Die ersten giftigen Früchte des Protestantismus

Erste giftige Früchte des Protestantismus

Er konnte aber immerhin nicht inkonsequent genug sein, um zu verhindern, daß von seiner Geburt an der Sozialismus und der Kommunismus, so wie sie uns heute bedrohen, unmittelbar aus ihm hervor gingen. Sie setzten damals ganz Deutschland in Feuer und Blut durch den berüchtigten Bauernkrieg, welchem die Unruhen der Wiedertäufer Nicolas Stork, Münzer und Johann von Leyden folgten. Hören wir, wie ein protestantischer Schriftsteller, O`Callaghan, darüber spricht: „Die ersten Reformatoren verkündeten das Recht, die heiligen Schriften nach eines jeden eigenem Urteil zu deuten; die Folgen waren entsetzlich… das eigene Urteil Münzers entdeckte in der heiligen Schrift, daß die Adelstitel und die großen Vermögen eine gottlose Usurpation seien, und er lud seine Anhänger ein, selbst zu prüfen, ob das nicht die Wahrheit sei. Die Anhänger prüften die Sache, lobten Gott, und schritten demnach zur Ausrottung der Gottlosen mit Feuer und Schwert, und bemächtigten sich ihrer Besitzungen. „Nun ist die Reihe an uns, die Herrn zu sein!“ – so sagten die Bauern zu einem jeden Edelmann, der ihr Gefangener geworden. – Das Privaturteil glaubte auch in der Bibel entdeckt zu haben, daß die bestehenden Gesetze eine fortdauernde Beschränkung der christlichen Freiheit seien; und, sieh da! Johann von Leyden, Elle und Schere hinwerfend, stellt sich an die Spitze eines fanatischen Haufens, überrumpelt die Stadt Münster, proklamiert sich selbst als König von Sion, und nimmt vierzehn Frauen auf einmal, versichernd, daß die Vielweiberei eine der christlichen Freiheiten sei etc. etc.“

Luther, da er sein Werk in seiner Wiege durch seine eigenen Konsequenzen gefährdet sah, versuchte vergebens, dieselben zu verleugnen. Er konnte den zügellosen Anarchisten nur mit der unbarmherzigsten Gewalt entgegen treten, als sie sich mit vollem Recht, wie wir sehen werden, auf seine Lehre, seinen Namen und seine Schriften beriefen.

„Zu jener Zeit, sagt Bossuet, war ganz Deutschland in Flammen. Die Bauern, empört gegen ihre Herrschaften, hatten die Waffen ergriffen und baten um Luthers Beistand. Sie hingen nicht bloß seiner Lehre an, man behauptete auch, daß sein Buch über die christliche Freiheit nicht wenig beigetragen habe, sie zur Empörung aufzureizen, und zwar durch die kecke Sprache, welche er darin gegen die Gesetzgeber und gegen die Gesetze führte. Denn obwohl er sich dagegen verwahrte durch die Behauptung, das Gesagte gelte nicht von den bürgerlichen Obrigkeiten und Gesetzen, so bleibt doch die Tatsache, daß er die Fürsten und Potentaten mit dem Papst und den Bischöfen zusammen warf; und die allgemeine Behauptung, wie er sie aussprach, daß der Christ durchaus keinem Menschen Menschen unterworfen sei, nährte, in Erwartung der praktischen Auslegung, den Geist der Unabhängigkeit in den Völkern, und flößte ihren Führern gefährliche Ideen ein.“ (Geschichte der Umwandlungen, 2. Buch XI.)

Es ist interessant, einen der hier bezeichneten Männer, den gelehrten Führer des modernen Sozialismus, Louis Blanc, zu vernehmen, wo er diese weise Bemerkung Bossuets bestätigt, indem er aus dem Protestantismus jene gefährlichen Ideen schöpft, auf welche dieser große Mann hingewiesen hat.

„Die Revolution, sagt er, welche, vorbereitet durch die Philosophen, fortgesetzt durch die Politik, nur durch den Sozialismus vollendet werden wird, musste natürlich mit der Theologie anfangen. – Die Usurpation schmähte damals unter dem Namen der Häresie, was sie in unseren Tagen unter dem Namen der Empörung verurteilt. Das sechzehnte Jahrhundert war das Jahrhundert der sich empörenden Erkenntnis; mit der Kirche anfangend, bereitete es den Sturz aller alten Gewalten vor; hierin bestand der Charakter jenes Jahrhunderts, das waren die ersten Fundamental-Sätze des Protestantismus, und was die Konsequenzen betrifft, ahnt ihr sie nicht schon? Dieser Papst, um dessen Sturz es sich handelt, ist ein geistiger König, aber am Ende ist er doch ein König. Liegt er einmal auf dem Boden, so folgen die Anderen. Denn um das Prinzip der Autorität ist es geschehen, sobald man nur im mindesten an ihre ehrwürdigste Form, an ihren erhabensten Vertreter rührt; und ein jeder religiöser Luther ruft unausbleiblich einen politischen Luther hervor.“

„Die Autorität der Bibel war nur ein leeres Scheinmittel. Wozu diente es, die Unfehlbarkeit der Bibel zu behaupten, wenn man das Recht der Kirche leugnete, über ihren Sinn zu entscheiden? Ohne Kommentar in die Hand der Menge gegeben, musste da nicht das heilige Wort die Bahn eines heißen Kampfes eröffnen, welche ein Jeder mit dem Zeugnis und mit dem Stolz seiner Vernunft betrat? Luther und Calvin fehlte die Konsequenz und die Kühnheit; sie hatten die Souveränität der Vernunft angerufen gegen Rom, nicht gegen die Bibel. – Dieselben Mängel zeigten sie in der Politik und in der Behandlung der sozialen Verhältnisse. War Luther des Sinnes, wenn der Papst einmal nieder geworfen, ohne weiteres auf die Herrn der Erde loszugehen? Das Volk litt an der Seele und am Leibe, es war abergläubisch und elend; doppelte Knechtschaft, die man brechen musste! Wa Luther des Sinnes, die Hand daran zu legen? Nein; denn noch steckte in diesem Revolutionär der Mönch. In seinem Buch über die christliche Freiheit bespricht er vorzugsweise die geistige und innere Freiheit, und er scheint sich für die Knechtung der Hälfte des Menschen zu entscheiden, indem er von seinem Empörungswerk die ganze materielle Seite der Menschheit ausschließt. Keine Knechtschaft mehr durch das Laster, ohne Zweifel; aber auch keine Knechtschaft mehr durch die Armut. Die Seele soll sich nicht beflecken, aber auch die Leiden des Körpers sind wert, daß man sich um sie bekümmert. Wahrscheinlich hatte Luther, als er anfing, den furchtbaren Charakter seines Unternehmens nicht erkannt. Als er durchschaute, was Alles der Graben, den er grub, verschlingen und verschließen könne, als die Ahnungen seines Geistes ihm in der Ferne alle die Prälaten, alle die Könige, alle die Fürsten, alle dieEdelleute zeigten, die sich an der Hand hielten, einer den andern hinabziehend, ein solidarischer Haufen, zuletzt in einem gemeinsamen Sturz zusammen fallend: da trat Luther vor Schrecken zurück. Aus diesem Grunde beeilte er sich, Seele und Leib zu trennen, den Kampf der sich erhebenden Völker auf die geistigen Bedrückungen verweisend, und die unverletzte Fortdauer der geistlichen Bedrückung begünstigend… Dicht hinter Luther, er mochte es wollen oder nicht, stand Münzer. Den Schrei, den er gegen Rom erhoben, Tausende von Stimmen erhoben ihn sofort gegen die Könige, die Fürsten, die Verächter des Volkes, die Unterdrücker des Armen; – da haben wir sofort den Bauernkrieg, da haben wir den Prolog der französischen Revolution. Die Lehre der menschlichen Brüderlichkeit, verkündet im Tumult der Schlachtfelder und der Märkte, … Schreckensszenen, Hinrichtungen, Verleumdung großer Männer … – das sind die Züge, an welchen man die französische Revolution in dem Bauernkrieg schon erkennen kann, das ist die lodernde Spur, auf welcher wir in der Geschichte den Geist unserer Väter verfolgen müssen!“ (Geschichte der französischen Revolution I.)

In solcher Weise sehen wir über drei Jahrhunderte hinüber Sozialismus und Protestantismus, Louis Blanc und Luther sich die Hand reichen. –
aus: August Nicolas, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämmtlicher Häresien zu dem Socialismus, 1853, S. 111 – S. 115

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