Antonio Vieira Apostel der Indianer

Der Amazonas und sein Einzugsgebiet

Antonio Vieira, Priester der Gesellschaft Jesu

(1608 bis 17. Juli 1697)

Beiträge von Pater Antonio Vieira: Bild mit P. Vieira in seinem Zimmer

Apostel der Indianer Brasiliens

Die Sklaverei des alten Griechenland und Rom war gebrochen durch die Kirche Jesu Christi. Doch die gewissenlose Habsucht europäischer Kolonisten hatte im neuentdeckten Amerika wiederum die empörendste Sklaverei eingeführt. Aber auch jetzt waren es die Diener der Kirche, welche sich diesem Unwesen entgegenstellten. In großartiger Weise tat es insbesondere der Jesuit, Pater Anton Vieira.

Vieira war geboren zu Lissabon am 6. Februar 1608. Sein Vater war Don Christoph Vieira Ravasco, ein Edelmann am spanischen Hof, seine Mutter Donna Maria von Azevedo, Ehrendame der Infantin Donna Katharina. Als Anton acht Jahre alt war, siedelten seine Eltern mit ihm nach Brasilien über. Der Knabe fühlte sich frühzeitig getrieben, ganz Gott anzugehören.

Eine Predigt über die Schönheit Gottes brachte seinen Beruf zur Entscheidung. Fünfzehn Jahre alt, trat er in das Noviziat der Gesellschaft Jesu. Wie ernst er das Tugendstreben nahm, zeigt folgende Äußerung, die er gegen das Ende seines Lebens tat. Er sprach: „Sechzig Jahre sind es jetzt, dass ich in den Büchern studiere und die Welt durchziehe, aber höher als alle Wissenschaft und allen Ruhm hienieden achte ich das ernstliche Streben, nicht eine einzige lässliche Sünde zu begehen.“

Im Jahre 1635 ward Vieira zum Priester geweiht. Portugal stand damals unter spanischer Botmäßigkeit. Doch im Jahre 1640 machte es sich frei und der Herzog von Braganza bestieg den portugiesischen Thron unter dem Namen Johann IV. Die Nachricht hiervon fand freudigen Widerhall in Brasilien. Eine Gesandtschaft ward nach Lissabon abgeordnet zur Beglückwünschung des neuen Königs. Zwei Priester aus der Gesellschaft Jesu begleiteten dieselbe; unter ihnen war Antonio Vieira.

In Lissabon erkannte man Vieiras hohe Talente, besonders seine Rednergabe. In der Tat zählt er zu den ersten Kanzelrednern aller Jahrhunderte, und seine noch vorhandenen Predigten dürfen denen eines Bossuet und Bourdaloue zur Seite gestellt werden. Vieira ward zum Hofprediger in Lissabon ernannt. Um denselben an sich zu fesseln, bot der König ihm ein Bistum an und schlug ihm vor, seinen Orden zu verlassen, damit er das Bistum annehmen könne. Vieira entgegnete:

„Sire, in Ihrem ganzen Königreich haben Sie nicht Bistümer genug, dass Sie mich in Versuchung führen könnten, meinem Jesuitenkleid zu entsagen. Und wenn ich jemals das Unglück hätte, aus der Gesellschaft Jesu verstoßen zu werden, so würde ich nicht aufhören, an ihre Türe zu klopfen, bis man mich wieder aufnähme, und wäre es auch nur als Laienbruder.“

Vieira bat seine Oberen, ihn nach Brasilien zurückzusenden. Als er sich schon an Bord eines Schiffes befand, verbot der König dem Kapitän, ihn mitzunehmen. Vieira aber wusste dennoch nach Brasilien zu entkommen. So war er denn jenem Arbeitsfeld zurückgegeben, in welchem er seine Lebensaufgabe erblickte: der Christianisierung der eingeborenen Brasilianer, Seine Oberen übertrugen ihm die Leitung der Missionen im nördlichen Teil Brasiliens, welcher das ungeheure Stromnetz des Marañon umfasste.

Wirken für die Indianer

Eines der größten Hindernisse der Bekehrung erkannte Vieira in der Habsucht der Kolonisten, welche die Eingeborenen zu Sklaven machten, um aus ihrem Schweiß sich zu bereichern. Es wurden selbst Jagden angestellt, um die Wilden einzufangen und zu knechten. Natürlich musste dies die Eingeborenen mit Hass gegen die Europäer und deren Religion erfüllen.

Vieira war empört über das Verfahren der Kolonisten und hatte schon in Lissabon dahin gewirkt, dass im Jahre 1647 durch ein königliches Dekret die eingeborenen Brasilianer frei erklärt wurden. Unter den schärfsten Strafen wurde die Sklaverei derselben verboten. Im Jahre 1653 wurde dieses Dekret auf dem öffentlichen Platz von St. Luiz in Brasilien angeschlagen.

Das gab eine furchtbare Aufregung. Denn für die Kolonisten handelte es sich um einen gewaltigen pekuniären Verlust. Eine Volksmenge wälzte sich lärmend zum Haus der Jesuiten, die man als Urheber des Dekretes ansah. Es ward eine Adresse an den Gouverneur aufgesetzt, welche verlangte, dass das Dekret nicht ausgeführt werde. Die angesehensten Bürger, sogar viele Geistliche, hatten bereits unterschrieben; auch Vieira und seine Mitbrüder sollten zur Unterschrift gezwungen werden.

Doch Vieira weigert die Unterschrift. „Tod den Jesuiten“! ruft jetzt die Volksmenge und sprengt die Türen des Kollegs. Da erscheint der Gouverneur. Er meint, die Jesuiten sollten nachgeben. Vieira erwidert: „Wenn wir heute dem Volk zu Gefallen das Unrecht gut heißen, so wird Morgen dieses selbe Volk bei ruhiger Überlegung der erste sein, der uns als unseres geistlichen Amtes unwürdig verachtet.“ Der Gouverneur fragte Vieira, ob er den Mut haben werde, seine Sache öffentlich von der Kanzel zu vertreten. Vieira bejahte es.

Rede für die Freiheit der Sklaven

Am nächsten Sonntag, dem ersten Fastensonntag 1653, bestieg Vieira die Kanzel. Als Vorspruch wählte er die Worte des sonntäglichen Evangeliums, mit welchen Satan den göttlichen Heiland versuchte, die Worte: „Dieses alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Vieira sprach: „Das alles will ich dir geben! In der Tat, unsere Seele ist mehr wert als die ganze Welt. Für eine einzige Seele bietet der Teufel alle Reiche der Welt. In unserem Marañon hat er nicht nötig, Welten oder Königreiche oder Städte oder auch nur einen elenden Weiler anzubieten, Er zeigt einen oder zwei Tapuyas [Eingeborene] und sieht sofort ganze Scharen auf beiden Knien sich zu Füßen liegen.“

„Ihr lebt im Zustand der Todsünde; Ihr wandelt auf dem Weg zur Hölle! … Wer seinem Nächsten den Tagelohn oder, was mehr ist, die Freiheit schuldet und, obschon er seiner Verpflichtung nachkommen kann, es unterlässt, lebt im Zustand der Todsünde. Nun schulden in unserem Marañon alle oder doch fast alle Gutsbesitzer den Tagelohn oder gar die Freiheit und, obschon sie diese Schuld abtragen könnten, tragen sie dieselbe nicht ab: also leben alle oder doch fast alle im Zustand schwerer Sünde. … O, dass sich diese Gräber hier vor unseren Augen öffneten, dass ein in diesem traurigen Zustand Verstorbener in unserer Mitte erscheinen könnte: wie klar würde sich auch diese Wahrheit im düsteren Licht der höllischen Flammen zeigen!“

„Aber, werdet Ihr sagen, diese Kolonie kann ohne die Hilfe der Indianer nicht bestehen. Wer wird uns Holz und Wasser tragen? Cassavebrod backen? Sollen das unsere Frauen tun? Sollen wir unsere Kinder an so harte Arbeit gewöhnen? Nun, wenn Gewissen und Gerechtigkeit das wirklich forderten, was wäre es denn gar so Schlimmes? Würde es nicht weit besser sein, von seinem eigenen Schweiß als vom Blut der Unglücklichen zu leben? … Wehe euch, ihr Schätze und Reichtümer Marañons: Ich sehe vor mir so viele kostbare Mäntel, so viele prachtvolle Mantillen: wenn man sie pressen und auswinden würde, welche Masse Blutes würde aus ihnen abtropfen! …“

„Und um einiger Pfennige willen sollten wirklich vernünftige Menschen, Christen, ihre Seelen verlieren und sich in die Hölle stürzen wollen! … Ich frage Euch: ist es denn noch nie geschehen, dass Euch der Tod einen Eurer Indianer entriss, dass sich durch Flucht einige Eurer Sklaven Eurer Gewalt entzogen? Ihr antwortet: Ja, schon viele! — Nun wohlan, wird Eure Vernunft, Euer Gewissen das Opfer, welches der Tod fordert, nicht freiwillig bringen? Wenn das gelbe Fieber ausbricht und Euch alle entreißt, könnt Ihr den Schlag abwenden? Ist es nicht weit besser, sie Gott aus Gehorsam zum Opfer bringen, als sie durch ein Strafgericht Gottes verlieren?“

„Geben wir Jesu Christo diesen Sieg, geben wir dem Himmel diesen Triumph, geben wir der portugiesischen Nation diese Ehre, geben wir der ganzen Christenheit dieses Beispiel, krönen wir uns selbst im Angesicht der ganzen Welt mit diesem Ruhm! Die Welt soll wissen, dass uns Wahrheit, Gottesfurcht, Seele, Gewissen keine leeren Worte sind; dass gemeiner Eigennutz, wie manche meinen möchten, uns nicht beherrscht; die Welt soll wissen, dass es noch Männer gibt, die aus Liebe zu Gott und um ihres Seelenheiles willen die Interessen dieser Erde verachten.“

„Jesu Christo gebührt der Sieg, der Sieg über die größte Versuchung des Teufels! Der Glaube über alles! Das Gewissen über alles! Gott über alles!“

Die Predigt Vieiras schlug durch. Denn bei aller sonstigen Verkommenheit war das Volk Brasiliens noch vom christlichen Glauben durchdrungen. Es ward eine Kommission eingesetzt zur Untersuchung, in welchen Fällen die Sklaverei eine rechtmäßige sei und in welchen nicht. Im letzteren Fall musste Freilassung erfolgen, und dieser Fall wird der häufigere gewesen sein, wenngleich auch stichhaltige Gründe der Sklaverei sich denken ließen, z. B. Verurteilung wegen eines Verbrechens. Am Abend desselben Tages holten die Indianer in Prozession und mit fliegenden Fahnen ihren Befreier vom Jesuiten-Kolleg ab zur Kathedrale, und Vieira erklärte ihnen dort die Wahrheiten der christlichen Religion.

Durch die Freierklärung waren indes manche Indianer obdachlos geworden; Vieira stellte ihnen sein eigenes Bett und die Betten seiner Mitbrüder zur Verfügung.

Misshandlung der Indianer

Doch die Bedrückungen der Eingeborenen begannen auf’s neue. Man sieht das aus einem Schreiben Vieiras an König Johann IV. von Portugal, vom 4. April 1654, in welchem er sagt:

„Am Ende des Briefes, mit dem Ew. Majestät mich beehren wollten, fragen Sie um meinen Rat, ob es für die Kolonie besser sei, zwei Generalkapitäne oder einen Gouverneur hierher zu senden. Für mich, Sire, waren politische Gründe nie maßgebend und heute noch weniger als früher. Um Ihnen jedoch zu gehorchen, will ich offen und ehrlich meine Ansicht aussprechen. Es ist ein kleineres Übel, nur einen Räuber anstatt zwei zu haben.

Man schlug einst Cato zwei römische Bürger zu Befehlshabern zweier Plätze vor; er sagte, sie gefielen ihm beide nicht: der eine, weil er nichts habe, und der andere, weil er sich mit nichts begnüge. So ist es auch mit unseren beiden Generalkapitänen hier. N. N. hat nichts und N. N. begnügt sich mit nichts, und ich weiß nicht, welches die größere Versuchung für die Rechtlichkeit ist — die Armut oder der Reichtum.

Was die Kapitänschaft von Para im höchsten Fall jährlich abwerfen kann, beträgt, wie allbekannt ist, keine 10.000 Cruzaden, und doch hat N. N. in drei Jahren über 100.000 Cruzaden aus der Provinz gezogen.

Diese ganze Summe ist der Preis des Schweißes und Blutes der armen Indianer, die er als seine Sklaven behandelt. Niemanden steht es frei, seinen Dienst aufzugeben und bei einem anderen zu arbeiten. Ein solches Verfahren ist, vom Unrecht der Indianer zu schweigen, selbst für die Portugiesen höchst nachteilig, den armen Leuten aber ist es der Tod.

Ich habe neulich auf einer Station die Beichte einer Indianerin gehört; sie klagte mir mit Tränen, wie sie von neun Knaben, die sie geboren, binnen drei Monaten fünf durch Hunger und Elend verlor. Ich tröstete sie über den Tod dieser Kinder, aber sie entgegnete mir: «Vater, ich weine nicht über sie, sondern über die vier, die noch am Leben sind, ohne dass ich die Mittel habe, sie zu ernähren, und ich bitte Gott alle Tage, mir auch diese zu nehmen!» Wahrlich, sie sind des Mitleides wert, die Tränen dieses armen Volkes!“

„Um auf die Indianer von Para zurückzukommen, so hält sie der Gouverneur wie Sklaven; alle müssen ihm dienen und seine Tabakpflanzungen bestellen. Das Gewissen drängt mich, diese Ungerechtigkeiten zu entschleiern. Die Indianer werden mit Arbeit so sehr überbürdet, dass sie infolge davon jedes Jahr massenweise hinsterben. Sie werden schlechter behandelt als die eigentlichen Sklaven, man reicht ihnen kaum die dürftigste Nahrung, und der Lohn steht in gar keinem Verhältnis, weder zu der Arbeit, noch zu der Arbeitszeit.

Da die Tabakpflanzungen auf schwerem Neubruch angelegt werden, in großer Entfernung von den Aldeen, so sind die Indianer von ihren Weibern getrennt, können ihre Kinder nicht ernähren, und weil ihnen keine Zeit erübrigt, die eigenen Felder anzusäen, empfangen sie keinen christlichen Unterricht und leben, ohne unsere Religion auszuüben, vernachlässigt dem Leib und viel mehr noch der Seele nach. Infolge so grausamer Behandlung fliehen viele bereits bekehrte Indianer in ihre Wälder zurück, und die noch heidnischen Stämme zeigen keine Lust mehr, sich in unserer Nähe niederzulassen. — Gewissenhaftigkeit, und zwar eine zarte Gewissenhaftigkeit ist das einzige Talent, das ich von einem Gouverneur dieser Kolonie verlange!“

Doch Briefe genügten nicht. Nach dem einstimmigen Rat seiner Mitbrüder reiste Vieira persönlich nach Lissabon, wo er im November 1654 eintraf. Der König, obwohl krank, empfing ihn sofort. Es ward eine Kommission niedergesetzt; Vieira verfasste eine umfangreiche Denkschrift, und das Ergebnis waren neue, wirksamere Dekrete zur Ausrottung der Sklaverei.

Vieira ging abermals nach Brasilien zurück, um sein Missionswerk fortzusetzen. Eine Probe seines Ansehens und seines Wirkens bei den Indianern möge hier Platz finden.

Bekehrung der Nheengaïbas

Unweit der Stadt Para, am Ausfluss des Marañon, liegt die große Insel oder Halbinsel Marajo oder St. Johannes. Auf ihr hauste in den Wäldern der kriegerische Stamm der Nheengaïbas. Nun drohte ein Krieg mit den Holländern, welche schon früher in Brasilien grässlich gehaust hatten, und es war zu fürchten, dass die Nheengaïbas sich mit ihnen verbänden. Der portugiesische Gouverneur Pedro von Mello dachte daher, die Wilden der Halbinsel vor der Ankunft der holländischen Flotte zu bekriegen und zu vernichten.

Doch Vieira, den man in den Rat berief, war anderer Ansicht. Er schlug vor, die Nheengaïbas zur Bundesgenossenschaft einzuladen. Man entgegnete: kein Bote werde es wagen, zu ihnen zu gehen. Da bot sich Vieira an, die Botschaft zu übernehmen. Den weiteren Verlauf mögen uns „Die Katholischen Missionen“ erzählen.

„Der Gouverneur war es zufrieden, und Vieira setzte nach der Insel über. Zwei Indianer dienten ihm als Dolmetscher; er ließ den Wilden den Sinn der neuen königlichen Dekrete verkünden, kraft deren sie keine ungerechte Sklaverei, keinerlei Bedrückung von Seiten der Portugiesen mehr zu fürchten hatten, und bot ihnen seinen Schutz an.

Der Name des «großen Vaters», der auch in die Schlupfwinkel von St. Johannes gedrungen war, wirkte Wunder: sechs Häuptlinge, gefolgt von einer Schar Wilden, eilten herbei und stellten sich unter den Schutz der Missionäre, fest überzeugt, dass so in Zukunft niemand mehr ihnen ein Leid zufügen würde. Vieira wollte sofort mit diesen Abgesandten in das Innere der Insel ziehen, aber die Nheengaïbas baten um eine Frist, um sich auf seinen Empfang besser vorbereiten zu können; sie wollten erst ein Dörfchen, ein Haus für den «großen Vater» und eine Kirche bauen. Gegen Mitte Sommer würden sie wiederkommen und mit zahlreichem Geleit den «großen Vater» abholen.

Vieira musste sich zufrieden geben. Er benutzte die Zeit zu einem Besuch der Missionsstationen um Para.“

„Am festgesetzten Tag landeten dreißig Canoes mit ebenso vielen Häuptlingen und einer Schar bewaffneter Nheengaïbas bei Para. Der Anblick war so wild und kriegerisch, dass die Besatzung von Stadt und Festung unter die Waffen trat. Vieira gesellte sich mit zwölf Canoes im Geleit der hervorragendsten christlichen Häuptlinge der Inselflotte bei. Nur sechs Portugiesen, darunter Pater Thomas Ribeiro, schlossen sich ihm an.

Es war der 10. August 1659, als die Schiffe quer über den drei Stunden breiten Rio Para steuerten, der hier die Bai von Goajara bildet, und in den von herrlichem Urwald überwölbten Mapuas einliefen. Am fünften Tage der Wasserfahrt sah man in der Ferne auf dem Fluss ein seltsames Fahrzeug, einem riesigen Meervogel gleich, der Flotte entgegen schwimmen; wie Flügel breitete es seltsam gestaltete Segel aus. Näher gekommen, erkannten die staunenden Portugiesen eine große, ganz mit bunten Vogelfedern überzogene Pirogue, ein wundervolles Gebilde indianischer Phantasie. An Bord dieses Schiffes waren sämtliche Oberhäuptlinge der Nheengaïbas; feierlich holten sie den «großen Vater» ab; die Wälder rundum erdröhnten von dem Hörnergeschmetter und von dem Freudengeschrei der Inselbewohner.

Als das Indianerschiff mit dem Fahrzeug Vieiras Bord an Bord lag, überreichten die Häuptlinge das Kruzifix, welches Pater de Sottomayor ihnen als Unterpfand späterer Apostel hinterlassen hatte. Bis zu Tränen gerührt, erhob Vieira das Bild des Gekreuzigten hoch in seinen Händen und erteilte mit demselben den Kindern der Wildnis den Segen. Am Ufer harrte eine große Schar des Missionärs und begleitete ihn im Jubel nach der aus Palmblättern gebauten Kirche, in welcher Vieira aus vollem Herzen mit seinen Christen das Tedeum sang zum Dank für die Gnade Gottes, die allein die Herzen so wunderbar umzuwandeln vermag.“

„Wenige Tage später berief der Missionär den ganzen Stamm zu einer Volksversammlung. Mit begeisterten Worten redete er von Gott und von der Erlösung durch Jesus Christus, der alle Menschen, auch sie, die Söhne der Wildnis, zu Kindern Gottes berief. Dann feierte er auf festlich bekränztem Altar vor aller Augen das Opfer der heiligen Messe.“

Zur Rechten standen die christlichen Indianer und die Portugiesen, zur Linken die Häuptlinge der Nheengaïbas, nackt, mit bunten Federkronen geschmückt, Pfeil und Bogen in der Hand. Wie die Christen knieten sie nieder. «Ein großer Trost war es für die Portugiesen», schreibt Vieira, «zu sehen, wie sie an ihre Brust schlugen und die Hostie und den Kelch des Heilandes anbeteten, dessen göttliches, für alle vergossenes Blut an ihnen seine Gnaden ganz besonders offenbarte.»

Nach der Messe fragte Vieira die Häuptlinge, ob sie bereit seien, den christlichen Glauben anzunehmen und dem König von Portugal unter Vorbehalt ihrer Freiheit, gemäß der königlichen Dekrete von 1655, Vasallentreue zu geloben. In längerer Rede erklärte er ihnen die Pflichten eines Vasallen, und alle erklärten sich bereit, sowohl Gott als dem König den geforderten Eid der Treue zu leisten.

Nur ein einziger Häuptling namens Pive erhob sich gegen den Vorschlag. «Nein», sagte er, «ich habe nicht nötig, den Portugiesen Treue zu schwören; wir haben niemals unser Wort gebrochen, während sie schon oft die Gesetze ihres Königs und selbst die Gebote des Gottes übertraten, den sie anbeten. An ihnen ist es also und nicht an uns, solche Eide zu erneuern.» Diese Rede des Wilden, die mit großem Freimut eine für die Portugiesen beschämende Wahrheit aussprach, wurde von der Versammlung mit lautem Beifall aufgenommen.

Vieira gab dem Häuptling recht und schlichtete die Schwierigkeit dadurch, dass zuerst die Portugiesen und dann die Wilden den Eid der Treue leisten sollten. So nahten sich denn nach dem Schwur der Portugiesen alle Häuptlinge der Nheengaïbas dem Altar, legten Pfeil und Bogen Vieira zu Füßen und schworen mit erhobener Hand also:

„Ich, Häuptling meines Stammes, verspreche in meinem Namen und im Namen meiner Untergebenen und Nachkommen, Gott und dem König von Portugal, den Glauben unseres Herrn Jesu Christi anzunehmen, ein Untertan Seiner Majestät zu sein, wie ich es von diesem Tage an bin, ewigen Frieden mit den Portugiesen zu halten, als Freund ihrer Freunde und Feind ihrer Feinde.“

„Nach diesem Schwur umarmten sie der Reihe nach die Missionäre, die christlichen Indianer und die Portugiesen. Dann zerbrachen die Wilden ihre Pfeile, und die Portugiesen feuerten ihre Büchsen in den Fluss, während die Hörner bliesen, die Trommeln wirbelten und die Luft vom Freudengeschrei der Scharen widerhallte. Schließlich wurde der so beschworene Vertrag schriftlich aufgesetzt, und die Missionäre mussten die Namen der Häuptlinge unter das Dokument schreiben. Die guten Wilden waren ganz glückselig bei dem Gedanken, dass der König ihre Namen lesen würde.

Vierzehn Tage weilte die portugiesische Gesandtschaft bei den Wilden; die ganze Zeit war ein großes Volksfest. Den Schluss bildete die Errichtung eines riesigen Kreuzes, welches das Andenken an den Schwur der Treue auf die kommenden Geschlechter vererben sollte; dreiundfünfzig Häuptlinge trugen dasselbe herbei, und Vieira segnete es. So war die Insel de las Juanes oder Marajo der Mission geöffnet und zugleich zu einem Bollwerk der portugiesischen Kolonie den Angriffen der Holländer gegenüber gemacht.“ (1)

(1) „Die Kathol. Missionen“ 1881, S. 94 – S. 96.

Was die Entwicklung Brasiliens im Geiste Vieiras hätte sein können

Welches wäre die weitere Entwicklung Portugal-Brasiliens gewesen, wenn die portugiesische Regierung dauernd im Geist Vieiras vorangegangen wäre! Es wäre jetzt vielleicht das blühendste und reichste Land der Erde. Die fruchtbaren Strecken bis zu den Ausläufern der Kordilleren, die gewaltigen Stromgebiete des Marañon und der übrigen Flüsse Brasiliens würden bedeckt sein von den Niederlassungen glücklicher christlicher Indianer.

In den Hafenstädten würden portugiesische Kaufleute durch den Exporthandel Reichtümer sammeln, ähnlich denen, welche England gegenwärtig von Ostindien bezieht. Man hat es jedoch anders gewollt. Vieira mit einunddreißig Gefährten wurde nicht lange nach jenem Vorgang als Gefangener nach Portugal geschleppt. Ein Jahrhundert später entriss die kirchenfeindliche Regierung Portugals unter Pombal 428 Jesuiten-Missionäre den Missionen Brasiliens. Die Zivilisation der Wilden stockte, vielfach auch kehrten dieselben in ihre Wälder zurück. Brasilien riss sich los von Portugal. Seine europäische Bevölkerung ward entnervt durch ein üppiges Wohlleben, und das schönste Land der Erde ward aus ähnlichen Gründen, wie die übrigen Reiche Südamerikas, eine Spielball steter Revolutionen.

Gänzlich indes sind die Früchte der Missionsarbeit nicht verloren gegangen. Wenn Brasilien ein Ländergebiet umfasst, welches das des Deutschen Reiches wenigstens um das Zehnfache überragt, so ist das mehr den friedlichen Eroberungen der Missionäre zu verdanken, als den portugiesischen Waffen. Wenn die ehemals wilden Stämme des neuen Kontinents auch jetzt noch vielfach als friedliche Christen ihr Land bebauen, wo die Kolonisation durch katholische Nationen betrieben ward, wenn sie in Brasilien auch heute noch etwa eine Million zählen; wenn sie dagegen vom Erdboden verschwanden oder doch Wilde blieben, wohin Engländer und Holländer drangen: so ist die glücklichere Lage der Indianer in katholischen Gebieten gleichfalls eine Frucht der katholischen Missionsarbeiten.

Diese Arbeiten waren allerdings nicht gering, Nur einige Andeutungen mögen das zeigen. Vieira verkündete das Evangelium bei nicht weniger als zwanzig Stämmen. In den Jahren 1654 bis 1661 gründete er mit Hilfe seiner Mitbrüder eine ganze Reihe von Christengemeinden, baute sechzehn Kirchen und verfasste Gebetbücher und Katechismen in sechs verschiedenen Indianersprachen. Er schreibt: „Man kennt jetzt schon an den Ufern des Amazonenstromes mehr als einhundertundfünfzig verschiedene Indianersprachen.“ Geistliche Spiele, z. B. Weihnachtsspiele, von Indianerknaben unter der Leitung von Missionären ausgeführt, halfen die Söhne der Urwälder vertraut zu machen mit dem Leben und Leiden des Erlösers.

Gefangennahme Vieiras

Doch wie kam es, dass man Vieira gefangen setzte? Er hatte dauernd für die Freiheit der Indianer gegen die Habsucht der europäischen Kolonisten gekämpft. Diese hatten das Volk aufgewiegelt. Ein bewaffneter Volkshaufe stürmte das Haus der Jesuiten. Vieira ward unter empörenden Misshandlungen in ein Gefängnis verbracht. Dort hielt man ihn Monate lang eingekerkert. Man hätte ihn Hungers sterben lassen, wäre es nicht der Klugheit und Energie eines frommen Mütterchens gelungen, ihn mit Nahrung zu versehen. Vieira und seine Gefährten wurden dann als Feinde und Verräter der Kolonie auf Schiffe gesetzt und nach Lissabon abgeführt.

Auch in Lissabon hatten sich die Dinge zu Ungunsten Vieiras geändert. König Johann IV. war gestorben; sein unwürdiger Sohn und Nachfolger Alphons VI. saß auf dem Thron. Doch die Beredsamkeit Vieiras triumphierte aufs neue. Am Dreikönigsfest 1662 sollte er vor dem Hof die Festpredigt halten. Er tat es, und mit solchem Erfolg, dass die Königin-Mutter, welche damals noch die Regentschaft führte, aus der Kapelle trat mit den Worten: „Die Missionen am Marañon werden wieder aufblühen, Dank Pater Antonio Vieira!“

Abermals trat eine Zeit des Leidens ein für den großen Missionär. Auch in Portugal musste er im Kerker schmachten, und das zwei Jahre hindurch. Indes wiederum zerstreuten sich die Wolken. Am 15. August 1669 ward er von seinen Oberen nach Rom gesandt. Dort sollte er die Seligsprechung des Paters Ignatius von Azevedo und seiner neununddreißig Gefährten betreiben. Dieselben waren auf der Fahrt in die Missionen von Brasilien durch holländische Calvinisten gefangen genommen und aus Hass gegen den katholischen Glauben ermordet. In Rom ward Vieira mit großer Auszeichnung empfangen, besonders auch von Papst Clemens X.

Seine Unterredung mit dem Papst veranlasste diesen zu energischem Einschreiten gegen die Missbräuche bei der portugiesischen Inquisition. Vieira musste die Kanzel im Vatikan besteigen. Auf eine Predigt, die er im Jahre 1673 hielt, unterblieben die öffentlichen Lustbarkeiten des römischen Karnevals. Man nannte ihn allgemein den Fürsten der katholischen Beredsamkeit. Die Königin Christina von Schweden, Gustav Adolfs Erbtochter, welche, um katholisch zu werden, der Krone Schwedens entsagt hatte, wählte ihn gleichfalls zu ihrem Hofprediger und wollte ihn zum Beichtvater haben.

Vieiras Ableben in Bahia

Doch es zog unseren Missionär zurück zu seinen Indianern nach Brasilien, welches er zwanzig Jahre zuvor in Ketten verlassen hatte. Im Jahr 1681 betrat er wiederum den Boden Amerikas. Trotz seines hohen Alters von 79 Jahren ward Vieira im Jahre 1687 noch einmal zum Ordens-Provinzial von Brasilien ernannt. Er wirkte auch ferner mit Erfolg für die Freiheit und Christianisierung der Indianer. Vollständig zwar wurde die Sklaverei erst im Jahre 1755 von Joseph I. auf Bitten der Bischöfe, der Jesuiten und der Kapuziner beseitigt.

Endlich wollte Gott seinen treuen Diener zur Belohnung in ein besseres Jenseits abrufen. Vieira stand im neunzigsten Lebensjahr; fünfundsiebzig Jahre seines Lebens hatte er im Orden verbracht und vorherrschend der Freiheit und Bekehrung der armen Indianer gewidmet. Nachdem er die heiligen Sakramente empfangen, entschlief er fromm in der Nacht vom 17. auf den 18. Juli 1697 zu Bahia. Ganz Bahia gab seiner Leiche das Ehrengeleit: Klerus und Volk, Behörden und Truppen; besonders drängten sich wohl die Indianer zur Leiche ihres „großen Vaters“. Auf die Kunde seines Todes trauerte der Hof von Lissabon, und vor dem Adel und den versammelten Cortes wurden ihm auch hier feierliche Exequien gehalten.

Vieira selbst aber wird im Himmel der ewigen Anschauung Gottes sich freuen und besonders auch stets neue Freude empfinden, so oft Seelen der christlichen Indianer, deren Voreltern von ihm befreit und bekehrt wurden, aufsteigen zum Himmel, um vereint mit ihm die nie endende Seligkeit zu genießen. –
aus: Ludwig von Hammerstein SJ, Charakterbilder aus dem Leben der Kirche, Bd. I, 1903, S. 384 – S. 394

Siehe die Predigten von Antonio Vieira unter:

Siehe auch die Beiträge auf katholischglauben.online:

Bildquellen

Tags: Jesuiten

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