Das modernistische Lehrsystem der Modernisten

Über das modernistische Lehrsystem der Modernisten

Das System der Modernisten nach der Enzyklika „Pascendi dominici gregis“

Das System der Modernisten

Der Modernismus ist eine Methode

Der Modernismus ist in erster Linie eine Richtung, eine Methode, die, mit alten Überlieferungen brechend, Apologetik, Theologie und kirchliches Leben, Lehre, Kult und Regierung der Kirche auf eine neue, bessere Grundlage aufbauen will. Diese Richtung wird naturgemäß bei den einzelnen Autoren, die ihr huldigen, ihre mannigfachen Schattierungen haben. Es ist leicht verständlich, daß der lebhafte und geistreiche Loisy, der zum Mystizismus neigende Tyrrell, der für Rosmini begeisterte Fogazzaro, der Stürmer Romolo Murri und der Mathematiker Le Roy in vielem ihre eigenen Wege gehen. Eine Reihe von Grundideen werden dieselben sein; die Darstellung im einzelnen wird sie scheiden. Der Modernismus mag auch eine andere Färbung tragen, wenn er uns beim Apologeten, eine andere, wenn er beim Bibelkritiker und Kirchenhistoriker, wieder eine andere, wenn er beim Dogmatiker uns begegnet. Und so ist es in der Tat. Aber alle diese Persönlichkeiten rücken sich durch einen doppelten Umstand näher: es ist die Notwendigkeit, sich zu verteidigen welche sie der inneren Verwandtschaft bewußt werden läßt; es ist ferner der ihren Prinzipien inne wohnende Trieb, nicht auf das eigene Forschungs-Gebiet sich zu beschränken, sondern auf das ganze kirchliche Leben Einfluß zu gewinnen.

Die Enzyklika Pascendi hat die Grundanschauungen zusammen gefaßt

Die Enzyklika Pascendi hat dies klar gesehen und scharf hervor gehoben. In den meisten Modernisten, wenigstens in ihren Führern, zeigen sich der Religions-Philosoph, der Theologe, der Historiker, Kritiker, Apologet und Reformator zugleich. Sie fühlen ein bißchen Beruf zu allem; dabei bleibt es wahr, daß ein jeder von ihnen sein eigenstes Fach hat, von dem er ausgeht, ein Loisy die Bibelkritik, ein Tyrell die Dogmatik, ein Schnitzer und Monicchi Dogmengeschichte, ein Murri die soziale Frage.

Die Enzyklika hat nun die Grundanschauungen, welche den meisten Modernisten in dieser oder jener Form, bewußt oder unbewußt, gemeinsam sind, zu einem System zusammen gefaßt. Der Papst bemerkt in der Einleitung des Rundschreibens ausdrücklich: es sei ein überaus schlauer Kunstgriff der Modernisten, ihre Lehren nicht in systematischer Abfolge und einheitlichem System vorzulegen, sondern stets nur vereinzelt und voneinander getrennt, um so den Eindruck zu erwecken, als seien sie noch im Zweifel und unsicher, während sie doch fest sind und sich gleich bleiben. Mit diesen Worten ist – mag es nun in erster Linie ihm oder andern gelten – ein Bild der Schreibweise Loisy`s vor seiner Verurteilung gezeichnet. Seine irrigen Ideen hüllten sich hier immer noch in katholisch klingende Worte. Erst in seinen Simples réflexions, in seinen Évangiles synoptiques und in der Sammlung seiner Briefe glaubte er auf die frühereZurückhaltung verzichten zu sollen. Auch bei Tyrrell traten seine gefährlichen Grundsätze erst klar hervor, als er schon mit der Kirche gebrochen hatte, besonders in seinen briefen an die Times vom 30. September und 1. Oktober 1907.

Das modernistische Lehrsystem nach der Enzyklika

Das Rundschreiben Pascendi entwirft das Bild der neuen Irrlehre, indem es den Modernisten als Philosophen, Gläubigen, Theologen, Historiker und Kritiker sowie als Apologeten uns vorführt. Meist schließt sich an Ort und Stelle bereits eine kurze Kritik der Lehre an, indem die Enzyklika den Gegensatz der modernistischen Behauptungen zur katholischen Lehre, ihren innigen Zusammenhang mit grundstürzenden philosophischen Irrtümern aufweist. Hier werden wir die Religions-Philosophie, den Glauben, die Theologie, geschichtliche Kritik und Apologetik nach der Enzyklika nur darzulegen haben. Die Kritik desselben zu liefern ist Aufgabe späterer Kapitel sowie der Erläuterungen zum Dekret Lamentabili und zum Antimodernisteneid.

1. Die modernistische Religions-Philosophie

Der Ausgangspunkt des modernistischen Systems bildet der Agnostizismus. Nach dieser Lehre ist der Mensch unfähig, mit seinem Verstand bis zum Wesen der Dinge vorzudringen. Im Bereich der Wissenschaft und der Geschichte gibt es nur Phänomene: für Gott und Göttliches ist kein Platz. Gottesbeweise gibt es nicht und ebenso wenig eine natürliche Gotteslehre und Religion. Alle Religion muss daher aus dem Menschen heraus psychologisch begründet werden auf dem Wege der Immanenz. Der Untergrund aller Religion besteht in einem Gefühl, das aus dem Bedürfnis nach dem Göttlichen entspringt. Gewöhnlich im Unterbewußtsein schlummernd, erwacht dasselbe beim Anblick überragender Persönlichkeiten der Geschichte und geheimnisvoller Naturereignisse. In diesem Gefühl, das mit Gott vereinigt, beruht der Glaube; es ist zugleich im wahren Sinne Offenbarung, indem Gott selber sich in demselben kund tut. Dieser Glaube wirkt verklärend und entstellend zugleich auf die Auffassung der Natur und der Geschichte, indem sie Ereignisse und Persönlichkeiten erhebt und dieselben gleichzeitig von den wirklichen Bedingungen ihres Entstehens loslöst.

Das religiöse Gefühl kann und soll aber immer mehr und mehr entwickelt und geformt werden, der Verstand hebt die erlöschenden Umrisse wieder schärfer hervor. Er faßt das Gefühls-Erlebnis in einfache, kurze Sätze zusammen. Weitere reflektierende Tätigkeit schafft dann prägnantere Sätze, die, wenn sie einmal von der kirchlichen Autorität festgelegt werden, Dogmen heißen. Diese sind also sekundäre Formeln, die ihren ganzen Wert dem religiösen Gefühl entnehmen, aus dem allein sie leben. Sie sind nur Symbole und Hilfsmittel, die sich sowohl nach der Entwicklung des religiösen Gefühls wie nach dem jeweiligen geistig-sittlichen Zustand der Menschen richten müssen und daher der Veränderung unterworfen sind.

2. Das Glaubensgebiet der Modernisten

Während die Religions-Philosophie das Göttliche bloß als eine psychische Erscheinung betrachtet und annimmt, behauptet der Gläubige dessen Realität, und zwar auf Grund der inneren Erfahrung, die im religiösen Gefühl durch eine Art Intuition des Herzens eine Überzeugung von Gottes Dasein und Wirken erlangt, wie keine Wissenschaft sie zu geben vermag. Diese Erfahrung wirkt vermöge ihrer suggestiven Kraft in der Predigt weiter und gewinnt neue Anhänger. Bei dieser Auffassung gibt es niemals Zwiespalt zwischen Glauben und Wissenschaft, und zur Wissenschaft gehört auch die Geschichte. Die Wissenschaft beschäftigt sich mit den Phänomenen, und da hat der Glaube keinen Raum; der Glaube lebt im Göttlichen, und dahin dringt keine Wissenschaft. Alles nicht rein Menschliche an Christus gehört nicht in den Bereich der Geschichte, es existiert für diese nicht, es ist eine Schöpfung des Glaubens. Der Gläubige kann sehr wohl auf Kanzel und Lehrstuhl vertreten, was er als Historiker und Kritiker nicht gelten läßt. Dennoch ist der Glaube von der Wssenschaft abhängig in seinen Lehrformeln, in seinen Ideen.

3. Modernistische Theologie

Die Hauptsätze der modernistischen Gotteslehre lauten: Gott ist im Menschen immanent (theologischer Immanentismus). Die Erklärung dieser Immanenz lautet verschieden, bald so, daß sie sozusagen katholisch klingt, dann schreitet sie vor zur Nivellierung von Natur und Übernatur, bei einzelnen Ausführungen lautet sie fast pantheistisch. Die Vorstellungen von Gottes Realität sind bloß Symbole, an die man sich nicht zu sehr hängen soll. Theologischer Symbolismus, so heißt der zweite Hauptsatz. Der dritte lautet: Das Leben Christi wirkt weiter im Leben der Christenheit, es entwickelt sich in ihm, und das Christentum ist nach dem Glauben göttlich wie das Leben Christi (göttliche Permanenz). Göttlich sind Kirche, Dogmen, Lehre, Sakramente; denn wenngleich von Christus weder gewollt noch voraus gesehen, hat sich in ihnen der von ihm gelegte göttliche Keim ausgewachsen. Die Dogmen entstehen auf Grund des Triebes, die Gedanken zu verarbeiten, aus den ursprünglichen Verstandes-Formeln, indem diese vital entwickelt und den Umständen angepaßt werden. Der Kult und die Sakramente entstehen aus dem doppelten Trieb, der im Menschen lebt, die Religion zu umkleiden und sie nach außen zu zeigen. Sie wirken auf das religiöse Gefühl. Die heiligen Schriften sind eine Sammlung außergewöhnlicher und hervorragender religiöser Erfahrungen. Sie können insoweit als inspiriert gelten, als der eigene innere Antrieb, der jene Männer bewog, ihre religiösen Erfahrungen zu äußern, auf den ihnen immanenten Gott zurück geführt werden kann. Die Entstehung der Kirche führt sich zurück auf den in den Gläubigen wohnenden Trieb, ihre religiösen Erfahrungen auch andern mitzuteilen und mit andern Gleichgesinnten sich zusammen zu schließen.

Kollektiv-Bewusstsein und vitale Permanenz

Die Kirche ist eine Frucht des Kollektiv-Bewußtseins jener, deren religiöse Erfahrungen in vitaler Permanenz mit den religiösen Erfahrungen Christi zusammen hangen. Die Autorität, deren die Kirche zur Leitung ihrer Glieder, zur Förderung und Wahrung der Lehre und des Kultes bedarf, kommt ihr nicht von außen zu, sondern wächst vital aus dem religiösen Gesamt-Bewußtsein heraus. Die Kirche darf daher nicht autokratisch sein. Das Verhältnis zwischen Kirche und Staat muss nach dem Prinzip der Trennung geordnet werden; in der Ausübung des bürgerlichen Lebens haben die Gläubigen auf die kirchliche Autorität keine Rücksicht zu nehmen; dagegen unterliegt die Ausübung des Glaubens, sobald sie in die Öffentlichkeit tritt, der Ordnung und Regelung durch die Staatsgewalt. Das kirchliche Lehramt, welches keinen andern Zweck hat, als das Einzel-Bewußtsein der Gläubigen zu einen und auf eine dem Gesamt-Bewußtsein am besten entsprechende Formel zu verpflichten, ist, da es aus dem Bewußtsein der einzelnen erwächst, von diesem abhängig, darf ihm nie tyrannisch gegenüber treten und darf die von den einzelnen ausgehenden Anregungen zur Weiterentwicklung des Dogmas niemals abschneiden.

Das Gesetz der Entwicklung

Glaube, Dogma, Kirche, Kult, alles steht unter dem Gesetz der Entwicklung, die das Leben beherrscht. Der Glaube oder das religiöse Gefühl wird immer reiner, besonders durch den Einfluß religiöser Männer, unter denen Christus der Größte war. Das Dogma entwickelt sich und wächst durch Stellungnahme zu neuen Problemen. Das zeigt sich in der Entstehung des Dogmas von der Gottheit Christi. Der Kult entwickelt sich besonders durch die Notwendigkeit, sich den Sitten und Bedürfnissen der verschiedenen Völker anzupassen und die Macht, die gewisse Handlungen erlangt haben, sich zunutze zu machen; für die Entwicklung der Kirche war die Not maßgebend, mit den geschichtlich gegebenen Verhältnissen und mit den öffentlich anerkannten Regierungs-Formen sich abzufinden. Bedürfnisse und Notwendigkeiten und Triebe sind überhaupt für das Verständnis der Entwicklung von grundlegender Bedeutung. Zwei Faktoren bewirken die tatsächliche Entwicklung: ein treibender Faktor, es sind die Bedürfnisse; ein zurückhaltender und zügelnder Faktor, es ist die Autorität.

4. Die historische Kritik der Modernisten

Die historische Kritik der Modernisten trägt ein wesentlich philosophisches Gepräge. Sie ist diktiert vom Agnostizismus und vom Immanentismus. Alles Göttliche muss aus der Geschichte Christi und der Kirche ausgemerzt, die verklärenden Momente, durch welche der Glaube auch das menschliche Element über die Tatsachen hinaus erhoben, müssen beseitigt, Personen und Sachen aber müssen nach der Logik der Tatsachen beurteilt und gesichtet werden. Was nach dieser Sichtung bleibt, nur das gehört zur wirklichen Geschichte.

Alles aber, was geschieht, ist durch vitale Entwicklung zu erklären; und vitale Emanation und Entwicklung ist nur möglich auf Grund entsprechender Bedürfnisse. Nach dem zeitlichen Auftreten der Bedürfnisse lassen sich die Quellen ordnen und die Ereignisse entwicklungs-geschichtlich darstellen. Wird diese Methode auf die heiligen Schriften angewendet, so ergibt sich, daß sie nicht jenen zuzuschreiben sind, deren Namen sie in der Überlieferung tragen. Das gleiche erweist auch die Textkritik bei Anwendung innerer Gründe und Kriterien; sie tun dar, daß der vorliegende Text unmöglich richtig sein kann. Also erst Geschichte, dann innere Kritik und endlich Feststellung des Textes der Quellen.

5. Die modernistische Apologetik

hängt in doppelter Weise von der Philosophie ab: indirekt, indem sie auf eine Geschichte sich stützt, die wesentlich eine philosophische Konstruktion ist; direkt, indem die Apologetik auch selber von der gleichen Philosophie die Prinzipien borgt, mit denen sie arbeitet. Die neue Apologetik soll die Streitfragen über Religion durch historische und psychologische Untersuchungen lösen, die Kirche verteidigen nicht auf Grund der Schrift und traditioneller Geschichtsauffassung, sondern auf Grund der „wirklichen“, nach modernen (eben geschilderten) Methoden verfaßten Geschichte.

Aufgabe der Apologetik ist es, einen noch nicht Glaubenden dahin zu bringen, daß er zu jener Erfahrung über die katholische Religion gelangt, die nach den Modernisten die einzige Grundlage des Glaubens ist. Diesen Zweck sucht sie auf doppeltem Wege zu erreichen, einem objektiven und einem subjektiven.

Der objektive Beweis will dem noch nicht Glaubenden zeigen, daß in der Kirche etwas Unbekanntes verborgen liege. Er weist daher zunächst den Keim auf, den Christus gelegt, die Idee eines nahen Gottesreiches, dessen Vermittler er sei; dann weist er nach, wie dieser Keim sich immanent und permanent entwickelt, den Umständen sich angepaßt und die Hindernisse überwunden habe. Dann trete klar zu Tage, daß ein Unbekanntes in dieser Entwicklung verborgen sei. Daß Irrtümer und Widersprüche in der Heiligen Schrift seien, gibt diese Apologie zu; sie gehören zum Leben und zur Entwicklung, welche ihre eigene Wahrheit haben, die sich freilich mit der logischen nicht deckt. Die neue Apologie gibt auch zu, die heiligen Schriftsteller stützten sich auf Beweise, welche keinerlei Kraft und Gültigkeit besitzen, z.B. auf Prophezeiungen; sie sagt selbst, Christus habe geirrt, indem er das endzeitliche Reich nahe glaubte. Allein das gehöre zum Leben, und Widersprüche verstoßen nicht gegen die symbolische Wahrheit.

Der subjektive Beweis der neuen Apologetik geht dahin, dem Außenstehenden zu zeigen, daß in der Tiefe seines Herzens das Bedürfnis nach Religion wohne, und zwar nach einer solchen Religion, wie die katholische Kirche es ist, also diese hinzustellen als ein Postulat der vollkommenen Entwicklung menschlichen Lebens. So weit gehen leider auch manche sonst gut katholische Autoren, nicht beachtend, welche Gefahr hier vorliegt, Natur und Übernatur miteinander zu vermischen. Der eigentliche Modernismus aber geht noch weiter. Er sucht sogar jenen Keim, den er im Bewusstsein Christi fand, als in jedes Menschen Brust verborgen darzutun.

Der Modernismus – Die Summe aller Häresien

Leugnung der natürlichen Gotteserkenntnis, Leugnung der vernünftigen Grundlagen jedes übernatürlichen Glaubens, Leugnung der übernatürlichen Offenbarung, Leugnung der Gottheit Christi, der Göttlichkeit der Kirche, der unveränderlichen Wahrheit ihrer Lehre, der übernatürlichen Kraft ihrer Sakramente: die Summe aller Häresien, wie die Enzyklika sagt, das ist das kurze Fazit des modernistischen Systems. –
aus: Julius Beßmer SJ, Philosophie und Theologie des Modernismus, 1912, S. 12 – S. 20

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