Die Pfingstpredigt des heiligen Petrus

Die Kirche Jesu Christi in den Tagen der Apostel

I. Die Gründung der Kirche in Jerusalem

Pfingstpredigt des heiligen Petrus

Da stand Petrus auf mit den Elfen (1), erhob seine Stimme und sprach zu ihnen: „Ihr Männer von Judäa und ihr alle, die ihr zu Jerusalem wohnet, das sei euch kund getan, und höret auf meine Worte. Diese sind nicht, wie ihre meinet, betrunken, da es ja erst die dritte Stunde des Tages ist (2), sondern es geht hier in Erfüllung, was der Prophet Joel geweissagt hat (3): Es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht der Herr, da will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch; und prophezeien sollen eure Söhne und Töchter, eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Greise Träume schauen, ja selbst über meine Knechte und Mägde will ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen, und sie werden weissagen. Und ich will Wunderzeichen geben am Himmel oben und Zeichen auf der Erde unten, Blut, Feuer und Qualm des Rauches. Die Sonne wird sich verwandeln in Finsternis und der Mond in Blut, ehe denn der Tag des Herrn kommt, der große und offenbare. Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird selig werden.“ (4)

„Ihr Männer von Israel (5), höret diese Worte: Jesus von Nazareth, dem Gott unter euch Zeugnis gab durch Machttaten, Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte wirkte, wie ihr auch selbst wisset: diesen, der nach dem bestimmten Ratschluss und der Vorsehung Gottes überliefert worden (6), habt ihr durch die Hände der Gottlosen (Heiden) ans Kreuz geheftet und umgebracht. Ihn hat Gott auferweckt, indem er die Wehen der Unterwelt (7) löste, wie es denn auch unmöglich war, daß er von dieser zurück gehalten wurde; denn David spricht von ihm (8): Ich sehe den Herrn allzeit vor meinen Augen; denn er ist mir zur Rechten, daß ich nicht wanke. Darum freut sich mein Herz und frohlockt meine Zunge, und auch mein Fleisch wird in der Hoffnung ruhen; denn du wirst meine Seele nicht in dem Totenreich lassen und deinem Heiligen nicht zu sehen geben die Verwesung. Du tust mir kund den Weg des Lebens, wirst mich mit Freude erfüllen durch dein Angesicht. Ihr Männer, Brüder! Lasset freimütig zu euch reden von dem Patriarchen David; er ist gestorben und begraben, und sein Grab ist bei uns bis auf den heutigen Tag (9). Weil er nun ein Prophet war und wußte, daß ihm Gott mit einem Eide geschworen, es werde einer seiner Nachkommen auf seinem Throne sitzen, so hat er vorhersehend von der Auferstehung Christi gesprochen, daß er nämlich nicht in der Vorhölle gelassen und sein Fleisch auch nicht die Verwesung sehen werde. Diesen Jesus hat Gott auferweckt; davon sind wir alle Zeugen. Und nachdem er durch die Rechte Gottes (10) erhöht worden, hat er jetzt den Heiligen Geist, dessen Verheißung er vom Vater empfangen, ausgegossen, wie ihr sehet und höret. Denn nicht David ist gen Himmel gefahren, und doch spricht er: Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße lege. So wisse denn das ganze Haus Israel unfehlbar gewiß, daß Gott diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Messias und auch zum Herrn gemacht hat.“ (11)

Als sie dies hörten, ging es ihnen durchs Herz (12), und sie sprachen zu Petrus und den übrigen Aposteln: „Ihr Männer, Brüder, was sollen wir tun?“ Petrus aber sprach zu ihnen: „Tut Buße, und ein jeder von euch lasse sich taufen im Namen Jesu Christi (13) zur Vergebung (14) eurer Sünden; und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes (15) empfangen. Denn euch gehet die Verheißung an und eure Kinder und alle, die ferne sind (16), so viele immer der Herr unser Gott berufen wird.“ Und noch mit vielen andern Worten gab er Zeugnis und ermahnte sie und sprach: „Lasset euch retten aus diesem bösen Geschlecht.“ Die nun, die sein Wort annahmen, wurden getauft, und es wurden an jenem Tage hinzugefügt (17) bei dreitausend Seelen.

Anmerkungen:

(1) Petrus, das Haupt der Apostel und Oberhaupt der Kirche Christi, hält die erste Predigt und sammelt die erste Christengemeinde. Er zeigt den Juden, daß das Wunder, das sie mit eigenen Augen sahen, von den Propheten vorher gesagt und das Werk desjenigen sei, den sie gekreuzigt hatten, und daß nur im Glauben an Jesus und in der Annahme seiner Wahrheit und Gnade Heil zu finden sei.
(2) 9 Uhr morgens. Es war unter den drei Gebetsstunden die erste und die zeit des Morgenopfers; bis dahin, und an den höheren Festen sogar bis zur sechsten Stunde (12 Uhr), war es bei den Juden nicht gebräuchlich, zu essen und zu trinken. (Lightfood, Horae hebr. Ad h. 1.)
(3) Joel 2,28-32
(4) Mit der Hinweisung auf die Sendung des Heiligen Geistes verbindet Joel die auf das schreckliche Gericht Gottes, in dem das seinen Abschluss findet, was mit der Sendung des Heiligen Geistes begonnen hat. Der hl. Petrus erinnert auch daran, damit die Juden den Zeichen, die sie schauten, und der Gnade Gottes nicht hartnäckig widerstehen und nicht diesem Gericht verfallen möchten.
(5) „Im zweiten Teil seiner Rede behandelt Petrus zunächst die Auferstehung des Herrn als Beweis seiner messianischen Würde und als Erklärung für den Beruf der Apostel, diese Auferstehung zu bezeugen; dann spricht er von dem Pfingstereignis hinsichtlich seines Ursprungs und seiner Beweiskraft für die Erhöhung Jesu“ (Felten, Die Apostelgeschichte 85).
(6) Vgl. Is. 53,7: „Er ist geopfert, weil er selbst wollte.“
(7) Bildliche Hindeutung auf die Notwendigkeit, die für das Totenreich bestand, Jesus heraus zu geben, gewissermaßen zum verklärten Leben zu gebären. Die Auferstehung wird als neue Geburt bezeichnet aus dem Schoße des Todes.
(8) Ps. 15,8-10
(9) Mit Recht macht Hadorn (Die Apostelgeschichte und ihr geschichtlicher Wert S. 16) darauf aufmerksam: „Man nehme in dieser Rede die ganz überraschende Hinweisung auf das Grabdenkmal Davids (Apg. 2,29), welche wie eine in die Augen fallende Demonstration jedermann überzeugen musste, daß Davids Worte von der Unsterblichkeit nicht auf ihn gehen können, weil ja sein Grab unter uns ist, sondern auf einen andern, den Messias, gehen müssen. So etwas erfindet man nicht hintendrein. Das gibt der Augenblick ein, wenn das Auge des Redenden auf die Davidsburg fällt.“
(10) D.i. durch die Allmacht Gottes.
(11) Er ist der wahre, von Gott gesendete Messias und der, dem die Herrschaft der ganzen Welt übergeben ist, wie der Palm es ausspricht.
(12) Vor sieben Wochen waren sie zum großen Teil Zeugen dessen gewesen, was mit Jesus in seinem Leiden etc. vorging. In welchem Lichte musste ihnen jetzt, angesichts des Pfingstwunders, das alles erscheinen!
(13) Auf Grund der Anerkennung Jesu als des Christus und mit der Taufe, die Jesus, der Messias, angeordnet hat, nicht etwa mit der des Johannes oder der Pharisäer etc.
(14) Vergebung der Erbsünde wie der Tatsünden, also Rechtfertigung, ist Zweck der Taufe.
(15) Die Gabe, die im Heiligen Geist besteht, also Heiligung, ist Wirkung der Taufe.
(16) Alle Kinder Israels, mögen sie da sein oder in fernen Ländern unter den Heiden wohnen (Diaspora). Daß die Heiden nicht ausgeschlossen sind, versteht sich von selbst. (Vgl. Mk. 16,15)
(17) Zur Zahl der Jünger Jesu, zur Kirche. –
aus: Schuster u. Holzammer, Handbuch zur Biblischen Geschichte, Zweiter Band, Das Neue Testament, 1910, S. 628 – S. 630

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