Kehrseite der englischen Züchtigkeit

Ein Gemälde der sittlichen Verwahrlosung in England vor einem public-house

Kehrseite der viel gepriesenen englischen Züchtigkeit

Wir haben die Kehrseite jener viel gepriesenen englischen Züchtigkeit gesehen, wir waren hinter jenem Kristallpalast der Industrie, zu dem man uns so prunkend eingeladen hat; wir haben die Füße jenes Kolosses des britischen Wohlstandes, der seine Stirne so hoch erhebt, untersucht; sie sind von Ton; doch nein, das ist zu wenig gesagt, sie sind von Kot.

Man lese, was Leon Faucher darüber gesagt, man lese den amtlichen Bericht, welchen eben Herr Eugene Rendu erstattet hat. Man betrachte dieses Gemälde, dieses daguerrotypische Lebensbild des englischen Volkes; man bemerke die Statistik der Laster und der Verbrechen, und man unterscheide, man entdecke, wenn man es kann, das Geschlecht, das Alter, die Verwandtschaft, die Scham, die Würde, man entdecke, was immer, von gesellschaftlichen und menschlichen Elementen in diesen Massen von Geschöpfen, welche, wie das Vieh aufgehäuft und schmachvoller Weise einer Immoralität preisgegeben sind, die keinen Namen mehr hat, und die obendrein von sich selbst weder Kenntnis noch Ahnung besitzt. Fürwahr, so sagt Herr Rendu, das Gefühl der Menschenwürde existiert nicht mehr, ist bis auf den Keim erloschen in den verborgenen Winkeln dieser Hauptstadt der vereinigten Königreiche (1); und, was das Entsetzlichste ist, Herr Leon Faucher, der sich in seinen Abschnitten über London auf die Anführung mehrerer Berichte beschränkt, aber auch selbst in Liverpool, Leeds, Manchester Birmingham, usw. Untersuchungen angestellt, Herr Leon Faucher hat in den Provinzialstädten Englands ganz analoge Zustände gefunden.

„Was mich vielleicht noch lebhafter ergriffen hat, als die materielle Tatsache, deren Schauspiel mir vor Augen stand, so spricht Herr Eugene Rendu, das ist das Gefühl einer tiefen Gleichgültigkeit oder einer bloßen abgestumpften Überraschung, womit diese Unglücklichen den Besuch dreier durch vier Polizeiagenten begleiteter Neugieriger empfingen. In Paris (wo übrigens ein solcher Familien-Kommunismus nirgendwo besteht) würden die elendesten Stubenmieter in der Lyoner Straße (Faubourg Saint-Marçeau) einen in dieser Art abgestatteten Besuch nicht dulden. In unseren ärmsten Klassen gibt es ein Gefühl, welches sie nie verlässt, das Gefühl der Gleichheit. Verfälscht durch eine künstliche Überreizung, wird dieses Gefühl eine revolutionäre Idee; in den gebührenden Schranken gehalten, begründet es die Achtung für die menschliche Natur, welche sogar in der Erniedrigung des Elends den ihrer Würde entsprechenden Anstand bewahrt.“

Darin besteht das Verbrechen des Verbrechens in England: in dem Verlust des Gefühls der Menschenwürde; denn wenn der Arme dasselbe nicht für sich selbst hegt, so verschuldet dieses der Reiche, der es ihm nicht bezeigt, der es auch selbst ebenso wenig besitzt; denn in der Tat, der besitzt dieses Gefühl selbst nicht, der es nicht in anderen handhabt und pflegt. Dieses Gefühl der Menschenwürde, durch das Elend, die Armut, die Versunkenheit nicht ausgeschlossen, sondern vielmehr begründet, ist das hoch christliche Gefühl, welches uns in den Armen die Person Jesu Christi selbst sehen, ehren, pflegen lässt, Jesu Christi, dessen Sendung hauptsächlich den Armen galt: Evangelizare pauperibus misit me (Luk. 4,18), und dessen ganzes Evangelium auf diese zwei großen Worte sich zurückführen lässt: Beati pauperes! beati misericordes!

Die katholische Kirche ist von ihrer göttlichen Sendung nicht abgewichen; denn sie hat nicht aufgehört, durch all ihre Apostel und Jünger die Magd der Armen zu sein, und man muss sehen, mit welchem unablässigem Eifer sie das übt, was Bossuet in seiner beredten Sprache vor dem Hof Ludwig des Vierzehnten die erhabene Würde der Armen nannte, in denen, wie er sagte, die Majestät des Reiches Christi wohnt, auf welche der Glanz seiner Krone abstrahlt als auf diejenigen, die ihm am nächsten kommen, seine Unglücksgefährten sind, die Großschatzmeister und Großeinnehmer Gottes auf der Erde. Das ist das Christentum! Das ist das reine Evangelium! Hiernach beurteile man die Reformation! An diesem Maßstab messe man sie! O Gott! Wie wagte sie es, sich christlich und evangelisch zu nennen!! Ist sie nicht herabgesunken auf die Stufe des Heidentums und noch unter dieselbe? Hatte die Sklaverei der Alten irgend etwas, was sich dem wüsten Durcheinander jenes unwürdigen, verworfenen, vertierten Zustandes vergleichen ließe, worin der protestantische Reichtum die Armen stößt, zurückstößt und aufhäuft, wähnend, er habe dem Evangelium und der Natur genug getan, wenn er seine Abgaben bezahlt?

(1) Herr Eugene Rendu betrachtet in seinem Bericht an das Ministerium die niedere englische Bevölkerung unter dem dreifachen Gesichtspunkt, und, sozusagen, auf den dreifachen Abstufungen des Elends, des Lasters und des Verbrechens. – Was das Elend betrifft, so heben wir folgende Seite des Gemäldes hervor:

„Mitten in einer der ekelhaften Gassen, in denen man das Rollen der Wagen und das Stampfen der Rosse hört, bin ich acht bis zehn Stufen herabgestiegen in unterirdische Schlupfwinkel, in welchen ich mit eigenen Augen Folgendes wahrgenommen habe: dreißig bis vierzig Geschöpfe, Männer, Frauen, Kinder, Knaben wie Mädchen, schlafend wild durcheinander in einem ungefähr zehn Fuß breiten Loch; die Lumpen, welche sie am Tage bedecken, sind die Nacht hindurch ausgespannt über einem Lager von Holzspänen und Stroh, welches dieser Herde zum Bett dient, dergestalt, daß die Leiber, nur von unnützen Fetzen behängt, in ihrer halben Nacktheit wie eine Ausstellung von Menschenfleisch erscheinen.“ –

„In der Pfarre von St. Giber (Hanover Sq.), so sagt seinerseits Herr Leon Faucher, hatten 999 Familien bei der durch Lord Santon angestellten Untersuchung jede nur eine Stube; 623 waren jede auf ein einziges Bett beschränkt; in einer dieser Familien vereinigte ein einziges Bett einen Vater und eine Mutter, beide fünfzig Jahre alt, einen brustkranken Sohn von zwanzig Jahren, eine skruphöse Tochter von 17 Jahren und ein drittes jüngeres Kind.“ –

„Ohne allen Zweifel, so bemerkt wieder Eugene Rendu, sind, abgesehen von den physischen Folgen einer solchen Anhäufung in verpesteten Räumen, die sittlichen Zustände in London und in Liverpool identisch; aus denselben Ursachen müssen dieselben Wirkungen entspringen; dort, wie hier, muss ein solcher Stand der Dinge zur viehischen Gemeinschaft führen. Dergestalt, daß in diesen Städten die Scham, wie der Reichtum, das Privilegium der höheren Klassen zu werden scheint.“ – Das Elend führt zum Laster, werfen wir auch auf dieses einen Blick:

„Alle Straßen von London haben ihre rooms oder public-houses; ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte, daß man ihrer eines auf zehn Häuser zählt. Nach den Stadtvierteln sind die rooms mehr oder weniger glänzend, und die Bevölkerung steigt dort abwärts vom Sohn des Lords bis zum Packträger der Docks. In der Nachtzeit muss man, wenn man so viel Mut hat, die public-houses besuchen, um ihre Wirkung auf die öffentliche Moral zu beurteilen; von zehn Uhr Abends bis zwei Uhr morgens, wenn die helle Beleuchtung der Comptoire die sie umgebenden Finsternisse trotz der Glanzlosigkeit der Scheiben durchdringt, muss man den Strom ausschweifender Mädchen und Herren sehen, sofern es sich um die reichen Stadtviertel handelt, und den Strom der Arbeiter und Knaben, sofern man in den armen Straßen ist, wie sie ununterbrochen die halboffene Türe der public-houses zuschlagen… Man braucht kein unerbittlicher Moralist zu sein, um zu behaupten, daß eine gewohnheitsmäßig eine solche Atmosphäre einatmende Bevölkerung unrettbar der wildesten Ausschweifung preisgegeben ist… In den Stadtteilen, von denen ich spreche, scheint das public-house ein regelmäßiger Erholungsort zu sein…

„Vom Laster zum Verbrechen ist der Übergang leicht… In White Chapel und Umgegend gibt es Schulen und Meister des Diebstahls und des Raubes. Die Schulen sind die Docks, wo die durch eine Riesenkraft aufgehäuften Erzeugnisse der ganzen Welt die Habgier reizen, und der Erfahrung und Übung eine nie versiegende Ausbeute darbieten; die Meister sind bald die Hehler, welche – man sollte es kaum glauben – Eltern zu finden wissen, die ihnen auf Wochenfrist ihre Kinder vermieten, bald alte Weiber, welche auf Borg kaufen, um verschuldete unglückliche Kinder zu zwingen, durch Beraubung eines Warenlagers sich frei zu machen. – Aber beim Externate bliebt es nicht, es gibt auch ein Pensionat des Diebstahls. – Ich bin selbst um drei Uhr morgens, immer, wohl zu merken, unter dem Schutz des Polizeibeamten, in ein ausschließlich für Diebslehrlinge bestimmtes Lokal eingetreten; auch ein Triumph der persönlichen Freiheit! … –
aus: Nicolas, August, Über das Verhältnis des Protestantismus und sämtlicher Häresien zu dem Sozialismus, 1853, S. 529 – S. 533

Bildquellen

Category: Neuzeit, Nicolas

Verwandte Beiträge

Buch mit Kruzifix
Die Parabel als Lehrweise Christi
Buch mit Kruzifix
Katholische und anglikanische Liebe

Unterricht auf die Feste im Kirchenjahr

zu den Beiträgen aus Goffine’s Handpostille

Neueste Beiträge

Mystici Corporis