Ein Buch des Trostes und der Ermutigung

Geheime Offenbarung des hl. Johannes – Ein Buch des Trostes und der Ermutigung

Mit göttlicher Autorität umkleidet, im Auftrag des himmlischen Kyrios Christos tritt der Verfasser vor die gedrückte, fast verzagende Christenheit hin und enthüllt ihr, was er „Im Geiste“ schauen durfte, und zwar nicht in erster Linie zu eigener Erbauung, sondern zum Heil der Gläubigen. So wird, was er schreibt, ein Buch des Trostes und der Ermutigung. Wie zu Beginn des zweiten Teils der Prophezeiungen des Isaias die göttliche Aufforderung an die Propheten ergeht: „Tröstet, tröstet mein Volk, so spricht euer Gott“ (Is. 40, 1), so wird Johannes beauftragt, „nieder zu schreiben, was er schaute, und zwar, was ist und was hernach geschehen wird“ (1, 19). Das Buch aber soll er wie ein Mahn- und Trostbrief an die sieben Gemeinden Kleinasiens senden. Die Siebenzahl steht für alle Gemeinden der Gesamtkirche. Sie sollen die Schrift aufnehmen als „Offenbarung Jesu Christi“ (1, 1), nicht als Worte eines Menschen.

Aus dieser göttlichen Offenbarung im eigentlichen Sinne des Begriffes sollen die Leser lernen, was ihnen einst Petrus schon geschrieben hatte: „Geliebte, laßt euch nicht befremden durch die Feuersglut, die über euch gekommen ist zu eurer Erprobung, als ob euch etwas Befremdliches (dabei) widerfahre. Nein, freut euch vielmehr in dem Maße, wie ihr teilhabt an den Leiden Christi, damit ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Jubel habt“ (1. Petr. 4, 12f). Der Weg der Kirche und jedes einzelnen Christen geht durch Leiden hindurch. Die Kirche gleicht der hoffenden Mutter in ihrer schweren Stunde (Joh. 16, 20-22). in Anbetracht der naturhaften Leidensscheu des Menschen musste diese Wahrheit immer wieder eingeschärft werden, damit sie nicht in Vergessenheit geriet; sonst liefen die Christen Gefahr, den rechten Maßstab für die Beurteilung der Welt und des Erdenlebens zu verlieren. Johannes gibt diese Belehrung nicht theoretisch, sondern durch prophetischen Anschauungs-Unterricht. Dem Geheimnis eignet das Symbol als sprachliches Ausdrucksmittel. Das gewaltige Geschehen, das der Seher vor den Blicken der Christen enthüllt und in großartigen Bildern oder dramatischen Szenen sich abspielen läßt, ist stets darauf hingeordnet, die Gläubigen über den Sinn des Christenlebens und das Geschick der Kirche zu unterrichten. Die ganze Apokalypse ist gleichsam eine unerschöpfliche Variation über das ermutigende Abschiedswort des Herrn: „In der Welt habt ihr Bedrängnis; doch seid getrost: ich habe die Welt überwunden“ (Joh. 16, 33). Es ist weniger die Bedrängnis und Gefährdung der christlichen Existenz von innen her, aus dem Zwiespalt zwischen Gut und Bös im Menschenherzen. Darüber hat uns Paulus im Römerbrief am gründlichste belehrt. Die Apokalypse lenkt die Aufmerksamkeit vor allem auf den äußeren Feind des Gottesreiches, den mächtigen Widerpart Christi, den Teufel mit seinem großen Anhang. Darum gilt es für die Gläubigen, „getreu zu sein bis in den Tod“ (2, 10), sich nicht verführen zu lassen, ihre „erste Liebe nicht zu verlassen“ (2, 4). Über allem, was ihnen widerfährt, waltet der Allherrscher im Himmel. Zuletzt wird er alle Feinde besiegen, sogar den Tod und den Satan, wenn dieser glaubt, seinem Ziel nahe zu sein (20, 9-10). Dann wird ein neuer Himmel und eine neue Erde sein. Die ewige Hochzeit des Lammes wird alles Treugebliebenen im himmlischen Jerusalem vereinigen, und alles Leid wird ein Ende haben.

So wird die große Apokalypse des heiligen Johannes zu einer planvollen und erhebenden Erweiterung dessen, was Christus selbst seinen Jüngern in der „kleinen Apokalypse“, nämlich in seiner eschatologischen Rede (Mark. 13, 1ff u. Parall.), in kurzen Zügen dargelegt hatte. Wie dort zuerst von gewaltigen Naturkatastrophen, Krieg und Hungersnot gesprochen wird, dann von Verfolgungen und Leiden der Gläubigen, von Verführern, die sich jeweils als Messias ausgeben, bis endlich der Weltenrichter erscheint, um die Guten ins ein Reich aufzunehmen, die Bösen aber der ewigen Pein zu überantworten, so baut auch Johannes sein Werk nach diesem Grundriss auf, nachdem bereits die „paulinische Apokalypse“ (2. Thess. 2, 1-12) sich in den wesentlichen Punkten daran gehalten hatte. Die Blickrichtung auf die Entscheidung bringt eine starke eschatologische Spannung in die Geschichte der Kirche, aber auch in jedes echte Christenleben. Aus dieser Spannung, die leider zu oft mit Weltuntergangs-Stimmung verwechselt wird, strömt die Widerstandskraft der Getreuen Christi gegen die Christus feindlichen Mächte und alles Erdenleid. Es ist also durch die besondere Zielsetzung der Apokalypse von selbst gegeben, daß darin dem Kampf Satans gegen das Gottesreich und dem Endsieg Christi die höchste Aufmerksamkeit gewidmet wird, während dieses Moment in den eschatologischen Reden Jesu nur eben angedeutet zu werden brauchte.

Jesus wollte seine Jünger vor allem vor den übertriebenen Enderwartungen der jüdischen Eschatologie warnen. Johannes geht es, der veränderten Zeitlage entsprechend, mehr darum, die Gemeinden mit Bekennermut und Märtyrergeist zu erfüllen. Er selbst durfte ja die Offenbarung Christi entgegen nehmen, während er „um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen“ auf Patmos in der Verbannung weilte. Indem er die Gesichte auf göttlichen Befehl hin sorgfältig in ein Buch aufzeichnete und den bedrängten Gemeinden kund gab (1, 11), ermutigte er die Gläubigen zu steter Treue im Bekenntnis. Das will nicht besagen, Johannes habe allen Christen das blutige Martyrium in Aussicht gestellt. Dann hätten sich seine Gesichte nicht einmal in den Jahrhunderten der allgemeinen Christenverfolgungen erfüllt; denn auch damals starben viele eines friedlichen Todes. Aber die Bereitschaft zum Einsatz des Lebens für Christi Reich, wenn es gefordert werden sollte, musste in allen vorhanden sein und gestärkt werden. Nur so war der Feind zu überwinden. Nicht alle, die in den Kampf ziehen, fallen. Aber jene Truppe siegt, in der kein Soldat das letzte Opfer scheut.

Wir hätten jedoch die Begriffe Märtyrer und Martyrium, zeuge und Zeugnis in der Apokalypse nicht recht verstanden, wenn wir jeden, der um seines Glaubens willen als Jünger Christi gewaltsam stirbt, als Zeugen und seinen Tod als Zeugnis im Sinne dieses Buches bezeichneten. Der heutige Sprachgebrauch deckt sich nicht ganz mit dem der Apokalypse, der die Hingabe des Lebens keineswegs ausschließt, aber noch ein Moment in sich begreift. Es genügt auch nicht, wie es vielfach geschieht, die beiden Begriffe lediglich auf die Bezeugung der Lehre Christi durch die Verkündigung des Glaubens an Christus zu beschränken. Zeugen, Märtyrer, nennt die Apokalypse den, der die Wahrheit der Lehre Christi verkündet, werbend für sie eintritt, der dann aber auch bis zumLetzten zu ihr steht und sein Zeugnis mit dem Tode um Christi willen besiegelt. Man könnte also sagen: Zum Zeugen im apokalyptischen Sinn gehört das Zeugnisgeben im Leben und im Tod. Der Märtyrertod ist die Krönung des Märtyrer-Wirkens. Dieser Sinn wird durch Offb. 17, 6 gefordert. Urbild und Vorbild des Zeugentums im Leben wie im Tod ist Christus, „der getreue und wahrhaftige Zeuge“.

Wie nachhaltig diese Erziehung zum Märtyrer-Geist in der Urkirche gewirkt hat, beweist das Schreiben der Gemeinden von Vienne und Lyon an die Christen Kleinasiens vom Jahre 177. Es ist ganz durchdrungen vom Geist der Apokalypse und bedient sich mehrmals ihrer Worte (Eusebius, Kirchengeschichte 5, 1-5). –
Herders Bibelkommentar Die Heilige Schrift für das Leben erklärt, Bd. XVI/2 Die Apokalypse, 1942, S. 6 – S. 9
weitere Herders Bibelkommentare zur Geheimen Offenbarung siehe: Herders Bibelkommentare zur Apokalypse

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