Warum lässt Gott das Böse wachsen

Hoffnung einer letzten Phase oder Periode der Wiedererkennung

Erstes Kapitel.

Warum lässt Gott das Böse wachsen?

II.

Schon zur Zeit des heil. Paulus begann also der schlechte Keim sich zu bilden: „er ist schon wirksam.“ (2. Thess. 2)

Aber alsdann fragt sich der Geist nachdenklich und beunruhigt: „Warum lässt ihn Gott wachsen? Welchen Vorteil findet denn die ewige Weisheit darin, ihn in Ihrem Werk wachsen zu lassen, wachsen zu lassen bis zur Apostasie?“

Die Antwort auf diesen Einwurf wird eine der schönsten und rührendsten Herrlichkeiten des göttlichen Planes zur Kenntnis bringen.

Gott, der die Liebe ist, ist zugleich die eifersüchtige Liebe. Er rühmt sich dessen in der heiligen Schrift: „Ich bin der Herr Dein Gott, ein starker und eifernder Gott.“ (Exod. 20, 5) Und diese Eigenschaft der Eifersucht gehört so zur Natur Gottes, daß Er sie zu einem Seiner Namen macht: „Eiferer ist des Herrn Name.“ (Exod. 34, 14)

Dies darf nicht überraschen; man ist eifersüchtig auf sein Werk, namentlich wenn dies Werk ein Herz ist, das man für sich gebildet hat.

Nun, gerade im Gegensatz zu dieser göttlichen Eifersucht liegt im Grunde des Menschenherzens die Untreue. „Alle Menschen sind Lügner“ (Ps. 115, 11), sagt wieder die heilige Schrift. Und auch dies darf nicht überraschen: es ist das Nichts, aus dem uns Gott ziehen musste, und wir behalten immer einen Hang zum Nichts. Wie die Liebe und die Treue zum Wesen Gottes gehören, weil Er das Sein ist, so sind die Untreue und die Lüge bei dem Menschen natürlich, weil er Nichts ist.

Als der Ewige das Menschengeschlecht schuf, sah Er diesen Hang zur Untreue; und Er betrübte sich darüber.

Ohne hier von allen Hilfsmitteln, von allen Zeichen der Liebe zu sprechen, die geschaffen wurden, um uns in unserer Treue zu stützen, hatte Er gerade im Hinblick auf unsere Untreue die Menschheit in zwei Teile, ja so zu sagen in zwei Schwestern geteilt: in das Volk Israel und in das Heidentum. Indem Er alsdann Seine Eifersucht mit Seiner Barmherzigkeit verband, hatte Er die Dinge so geordnet, daß, wenn die Eine untreu werden würde, dies das Signal für Seine eifersüchtige Liebe wäre, sich zur andern hinzuneigen, und wenn diese ihrerseits schließlich untreu würde, dies für Seine immer eifersüchtige Liebe ein Grund wäre, wieder zur Ersteren zurück zu kommen.

Und wirklich, als die jüdische Nation, die so lange das Volk Gottes gewesen, sich von jenem mit Dornen gekrönten Haupt und von jenen ausgestreckten Armen abwandte – „den ganzen Tag breitete ich meine Hände aus nach dem ungläubigen Volk“ (Is. 65, 2) – in diesem Augenblick vernahm man einen großen Lärm in dem Heidentum, und es wurde übergossen mit Licht; Gott war es, Der sprach: „Ich spreche zu dem Volk, das meinen Namen nicht anrief: Siehe, hier bin ich; siehe, hier bin ich! – Sie reizten mich mit dem, was nicht Gott war … so will auch ich sie reizen mit dem, was kein Volk ist und sie erzürnen durch ein töricht Volk.“ (Is. 65, 1; Deut. 32, 21)

Aber auch in diesem neuen Versuch, in diesem neuen Bündnis hat sich wieder der Hang zur Untreue vorgefunden, und wir haben soeben gesehen, wie auch das Heidentum seinen schlechten Keim in sich trägt, der sich vergrößert.

Wohlan, er möge wachsen, dieser schlechte Keim der Nationen, er möge wachsen! Warum sollte ihn Gott ersticken? Hat es nicht ein Kirchenvater gesagt: „Denn auch sie müssen ihrerseits in die Sünde verfallen – quae necessario delinquunt tale aliquid.“ Er möge also wachsen; denn an dem Tage, da er zur Fülle seiner Schwärze gekommen sein wird, da wird die göttliche Eifersucht von Neuem aufflammen, sie wird sich wenden und dieses Mal bist Du es, o jüdisches Volk, dessen sie sich wieder bemächtigen wird.

Aber wie! Ist dies das einzige Motiv, ist dies das wahre Motiv, weshalb Gott die Untreue der Nationen wachsen lässt? Hört, Reste von Israel: wenn es zur Wiederherstellung des Bundes notwendig war, daß die christlichen Nationen sie ihrerseits verloren, wenn es zu unserem Glück nötig war, daß das Heidentum unglücklich wurde, dann könnte man vor diesem Egoismus versucht sein, zu sagen, der Messias sei noch nicht gekommen… Aber höre wohl, o Sohn Abrahams! Wenn eines Tages, veranlasst durch die Untreue der christlichen Nationen, die sich von diesen abwendende göttliche Eifersucht Dich sehen wird in Deinen Lumpen, und wenn Du diese Arme, die sich Dir entgegen strecken, wieder erkennen, wenn du Dich ihnen entgegen werfen wirst – in diesem Augenblick wird im Herzen Gottes ein solches Übermaß von Liebe und ein solches Glück sein, daß Er, sich zur Linken wendend, ebenso des andern Kindes, das sich verirrte, eingedenk sein wird; und dann, o Jude und o Heide, wird Seine Barmherzigkeit Euch Beide vereinigen in der gleichen Eifersucht und in der gleichen Liebe.

Dieser bewunderungswürdigen Wiedervereinigung wegen lässt also Gott den schlechten Keim wachsen. Und im Hinblick auf diesen Abschluss des göttlichen Planes endigt der hl. Paulus, nachdem er das Geheimnis der Bosheit verkündigt und geschildert hat, mit dem begeisterten Ausruf, den wir zurück behalten haben: „Gott hat alle unter dem Unglauben verschlossen“ – Juden und Heiden, Er hat sie alle unter dem Unglauben verschlossen – „damit Er sich aller erbarme. O Tiefe des Reichtums der Weisheit Gottes!“ (Röm. 11, 31 u. 32) –
aus: Gebr. Lémann, Die Messiasfrage und das vatikanische Konzil, 1870, S. 73 – S. 76

Fortsetzung Kapitel 5 Teil 3: Vom Keim der Bosheit zu seiner Fülle

Category: Neuzeit
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