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Israel

Lexikon für Theologie und Kirche

Stichwort: Israel

Israeliten, das vom Patriarchen Jakob mit dem Beinamen Israel abstammende semitischen Volk, welches etwa seit 1230 v. Chr. Palästina bewohnte. Die Selbstbezeichnung bildet offenbar gegenüber dem Namen Hebräer, der nur im Mund von Ausländern oder zur Unterscheidung von diesen gebraucht wird, den Ehrentitel als Nachkommen des großen gemeinsamen Stammvaters.

I. Geschichtliche Entwicklung

Die israelitische Tradition führt die Geschichte Israels bis zu seinen Ahnen (Abraham, Isaak und Jakob) zurück. Abraham zog um 1930-20 v. Chr. aus seiner Heimat Ur in Chaldäa über Haran nach Palästina. Von Abrahams Sohn Isaak stammte Jakob ab, der Vater von 12 Söhnen, nach denen die 12 Stämme Israels benannt wurden.

Die früher vielfach vertretene Annahme, die Patriarchen seien Astralgottheiten bzw. alte kanaanitisch Lokal- oder Stammesheroen, ist zu Gunsten der historischen Auffassung der Väter als wirklicher Stammesführer meist aufgegeben. Es ist gelungen, Herkunft und Wanderung Abrahams mehr und mehr in Übereinstimmung mit der biblischen Tradition (Gn. 11, 27ff; 15, 7; Verbundenheit der Väter mit Aram Naharaim, u. bes. Dt. 26, 5: „Dein Vater ein wandernder Aramäer“) auf Grund ältester babylonischer Nachrichten über damalige Völkerbewegungen (vgl. Gn. 14) historisch zu fassen und einzureihen (Protoaramäer). Auch der Name Abram (Abiram) ist gut nordsemitisch. Ebenso zeigen die Patriarchen-Geschichten bis ins Einzelne gehend echt altorientalisch-semitisches Kolorit.

Wenn endlich das Volk Israel wirklich sich einer übernatürlichen Leitung erfreut hat, dann ist anzunehmen, daß die Providenz in ihm die Erinnerung an seine Ahnen, die Zeugen der Großtaten Gottes, nicht untergehen ließ. –

Die Übersiedlung von Ägypten nach Kanaan

Eine Hungersnot veranlasste die Söhne Jakobs, von denen Joseph am ägyptischen Hof eine hohe Stellung erlangt hatte, nach Ägypten überzusiedeln (um 1700/1650), wo ihnen der unterägyptische Gau Gosen überwiesen wurde. Die Bedrückung durch die ägyptischen Könige zwang sie schließlich, Ägypten zu verlassen. Sie zogen unter Ramses II. um 1250, geführt von ihrem Volksgenossen Moses, nach der Sinaihalbinsel, wo ihnen dieser im Namen des Herrn ein die sozialen und sittlich-religiösen Verhältnisse regelndes Gesetz gab.

In Ägypten und während der Wüstenwanderung entwickelte sich nach den Stammesgesetzen das System der 12 Stämme Israels. Vollends durch den Zusammenschluss in der Verehrung des gemeinsamen Gottes Jahve (Sinaibund) gingen diese als geeintes Volk (Amphiktyonie) aus der Wüste hervor – die Geburtsstunde Israels als Nation. Nachdem sich die Israeliten 40 Jahre nomadisierend auf der Sinaihalbinsel, zuletzt südöstlich von Palästina und im Ostjordanland, aufgehalten hatten, betraten sie, geführt von Josue, dem Nachfolger des Moses, das Westjordanland, das kurz vorher noch unter ägyptischer Oberhoheit gestanden hatte. Zur Zeit des Pharao Merneptah (1225-15) muss Israel schon in Palästina ansässig gewesen sein, da eine Inschrift dieses Königs v. 1220 („Israelstele“) auch das Volk Israel (Isirʾr) in einem darauf hinweisenden Zusammenhang nennt.

Nach der Landnahme unter Josue folgten zunächst lange Kämpfe der Sesshaftmachung der einzelnen Stämme (1200 bis 1050). Hier erhoben sich einzelne geisterfüllte Männer, die in Zeiten der Not die Führung aller oder einiger Stämme übernahmen und zeitweilig eine fast königliche Gewalt ausübten (Richter). Unter Samuel, dem letzten Richter, wurde auf Drängen des Volkes das Königtum eingeführt. Der 1. König war der Benjaminite Saul, der zuerst im Kampf mit den kanaanitischen Stämmen siegreich war, schließlich aber den Philistern unterlag.

Ihm folgte der Judäer David (ca. 1011 bis 972). Dieser, nach der Ermordung des letzten Sohnes Sauls von allen Stämmen anerkannt, vollendete die Unterwerfung Palästinas, machte Jerusalem zur stark befestigten Residenz und durch die Übertragung der Bundeslade auch zum Mittelpunkt des religiösen Lebens. Sein Nachfolger Salomon (972-32) erbaute den Tempel, ordnete die Verwaltung des Landes, hob die materielle Kultur des Volkes, erbitterte aber zuletzt die Untertanen durch harten Steuerdruck.

Die Spaltung in ein Nord- und ein Südreich

Als sein Sohn Roboam den Bitten des Volkes um Erleichterung der Steuerlast nicht entsprach, fielen die 10 nördlichen Stämme ab und erwählten 932 Jeroboam I. aus dem Stamm Ephraim, einen früheren Beamten Solomons, zum König. Das Nordreich führte fortan den Namen Israel oder Ephraim, das Südreich den Namen Juda. Jeroboam errichtete alsbald Reichs-Tempel in Bethel und Dan, in denen Jahve unter dem Stierbild verehrt wurde. Der Abfall vom davidischen Königsgeschlecht brachte keinen Segen. Innere Unruhen veranlassten 8-mal einen Wechsel der Dynastie.

Auch in der äußeren Politik herrschte keine Beständigkeit. Zuerst trat man gegen das südliche Bruderreich feindlich auf und schloss sogar wiederholt mit dem aramäischen Reich v. Damaskus ein Bündnis gegen Juda. Zeitweise stand Damaskus aber auch auf Seiten des Südreiches. Erst als die Aramäer gegen beide Reiche feindselig auftraten, verbanden letztere sich zu gemeinsamem Vorgehen, so unter der Dynastie Omri.

Nach mehreren glücklichen Kriegen gegen Damaskus trat Assyrien als Feind auf. Die assyrische Gefahr veranlasste das Nord- und Südreich, mit andern Mächten ein Bündnis zu schließen; aber Salmanassar III. v. Assyrien schlug 853/52 die Verbündeten bei Karkar. Seit dieser Zeit war das Reich Israel den Assyrern dauernd tributpflichtig. Als König Oseas v. Israel sich der assyrischen Fesseln durch ein Bündnis mit Ägypten entledigen wollte, zog Salmanassar IV. gegen Samaria; unter seinem Nachfolger Sargon fiel die Stadt (721).

Damit war die politische Selbständigkeit des Reiches Israel dauernd vernichtet; es war nunmehr assyrische Provinz.

Das Südreich oder Juda

Das Südreich oder Juda (932 bis 587), bestehend aus den Stämmen Juda und Benjamin sowie den Resten von Simeon, blieb dauernd der davidischen Dynastie treu. Es vermochte aber nur schwer, seine Selbständigkeit zu behaupten. Zunächst war es wiederholt vom Nordreich abhängig. Später, seitdem König Achaz (736 bis 721) gegen Israel und Damaskus assyrische Hilfe herbeigerufen hatte, betrachteten die assyrischen Könige Juda als Vasallenstaat. Nach dem Fall Ninives 612 suchten sich die Babylonier die westliche Hälfte des assyrischen Reiches zu sichern und machten Juda tributpflichtig.

Die Bemühungen der Könige Joakim, Jechonias und Sedezias, das babylonische Joch mit ägyptischer Hilfe abzuschütteln, hatten eine 2-malige Eroberung Jerusalems, die Zerstörung der Stadt und des Tempels 587, den Sturz der davidischen Dynastie sowie mehrere Deportationen zur Folge (Babylonische Gefangenschaft). Der von Nabuchodonosor eingesetzte Statthalter Godolias wurde bald ermordet; aus Furcht vor der Rache des babylonischen Königs zog ein Teil der in Juda zurückgebliebenen Israeliten nach Ägypten; so entstand die ägyptische Diaspora.

Die nach Babylonien Deportierten wurden nicht weit von der Stadt Babylon angesiedelt. Mit den in der Heimat zurückgebliebenen Volksgenossen standen sie in regem brieflichem Verkehr. Die wirtschaftliche Lage der Exilanten war nicht günstig. Die religiösen Gebräuche wurden treu bewahrt; man vertiefte sich in das Gesetz, und so wurde Babylonien die Wiege des Schriftgelehrtentums. –

Die Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft

538 eroberte der Perserkönig Cyrus Babylonien. Alsbald kehrten unter der Leitung des Davididen Zorobabel und des Hohenpriesters Josue über 40000 Exilanten in die Heimat zurück und stellten ein neues Gemeinwesen her. Der Tempelbau wurde bald begonnen, musste aber wegen der Intrigen der Samaritaner unterbrochen werden.

Unter Darius I. Hystaspis wurde der Bau wieder aufgenommen und 1.4.515 zu Ende geführt. Die in Babylonien zurückgebliebenen Israeliten bildeten die Grundlage der späteren babylonischen Diaspora. In der neuen Gemeinde zu Jerusalem führte zunächst der aus Babylonien mit 1500 Exilanten zurückgekehrte „Priester und Schreiber des Gesetzes des Himmelsgottes Esdras die religiöse Restauration durch und verpflichtete das Volk 458/57 feierlich auf das Gesetz. Nach ihm stellte sodann der zum Statthalter v. Juda ernannte Nehemias 444 die Mauern der Stadt endgültig her und vollendete das Werk des Esdras als geistiger Reformator durch neue Volksversammlung und schwur auf das Gesetz (444 bis 432; Gründung der nachexilischen jüdischen Religionsgemeinde durch Esdras und Nehemias).

An der Spitze dieser Gemeinde stand jetzt, abgesehen vom persischen Statthalter, der die Hoheitsrechte des Königs zu vertreten hatte, der Hohepriester mit dem Rat der Ältesten. Diese Verfassung blieb auch nach dem Zusammenbruch des Perserreiches zunächst bestehen. –

Die Juden unter griechischer Herrschaft

332 kamen die Juden unter die Herrschaft Alexanders d. Gr. Nach dessen Tod 323 fiel Palästina zunächst den Ptolemäern zu, denen es um 198 durch die Seleuziden entrissen wurde. Während die Juden in den Ptolemäern im Allgemeinen wohlwollende Herrscher hatten, wurden sie unter den Seleuziden sehr ausgebeutet und in ihrer religisöen Freiheit immer mehr beschränkt. Dies hatte schließlich die Erhebung des Matthathias 167 und den Befreiungskampf der Makkabäer zur Folge.

Die Juden erkämpften sich zunächst Kultusfreiheit, 142 auch politische Unabhängigkeit. Das dankbare Volk übertrug den Makkabäer-Fürsten (Hasmonäer) die Priesterwürde, die ebenso wie die Fürstenwürde erblich wurde. In jener Zeit begann der Gegensatz zwischen den glaubens- und gesetzestreuen Juden und ihren vom Hellenismus beeinflussten Stammesgenossen ernstere Formen anzunehmen. Repräsentanten der beiden Richtungen waren die Parteien der Pharisäer und der Sadduzäer. Die Hasmonäer-Fürsten bevorzugten bald jene, bald diese.

Die Juden unter römischer Herrschaft

Durch die Schwäche des letzten Hasmonäers Hyrkanus II. kam bald alle Gewalt in die Hand des von Cäsar begünstigten Idumäers Antipater. Dessen Sohn Herodes wurde 40 v. Chr. vom römischen Senat zum König der Juden ernannt und beherrschte 37 bis 4 v. Chr. das ganze Land. Nach seinem Tod wurde das Reich unter seine 3 Söhne geteilt, Archelaus aber schon 6 n. Chr. abgesetzt und sein Gebiet einem römischen Prokurator unterstellt.

Herodes Agrippa I. beherrschte noch einmal (41 bis 44) ganz Palästina. Dann wurde Palästina von römischen Prokuratoren verwaltet, deren Habsucht und Willkür das von Messias-Hoffnungen erfüllte Volk i. J. 66 zu gewaltsamer Erhebung veranlasste. Die Römer schickten sofort ein Heer nach Palästina. Vespasian, der Feldherr Neros, unterwarf zuerst Galiläa (67). Nach seiner Erhebung auf den kaiserlichen Thron setzte sein Sohn Titus die Unterdrückung des Aufstandes fort. Im Jahr 70 wurde Jerusalem nach erbittertem Kampf erobert; der Tempel ging in Flammen auf, die Stadt wurde verwüstet, der jüdische Grundbesitz unter römischen Soldaten verteilt.

Hatte schon die schwere Seleuzidenzeit viele Israeliten zur Auswanderung veranlasst, so wurde in der Römerzeit die jüdische Diaspora Kleinasiens, Griechenlands, Italiens und Nordafrikas noch weiter gestärkt. Das letzte Aufflackern des nationalen Bewusstseins war der durch Bar Kochba und Rabbi Akiba geschürte Aufstand 132-35 unter Hadrian. (siehe den Beitrag: Der falsche Messias Bar-Kochbas und der Rabbi Akiba) Nach dessen Niederwerfung wurde Jerusalem, nunmehr Aelia Capitplina genannt, den Juden verschlossen. –
aus: Michael Buchberger, Lexikon für Theologie und Kirche, Bd. V, 1933, Sp. 644 – Sp. 647

Weiteres siehe unter:

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