Modernismus und Evolutionismus

Die Irrlehre des Evolutionismus der Modernisten

Das System der Modernisten nach der Enzyklika „Pascendi dominici gregis“

Hatte der Modernismus seine ersten Hauptsätze der Kantschen Philosophie und dem Rationalismus entlehnt, so borgte er einen dritten bei der modernen Naturwissenschaft. Es war die „Entwicklungslehre“. Diese Lehre hatte ja seit dem Auftreten Darwins wie im Sturm die naturwissenschaftliche Welt erobert. „Entwicklung“ wurde als der große Schlüssel gepriesen, der alle Rätsel der physischen Welt, der organischen Natur des Tier- und Menschenlebens aufschließt, den Aufstieg von der Materie zum Leben, vom Leben zu Empfindung, Vorstellung und Begehren, von diesen zum Denken und Wollen des Menschen ermöglichen sollte. Die Ernüchterung in den exakten Wissenschaften ließ nicht auf sich warten. Die Urzeugung fiel; noch keine Möglichkeit läßt sich erblicken, die einfachste Empfindung durch Entwicklung zu verstehen; vergebens sucht man trotz aller Mühe nach dem missing link, das auch nur zwischen dem Leib des Menschen und dem Körper der Primaten vermitteln könnte. Inzwischen hatte man sich, um nicht als rückständig zu gelten, sondern den Katholizismus als das Prinzip des Fortschritts zu erweisen, schon allzu eifrig bemüht, der „Entwicklungslehre“ auch in der katholischen Theologie Bürgerrecht zu verschaffen. Freilich kam man etwas spät, aber man kam, um die sinkende Fahne wieder aufzupflanzen. Es sind die Modernisten.

Wie dies bei Loisy ganz gewöhnlich ist, gibt er nirgends eine zusammen hängende Darstellung seiner Anschauungen über die Entwicklungstheorie, welche seiner Erklärung der Entstehung der Kirche, der Sakramente, der Dogmen zu Grunde liegt. Er bietet da und dort Bruchstücke derselben, noch öfters aber lassen sich seine Grundsätze nur aus der Art des Vorgehens bei der Darstellung der „geschichtlichen Entwicklung“ gewinnen.

Einen Überblick werden wir am besten gewinnen, wenn wir uns fragen, welches denn die Hauptmomente sind, welche man bei der Entwicklung im Reich der Natur annimmt, und dann die analogen Momente aufsucht, welche Loisy in der Entstehung der Geschichte des Christentums geltend macht.

Jede rein natürliche Entwicklung, welche das Eingreifen eines höheren, transzendenten Faktors in Abrede stellt, nimmt drei Momente der Entwicklung an, die alle drei gleichfalls rein natürlich sein müssen: einen rein natürlichen Keim, rein natürliche Entwicklungsfaktoren, rein natürliche Entwicklungs-Gesetze. Omne vivum ex vivo, omne ovum ex ovo, omnis cellula ex cellula, so lauten die immer bestimmter sich gestaltenden Erfahrungs-Grundsätze, die einen lebenden, entwicklungsfähigen Keim an den Anfang der Entwicklung stellen. Die Entwicklungslehre auf dem Boden der Naturwissenschaft setzt diesen Keim als gegeben voraus. Sie verlangt nur, daß er als lebensfähig und entwicklungsfähig sich erweise, daß in ihm die Anlage zu dem vorhanden sei, was aus ihm werden soll, lehnt daher die generatio aequivoca, die Urzeugung, als den Tatsachen nicht entsprechend ab. (Vgl. zum Folgenden Karl Frank SJ, Die Entwicklungstheorie im Lichte der Tatsachen, Freiburg 1911, Herder) Woher der Keim sonst wie kommen möge, das ist ihr gleichgültig. Die Naturwissenschaft überläßt es, wenn sie bescheiden ist, der Philosophie, über das erste Werden zu entscheiden. Das zweite Moment der natürlichen Entwicklung sind die Entwicklungs-Faktoren. Sie sind doppelter Art; die einen sind dem Keim immanent, die andern sind ihm äußerlich. Zu den inneren gehört das dem Keim inne wohnende Leben, seine Kräfte, der Trieb, sich zu entwickeln und auszugestalten; zu den äußeren gehören die Einflüsse des Bodens, der Atmosphäre, der Gestirne sowie die pflanzliche und tierische Umgebung. Das dritte Moment der Entwicklung im Reich der Natur sind die Entwicklungs-Gesetze. Der Darwinismus kannte keine Entwicklungs-Gesetze. Die von Darwin aufgestellten Entwicklungs-Faktoren: die natürliche Auslese, der Kampf ums Dasein, das Überleben des Passendsten, sind in ihrem Wirken dem Zufall anheim gegeben. Die Entwicklung vollzieht sich also nicht nach Gesetzen. Jene Forscher dagegen, welche eine zweckstrebige Entwicklung annehmen, können auch von Gesetzen der Entwicklung sprechen. Als solche Gesetze werden betrachtet: das Gesetz der Vererbung, das Gesetz der Anpassung (Neubildung und Rückbildung), beide als Teilgesetze dem großen Gesetz stetig fortschreitender Vervollkommnung untergeordnet. Diese Entwicklungs-Gesetze regeln sowohl die innere Ausgestaltung wie das Verhalten gegenüber der Umgebung. Diese drei Momente finden wir nun in der Loisy behaupteten Entwicklung des Christentums wieder, und zwar auf der ganzen Linie, in Lehre, Organisation und Sakramenten. Es begegnet uns der rein natürliche Keim. Der Keim der christlichen Lehre sind einige Sprüche des Herrn, von denen uns in den Evangelien ein freilich nur gemischtes Echo geblieben ist. (L`Évangile et l`Église XX f.) Der Keim der kirchlichen Organisation war die vom Meister im Hinblick auf die Predigt des sogleich zu erwartenden eschatologischen Reiches gesammelte Apostelschar, in welcher Petrus eine hervorragende Stellung einnahm. (ebd. 90 u. 111) Der Keim für die Sakramente waren einige im Evangelium berichtete Gebräuche und Ideen Jesu: so die von Jesus empfangene Johannes-Taufe, die Abendmahlsfeier, die von Jesus selbst angeratene Krankenölung, sein Verhalten gegenüber der Ehe. Loisy verwahrt sich (ebd. 194) ausdrücklich dagegen, daß Jesus Lehre, Kirche und Sakramente selbst eingesetzt und bestimmt habe. Es handelt sich also wirklich um bloße Keime. Diese Keime sind ferner rein natürlich. Jesus ist für Loisy bloßer Mensch, sogar Illusionär. Eine übernatürliche Offenbarung, die vielleicht jene Elemente undKeime als göttliche zu erweisen vermöchte, gibt es für Loisy nicht. Diese Keime sind also schließlich und letztlich rein menschliche Erzeugnisse. Wie aus solchen Keimen jenes Leben und jene Kraft hätte entstehen können, die wir an der katholischen Kirche, ihrer Lehre und ihrem Kult bewundern, das sagt uns Loisy nicht. Was er als Keime hinstellt, konnte nie der Keim des Christentums sein.Es fehlte ihm das Wesentlichste und Unentbehrlichste, das übernatürliche Leben, die Anlage auf das Christentum hin, die Befähigung zur Entwicklung.

Auch den Entwicklungs-Faktoren begegnen wir bei Loisy, und zwar wiederum rein natürlichen Faktoren.

An erster Stelle steht auch ihm die den Keimen inne wohnende treibende Kraft: die Reichsidee und Messiasidee, die Idee der religiösen Zusammengehörigkeit und ihre Anpassungsfähigkeit an die stets wechselnden äußeren Umstände. Dazu gesellen sich nun die Bedürfnisse, die sich einstellen mussten, wollte man die Heiden bekehren und die Bekehrten im Christentum erhalten, sowie die Antriebe, welche die staatliche und kulturelle Entwicklung auf die Kirche ausübten. Loisy hat sich damit die Anschauung zu eigen gemacht, welche sagt: Die Funktion schafft sich ihr Organ.

Dabei wird dann auch auf die in der kirchlichen Autorität und der Tradition verkörperte konservative Tendenz hingewiesen, welche den zur Entwicklung treibenden Faktoren das nötige Gegengewicht und Regulativ entgegen stellte.

Schon hier tritt hervor, daß Loisy dem „Bedürfnis“ als Entwicklungsfaktor den weitesten Spielraum zuerkennt. Tatsächlich ist er von dessen Bedeutung so überzeugt, daß er nicht nur den Gang der Geschichte durch die entstehenden Bedürfnisse und Nöten beeinflußt sein läßt, sondern ihn zu einem der wichtigsten Kriterien für die Datierung kirchen- und dogmen-geschichtlicher Dokumente macht.

Als Entwicklungsgesetze gelten Loisy die allen Organismen gemeinschaftlichen Gesetze des Lebens. Er kann sich nicht genug tun, immer und immer zu wiederholen, daß das Christentum mit seiner Lehre, seiner Organisation, seinen Sakramenten ein Organismus sei und somit unter den Gesetzen des Lebens stehe. Und das eine große Gesetz ist Bewegung. „Ist es nicht wahr“, schreibt der Kritiker (1), „daß alles an einer lebendigen Religion Bewegung ist? Die Tradition geht auf Stabilität, aber das Leben treibt zum Fortschritt. Da die Religion Israels von ihren Anfängen bis zum Erscheinen des Christentums und das Christentum von seiner Gründung an mehr Leben gezeigt haben als jede andere Religion, so braucht man nicht zu erstaunen, daß sie sich auch mehr geändert haben, nicht durch eine bloße Kombination neuer und selbst fremder Elemente mit ihren primitiven Elementen, … sondern durch die Stärke einer lebendigen Kraft selber, eines Dynamismus, der im Laufe der Geschichte die Gelegenheiten, die Anreize, die Hilfe, den Stoff ihrer eigenen Entwicklung fand.“ Wie weit diese Bewegung, diese Änderung, diese Entwicklung geht, sagt Loisy an dieser Stelle nicht, wir müssen uns anderswo umsehen. Dann bemerken wir, daß die Endstation lautet: Verfall aller Dogmen, Demokratisierung aller Autorität, Entwertung alles Kultes. Gelegentlich läßt Loisy uns auch einzelne Gesetze sehen, die nach ihm das Leben charakterisieren. Es sind die Intussuszeption (*) fremdartiger Bestandteile ins Christentum und vitale Assimilation derselben, das Wachstum vom Keim und Embryo bis zum ausgebildeten Organismus, die Anpassung an die Umstände, die Ausscheidung des unbrauchbar Gewordenen.

(1) Vgl. die Ausführungen zu Satz 58 bis 65 des Dekrets Lamentabili sane exitu im zweiten Abschnitt dieser Schrift.

Wenn wir die in Loisys roten Büchlein gemachten Andeutungen und Ausführungen überblicken, so sehen wir, daß seine Auffassung von Entwicklung des Christentums dem Leben der Organismen in der Natur noch mehr gleicht, als der Kritiker seine Leser ahnen lassen will. Im Leben des pflanzlichen und tierischen Organismus gibt es nicht bloß eine Aufwärtsbewegung vom Keim zum vollen ausgewachsenen Individuum, sondern auch einen Niedergang. Es gibt nicht nur ein Kindes- und Jünglings-Alter, sondern auch eine Zeit des scheinbaren Gleichgewichtes, und ihm folgt das Greisenalter, die Zeit der senilen Involution. An ihrem Ausgang steht der Tod. Das ist das Schicksal jedes natürlichen Keimes: Wachstum, Blütezeit, Niedergang und Sterben. Was Loisy anpreist als Christentum der Neuzeit, ist sachlich der Tod des Christentums, ja der Tod aller Religion. –
aus: Julius Beßmer SJ, Philosophie und Theologie des Modernismus, 1912, S. 87 – S. 93

(*) besondere Form des Pflanzenwachstums durch Einlagerung neuer Substanzen zwischen schon vorhandene Strukturen

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