Unsere Zeit verträgt keine Aszese mehr

Die Aszese des göttlichen Heilandes

Unsere nervenschwache Zeit verträgt keine Aszese mehr

Ein stehender Anklagepunkt gegen die katholische Kirche ist ihre Aszese. Der bloße Name erweckt bei unzähligen nicht bloß Mitleid und Spott, sondern Widerwillen, Abscheu, Entrüstung und das ganze Heer widriger und peinlicher Gemütsempfindungen gegen diese „traurige Verirrung des christlichen Geistes“, gegen dieses „Evangelium unmenschlicher Entsagung und Selbstpeinigung“, gegen dieses „System der Herabwürdigung und Unterdrückung unserer gottbegabten Natur“.

Daß Alt- und Neuheiden so denken und sprechen, darf nicht wundernehmen; bei vielen aber, die an das Christentum und an das Evangelium glauben, ist es sicher Mißverständnis und Unkenntnis der Sache, wenn sie so reden. Das steht fest, die katholische Kirche hat keine andere Aszese als die des Evangeliums, und die Aszese des Evangeliums ist die Aszese Christi! Wer an Christus glaubt, muß auch an seine Aszese glauben…

Ganz bedauerlich und mitleidswürdig, aber doch ganz im Geiste unserer Zeit ist eine gewisse entnervte Aszese. Unsere nervenschwache Zeit nämlich will die starken, aber gedeihlichen Mittel der alten Aszese nicht mehr vertragen. Kräftige Betrachtungen über die Todsünde, über den Tod und die Hölle, feste, klare Grundsätze und nennenswerte Proben in der Armut und Demut sind zu starke Zumutungen. Alles muß leicht, angenehm, spielend und von selbst gehen. Nicht Mittel, sondern Mittelchen, nicht Kuren, sondern Beruhigungsmittel will man; kleine, süße Andachten und anderer geistlicher Firlefanz sollen es tun. Es ist in der geistlichen Mode vielfach wie in der heutigen Kleidermode viel Schein und wenig Sein. Wir müssen durchaus, wie in der kirchlichen Wissenschaft und in der kirchlichen Kunst, so auch in der Aszese zu den Alten zurückkehren, wenn etwas Gedeihliches gefördert werden soll. –
aus: Moritz Meschler SJ, Gesammelte Kleinere Schriften, 1. Heft: Zum Charakterbild Jesu, 1908, S. 1; S. 27

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