozialist.

Forderungen der bürgerlichen Freiheiten

Nur Wenige erkannten gleich Anfangs die Tragweite der vom Avenir eingeleiteten Bewegung. Es war in den ersten Monaten nach der Julirevolution ein wilder Haß gegen die Kirche entfesselt; in der Presse, in den Kammern, in den Clubs, überall ertönten erbitterte Drohungen und Kriegsrufe. In Paris hatte der Pöbel das erzbischöfliche Palais geplündert und zerstört; organisierte Banden drangen in die Kirchen und feierten entsetzliche Orgien; in ganzen Departements blieb kaum ein Missionskreuz aufrecht; bis in die kleinsten Flecken mussten die Priester sich und die Ausübung ihres Amtes aus der Öffentlichkeit retten, und laut kündigte der siegreiche Voltairianismus das Ende der Kirche in Frankreich an. Aber ebenso laut und mit steigendem Mut riefen die Redakteure des Avenir, Lacordaire und Montalembert, zur Verteidigung mit unerwartetem Erfolg. Lamennais, welcher sich die Leitung der eigentlichen Politik vorbehalten hatte, verlangte für die Kirche die Freiheiten des gemeinen Rechts auf Grund der Charta: die Gewissensfreiheit ohne Einschränkung und ohne Privilegien, die gänzliche Trennung von Kirche und Staat, die Unterdrückung jedes dem Klerus gezahlten (Staats-) Gehaltes, den freien Verkehr des Klerus mit Rom, die Beseitigung jeder Einmischung de Regierung in die Bischofswahlen, Unterrichtsfreiheit, Pressefreiheit, Assoziationsfreiheit. Auf innerpolitischem Gebiet forderte er überdies die Ausdehnung des Wahlrechts, die Abschaffung der Verwaltungs-Zentralisation, die Selbständigkeit und Selbstregierung der Departements und der Kommunen in weitestem Umfang. Der Avenir gewann täglich größere Beachtung; die Männer der Revolution, die Anfangs gehöhnt, drohten jetzt. Die Regierung ließ die Blätter vom 25. und 26. November 1830 mit Beschlag belegen und stellte Lacordaire und Lamennais vor die Assisen. Nach 15-stündiger Verhandlung, in der Lacordaire selbst die Verteidigung geführt hatte, wurden die Angeklagten freigesprochen. Seit diesem Tage trat Lamennais nur noch erbitterter gegen die Regierung der Julirevolution auf; die belgische Erhebung, die polnischen Aufstände, die irische Widerstands-Bewegung, für Lamennais lediglich Erhebungen des christlichen Prinzips zum Zweck einer Neugestaltung Europa`s, fanden ständige Beachtung im Avenir. Die Diplomatie regte sich; die verschärfte Überwachung von Seiten der Regierung führte Lamennais zur Gründung der Agence générale. Die Prozessierung der Gründer der École libre, die Steigerung der Angriffe auf die alte wie die neue parlamentarische Monarchie, auf Klerus und Episkopat, deren Verdächtigung verbunden mit immer größeren Verirrungen auf dem kirchenpolitischen Gebiet, machten die Lage zu einer verzweifelten.

Verwerfung seiner Ideen durch Papst Gregor XVI.

Selbst Montalembert musste später gestehen (Le pére Lacordaire 15): „Mit praktischen, neuen, in sich gerechten und ehrbaren Ideen, die nun seit 20 Jahren das tägliche Brot der christlichen Apologetik geworden sind, verbanden wir zu unserem Unrecht überschwängliche und vermessene Theorien und begingen das weitere Unrecht, beide mit einer absoluten Logik zu verteidigen, welche alle Dinge, die sie nicht entehrt, verdirbt…“ … Die in vielen Seminarien entstandenen Unruhen, die Entlassungen von Seminaristen und Professoren, die Zurücksetzung der ersteren von den Weihen, die Zensurierung der letzteren hatten 13 Bischöfe des südlichen Frankreichs unter Führung des Erzbischofs d`Astros von Toulouse veranlaßt, die sogen. Censura Tolosana, d. h. eine Verurteilung von 56 aus den bisherigen Schriften Lammenais` ausgezogenen Propositionen, zu entwerfen und nach Rom zur Bestätigung einzusenden (15. Juli 1832). Schon am 28. Juli erhielten die Prälaten die Mitteilung, daß sie die Antwort mit der Enzyklika Mirari vos empfangen würden; letztere erschien am 15. August. Mit der Zustellung an Msgr. d`Astros hatte Rom indirekt erklärt, daß es bei der Verurteilung der Lehren Lamennais` im Geist und im Sinne der Enzyklika sein Bewenden habe.

Das Erscheinen der Enzyklika Mirari vos

An Lamennais selbst war in München bei Zusendung der Enzyklika auch ein Schreiben des Kardinals Pacca gekommen, worin die Stellung des Papstes zum Avenir und dessen Lehren genau bezeichnet war. In der Enzyklika seien in einigen der im Avenir verteidigten Lehren verworfen; der Papst habe aber weder das Talent noch die Verdienste Lamennais` um die Religion übersehen wollen und deshalb seinen Namen und die Titel seiner Werke gar nicht genannt. „Da sie aber“, fährt der Kardinal fort, „die Wahrheit lieben und sie kennen zu lernen wünschen, so will ich auf die hauptsächlichsten Punkte hinweisen, welche nach genauer Prüfung Sr. Heiligkeit am meisten mißfallen haben.“ Es folgt der Hinweis auf die öffentliche Verhandlung von Lehren und Angelegenheiten, welche dem apostolischen Stuhl reserviert seien; auf die Auffassung der bürgerlichen und politischen Freiheit, die gewiß gegen die Absichten Lamennais` zu Empörung und Aufstand führen müsse; auf die Übertreibung der Kultus- und Pressefreiheit, welche gegen die Lehre, die Grundsätze und die Politik der Kirche angehen. „Was endlich den heiligen Vater am meisten betrübte, ist der von Ihnen gemachte Vorschlag einer Einigung aller derer, welche trotz der Niederwerfung Polens, der Zerstückelung Belgiens und des Verhaltens der sogen. liberalen Regierungen noch auf die Freiheit der Welt hoffen und daran arbeiten wollen.“ Schließlich drückte der Kardinal die Erwartung aus, daß Lamennais sich der von ihm so hoch erhobenen Autorität des Papstes fügen werde. Lamennais wußte demnach genau, was er in seinem Unterwerfungsakt vom 10. September 1832 unterschrieb.

La Mennais eigenartige Unterwerfungen

Am 27. Oktober erwiderte der Kardinal, daß der Papst von seiner Erklärung mit Zufriedenheit Kenntnis genommen habe. Lamennais aber, der sich mit tief verwundeter Seele zurückzog, zeigte bald in Briefen und anonymen Artikeln, daß er sich keineswegs dem Geist der Enzyklika unterworfen habe. Gregor XVI. erhielt davon Kunde und drückte in einem Breve an den Erzbischof von Toulouse vom 5. Mai 1833 über diese Gerüchte, die er übrigens ganz im Allgemeinen berührte, sein Befremden und seinen Schmerz aus. Darauf sandte der Abbé durch die Vermittlung seines Oberhirten, des Bischofs von Rennes, ein Schreiben an den Papst, in welchem er unter Versicherung seiner Unschuld fortan allen Angelegenheiten der Kirche und ihres Oberhauptes fremd bleiben zu wollen erklärt, dem heiligen Stuhl in seinen Gesetzen und Entscheidungen, soweit sie sich auf Glaube und Liebe beziehen, Gehorsam gelobt und schließlich um eine Unterwerfungsformel bittet, falls Rom sich noch nicht zu beruhigen vermöge. In einem Breve vom 5. Oktober an den Bischof von Rennes machte der Papst die verschiedenen Schriften namhaft, welche das allgemeine Gerücht Lamennais zuschrieb, ohne daß dieser auch nur mit einem Wort gegen die Autorschaft sich verwahrte; nachdem die bittere Versicherung des Abbé über seine zukünftige Gleichgültigkeit gebührend berücksichtigt, geht das Breve schließlich auf sein Ansuchen ein und stellt an ihn das Verlangen, daß er sich verpflichten möge, „die in der Enzyklika vorgetragenen Lehren einzig und unbedingt zu befolgen und nichts zu schreiben oder zu billigen, was nicht jener Lehre gemäß sei.“ Damit hatte denn auch jenes bedingte Versprechen der Unterwerfung seine tatsächliche Antwort erhalten. Lamennais aber trat nun aus seiner Zweideutigkeit klar hervor; in seinem Brief vom 5. November, der er mit Umgehung seines Bischofs durch die Nuntiatur von Paris nach Rom sandte, unterscheidet er ausdrücklich an dem Inhalt der Enzyklika und vindiziert sich in rein politischen und zeitlichen Dingen die Freiheit der Meinungen, Worte und taten. Dieses Schreiben übergab er überdies der Öffentlichkeit. Am 28. November lief die Antwort Pacca`s ein, welche es der Ehrlichkeit des Abbé überläßt, ob die gegebene Erklärung dem Verlangen Roms und seinem eigenen Versprechen gemäß sei, und eine unbedingte und uneingeschränkte Unterwerfung unter die Enzyklika verlangt. In der Tat, abgesehen davon, daß es Lamennais bei seiner Reservation freigestanden hätte, jedes mißliebige Dogma als eine Entscheidung über nicht rein kirchliche Gegenstände darzustellen, so hingen ja die von dem Papst verworfenen Lehren auf das Innigste mit de Religion überhaupt und insbesondere mit der katholischen Tradition zusammen, zu deren Bereich, wie Lamennais selbst so oft gelehrt, nicht bloß reine Dogmen und Moralgrundsätze gehören. Nachdem der Abbé durch eine etwas einlenkende Denkschrift versucht hatte, dem Spruch Roms auszuweichen, ließ er sich endlich den 11. Dezember herbei, den Bitten des Erzbischofs von Paris und seines edlen Bruders, wie es schien, nachgebend, im Palast des ersteren die gewünschte Formel zu unterzeichnen.

La Mennais wahre Gesinnung

Dem wahren Glauben abgeschworen

Lamennais war weit entfernt, auf einen solchen Schritt einzugehen. Seine wahre Gesinnung legte er jetzt in den Paroles d`un Croyant nieder, welche im Mai 1834 ausgegeben wurden; es sind „Worte eines Gläubigen, der den Glauben abgeschworen hat“ (Guizot, Mémoires III, 82). In biblischen Bildern, apokalyptischen Visionen, poetischen Ergüssen gab er eine Kriegserklärung gegen Königtum und Papsttum. Die Fürsten erscheinen als Kinder des Satans, die Kirche als erkaufte Verräterin der Menschheit; das gegenwärtige Jahrhundert ist das versunkenste in der Weltgeschichte; die Revolution nicht bloß ein Recht, sondern eine heilige Pflicht; aus ihr wird ein neuer Staat, ein neues Christentum hervor gehen, ein Evangelium gedeutet von den Völkern, über welche sich eine neue Geistessendung ausgießen wird. Die Regierungen unterdrückten, wie begreiflich, die bald in fast alle Sprachen übersetzte und mit Gier gelesene Schrift.

Die Reaktion des Papstes in der Enzyklika Singulari nos

Der heilige Vater erhob am 15. Juli 1834 in der Enzyklika Singulari nos seine Stimme, um das „Machwerk von Ruchlosigkeit und Verwegenheit“ zu verurteilen und den tiefen Fall ihres Verfassers zu beklagen. Lamennais aber schritt auf dem betretenen Wege rasch abwärts.

Lamennais Rechtfertigung der Apostasie

Im Oktober 1836 veröffentlichte er die Affaires de Rome, 2 vols., als Rechtfertigung seiner Apostasie und verherrlichte in ihnen den Deismus und die Demokratie als die Religion der Zukunft. Für kurze Zeit übernahm er 1837 die Redaktion der Zeitung Le Monde; seine Artikel daselbst erschienen gesammelt als Politique à l`usage du peuple und Esclavage moderne 1837-1839, popularisiert als Livre du peuple 1840, eine Art von Kodex über die Rechte und Pflichten des Volkes. Infolge einer aufrührerischen Schrift Le pays et le Gouvernement 1840 wurde er zu einem Jahr Gefängnis und zu 2000 Francs Strafe verurteilt. Auch nach seiner Freilassung fuhr er fort, mit nie ermüdender Bitterkeit seine Ideen von einem demokratischen und kommunistischen Christentum, das an Stelle der jetzigen Tyrannei treten werde, zu entwickeln. Nachdem er anfänglich der Kirche noch einen göttlichen Ursprung zugestanden und bloß ihre endliche Dauer behauptet hatte, verwarf er endlich auch den ersteren; da ihm aber die Grunddogmen des Christentums entschwanden, suchte er es als Religion der Bruderliebe festzuhalten und in dieser Form als Erbe des hinsinkenden Katholizismus und Protestantismus darzustellen. In der Schrift Esquisse d`une philosophie, 4 vols., Par. 1841-1846, kleidet er diesen Gedanken in das philosophische Gewand; er zeichnet den Glauben der Kirche als eine Entwicklung des denkenden Menschengeistes; die ewig gleiche Harmonie des Unendlichen und Endlichen, welche sich durch das Ziel der beiden Prinzipien der Individualität und Einheit fortwährend realisiere, wird in einer Weise geschildert, daß nicht einmal mehr an eine Uroffenbarung gedacht werden kann; trotz aller Reden von einem persönlichen Gott und von Unsterblichkeit drängt sich mit Gewalt der Pantheismus hervor.

Sein tragisches Ende

Als die gehoffte Revolution im Februar 1848 wirklich eintrat, sah Lamennais den ersten Schritt zur Auferstehung des Volkes. Er ließ sich in die konstituierende Versammlung wählen und entwickelte im Verfassungs-Komitee den vollständigen Plan einer sozialen Organisation zur Rettung Frankreichs und Europas. Da er keine Unterstützung fand, schwieg er in den Versammlungen, schleuderte aber im Peuple constituant die heftigsten Deklamationen gegen sie. Noch einmal machte er in der Réforme den vergeblichen Versuch, seine Ansichten zur Geltung zu bringen. Damit schloß sein Leben in der Öffentlichkeit. Er verzweifelte jetzt ebenso an seinem kommunistischen Christentum, wie er im Essai an dem autoritativen, im Avenir am liberalen, in den Paroles am revolutionären Christentum verzweifelt hatte.
Enttäuscht, krank und von tiefster Melancholie ergriffen, zog er sich endlich nach La Chesnaye zurück; beim Staatsstreich vom 2. Dezember 1851 sah er das Werk seines Lebens gescheitert. Unter der liebevollen Pflege seines Bruders wurde er nochmals etwas ruhiger und beschäftigte sich mit einer Prosaübersetzung der Göttlichen Komödie. In der Einleitung dazu gab er einen Überblick über seine politischen und religiösen Meinungen, der nichts von Interesse bietet. Als ihn im Januar 1854 zu Paris seine letzte Krankheit befiel, verweigerte er die Zulassung eines Priesters und befahl, seine Leiche ohne religiöse Formen mitten unter den gemeinsamen Gräbern der Armen zu beerdigen. Sechs Wochen dauerte sein Leiden. Allen Bitten seiner Verwandten und des Erzbischofs Sibour, der ihn in der Dachkammer aufsuchte, setzte starre Hartnäckigkeit entgegen und starb unversöhnt mit der Kirche am 27. Februar 1854. Er wurde auf Père-la-Chaise an unbekannter Stelle begraben. –
aus: Wetzer und Welte`s Kirchenlexikon, Bd. 7, 1891, Sp. 1349 – Sp. 1365

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