Die Parabel als Lehrweise Christi

Die Eigentümlichkeit der Lehrweise Christi – Parabeln

Eine Eigentümlichkeit der Lehrweise des Herrn war, daß er oft in Parabeln lehrte. Es ist anziehend und lehrreich, auf diese Lehrweise etwas näher einzugehen.

Was ist denn eine Parabel? Eine Parabel ist ein sinnliches Bild, ein Vorgang aus der sichtbaren Welt, um Übersinnliches und Geistiges daran zu erklären. Deutlicher und anschaulicher zu machen. Diese Parabeln sind bald ausgeführte Gleichnisse aus der Natur oder Vorkommnisse aus dem Menschenleben, also eigentliche, weitläufige Gleichnisreden, bald nur Bilder, kurze Anspielungen und Sinnsprüche, die dem Inhalt nach aber doch eine ganze Geschichte enthalten, z.B.: „Arzt, heile dich selbst“ (Luk. 4,23), „Entferne den Balken aus deinem Auge“ (Luk. 641f).

Warum lehrte nun der Heiland in Parabeln? Erstens gehörte es zur morgenländischen Lehrweise, in Parabeln zu sprechen; ja es ist dieses eine Eigentümlichkeit der orientalischen Redeweisheit nach dem Vorgang Salomons und der Alten (3. Kön. 4,32; 10,1f; Ekkli. 39,1; Bar. 3, 23). Wollte der Heiland als großer Meister auftreten, musste er sich auch in dieser Lehrweise erproben. –

Zweitens war dieses auch prophezeit von ihm (Ps. 77,2; 2. Matth. 13,35). Der Psalmist verkündet im Bild der Verwerfung des Stammes Ephraim (Ps. 77,67) und im Abfall der zehn Stämme vom Hause David den künftigen Abfall Israels vom Sohn Davids und die Verwerfung des Volkes. Diese Verwerfung wird vor allem durch die eigene Schuld des Volkes, dann aber durch den Umstand verwirklicht, daß der Heiland seine Lehre in Parabeln vortrug (Luk. 8,10; Mark. 4,12; Matth. 13,13 u. 14). Es war dieser Umstand für Israel ein wahres Gericht. –

Drittens bot die Art und Weise, in Parabeln zu lehren, viele Vorteile sowohl für die Zuhörer als für den Vortragenden. Sie war sehr passend für die geistige Beschaffenheit der Zuhörer. Weil die Parabel-Weisheit sehr einfach, volkstümlich, zugleich aber auch für Verstand, Phantasie und Gedächtnis sehr fesselnd ist, entspricht sie Gelehrten und Ungelehrten. Ebenso passte sie zum sittlichen Zustand des Zuhörertums. Für Gute und Wahrheitsliebende war sie ein Antrieb zum Nachdenken und Suchen, für unachtsame, träge, übel gesinnte und ungläubige Hörer aber ein Gericht, wie der Heiland selbst es andeutet, „damit sie hören und nicht hören, sehen und nicht sehen“, d.h. sie sehen genug, um zum Forschen angetrieben zu werden, aber sie bleiben in ihrem Unglauben und in ihrer Sünde (Mark. 4,12), weil sie es verschmähen, der halb geoffenbarten Wahrheit nachzuforschen und sich ihr zu ergeben (Luk. 8,10; Mark. 4,11 u. 12; Matth. 13,10-12 u. 15).

Überhaupt eignet sich die Parabel sehr gut, um etwas anzubringen, was man offen nicht sagen kann und will. So verkündete der Herr später sehr oft in Parabel-Form die Verwerfung des Volkes (Luk. 13,28; 19,27; 20,16). Es lag in dieser Lehrweise auch eine zarte und barmherzige Rücksicht gegen die Heiden, deren sich viele bei den Vorträgen des Heilandes einfanden und die leicht abgestoßen worden wären durch eine offene Darlegung der Glaubens- und Sittenlehre oder sie gar nicht gefasst hätten. Indessen sprach der Heiland selbst in Galiläa nicht immer in Parabeln, wie dieses die Bergpredigt beweist, sondern bloß dann, wenn es der Verfassung der Zuhörer entsprach und so lange sie offenbar von der verkehrten Anschauung vom Reich des Messias nicht lassen wollten (Matth. 13,34; Mark. 4, 33 u. 34). So war mit der Parabel allen gedient, denen, die „draußen“ und die „drinnen“ waren (Mark. 4,11).

Das Zeitliche und Sichtbare ist ja nach der Absicht Gottes ein Spiegelbild für das Unsichtbare und Ewige und geeignet, „die Ratschlüsse Gottes von Anbeginn“ (Matth. 13, 35) und „die Geheimnisse des Himmelreiches“ (ebd., 13,11) zu offenbaren in seiner jenseitigen und diesseiten Entwicklung. Die Parabeln sind ferner nicht bloß Sittenlehren in Bildern, sondern auch Prophezeiungen vom Reich Gottes, von der Kirche, von ihren Schicksalen, Einrichtungen, von ihrem Wesen im großen und im kleinen. Bloß in der katholischen Kirche finden sich alle diese Züge verwirklicht.

Für den göttlichen Heiland selbst hatte die Weise, in Parabeln zu lehren, den Vorteil, daß sich sein herrlicher Geist in all seiner Tiefe, Klarheit, Feinheit, in seiner ganzen Anmut, Schönheit und Gefälligkeit, in seinem Reichtum und seiner Volkstümlichkeit offenbaren konnte. Der Heiland machte denn auch ausgiebigen Gebrauch von dieser Lehrweise. Er trug viele Parabeln vor, sachliche und geschichtliche, größere und kleinere, selbsterfundene und bekannte (Matth. 13,52). Wiederholt bedient er sich derselben Parabeln, aber stets in neuer Art, sei es bezüglich des Zweckes und der Anwendung, sei es bezüglich der Ausführung (Luk. 14,16; Matth. 22,2). So gewann er nicht nur beim Volk, sondern auch bei den Gesetzeslehrern an Ansehen und Beliebtheit, so daß er in Wahrheit auch in dieser Beziehung sagen konnte: „Hier ist mehr als Salomon“ (Luk. 11,31). –
aus: Meschler, Moritz SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi, Bd. 1, 1912, S. 366 – S. 368

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