Die schwere Sünde des Ärgernisses

Das Bild zeigt die Sünde und ihre Folgen: Gottvater, ein Engel mit dem Flammenschwert zu Eva gewandt, ein anderer Engel mit einem Zweig zu Maria gewandt

Die Schwere der Sünde des Ärgernisses

Was meinst du, hat Maura dem Timotheus durch ihr Weinen, Bitten und Jammern, daß er sich doch das Leben erhalte, Ärgernis gegeben und eine schwere Sünde begangen? Ihre Absicht war ja eine gute: sie wollte dem Mann das Leben retten; ihr Beweggrund war auch ein guter: sie handelte aus Liebe zu ihrem Mann. Somit scheint es, ihre Sünde sei höchstens eine läßliche gewesen. Allein, wie sehr trügt hier der Schein! Ärgernis gibt man dem, den man absichtlich zur Sünde verführt, oder dem man freiwillig und mit Bewußtsein Gelegenheit dazu bietet. Das hat Maura getan: denn als Christin wußte sie bestimmt, daß sie dem Mann nicht das geistige Leben töten dürfe, um sein leibliches zu verlängern, daß sie Gott mehr Liebe schulde, als dem Mann. Deshalb beherzige wohl die Schwere der Sünde und die Vielfältigkeit des Ärgernisses:

1. Das Ärgernis ist eine sehr schwere Sünde. Das bezeugt Jesus selbst, indem Er drohend spricht: „Wehe dem, der Ärgernis gibt! Wer eines von diesen Kleinen, die an Mich glauben, ärgert, dem wäre es besser, daß ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er ins Meer geworfen würde.“ (Mark. 9) Jesus nennt der Ärgernis Gebenden geradezu Satan, d. h. Widersacher Gottes, Menschenmörder: Er, der den Ihn verleugnenden Petrus mit einem Blick der Gnade und Erbarmung angeschaut, zürnt demselben Petrus, der Ihn von dem Gang nach Jerusalem zum Opferleiden abhalten wollte, mit dem strafenden Wort: „Weiche von Mir, Satan, du bist Mir ein Ärgernis!“ (Matth. 16) Wenn Jesus den so bevorzugten Petrus, der nur aus Liebe und Anhänglichkeit zu Ihm seinen für die Welt heilsamen Kreuzestod hindern wollte, einen Satan nennt: welchen Namen verdient derjenige, welcher mit Wissen und Absicht nicht bloß Gutes verhindert, sondern zum Bösen antreibt! Ud in der Tat ist jeder Ärgernis Gebende, jeder Verführer ein Widersacher Gottes, weil er sich bemüht, Seelen, welche Jesus Christus um den Preis seines kostbarsten Blutes der ewigen Glorie teilhaftig machen will, in das ewige Verderben zu stürzen. Oft ist er ein gefährlicherer Widersacher Gottes als der Teufel (Satan) selbst, weil er unter dem Deckmantel der Tugend seine Bosheit besser verbergen und dem Unbefangenen größere irdische Güter und Genüsse versprechen kann als der Satan aus der Hölle. (siehe auch den Beitrag: Worin besteht die Bosheit der Todsünde?)

2. O wie vielfältig ist diese furchtbare Sünde, wie groß die Zahl solcher Satane! Ärgernis geben Alle, welche auf irgend eine Weise zum Bösen reizen, raten, helfen, es gebieten oder gut heißen, oder durch Unterlassung ihrer Pflicht es verursachen. Ärgernis geben insbesondere diejenigen, welche vor Andern unzüchtige, gottlose Reden führen, welche sich unehrbar kleiden, welche schlechte Bücher ausleihen und verbreiten, welche schlechte Bilder vor Kindern in der Familie oder öffentlich ausstellen, welche Spielern, Säufern, Dieben, Religionsspöttern oder andern lasterhaften Menschen ihre Häuser öffnen, oder irgendwie zur Ausführung ihrer Schlechtigkeiten behilflich sind. Ärgernis geben Vorgesetzte, welche das Böse nicht pflichtgemäß abwehren, oder wohl gar noch befördern durch Wort und Beispiel, z.B. Eltern in Bezug auf ihre Kinder (siehe den Beitrag: Liebe Eltern: Die Kinder sind Gottes Eigentum) Herrschaften in Bezug auf ihre Dienstboten, Beamte, Lehrer und Seelsorger in Bezug auf die Untergebenen. Wie verschwindend klein ist doch die Zahl der Nachfolger des hl. Timotheus im Vergleich zu jenen der hl. Maura, welche leider nicht wie diese ihr Ärgernis wieder gut machen!

aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 948-949

Category: Christenlehre
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