Torheit des Stolzes und der Hoffart

Die Torheit des Stolzes und der Hoffart

Wenn du nun in deinem Geist Petrus den Dominikanermönch in ärmlichem Ordenskleid, wie er dem gemeinen Volk und den rohen Soldaten die göttlichen Wahrheiten und Gnaden ausspendet, und Petrus den Domdekan in rotseidenen Prachtgewand, wie er hoch zu Roß durch die Straßen trabt und die Schmeicheleien der gaffenden Menge entgegen nimmt, neben einander stellst; so fühlst du lebhaft, wie töricht der Stolz ist. Deshalb mahnt der fromme Tobias seinen Sohn so eindringlich: „Laß die Hoffahrt niemals in deinem Herzen oder in deinen Worten herrschen; denn die Hoffahrt ist der Anfang aller Übel.“ (Tob. 4) Fragst du, was der Stolz sei, so wisse, er ist eine unordentliche Schätzung seiner selbst und eine unordentliche Begierde nach Schätzung bei Andern. Erstere ist der innere stolz: wenn man sich selbst zu viel achtet; letztere ist der äußere Stolz: wenn man die Achtung sich von Andern erzwingen will. In beiden Gestalten ist er töricht.

1. Der innerliche Stolz inzensiert sich wegen der etwaigen Vorzüge – Talent, Wissenschaft, Stärke, Geld, Adel, Schönheit, Amtswürde, wohl auch Frömmigkeit, – die er vor Andern besitzt und schaut verächtlich auf diejenigen herab, welche derlei Vorzüge nicht haben, oder doch nicht in geichem Maße haben. Die Torheit dieser Selbstberäucherung ist groß. Denn dem König wie dem Bettler hibt der hl. Geist die gleiche Mahnung: „Gedenke, o Mensch, daß du Staub bist und wieder zu Staub werden wirst.“ (1. Mose 3) Nun aber wäre es gewiß eine lächerliche Torheit, wenn auf dem Friedhof ein Häufchen Moder vor andern sich brüsten wollte: „Ich bin vornehmer als ihr!“
Der reiche, im Himmel und auf Erden berühmte Job hat uns seinen Adelsbrief hinterlassen des Inhalts: „Ich sprach zur Fäulnis: du bist mein Vater, und zu den Würmern: ihr seid meine Mutter und meine Schwester.“ (Job 17) Wäre es nicht töricht, wenn der Stolz sich rühmte daß seine Fäulnis einen feineren Gestank verbreite, oder daß seine Würmer von höherem Adel seien?
Hell beleuchtet der hl. Paulus die Torheit des Stolzes, indem er den Hoffärtigen zur Rede stellt: „Auf was bist du denn stolz? Was besitzest du denn, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, worüber magst du noch stolz sein?“ (1. Kor. 4) Doch ja, o Mensch, auf eines darfst du stolz sein, wenn es fir beleibt; du darfst dich rühmen mit dem großen König David: „In Ungerechtigkeiten bin ich empfangen worden, und in Sünden hat mich empfangen meine Mutter.“ (Ps. 50) Mögest du dich an der Hand der göttlichen Gnade aus diesem Unrat erheben, wie Petrus Gonzales aus dem Straßenkot!

2. Der äußerliche Stolz bettelt seine Mitmenschen um Hochschätzung an, und er tut es mit einer Dreistigkeit, die den Bettler entehrt. Wie kindisch ist das Benehmen des Stolzen, der durch gebieterische Miene, durch weit geöffnete Augen und aufgesperrte Augenlider (Sprüche 30,13) und durch hochtrabenden Gang seine Gewichtigkeit anpreisen und von gedankenlosen Leuten sich Komplimente erzwingen will! Wie närrisch ist die Freude des Stolzen, die er nicht verbergen kann, wenn niederträchtige Schmeichler ihn über Verdienst loben, seine Schwachheiten als Tugenden rühmen und ihm Vorzüge beilegen, von denen er wohl weiß, daß sie nicht wahr sind, aber gerne annimmt, daß andere sie für wahr halten! Wie lächerlich ist die peinliche Ungeduld des Stolzen, der es nicht erwarten kann, bis Andere ihn loben, der deshalb die Mühe selbst auf sich nimmt, seine Talente, Taten und Verdienste vor der Welt zu verkünden! Der Geplagte, er hat nie den Ausspruch Jesu gehört oder beherzigt: „Wenn ich Mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts.“ (Joh. 8) Ja er ist vor lauter Selbstüberschätzung unfähig einzusehen, daß seine Prahlerei Allen ekelhaft und seine Gesellschaft den Meisten beschwerlich ist. Den ersten Preis in der Dummheit jedoch verdient jener Stolze, welcher durch die Art, sich zu kleiden, oder durch Form und Farbe der Kleider, oder durch tändelnde Ziererei sich über Andere erhebt, wie etwa ein affe in einem Theater. Ob mehr Narrheit oder mehr Bosheit dieser Art Hoffart zu Grunde liege, hängt von der inneren Absicht des Stolzen ab. Eines von Beiden ist es, und in beiden Fällen zeigt der Stolze nur seine törichte Gemeinheit; denn wäre er vernünftig, so würde er gründlicher über die Sache urteilen; wäre er rechtschaffen, so würde er derlei Kindereien vermeiden.

Siehe daher, welch` ein gnädiges Heilmittel die göttliche Barmherzigkeit anwendete, um den seligen Petrus von seiner Torheit zu heilen! Du aber folge dem hl. Geist und laß die Hoffart niemals in deinem Herzen oder in deinen Worten herrschen. –
aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 283 – S. 284

Verwandte Beiträge

Unterricht für den zweiten Sonntag nach Ostern
Heilige Lidwina die reine Gottesbraut
Menü