Pius X über den Modernisten als Theologen

Hut, bischöflicher Krummstab, Kleidungsstücke eines Papstes

Pius X. über den Modernisten als Theologen

Drittes Kapitel

nach dem Katechismus über den Modernismus

§ 1. Theologische Immanenz und Symbolismus.

„Hier, Ehrwürdige Brüder, kommen wir nun zur Besichtigung der Modernisten auf theologischem Gebiete. Ein heikles Thema: aber in Kürze muss es besprochen werden.“

96. Worum handelt es sich für den modernistischen Theologen?

„Es handelt sich um die Versöhnung des Glaubens und der Wissenschaft und zwar nicht anders, als durch Unterordnung des einen unter die andere.“

97. Nach welcher Methode geht er vor?

„Der modernistische Theologe gebraucht die gleichen Prinzipien, die wir beim Philosophen in Anwendung gesehen; er paßt sie dem Gläubigen an: es sind die Prinzipien der Immanenz und des Symbolismus. So vollbringt er sein Werk mit größter Leichtigkeit. Der Philosoph sagt, das Prinzip des Glaubens sei immanent; der Gläubige fügt, bei, dieses Prinzip sei Gott; folglich, schließt der Theologe, ist Gott im Menschen immanent. Daher die theologische Immanenz. Ferner: dem Philosophen ist es sicher, daß die Vorstellungen des Glaubensobjektes nur symbolisch sind, dem Gläubigen ist es ebenso sicher, daß das Glaubensobjekt Gott in sich ist; so schließt der Theologe: die Vorstellungen von der Wesenheit Gottes sind symbolisch. Daher der theologische Symbolismus.“

98. Wie sind diese theologische Immanenz und dieser Symbolismus zu beurteilen?

„Das sind sehr schwere Irrtümer; welch großen Schaden der eine wie der andere anrichten können, wird aus der Erwägung ihrer Folgerungen klar.“

99. Welche Folgerungen gehen aus dem theologischen Symbolismus hervor?

Um zuerst vom Symbolismus zu sprechen, muss wohl beachtet werden, daß die Symbole in Bezug auf ihren Gegenstand eben Symbole, in Bezug auf den Gläubigen aber Hilfsmittel sind. Der Gläubige muss also erstens sich davor hüten, sagen sie, daß er sich nicht zu viel an die Formel als solche hänge, sondern sich derselben nur bediene, um der absoluten Wahrheit anzuhangen, welche von der Formel enthüllt und zugleich auch verschleiert wird, welche von der Formel ausgedrückt werden soll, ohne aber jemals von derselben erreicht zu werden.
Zweitens fügen sie bei, daß der Gläubige diese Formel diese Formeln so weit gebrauche, als sie ihm helfen; denn nur zur Hilfe sind sie ihm gegeben und nicht zum Hindernis.“

100. Kann der Gläubige diese Formeln frei nach seinem Gutdünken verwerten und soweit sie ihm passen?

Jawohl, antworten die Modernisten, „wenn nur die Achtung gewahrt bleibt, die infolge der allgemeinen Annahme diesen Formeln zuteil werden muss, welche das öffentliche Lehramt als geeignet erklärt hat, das allgemeine Bewusstsein zum Ausdruck zu bringen, solange nämlich dieses Lehramt nichts anderes bestimmt hat.“

101. Welches sind die hauptsächlichsten Meinungen der Modernisten bezüglich der theologischen Immanenz?

„Was die Modernisten tatsächlich von der Immanenz halten, ist schwer anzugeben; sie sind hier nicht alle derselben Meinung. Die einen suchen sie darin, daß Gott durch sein Wirken innigst im Menschen zugegen sei, näher als der Mensch sich selbst ist; dagegen ist, wenn man es richtig versteht, nichts einzuwenden. Die andern finden sie darin, daß das Wirken Gottes eins sei mit dem Wirken der Natur, wie das Wirken der ersten Ursache mit dem der zweiten; dieses zerstört tatsächlich die übernatürliche Ordnung. Noch andere endlich erklären es so, daß sie den Verdacht einer pantheistischen Auffassung hervor rufen; dieses ist aber mit ihren übrigen Lehren mehr im Zusammenhang.“

§ 2. Göttliche Permanenz.

„Diesem Satz von der Immanenz wird ein anderer verbunden, den man jenen von der göttlichen Permanenz nennen kann.“

102. Wie unterscheiden sich diese beiden Sätze?

„Sie unterschieden sich fast in derselben Weise, wie die eigenen Erfahrung und die durch die Überlieferung weiter gegebene Erfahrung. Ein Beispiel wird die Sache erklären, es sei von der Kirche und den Sakramenten her genommen.“

103. Was sagen sie von der Gründung der Kirche, von der Einsetzung der Sakramente?

„Es ist keineswegs zu glauben, sagen sie, daß die Kirche und die Sakramente von Christus selbst herkommen.“

104. Warum ist dies keineswegs zu glauben?

„Das läßt der Agnostizismus nicht zu, der in Christus nur den einfachen Menschen erkennt, dessen religiöses Bewusstsein, wie jenes der übrigen Menschen, nur allmählich gebildet wurde; das läßt das Gesetz der Immanenz nicht zu, welches äußere Applikationen, wie sie sagen, zurück weist; das läßt auch das Gesetz der Entwicklung nicht zu, welches Zeit und eine Reihe aufeinander folgender Umstände verlangt, damit die Keime sich entfalten können; das läßt endlich die Geschichte nicht zu, welche zeigt, daß tatsächlich die Sache einen solchen Verlauf genommen hat.“

105. Sind dann die Kirche und die Sakramente nicht von Christus gestiftet und eingesetzt?

„Dennoch muss man festhalten, daß die Kirche und die Sakramente mittelbar von Christus gestiftet und eingesetzt sind. Wie das? Das ganze christliche Bewusstsein, behaupten sie, ist im Bewusstsein Christi virtuell enthalten gewesen, wie die Pflanze im Samen. Weil nun die Keime das Leben des Samens leben, so muss man auch sagen, daß alle Christen das Leben Christi leben. Das Leben Christi ist aber, nach dem Glauben, göttlich; folglich auch das Leben der Christen. Wenn also dieses Leben, im Laufe der Zeiten, der Kirche und den Sakramenten ihren Anfang gegeben hat, so kann mit vollem Recht gesagt werden, dieser Anfang sei von Christus und somit göttlich.“

106. Wird das gleiche Vorgehen auch auf die Göttlichkeit der Heiligen Schrift und der Dogmen angewandt?

„Auf dieselbe Weise erklären sie auch die Göttlichkeit der Heiligen Schrift und der Dogmen.“

107. Ist das die ganze modernistische Theologie?

„Damit ist die modernistische Theologie fast ganz abgetan. Gewiß ein dürftiger Hausrat: aber längst ausreichend für den, der bekennt, daß allen Vorschriften der Wissenschaft stets Gehorsam geleistet werden müsse. Die Anwendung von all dem auf das Folgende wird jedem leicht erscheinen.“ –
aus: J.B. Lemius Obl. M. J., Der Modernismus Sr. H. Papst Pius X. Pascendi dominici gregis, 1908 S. 31 – S. 35

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