Die Weiterentwicklung des Protestantismus

Der Protestantismus in seiner Entwicklung

2. Teil: Die Weiterentwicklung des Protestantismus zum Sozinianismus

Von der anderen Seite erwiese man auch dem Sozinianismus zu viel Ehre, wenn man glaubte, er habe, nachdem er bis zur Leugnung der Gottheit Christi gelangt, nun auch Konsequenz in seinem Unglauben gehandhabt. Keineswegs! Wie entschieden er auch die Gottheit Jesu Christi leugnete, in ihm mehr einen einfachen Menschen sehend, und gegen die genugtuende Kraft seines Opfers protestierend, er verehrte ihn doch noch als Gott und als Urheber des Heiles der Menschheit; wie sehr er die göttliche Eingebung der heiligen Schrift leugnete, er glaubte noch an das durch die gesunde Vernunft ausgelegte Evangelium. Nur hatte diese, da sie das Geheimnis der Menschwerdung eben so wenig in natürlicher Weise begriff, wie die wahrhafte Gegenwart und die Transsubstantiation, für jenes wie für diese denselben Grund der Verwerfung. Konsequenter, als die ersten Protestanten, hatte demnach der Sozinianismus die Offenbarung auf die flache Ebene der Vernunft herab gezogen, das Geheimnis der Menschwerdung aufgebend, weil es sich darüber erhebt; aber inkonsequenter oder nicht minder inkonsequent fuhr er fort, an die Offenbarung und an gewisse übernatürliche Wirkungen derselben zu glauben, indem es die Göttlichkeit ihres Urhebers leugnete. Die Sozinianer waren übrigens weit entfernt, über die Person Jesu Christi, nachdem die Göttlichkeit derselben beseitigt war, sich unter einander oder auch nur als Einzelne sich selbst zu verstehen. In diesem, wie in allen Stücken war der Protestantismus nur einig in der Verneinung.

Der Sozinianismus ergoß sich in tausend, überall abweichende Sekten. Es wäre zu viel, sie aufzuzählen, so wuchern sie; möge, um auf viele nur eine zu nennen, die Bemerkung genügen, daß in Polen, die Sekte der Antitrinitarier, in Deutschland die der Wiedertäufer, in Holland die der Latitudinarier, in der Schweiz die der Arianer, in England die der Quäker oder Zitterer auftrat, und daß an allen Orten der allgemeine Name Unitarier ihnen geblieben ist. Dieser Name ist allen Protestanten, welche offen die Gottheit Christi leugnen, gemeinsam geworden.

Diese große Verneinung musste eine entsetzliche Leere in einer Welt machen, welche, auf den christlichen Glauben gebaut und in allen ihren Verhältnissen von diesem Glauben durchdrungen ist. Die Stirne der Machthaber, schon der kirchlichen Salbung beraubt, durch die sie die ältesten Söhne der Kirche wurden, um die schützenden Brüder ihrer Völker zu sein, verlor jetzt auch das Kreuz Christi, durch die ein Jeder von ihnen selbst ein anderer Christus wurde, insofern er die Nachahmung Christi übernahm in der königlichen Hoheit seiner Aufopferung und seiner Liebe für die Menschen. Die Völker, welche durch den Glauben an Jesus Christus noch in der Ehrfurcht und dem Vertrauen zu ihren Herrschern, in der Entsagung, der Geduld und der Hoffnung vereinigt waren, mussten seit der Erlöschung dieses Glaubens den Druck ihrer Zustünde schmerzlicher auf sich lasten fühlen, und aus der Tiefe der Seele mussten sich die bösen Gefühle des Neides, des Hasses und der Empörung erheben. Fürsten und Völker, nun minder vertraut und minder gut, mussten immerfort zu ihren gegenseitigen Rechtsverletzungen Grund und Anlass geben, eben dadurch, daß sie solche begingen, oder sich derselben fähig hielten. Und wenn ich von Fürsten und Völkern rede, so tue ich es nur, um meinem Gedanken eine allgemeine Anwendung zu geben; denn er trifft eben so gut alle anderen Verhältnisse niederer Stufe, welche den Großen mit dem Kleinen, den Starken mit dem Schwachen, den Reichen mit dem Armen, kurz den Menschen mit dem Menschen in allen gesellschaftlichen Verhältnissen verbinden. Die ganze Gesellschaft musste, indem sie den Glauben an Jesus Christus verlor, welcher das Gesetz ihrer Bildung und ihres Daseins war, alle diese untergeordneten Vermittlungen, aus denen sie besteht, sich auflösen fühlen, zugleich mit der großen Vermittlung, durch welche sie wie ein einziger Mensch mit Gott verbunden war; sie musste aus ihren Tiefen jene wilden Gelüste sich erheben sehen, welche den Menschen zum natürlichen, selbst Menschen fressenden Feinde des Menschen machen, wenn seine unersättliche Natur, welche die Zeit verschlingt, um die Ewigkeit zu ergreifen, dieser Ewigkeit beraubt, kein anderes Mittel der Befriedung findet, als die elenden Güter dieses Lebens, die für Alle nicht zureichen, weil sie einen Einzigen nicht befriedigen könnten, deren Teilung aber von nun an kein anderes Gesetz mehr kennen kann, als den Krieg.

Die Leugnung der Gottheit Christi durch den Sozinianismus ist einer jener großen Fortschritte des Irrtums gewesen, welche die Welt diesem zustand nahe gebracht haben. Aber die religiöse und, man muss sagen, christliche Natur des Menschen ist so stark, daß diese Leugnung, welche auf der Erde den Himmel hätte verschließen sollen, dennoch viele Beziehungen zwischen ihnen bestehen ließ, die sich mittelbar durch diejenigen nährten und erhielten, welche glücklicher Weise die katholische Kirche unversehrt bewahrt hatte und durch alle Zeiten zum Heil der Welt bewahren wird.

Im übrigen war der Sozinianismus an und für sich, wie wir gesehen haben, durch eine glückliche Inkonsequenz gemäßigt. Wenngleich die Sozinianer leugneten, daß der Sohn Gottes Einer Wesenheit sei mit dem Vater, d. h., daß er Gott sei, so sahen sie dennoch in ihm einen mehr als außerordentlichen Menschen; sie bewahrten ihm insonderheit die geheiligten Namen des Wortes, und des Sohnes Gottes; aber, die Lehre von der Erbsünde leugnend, verwarfen sie demzufolge die Lehre von der Erlösung, oder ließen wenigstens diese Lehre allein darin bestehen, daß Jesus Christus uns Vorschriften und Beispiele der Heiligkeit gegeben, und daß er zur Bekräftigung seiner Lehre sein Leben hingegeben habe… Es hieße Wolken sammeln und zu festen Körpern verbinden wollen, wenn wir die Klassifikation und Definition der Lehren des Sozinianismus unternähmen. Wir wollen nur sagen, daß es das Christentum im Zustande der Verdunstung ist.

Dieser Dunst war jedoch noch in eine ehrwürdige Hülle eingeschlossen, welche, obschon ihres Gehaltes beraubt, doch in ihrer Form noch Widerstand leistete: ich meine die Autorität der heiligen Schrift.

Aber da das Werk der Verdunstung fortschritt, und die freie Forschung nichts mehr im Innern zu verschlingen hatte, so wurde die Form angegriffen, die Hülle brach, und der Sozinianismus gebar den Philosophismus, wie er selbst vom Calvinismus und Lutheranismus das Leben empfangen hatte; die freie Forschung ging in die Denkfreiheit über. –
aus: August Nicolas, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus, 1853, S. 122 – S. 126

Fortsetzung 3. Teil Die Weiterentwicklung des Sozinianismus

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