Katholische und anglikanische Liebe

Die Wahrheit und Vernünftigkeit des Glaubens

Katholische gegen anglikanische Nächstenliebe

Die Krankenölung oder Krankensalbung: der letzte Trost für den Kranken, der vom Priester das Sakrament erhält

Ein Gespräch zwischen Schriftsteller, Richter und Theologe

Der Schriftsteller

Deswegen, weil die katholische, die starke und kindliche Frömmigkeit gegen Gott im Anglikanismus nicht herrscht, ist auch die aus der göttlichen Liebe entsprungene Nächstenliebe dort so selten. (1) Nochmals, wir wollen gern glauben, daß viele Anglikaner, die guten Glaubens sind, eine individuelle Ausnahme von diesem Mangel des Geistes der christlichen Liebe bilden; allein es ist leider angesichts der Tatsachen unmöglich, diesen Mangel selbst im großen Ganzen in Zweifel zu ziehen. Wie sollte sich auch dieser Geist der christlichen Liebe bei Großen und Reichen dieser Welt finden, wenn er selbst bei den Dienern der Religion fehlt, welche ihn den anderen einflößen sollten. Die englische Geistlichkeit ist, seitdem sie mit dem Glauben an das beständig fortdauernde Opfer Christi gebrochen und die Ideen des Priestertums verloren, des heiligen Feuers sichtbarlich beraubt. Nichts Göttliches leuchtete mehr auf ihrer Stirn, das eucharistische Feuer flammt nicht mehr aus ihren Herzen, die Ehe hat ihnen die Flügel der vollen Freiheit der Hingebung und des Opfers beschnitten. Alle Blätter Europas haben in dieser Beziehung das Bekenntnis der Engländer selbst wieder gegeben, welches ihnen das für sie neue und erstaunliche Schauspiel erpresste, das die katholischen Priester und barmherzigen Schwestern ihnen gaben, die in der durch Krieg und Ansteckung dezimierten Orient-Armee mit der Einfalt einer sich von selbst verstehenden heiligen Gewohnheit dem Tode trotzten.

Schon im Jahr 1832, damals als der französische Klerus durch seine heldenmütige und allumfassende Liebe gegen die Cholerakranken seine Feinde entwaffnete, hatten die Mitglieder der Unterstützungs-Kommission vor dem englischen Parlament das Zeugnis abgelegt, daß sie die katholischen Priester überall an den Sterbebetten gefunden hatten, niemals aber protestantische Prediger! Damals richtete der Erzbischof von Dublin ein Pastoralschreiben an seinen Klerus, das uns aller weiteren Beweise überhebt; denn nachdem er auseinander gesetzt, daß nach dem protestantischen Glauben die Gegenwart eines Geistlichen am Sterbebett in keiner Weise notwendig sei, fügt er bei, daß es dem Kranken selbst in seinem Gewissen verboten sei, einen Geistlichen zu sich kommen zu lassen, wenn die Krankheit ansteckend ist.

Der Richter

Ich gestehe, daß das öffentliche religiöse Bewusstsein auf einer sehr niedrigen Stufe stehen muss, damit ein solcher Erlass nur möglich sei.

Der Schriftsteller

Wenn der anglikanische Geistliche ein viel zu kluger Gentleman ist, um ohne Not sein Leben der Gefahr auszusetzen, was werden dann andere Leute tun? Vergeblich wird man daher in England irgend etwas suchen, was auch nur die entfernteste Ähnlichkeit mit jenen zahllosen Genossenschaften barmherziger Brüder und Schwestern hat, denen die fruchtbare Jungfräulichkeit der Heiligen das Dasein gegeben; nirgends wird man etwas finden, was vom Geist jener zahlreichen Vereine und Bruderschaften christlicher Männer und Frauen aus dem Laienstand beseelt wäre, die sich nicht damit begnügen, die Armentaxe zu bezahlen oder den Armen bloß materielle Almosen zu spenden, sondern die auch dem Herzen und der Seele derselben geistliche Almosen bringen und sie in ihren eigenen Augen erheben, indem sie ihnen zeigen, daß sie in Jesus Christus sie lieben, zumal dadurch, daß sie dieselben zum Tisch des Herrn begleiten, wo alle Stände sich vermischen. –

Und doch wären all diese Anstalten und Werke gerade in England, wo sie gänzlich fehlen, am allernotwendigsten (2): denn nirgends sonst hat Elend und Laster eine solche Höhe erreicht.

Der Richter

Dennoch, wie oft bin ich Zeuge britischer Entrüstung über die italienischen Armen gewesen.

Der Schriftsteller

Eine mehr aristokratische als christliche Entrüstung! In Rom fordern bloß arbeitsunfähige Leute Almosen! Ich behaupte das, ohne Furcht widerlegt zu werden. Im übrigen Italien sehen übrigens die Reisenden eben alles, was es von Armen in Italien gibt: denn sie sind dort nicht, wie in England, durch eine unerbittliche Polizei in ihren Heimatort und ihre Hütten oder Höhlen gebannt, sondern strömen an den frequenten Orten zusammen und sind insgesamt nicht im Entferntesten zu einem solchen Grad des Elends herabgesunken, wie das im stolzen Albion der Fall ist. Ein Schriftsteller, der überall fern von allen Übertreibungen und mit Recht sehr darauf bedacht ist, nicht ungerecht gegen die zu sein, welche er widerlegen will, August Nicolas, hat beim Anblick solchen Elendes und solcher Erniedrigung den Schrei seiner Seele nicht unterdrücken können: „Wir haben“, sagt er, „die Kehrseite jener viel gepriesenen englischen Züchtigkeit gesehen, wir waren hinter jenem Kristallpalast der Industrie, zu dem man uns so prunkend eingeladen hat; wir haben die Füße jenes Kolosses des britischen Wohlstandes, der seine Stirne so hoch erhebt, untersucht; sie sind von Ton; doch nein, das ist zu wenig gesagt, sie sind von Kot.“

(1) Die Frömmigkeit ist die Mutter der Brüderlichkeit.

(2) Die philanthropische Hingebung der Miss Nightingale im Krimfeldzug rührt uns. Es ist dies eine schöne Seele, die man loben muss. Aber wer erkennt nicht dennoch sofort die vielen Unterschiede zwischen der Miss Nightingale und einer barmherzigen Schwester. Ich will nur einen Unterschied anführen, der die Aufführung der anderen überflüssig macht: Miss Nightingale hat die Probe einer persönlichen rühmlichen Aufopferung abgelegt, aber sie ist allein geblieben, sie hat kein bleibendes Werk stiften können. Ihr Name ist berühmt geworden und man hat Beifall geklatscht. Die barmherzige Schwester ist unbekannt, niemand weiß ihren Namen. Es ist gleichsam die Verkörperung der Liebe, die von oben stammt, auf Erden aber in Verborgenheit wandelt und Gutes tut. Die guten barmherzigen Schwestern haben die Wunden der Sieger und der Besiegten verbunden, sie haben gelitten und sind gestorben an den Sterbebetten, wie sie es überall tun, ihre Namen aber kennt niemand als den ihrer unvergänglichen Genossenschaft, und wenn die Armen, die Kranken, die Sterbenden sie segnen wollen, so reden sie eben nur von den Schwestern, die ihnen ein Kruzifix zeigen. –
aus: Dechamps, Victor Auguste, Die Wahrheit und Vernünftigkeit des Glaubens, 1857, S. 605- S. 609

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