Bergpredigt Erklärung der acht Seligkeiten

Bergpredigt – Die Seligpreisungen

Die Erklärung der acht Seligkeiten

I. und II. Seligpreisung

I. „Selig sind die Armen im Geiste; denn ihrer ist das Himmelreich.“

Arm im Geiste sind

1) jene, welche gleich den Aposteln alles Zeitliche freiwillig verlassen und um Christi willen arm werden;

2) die, welche durch Unglück oder Ungerechtigkeit um das ihrige gekommen sind und diesen Verlust mit Ergebung in den Willen Gottes geduldig ertragen;

3) die, welche Jesu gleich (Matth. 8,20) mit ihrem armen und niedrigen Stande zufrieden sind, nach keinem höheren und glücklicheren streben und lieber not leiden wollen, als sich durch unerlaubte Künste, Betrug und Diebstahl bereichern;

4) die Reichen und Angesehenen, welche ihr Herz nicht an den Reichtum und die Größe der Erde hängen (Ps. 61,11; 1. Kor. 7,30), sondern ihre Reichtümer und ihr Ansehen vielmehr dazu gebrauchen, um dem Elend der Notleidenden und Unterdrückten abzuhelfen etc.;

5) endlich die wahrhaft Demütigen, die, von ihrer Schwachheit, ihrem Unvermögen und Elend überzeugt, eine geringe Meinung von sich hegen und sich als Bettler ansehen, die stets der Gnade Gottes bedürfen. – Allen diesen nun, in deren Herzen die Welt keinen Platz hat, ist das Himmelreich als Erbteil zugesichert, – hier ist das Reich der Gnade, dort der Herrlichkeit.

II. „Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.“

Sanftmütig ist derjenige, welcher weder gegen Gott murrt, wenn er ihm Übel zuschickt, noch über die Menschen zürnt, die ihm Unbilden zufügen, sondern vielmehr Ungeduld, Zorn, Haß und Rachbegierde unterdrückt, ja das ihm von seinen Nebenmenschen zugefügte Böse mit Gutem zu vergelten sucht. Ein solcher ist dadurch, daß er sich selbst überwindet, stärker, als wenn er feste Städte eroberte (Sprichw. 16,32); er besitzt in sich eine unzerstörbare Quelle von Frieden, Ruhe und Heiterkeit, bezwingt durch seine Sanftmut selbst die feindseligsten Gemüter, ist solchergestalt wahrhaft ein Herrscher auf Erden und wird einst den Himmel, dieses Land der Lebendigen, zum Erbteil bekommen, um sich daselbst eines ewigen Friedens zu erfreuen (Ps. 36,11)

III. und IV. Seligpreisung

III. „Selig sind die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.“

Unter den Trauernden sind hier nicht jene zu verstehen, welche wegen eines Todesfalles, oder wegen Unglücks, Verlustes zeitlicher Güter und dergleichen trauern und weinen, sondern die, welche sich betrüben, daß Gott von ihnen und anderen Menschen so vielfach beleidigt und seine heilige Kirche so schwer bedrängt wird, und deswegen so viele durch das kostbare Blut Christi erlöste Seelen verdammt werden. – Die Sünde ist das einzig wahrhaft beweinenswerte Übel, und nur die wegen der Sünde vergossenen Tränen sind als nützliche Tränen anzusehen, da sie mit ewiger Freude vergolten werden.

IV. „Selig sind, die Hunger und Durst haben nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.“

Der Hunger und Durst bezeichnet das sehnlichste Verlangen nach den Tugenden, welche die christliche Vollkommenheit ausmachen, als: Demut, Sanftmut, Liebe Gottes und des Nächsten, Bußfertigkeit etc. etc. Wer nun eben so sehr nach diesen Tugenden, wie ein Hungriger nach Speise und Trank sich sehnt und Gott inständig und beharrlich darum bittet, der wird gesättigt, d.h. damit bereichert und einst mit ewiger Seligkeit erfüllt werden.

V. und VI. Seligpreisung

V. „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“

Diese Barmherzigen sind

1) jene, welche die ihnen zugefügten Beleidigungen gern verzeihen;

2) jene, welche mit ihrem armen Nebenmenschen Mitleiden haben und ihn mit Almosen nach ihrem Vermögen unterstützen. Diese nun werden Barmherzigkeit erlangen, d.i. Gott wird ihnen ihrer Sünden verzeihen und sie reichlich mit zeitlichen und ewigen Gütern ausstatten. – So tut Gott uns, was wir anderen tun (Matth. 7,2).

VI. „Selig sind, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“

Rein im Herzen sind jene, welche die in der Taufe erhaltene Unschuld sorgfältig zu bewahren oder die verlorenen durch die Buße wieder zu gewinnen suchen; jene, die ihr Herz und Gewissen von allen sündhaften und namentlich unkeuschen Gedanken, Begierden, Reden und Taten unbefleckt zu erhalten und in allen Dingen eine lautere, nur auf Gott hinzielende Absicht zu haben sich bestreben. Diese werden Gott anschauen, d.i. hienieden schon werden sie ihn erkennen; denn gleichwie das Auge, wenn es sehen will, rein sein muss, so können auch nur unbefleckte und gereinigte Seelen Gott sehen; noch mehr: Unsere Erkenntnis ist wie unser Herz; je reiner das Herz ist, desto reiner und größer ist auch die Erkenntnis Gottes. Drüben aber werden sie ihn sehen, erkennen, genießen, wie Er ist! Welche Seligkeit! – Befleiße dich darum, dein Herz rein zu erhalten.

VII. und VIII. Seligpreisung

VII. „Selig sind die Friedsamen; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“

Unter den Friedsamen sind jene zu verstehen, welche den Frieden, d.i. ein ruhiges Gewissen in sich haben und diesen Frieden auch in anderen zu erhalten oder wieder herzustellen suchen, wenn er gestört worden. Solche werden Kinder Gottes genannt, weil sie Gott nachahmen, der ein Gott des Friedens ist (Röm. 15,33) und sogar seinen eingeborenen Sohn dahingab, um die Welt mit sich zu versöhnen (Röm. 5,10), und den Frieden, den die Welt sich selbst nicht geben konnte, auf die Erde zu bringen (Luk. 2,14; Joh. 14,27.

VIII. „Selig sind, die Verfolgung leiden um der Gerechtigkeit willen; denn ihrer ist das Himmelreich.“

Dadurch werden jene selig gesprochen, die wegen des wahren Glaubens, der Tugend, Gottesfurcht, Andacht, Reinigkeit etc. verfolgt, verspottet, ja getötet werden, alles dieses aber mit christlicher Geduld und Standhaftigkeit, ja mit Freude tragen. – Wollen wir nun mit ihnen gekrönt werden, so müssen wir auch mit ihnen leiden. Und wahrlich! Es wird uns, wenn wir uns eifrig der Tugend befleißen, an Gelegenheit dazu nicht fehlen; denn alle, die in Christo fromm leben wollen, müssen Verfolgung leiden (2. Tim. 3,12).

Gebet.

Wie lieblich, o Gott, sind deine Wohnungen! Meine Seele schmachtet nach deinen Vorhöfen, o lebendiger Gott! Der Du Krone und Lohn der Heiligen bist, ihnen ihre zeitlichen Leiden und Schmerzen mit ewiger Freude vergiltst. Wie selig sind nun alle, die Dir auf dieser Welt treu gedient haben! Sie schauen Dich und das Lamm Gottes von Angesicht zu Angesicht, tragen deinen Namen an ihrer Stirne und regieren mit Dir in alle Ewigkeit! Darum bitten wir Dich, o Gott! Verleihe uns auf ihre Fürbitte deine Gnade, daß wir Dir nach ihrem Beispiel in Heiligkeit und Gerechtigkeit dienen, in der Armut, Demut Sanftmut, Bußfertigkeit, in sehnlichem Verlangen nach allen Tugenden, in Barmherzigkeit, vollkommener Herzens-Reinigkeit, in Friedfertigkeit und Geduld ihnen nachfolgen und einst, wie sie, der himmlischen Freude teilhaftig werden mögen. Amen. –
aus: Leonhard Goffine, Unterrichts- und Erbauungsbuch oder Katholische Handpostille, 1885, S. 683 – S. 686

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