Das Geheimnis der Bosheit

Hoffnung einer letzten Phase oder Periode der Wiedererkennung

Erstes Kapitel.

Die Hungersnot – Das Geheimnis der Bosheit

I.

Man weiß, daß der große Paulus das Gefäß voll Erleuchtung und Liebe gewesen ist, welches Gott inmitten der Nationen des Heidentums glänzen ließ, um ihnen das Evangelium zu verkünden und sie zum Eintritt in die Kirche zu bewegen. Nicht allgemein genug aber weiß man, daß es eine Bitterkeit gibt, die dieses auserwählte Gefäß gekannt und in der Tiefe seiner zärtlichen Liebe gleichsam begraben hat.

In der Tat, der Herr ließ ihn im Schoße der Nationen, die er herbeiführte, ein Geheimnis der Bosheit ahnen. Dieses Geheimnis der Bosheit keimt zur Zeit des heil. Paulus und wird in der Folge der Zeiten größer. Von Sorge und Furcht erfüllt, hat sich der Apostel in den beiden Briefen an die Römer und an die Thessalonicher das Geheimnis entschlüpfen lassen; aber um diejenigen, welche er liebte, nicht zu erschrecken und zu entmutigen, verkündigt er die seinem Herzen allzu schwer fallenden Dinge in verhüllten Worten. Die Lehrer und die Väter der Kirche, sowie die Geschichte, haben seitdem den Schleier hinweg gezogen.

Welches ist also dieses Geheimnis der Bosheit?

Wieder handelt es sich um den Messias. Denn in allen Silben dieses großen Buches der Welt ist immer Er es, der in Frage kommt; man wird es am Ende der Zeiten sehen, wenn sich die Weltgeschichte enthüllen wird.

Folgendes ist das Geheimnis des Bösen:

Die Völker des Heidentums, die christliche Völker geworden sind, sollen ihrerseits die Abtrünnigkeit kennen lernen. Wie wir Juden den Messias nicht gewollt hatten in Seiner Person, so soll eine Zeit kommen, da die Völker den Messias nicht mehr wollen werden in Seinem Wirken. Ja, Ihr Völker, Ihr werdet Eurerseits Seiner müde. Wir hatten Ihn Seiner Unscheinbarkeit wegen zurück gestoßen. Unsere Propheten haben Eure Verschwörungen begriffen: „Warum toben die Heiden und sinnen die Völker auf Eitles? – Es stehen auf die Könige der Erde und kommen zusammen die Fürsten wider den Herrn und wider Seinen Gesalbten. (Sie haben gesagt): „Lasst uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihr Joch.“ (Ps. 2, 1-3)

Und nun mögen die verhüllten Stellen des heil Paulus folgen und daneben die Lehrer, welche bereits anfangen, den Schleier zu lüften.

„Sei nicht hoffärtig, (o Heide), sondern fürchte Dich! Wenn Gott der natürlichen Zweige nicht schonte, so möchte Er etwa auch Deiner nicht schonen. Siehe also die Güte und Strenge Gottes… die Güte, wenn Du im Guten verharrest; sonst wirst auch Du ausgehauen werden.“ (Röm. 11, 20-22)

Bis hierher beschränkt sich der heilige Paulus darauf, den Heiden zu drohen und sie ein so ungeheueres Unglück fürchten zu lassen; in den folgenden Versen aber geht er weiter.

„Denn ich will Euch Brüder, nicht in Unwissenheit lassen (damit Ihr nicht Euch selbst erhebt) … (1)

Denn wie auch Ihr einst Gott nicht glaubtet, jetzt aber um ihres (der Juden) Unglaubens willen Barmherzigkeit erlangt habt, so glauben auch sie jetzt nicht zu Eurer Barmherzigkeit, damit auch sie Barmherzigkeit erlangen (wenn Ihr in den Unglauben verfallet) (Röm. 11, 30 u. 31)

Ich gestehe, sagt ein gelehrter Erklärer, daß es natürlicher erscheinen würde, wenn der heil. Paulus nach den Worten: „damit auch sie Barmherzigkeit erlangen“, hinzugefügt hätte: „wenn Ihr in Ungläubigkeit fallet.“ Die Schärfe des Gegensatzes, die Stärke der Parallele scheinen es notwendig zu fordern; wirklich, ohne diese Ergänzung bleibt der Sinn dunkel oder unbestimmt, während, wenn man diesen Sinn unterlegt, alles folgerichtig, zusammenhängend ist, sowohl das enthüllte Geheimnis, als das Motiv, welches die Heiden erzittern machen soll. Aber die Liebe des heil Paulus für die Heiden, deren vorzugsweiser Apostel er war, ließ ihn diesen Teil des Satzes nicht vollenden, so daß er diese Worte unterdrückte, welche gegenüber von Jüngern, die bereits mit Glanz in der Kirche auftraten und sie mit Trost erfüllten, seinen Herzen allzu schwer fielen. Wenn aber diese Verschweigung eine Art Schleier über das, was der heil. Paulus meint, breitet, so muss man doch zugestehen, daß derselbe so fein und durchsichtig ist, daß man leicht alles sieht, was er verdeckt.

Und an einer andern Stelle seiner Briefe stößt der Apostel, der inmitten der Völker, welche er zur Kirche führt, eine Art schwarzen Punkt gewahrt, diesen Schreckensruf aus: „Das Geheimnis der Bosheit ist schon wirksam.“ (2. Thess. 2, 7)

Ebenso wie die schlimmen Anlagen der Juden um zu wachsen, zwanzig Jahrhunderte gebraucht hatten, bevor sie sich in so trauriger Weise auf dem Kalvarienberg völlig entfalteten, ebenso sollte das Geheimnis der Bosheit bei den Heiden Jahrhunderte hindurch keimen und reifen, bevor es in die vollständige Abtrünnigkeit ausschlug.

Nach dem Tode des heil. Paulus haben deshalb mehrere Kirchenväter, welche den schwarzen Punkt wachsen sahen, feierliche Belehrungen und Warnungen gegeben. Diese Warnungen vernimmt man dann und wann wie das Rollen des Donners. Aber das Heidentum, sorglos oder stolz und anmaßend, hat nicht darauf geachtet. Wir wollen hier diejenigen, welche die Erklärung der apostolischen Vorhersagung vollenden, anführen.

„Der Fall Israels hat den Anlass zur Berufung der Heiden gegeben. Wir haben seinen Platz eingenommen, wir sind das wahre Königreich Juda geworden. Aber unsere letzten Zeiten werden durch die Sünde jenen der Juden gleich sein, wenn nicht noch schlimmer.“ (Orig. Homil. IV. in Jerm.)

„Die Sünde der Juden hat das Heil der Völker gewirkt und aus dem Unglauben der Nationen wird hinwiederum die Erkenntnis Israels kommen. Diese beiden Wahrheiten finden sich im heiligen Paulus.“ (S. Jerom. In Cant. Hom. I)

„Gott will, daß der Fall Israels den Reichtum der Nationen wirke. Etwas Ähnliches wird aus den Sünden der Nationen hervor gehen; denn auch sie müssen ihrerseits in die Sünde verfallen.“ (Origen. Explic. Epist. Ad Rom. c.II.)

„Der heil. Paulus entwickelt in bewunderungswürdiger Weise, wie Gott die Welt leitet… Er sagt: da die Heiden von Gott berufen seien und nach und nach mit Seinen Gnaden Missbrauch trieben, so werde Gott die Juden ein zweites Mal berufen.“ (S. Chryst. In Homil. II ad Rom.)

„In der Versammlung der Nationen, welche den Namen christliche Nationen tragen, wird sich eine solche Fülle von Sünden finden, daß Gott wieder auf die Höhe zurückkehren wird.“ Mit Recht konnte deshalb der Prophet sagen: „Wegen dieser Versammlung kehre zurück auf die Höhe“; das heißt: „ziehe Dich noch einmal in die Tiefe Deiner Ratschlüsse zurück, wegen dieser Versammlung der Nationen, welche Deinen Namen tragen, ohne Deine Werke zu tun.“ (S. Augustin. Com. Ad Ps. VII. Nr. 7)

So haben Origenes, der heil. Hieronymus, der heil. Johannes Chrysostomus, der heil. Augustinus, der heil. Gregor der Große gesprochen, das Buch des heil. Paulus in der Hand. Angesichts der Ärgernisse ihrer Zeit und des schwarzen Punktes, der sich immer vergrößerte. Und zu Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, nachdem der Sturm des Protestantismus der Kirche die Hälfte des Heidentums entzogen und weg genommen hatte, stößt Bossuet, indem er, wie die Kirchenväter, den heil. Paulus erklärt, auf`s Neue den Schreckensschrei aus: „Wer zittert nicht, wenn er die Worte des Apostels hört? Müssen wir uns nicht entsetzen vor der Rache, die seit so vielen Jahrhunderten so furchtbar über die Juden ergeht, wenn der heil. Paulus uns von Seiten Gottes ankündigt, daß unsere Undankbarkeit uns eine gleiche Behandlung zuziehen wird.“ (2)

Aus diesem bisher Mitgeteilten: aus dem ersten vom heil. Paulus ausgesprochenen Schreckensruf, aus den Ermahnungen der Kirchenväter, aus der Geschichte, die alle diese Befürchtungen rechtfertigt, können wir in unbestreitbarer Weise schließen, daß es ein Geheimnis der Bosheit gibt, das nicht aufgehört hat, im Schoß der Nationen des Heidentums, die christliche Nationen geworden sind, zu wachsen und daß man gewärtig sein darf, in einem bestimmten Moment der Geschichte die Gestalt des Messias zwischen diesen beiden Verneinungen erscheinen zu sehen: der Verneinung des jüdischen Volkes, welches Ihn nicht erkennen wollte, und der Verneinung des Heidentums, das, „als Versammlung der Nationen“, Ihn verlassen haben wird, nachdem es Ihn erkannt hat.

(1) Röm. 11, 25. – Der Apostel gibt in Betreff des Geheimnisses, das er enthüllen will, zwei Charaktere an: Erstlich, daß es ein tiefes Geheimnis im Verhalten Gottes sei, und ferner: daß es nach der Absicht Gottes ein Mittel sei, um die Heiden in der Demut und in der Furcht zu erhalten. Also alles, was nicht diesen doppelten Charakter – ein Geheimnis zu sein und die Heiden in der Furcht zu erhalten – an sich trüge, das könnte nicht das sein, was der Apostel hier zu offenbaren sucht. Folglich kann sein Zusatz: „Und so ward ganz Israel gerettet werden“, wohl ein Teil des Geheimnisses, nicht aber das ganze Geheimnis, und nicht einmal dessen wesentlichster Teil sein; denn darin, daß Gott, nachdem er das jüdische Volk verworfen hat, dasselbe wieder beruft, liegt für die Heiden nichts Demütigendes oder Einschüchterndes. Im Gegenteil soll sie diese Offenbarung mit Freude erfüllen. Man muss also in anderen Worten des heil Paulus eine stelle suchen, welch ein Motiv der Einschüchterung und damit den Schluss und die Lösung des ganzen Mysteriums enthält. Gerade das findet sich in den beiden folgenden Versen (30, 31), in denen der heil. Paulus absichtlich und liebevoll verschweigend, sagt: „Denn gleich wie auch Ihr, o Heiden“ usw.

(2) Bos. Diss. Sur. l`hist. Univ. II. p. §. 7 édit de 1681. – In den späteren Ausgaben hat man gesetzt: „uns zuziehen kann“, statt „uns zuziehen wird.“ –
aus: Gebr. Lémann, Die Messiasfrage und das vatikanische Konzil, 1870, S. 68 – S. 73

Fortsetzung Kapitel 5 Teil 2: Warum lässt Gott das Böse wachsen

Category: Neuzeit
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