Unterricht für den Silvesterabend

Zum Jahresabschluss: Unterricht für den Silvesterabend

Am letzten Tage des bürgerlichen Jahres wird das Fest des heiligen Papstes Silvester gefeiert. Daher wird der letzte Jahrestag gewöhnlich „Silvester“ genannt. Vielerorts ist die üble Sitte eingerissen, den letzten Abend des Jahres in Saus und Braus zuzubringen, im ärgsten Sinnesrausch ins neue Jahr hinüber zu taumeln. So wird oft das alte Jahr schlecht geschlossen und das neue schlecht angefangen, während doch die letzten Stunden des scheidenden Jahres so ernst sind und uns zu heilsamen Betrachtungen mit Gewalt auffordern. Aber gerade darum veranstaltet der böse Feind jene unseligen Vergnügungen an diesem Abend, damit der Mensch die ernste Predigt des scheidenden Jahres überhöre und seine Seele nicht rette. Du aber, lieber Christ, halte es nicht mit den Heiden, sondern ziehe dich zurück in die Einsamkeit und stelle vor Gott eine heilsame Betrachtung an. Vor allem bedenke an diesem Abend folgendes:

I. Die Kürze der Zeit.

Noch wenige Stunden und wieder ist ein Jahr deines Lebens unwiederbringlich vorüber. Das wievielte ist es schon? Wie viele Jahre wirst du noch leben? Wie viele deiner Jugendgespielen sind schon ins Grab gebettet? Vielleicht bist du noch allein übrig von deinen Altersgenossen; wie lange noch? Wie schnell sind deine zwanzig, vierzig, sechzig Lebensjahre vorüber gegangen! „Von gestern sind wir und wissen nichts; und wie ein Schatten sind unsere Tage auf Erden“, sagt Job. (Job 8, 9) „unsere Jahre sind zu achten wie Spinngewebe“; sagt der Psalmist, „der Mensch, wie Heu sind seine Tage; wie eine Blume des Feldes, also welket er dahin.“ (Ps. 89, 9; 102, 15) – Ach, es ist nur zu wahr; auch der heutige Silvesterabend bestätigt es.

II. Die Nähe der Ewigkeit.

Bald schlägt die letzte Stunde dieses Jahres, und es ist hinab gesunken in das Meer der Ewigkeit. Wann wird dein letztes Stündlein schlagen? Wird es im folgenden Jahre sein? Der heilige Schutzengel sieht auf deiner Stirne dein Todesjahr und deine Todesstunde geschrieben; du kennst sie nicht, aber sicher bist du der Ewigkeit näher, als du glaubst. Bist du für die so nahe Ewigkeit bereit? Prüfe dich!

III. Mache heute Abend deine geistige Jahresrechnung:

1) Zähle zusammen die Wohltaten Gottes, di du im abgelaufenen Jahr erhalten hast: die natürlichen Wohltaten: Die Zeit, das Leben, die Gesundheit, Nahrung, Kleidung, Wohnung, alle zeitlichen Freuden (Freuden in der Natur, der Familie, der Freundschaft), Bewahrung vor vielen Übeln, die andern zugestoßen sind; übernatürliche Wohltaten: Religiösen Unterricht, (Predigt, Bücher, Zusprüche), das heilige Messopfer, die heiligen Sakramente, innere Leitung durch den heiligen Geist, Antrieb zum Guten, Abmahnung vom Bösen, verschiedene Ereignisse im öffentlichen, im Familien-, im privaten Leben, Wohltaten ohne Maß und Zahl.

2) Zähle zusammen deine Gegendienste, die du Gott schuldig warst:

a) Der Dank, wo ist er? Worin besteht er?

b) Deine Pflichten – gegen Gott (Gottes Ehre über alles und in allem!); – gegen die Mitmenschen, als Kind, als Vater oder Mutter, als Dienstbote, als Arbeiter, als Beamter, als Reicher; – gegen dich selbst; deinen Leib und deine Seele.

c) Die treue und gute Benutzung der Gaben Gottes, der Zeit, der Gesundheit, der Talente, der übernatürlichen Gnaden. Wo und wie sind deine guten Werken?

3) Zähle zusammen dein Schuldkonto:

a) Die Unterlassungen und Versäumnisse. Wie viele Stunden und Tage hast du verloren? Wie oft hast du deine Arbeit, deine Gebete, den Empfang der heiligen Sakramente unterlassen? Wie viel Gutes hast du gegen deinen Nächsten versäumt? O denk an das viele Gute, das du während des ganzen Jahres nicht getan, und an das Gute, das du schlecht getan, nur aus selbstsüchtigen Absichten, nicht für Gott.

b) Die Sünden, die du täglich und stündlich begangen hast. Denk` an deine Gedanken, an deine Worte, an deine Wünsche, an deine Werke!

O musst du, wenn du nur oberflächlich deine Jahresrechnung übersiehst, nicht bekennen: Zahlreich wie der Sand am Meer sind meine Sünden; mehr denn 10000 Talente bin ich Gott dem Herrn schuldig, und ich habe nichts, womit ich meine große Schuld bezahlen könnte! Und weißt du, was sündigen heißt? Weißt du, was für Strafen schon eine einzige läßliche Sünde verdient, und was auf eine einzige Todsünde in der Ewigkeit folgt? Wenn jetzt dein letztes Stündlein schlüge, wärest du bereit, vor den allheiligen und gerechten Richter zu treten und Rechenschaft zu geben?

O mache dich bereit; heilige noch die letzten Stunden dieses Jahres! In der Bitterkeit deiner Seele bereue vor Gottes Angesicht alle deine Fehler, alle deine Versäumnisse; leiste Ihm Abbitte wegen der Ehre, die du Ihm entzogen, und der Unehre, die du Ihm zugefügt; opfere deinen für dich am Kreuz blutenden Heiland zur Sühne und zur Danksagung auf und versprich ernste aufrichtige Besserung.

Gebet zum Beschluss des Jahres.
O Gott, Du Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes! Ich danke Dir von Grund meines Herzens, durch Jesum Christum, deinen eingebornen Sohn, dafür, daß Du mir dieses Jahr zur Besserung meines sündigen Lebens geschenkt und mich mit so vieler Langmut ertragen hast! Ach, es ist mir von Herzen leid, daß ich die Zeit, welche mir deine Güte zu meinem Seelenheil verliehen hat, so übel zugebracht und nicht zur Besserung meines Lebens benutzt habe. Verzeihe mir, o Vater der Barmherzigkeit! Diese meine Nachlässigkeit; denn ich habe den ernstlichen und festen Entschluss gefaßt, Dir im künftigen Jahre mit aller Treue und mit allem Eifer zu dienen. Ich will nicht länger mehr zögern; ich sehe sein, welch großer Gefahr ich mich bisher ausgesetzt habe. Ich will mir alle Augenblicke, die ich noch zu leben habe, zu nutze machen und das Versäumte durch treue Liebe zu ersetzen suchen. Gib mir, o Gott! Deine Gnade dazu. Ich bitte Dich darum durch Jesum Christum, unsern Herrn. Amen. –
in: Leonhard Goffine, Ord. Praem.; Unterrichts- und Erbauungsbuch oder Katholische Handpostille, 1885, S. 74 – S. 76

Category: Christenlehre, Goffine
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