Freiwillige Übertretung des göttlichen Gesetzes

Die Sünde ist eine freiwillige Übertretung des göttlichen Gesetzes

Schaue noch die Leiche des Soldaten, welcher von seinen Gefährten wegging, den Glauben verleugnete, ins Bad stieg und sogleich starb; ihr Anblick predigt dir in sehr beredter Sprache das Entsetzliche der Sünde. Der Katechismus lehrt: „Die Sünde ist eine freiwillige Übertretung des göttlichen Gesetzes.“ Daß dieser Soldat das erste Gebot: „Du sollst Gott, deinen Herrn anbeten und Ihm allein dienen“ (Matth. 4) übertreten hat, ist gewiß; aber ob er es auch ganz freiwillig übertreten hat, scheint dir zweifelhaft. Prüfe also diese Frage, um dir über die Freiheit oder Freiwilligkeit einen klareren Begriff zu bilden.

1. Es scheint, die Gnade Gottes hat so mächtig auf diesen Soldaten gewirkt, daß sein Wille nicht mehr ganz frei war und sich sozusagen in den Tod des Erfrierens ergeben musste. Denn durch die Gnade des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, und durch den genossenen Unterricht erkannte er ganz klar seine Pflicht gegen Gott, seine einzige Bestimmung für Gott nach dem Vorbild Jesu Christi und seine ewige Seligkeit in Gott in Folge der Erbschaft, welcher der am Kreuz sterbende Erlöser ihm zugesichert hatte. Seine Freudigkeit in dieser Erkenntnis hatte er bewiesen vor dem Kommandanten durch die entschiedene Weigerung, dem Kaiser mehr zu gehorchen als Gott, den falschen Götzen eine Ehre zu erweisen, die nur Gott gebührt; diese Freudigkeit hatte er bewiesen bei der ersten Geißelung, im Gefängnis, bei der Verurteilung zum Tode und noch lange draußen in der furchtbar schneidenden Kälte. Es war ferner für ihn eine sehr mächtige Gnade die Erscheinung Jesu im Kerker, das herrliche Beispiel seiner 39 hochherzigen Waffengefährten, die sehr nahe Aussicht auf den ruhmvollen Besitz der himmlischen Krone und ewigen Glückseligkeit, wodurch sein Abscheu vor den heidnischen Götzendienst und seine Furcht vor der Hölle heilsam vermehrt wurde. Aber mitten in dieser Fülle von Gnaden blieb sein Wille frei, lag die Entscheidung in seiner Freiheit und – er entschied gegen alle diese Gnaden und schon erworbenen Verdienste – er handelte frei und war Gott dem Herrn verantwortlich für seine Tat.

2. Es scheint andererseits, die eigene niedere Natur und die äußeren Umstände haben so mächtig auf seinen Willen eingewirkt, daß seine schwere Übertretung des göttlichen Gesetzes einige Entschuldigung verdient. Denn die anerschaffene Liebe zum Leben, die geheimnisvolle Furcht vor dem Tode übt einen ungeheuren Druck auf den Willen aus; die Schmerzen der tötenden Kälte und der lockende Reiz des so nahen erquickenden Bades darf nicht unterschätzt werden. Rechnet man noch hinzu die Einflüsterungen des Satans: „Rette dein Leben, lindere deine Schmerzen im warmen Bad, nur ein äußerliches Kompliment vor dem toten Götzen ist keine so große Sünde, du kannst sie wieder bereuen und beichten…“, so möchte man meinen, dieser Soldat habe nicht freiwillig gesündigt. Allein mitten in diesen Stürmen der Versuchung blieb sein Wille frei, lag die Entscheidung in seiner Freiheit, er konnte sich für das Gesetz entscheiden, wie die in ganz gleicher Lage sich befindenden Gefährten getan haben; aber er wollte nicht, er handelte frei und war Gott dem Herrn verantwortlich für seine Tat. – Ach wie oft täuscht man sich und hält eine Übertretung des göttlichen Gesetzes nicht für freiwillig, somit nur für eine läßliche oder gar keine Sünde, während sie die Seele tödlich verwundet! Wie pflegst du die Sache zu beurteilen?

aus: Otto Bitschnau OSB, Das Leben der Heiligen Gottes, 1881, S. 183-184

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