Manoel da Nóbrega, Begründer der Jesuitenmission in Brasilien
(1517 bis 18. Oktober 1570) (1)
Am 8. März 1500 verließ eine portugiesische Flotte den Hafen von Lissabon unter dem Kommando des tapferen Pedro Alvarez Cabral. Zwei Jahre zuvor hatte Vasco da Gama den Seeweg nach Ostindien entdeckt, und das damals so blühende Portugal war bemüht, seine Kolonien zu erweitern. Doch auch die Religion lag damals der portugiesischen Regierung am Herzen. Daher begleiteten acht Weltpriester und acht Franziskaner die Flotte Cabrals, um den Heiden die frohe Botschaft des Evangeliums zu bringen.
In der Nähe des Grünen Vorgebirges ergriff ein Sturm die Flotte. Man steuerte weiter nach Westen und erblickte am 24. April „Land und kupferfarbene Menschen, mit denen man sich nicht verständigen konnte“; man war an die Küste Brasiliens geraten. Pater Anchieta S. J., einer der späteren Missionäre, schildert uns das Land wie folgt:
„Ganz Brasilien ist ein großer Garten voll des üppigsten Baumwuchses. Man sieht das ganze Jahr hindurch keinen kahlen Baum oder Strauch. Die Wälder steigen in wunderbarer Höhe und Stärke zu den Wolken empor und bergen die verschiedensten Baumarten. Viele derselben tragen essbare Früchte. Was ihnen einen besonderen Reiz verleiht, das sind die vielen Vögel in ihren Zweigen von großer Schönheit und Mannigfaltigkeit, welche mit ihrem Gesang den Nachtigallen und Distelfinken, Drosseln und Kanarienvögeln Portugals nicht nachstehen; und wenn man des Weges kommt, führen sie ein Konzert auf, dass man zum Lobe des Herrn unwillkürlich angeregt wird.“
(1) Vergl. „Die kathol. Missionen“ 1890.
Beginn der brasilianischen Mission
Die Franziskaner waren die ersten Ordensleute, welche nach Brasilien kamen. Allein einer derselben ertrank beim Übersetzen über einen Fluss, die übrigen wurden von den Wilden umgebracht. Seitdem kamen keine Ordensleute mehr nach Brasilien, bis die Jesuiten diese Mission übernahmen.
Begründer aber der Jesuitenmission war Manoel da Nóbrega. Derselbe entstammte einer angesehenen portugiesischen Familie. Er studierte mit großem Erfolg kanonisches Recht zuerst an der damals so berühmten Universität Salamanca, dann zu Coimbra. Hier erwarb er den Doktorgrad. Am 21. November 1544 trat er in das Noviziat der erst vier Jahre zuvor vom hl. Stuhl bestätigten Gesellschaft Jesu und verließ am 1. Februar 1549 in Begleitung einiger Gefährten sein Vaterland, um in der Mission von Brasilien zu wirken.
In Brasilien traf er eine große Verkommenheit unter der eingewanderten europäischen Bevölkerung. Neu entdeckte Länder pflegen ja vielfach nicht gerade immer von den besten Persönlichkeiten aufgesucht zu werden, sondern vielfach von solchen, welche in der Heimat irgendwie Schiffbruch gelitten. Für Brasilien kam das weiche, üppige Klima hinzu, und so begreift sich, dass es mit der Sittlichkeit dort schlecht bestellt war. Pater Nóbrega wandte sich daher zunächst der Seelsorge unter den Kolonisten zu. Er und seine Gefährten litten anfangs die bitterste Not, so dass sie gezwungen waren, ihren Lebensunterhalt von Tür zu Tür zu erbetteln.
Bald konnte sich Nóbrega jedoch der Missionsarbeit unter den Eingeborenen zuwenden. Es war nämlich in Bahia, wo er bisher gewirkt, ein portugiesischer Weltpriester eingetroffen, welchem er Kirche, Pfarrwohnung und die Sorge für die Europäer überließ. Schon am 10. August 1549 konnte er seinem ehemaligen Lehrer, Dr. Navarrus in Coimbra, über seine Erfolge unter den Wilden berichten:
„Wir durchwandern ihre Dörfer, um diesen Armen die frohe Botschaft zu bringen, und bedienen uns dabei folgender Methode. Wir laden die Kinder ein, lesen und schreiben zu lernen und benützen dann die Gelegenheit, um ihnen die christliche Lehre beizubringen … Überall, wo wir hinkommen, werden wir bereitwillig und freundlich aufgenommen, besonders von den Kindern, die wir unterrichten … Von denen, die im Guten auszuharren versprachen, haben wir auf Pfingsten (also 2 – 3 Monate nach der Ankunft) bereits an die 1000 getauft. 600 – 700 Katechumenen befinden sich im Unterricht.“
„Wir pflegen Mann und Weib zugleich zu taufen und segnen dann ihre Ehe ein, nachdem wir sie über die Pflichten christlicher Eheleute unterrichtet haben.“
„Wie willig diese armen Wilden sind, zeigt unter anderem folgender Vorfall. Eines Tages unterrichtete Pater Navarro die Kinder im Lesen und lehrte sie dann das dreifache kleine Kreuzzeichen machen. Die Kinder trugen nach Indianerart in ihren durchbohrten Lippen schöne bunte Steinchen, auf die sie nicht wenig stolz sind. Dieselben hinderten sie aber daran, das Kreuzzeichen (über den Mund) zu machen. Da trat auf einmal die Mutter eines der Kinder herbei, zog ihrem Buben das Steinchen aus der Lippe und warf dasselbe auf das Dach des Hauses; sofort taten die anderen Kinder ein Gleiches.“
„Pater Navarro hält sich beständig in den Dörfern der Wilden auf, isst und schläft dort, damit es ihm leichter möglich sei, in der Abendstunde zu predigen. Um diese Zeit sind nämlich alle zu Hause und haben Muße, ihn zu hören. Er versteht ihre Sprache, welche dem Baskischen ähnlich zu sein scheint, bereits sehr gut und übertrifft uns alle an Eifer und Geschick. Überhaupt scheint unser Herr der baskischen Nation von Navarra in besonderer Weise die Gabe verliehen zu haben, den Ungläubigen zu predigen, wie man es am Pater Franz Xaver in Indien und hier in Brasilien an diesem seinem Vetter (Pater Johann de Aspilcueta Navarro) sieht.“
„Die Indianer haben ihm bereits in zwei ihrer Dörfer ein Haus gebaut, wo er wohnt und die Katechumenen unterrichtet. Auch wir haben in einem der nahegelegenen Dörfer ein Haus mit Kapelle erbaut, wo einer von uns sich niedergelassen, um die Neophyten weiter zu unterrichten und die zahlreichen Katechumenen auf die Taufe vorzubereiten. Die Häuptlinge werden wir taufen, sobald wir sie dazu veranlassen können, mit derjenigen ihrer Frauen sich rechtmäßig zu verbinden, welche am meisten Aussicht auf Beharrlichkeit bietet. Denn bisher haben sie sich aus Ehebruch nichts gemacht und ganz nach Belieben ihre Frauen genommen und wieder entlassen. …“
„Einer dieser Häuptlinge ist eifrig damit beschäftigt, lesen zu lernen. Täglich nimmt er Unterricht; in zwei Tagen hatte er das ABC geläufig inne. Er ist überhaupt sehr willig und hat versprochen, ein Christ zu werden.“
Schönes Resultat
„Leider ist unser Häuflein zu klein, als dass wir den zahlreichen Einladungen, die von allen Seiten an uns ergehen, entsprechen könnten. Ich glaube, dass sich auf der ganzen Welt kein Land findet, das so bereit ist, die Lehre des Heiles aufzunehmen, wie dieses hier. Wir sehen die Seelen zu Grunde gehen, nur weil niemand da ist, der sie auf den rechten Weg führt. Darum suchen wir bei denen, die wir vorderhand noch nicht unterrichten können, wenigstens das Verlangen anzufachen, christlich zu werden, damit ihnen, falls sie vor Empfang der Taufe sterben sollten, Gott barmherzig sei.“
„Ich begreife nicht, wie Männer, welche Gott lieben und für seine Ehre begeistert sind, nicht vor heiliger Ungeduld brennen, sofort sich einzuschiffen und hierher zu kommen, um in diesem endlosen, aber an Arbeitern so armen Weinberg des Herrn zu wirken. Große Gelehrsamkeit ist hier nicht erfordert. Dieses Volk der Wilden gleicht einem unbeschriebenen Blatt: man hat nichts anderes zu tun, als die christlichen Tugenden darauf zu schreiben. Nur eines ist nötig: ein feuriges Verlangen, Gott den Herrn auch von diesen Geschöpfen erkannt zu sehen.“
Über diese Wirksamkeit unter den Wilden verlor indes Nóbrega die Europäer nicht aus den Augen. Von Pernambuco, wo er Ende Juli 1551 eintraf, schreibt er: „In dieser Kolonie lebte man bisher ganz ungestört in Sünden jeglicher Art, als ob es so in der Ordnung wäre. Die Mehrzahl der Leute ging nie zur Kommunion; die sakramentale Lossprechung erhielten sie, obgleich sie in ihren Sünden fortlebten. … Einige sind ganz abgefallen, und weil alle so leben, so fällt das Sündigen gar nicht mehr auf. Die Unwissenheit in religiösen Dingen ist grenzenlos; dass wir predigen, scheint ihnen etwas ganz Neues zu sein.“
So stand es damals.
Doch schon am 14. September desselben Jahres konnte Nóbrega an König Johann II. von Portugal schreiben:
„Mit Gottes Hilfe unternahmen wir sogleich den Kampf gegen die Sünden und Laster, und zwar mit nicht geringem Erfolg. Manche der schlimmsten öffentlichen Ärgernisse haben aufgehört; Leute aus allen Ständen drängen sich zur Beicht; alle wollen ihr schlechtes Leben ändern und wieder Christum unsern Herrn anziehen. Langjährige, bittere Feindschaften sind durch aufrichtige Versöhnung beseitigt. Auch von denen, die im Innern des Landes sich umhertreiben, haben wir bereits einige zur Besserung ihres Lebens veranlasst und hoffen, allmählich auch die übrigen dem Verderben zu entreißen . …“
„Unter den Sklaven, die sehr zahlreich sind, entfalten wir gleichfalls eine segensreiche Tätigkeit; bisher lebten sie als Heiden, ohne von unserer heiligen Religion etwas zu haben als die Taufe, welche ihnen übereilt, ohne Rücksicht auf die Würde des Sakramentes, gespendet wurde. Als sich die Kunde von unseren Predigten und Katechesen unter diesen armen Heiden verbreitete, kamen sie in Scharen, uns zu sehen und zu hören; ihr Eifer und guter Wille erinnert uns an die Heiden im Evangelium, die zu Philippus sagten: «Wir wünschen Jesus zu sehen».“
„Es ist nicht schwer, die guten Leute zu bekehren, schwieriger aber, sie auf dem guten Weg zu erhalten. Dazu wäre eine größere Anzahl Missionäre erforderlich, von denen einige beständig mit ihnen sich abgeben müssten, um durch ermunterndes Beispiel und durch Unterricht sie im Guten immer wieder zu befestigen. Unsere kleine Zahl genügt aber kaum, um auch nur allen Christen geistliche Hilfe zu bringen, und wenn ich sehe, wie viele Seelen infolgedessen verloren gehen, so weiß ich mir nicht anders zu helfen, als indem ich zum Schöpfer aller um Erbarmen rufe und Ew. Hoheit beschwöre, Arbeiter in den Weinberg zu senden, wie ich auch selbst meine Mitbrüder in Europa dringend einlade, hierher zu kommen.“
Manoel da Nóbrega als Provinzial
Nóbrega drängte in seinen Briefen nach Portugal, dass zur Ordnung der kirchlichen Verhältnisse ein Bischof in die neue Kolonie gesandt werde. Am 22. Juni 1552 landete Dom Pedro Fernandez Sardinha als erster Bischof von Bahia. Über sein Erscheinen schrieb Nóbrega:
„Durch die Ankunft des Bischofs ist das Land in helle Freude versetzt. Er predigt zu großer Erbauung des Volkes, ist voll Eifer für die Ehre und Verherrlichung unseres Herrn, ein Mann, wie ihn gerade dieses Land vonnöten hatte. Er zelebrierte an Mariä Himmelfahrt ein Pontifikalamt, etwas ganz Neues und Unerhörtes in diesem Land. Ich und die anderen Patres assistierten dabei in vollem Ornat.“
„Weil das Land hier noch so arm ist, kann man ihm seinen Gehalt nicht ausbezahlen, und doch muss er, um standesgemäß zu leben, Diener und Beamte unterhalten, und sein Alter erträgt ohnehin schwer genug die Entbehrungen, die er sich hier auferlegen muss. Es ist daher geboten, dass Ew. Hochwürden sich seinetwegen in Lissabon verwenden, da er sonst niemand hat, der ihn dort vertritt. Alles, was Sie für ihn tun, tun Sie für das ganze Land, zur Verherrlichung Christi, für unsere Gesellschaft und alle insgesamt.“
Ein besonderes Augenmerk richtete Nóbrega auf die Heranbildung eines einheimischen Klerus. Zu St. Vincente gründete er eine Erziehungsanstalt für Knaben, die zugleich als Knabenseminar zur Ausbildung von Katecheten und Priestern dienen sollte. Ähnlich gründete er auf dem fruchtbaren Gefilde von Piratininga, etwa zehn Meilen von der Küste, mitten unter den zahlreich umwohnenden Stämmen, die Niederlassung St. Paul. Dorthin verlegte er, weil der Platz geeigneter schien, das Knabenseminar von St. Vincente und gründete hier zugleich ein Studienhaus für seinen Orden. Ein solches war inzwischen Bedürfnis geworden, weil mittlerweile der hl. Ignatius von Loyola, als General der Gesellschaft Jesu, Brasilien zu einer selbständigen Provinz erhoben hatte. Zum ersten Provinzialobern ward Nóbrega von ihm ernannt.
Dem jungen Nachwuchs der neuen Ordensprovinz leuchtete Nóbrega durch sein Tugendbeispiel vor. Mit der größten Hingabe und Sorgfalt wachte er, dass nichts in die Ordenshäuser sich einschleiche, was die sittliche Zucht gefährden konnte. Den jungen Missionären gab er das schönste Beispiel durch seinen Geist des Gebetes, der Selbstverleugnung und eines vollkommenen Gehorsams. Dabei übte er die strengste Armut. Das schlechteste Kleid war ihm gut genug; mit einer Handvoll elender Nahrung, zufrieden, unternahm er ohne jegliche Rücksicht auf Bequemlichkeit die beschwerlichsten Reisen und Arbeiten. Nicht die Gebrechlichkeit des Alters, sondern nur der Gehorsam konnte ihn bewegen, sich mehr zu schonen. So bewahrte er eine engelreine Tugend inmitten jener sittlichen Fäulnis der Kolonie und unter den Wilden.
Einst fragte ihn ein Häuptling: „Wenn Ihr Menschen seid wie andere, wie kommt es denn, dass Ihr die Schwachheiten und Leidenschaften von uns anderen nicht zu kennen scheint?“ Schweigend zog Pater Nóbrega seine blutige Geißel aus der Tasche und zeigte hierdurch, dass ein Leben der Buße und des Gebetes das Mittel sei zur Bewahrung der Tugend.
Mit größter Entschiedenheit vertrat er die Rechte und Freiheiten der Wilden bei den Statthaltern und Königen von Portugal. Schonungslos enthüllte und bekämpfte er die Missstände in der Kolonie. Die zeitgenössischen Könige von Portugal schätzten seinen Rat und sein Urteil so hoch, dass ein einziger Brief von ihm ihnen ganze Stöße anderer Berichte aufwog.
Die letzten Tage von Nóbrega
Endlich nahte sein Tod. Der alte Chronist berichtet über die letzten Tage des Missionärs, wie folgt:
„Erschöpſt durch rastlose Arbeiten und durch Leiden und Krankheiten, befand sich Pater Nóbrega gerade in dem von ihm noch gegründeten Kolleg von Rio de Janeiro, als er sein Ende herannahen fühlte. Brieflich verabschiedete er sich von seinen abwesenden Kindern, die er wie ein Vater liebte. Sein Herz, so schrieb er, brenne vor Verlangen, die irdische Hülle abzulegen und endlich mit Gott sich ganz zu vereinigen. Auch bat er sie, seiner im Gebet zu gedenken. Man glaubt, dass Pater Nóbrega Kenntnis hatte von dem Tag seines Todes. Tag und Nacht bereitete er sich nun vor unter frommen Seufzern und Tränen, und je näher er seiner Auflösung entgegenging, desto größer wurde die Inbrunst seines Gebetes.“
„Besonders gern führte er sich im Gedächtnis die Betrachtungen des hl. Augustinus vor. Sein Herz floss über von Trost, wenn er des himmlischen Vaterlandes gedachte, und er zählte die Tage, die ihn noch von demselben trennten. Zwei Tage vor seinem Tod ging er am Abend durch die ganze Stadt, von Haus zu Haus, um sich von seinen Freunden zu verabschieden. Er umarmte sie liebevoll, dankte ihnen für alle ihm erwiesene Liebe und empfahl sich in ihr Gebet. Verwundert fragte man ihn, wohin er denn abreise, da man ja im Hafen kein Schiff zum Auslaufen bereit sehe. Da richtete er seine Augen gegen Himmel und sagte: «Es geht nach oben, nach dem himmlischen Vaterland.»“
„Am folgenden Tag, dem Vorabend seines Todes, las er zum letzten Mal die heilige Messe und nahm dabei die heilige Kommunion als Wegzehrung. Nach dem Mittagessen fand er sich noch bei der allgemeinen Erholung ein und sprach zu den versammelten Brüdern in rührender Weise von den ewigen Wohnungen des Himmels. Im Verlauf des Nachmittags befielen ihn heftige Schmerzen; er beichtete noch einmal und legte sich dann auf sein Lager, um zu sterben.
Da konnte man sehen, wie groß seine Frömmigkeit war, und wie seine Seele aufglühte von Liebe zu Gott. Bald betete er laut zu allen drei göttlichen Personen der heiligen Dreifaltigkeit; dann wandte er sich an die heilige Menschheit Christi und rief endlich den ganzen himmlischen Hof um seine Fürbitte an.“
„Besonders innig betete er auch zur lieben Mutter Gottes, die er zärtlich liebte, und von den übrigen Heiligen Gottes namentlich zum unüberwindlichen Märtyrer Sebastian, dem Schutzpatron der Stadt. Dies alles geschah unter reichlichen und beständig fließenden Tränen; denn er besaß die Gabe der Tränen, durch welche er auch die härtesten Herzen erweicht hatte. Nun ließ er die anwesenden Patres und Brüder kommen, umarmte sie, gab ihnen den Segen und sagte, wie sehr es ihn freuen würde, wenn auch die übrigen zugegen wären; doch werde er ja alle im Himmel wiedertreffen, wohin er am folgenden Tag abberufen werde.“
„In der Frühe des sehnsüchtig erwarteten Todestages bat er einen der Patres, noch eine heilige Messe für ihn zu lesen, bevor er sterbe. Ebenso empfing er noch die heilige Ölung, wobei er den einzelnen Zeremonien mit solch inniger Andacht folgte, dass die Anwesenden bis zu Tränen gerührt wurden. Nach der Spendung der heiligen Ölung und nach der Litanei aller Heiligen, deren Anrufungen er alle getreulich mitbetete, sprach er: «Gelobt seist du, mein Herr, meine Stärke, meine Zuflucht, mein Erretter! Dir gefällt es, mich heute aus diesem Leben abzurufen. Wohlan, so nimm mich mit in dein heiliges Haus, in die Wohnung der Gesellschaft Jesu.»“
„Nach diesen Worten heftete er seinen Blick noch auf die Bilder der Heiligen und starb überaus sanft und friedlich am 18. Oktober des Jahres 1570, am Fest des hl. Lukas, seinem Geburtstag. Er war erst dreiundfünfzig Jahre alt, aber wegen der harten Arbeiten und Entbehrungen früh gealtert. Unter großem Zudrang des Volkes wurde die Leiche des großen Missionärs zu Grabe getragen. „Hier“, so schließt der Chronist, „harren seine Gebeine der ewigen Auferstehung entgegen, seine Seele aber, so glauben wir, erfreut sich in der Wohnung der Heiligen ewiger und unendlicher Seligkeit.“
* * *
Die Reduktionen von Paraguay
Ein Gedanke des Hingeschiedenen übte seine Wirksamkeit noch weit über dessen Tod hinaus. Auf seinen Visitationsreisen hatte er nur zu häufig bemerkt, wie das lasterhafte Leben und die Gewalttätigkeiten so vieler europäischer Kolonisten das schlimmste Hindernis waren für die Bekehrung der armen Indianer. Daher fasste er den Plan, Reduktionen zu gründen, in welchen er die Wilden, fern von dem Einfluss der Europäer, an ein sesshaftes Leben gewöhnte. Dieser Plan gelangte später in Paraguay zur Ausführung und zeitigte die herrlichsten Früchte.
Wie tiefe Wurzeln die Religion bei diesen armen Wilden geschlagen, zeigt folgender Bericht des Paters Herran, eines Missionärs, aus dem Jahre 1726:
„Man kann nicht sattsam genug bewundern, mit was für empfindlichen Schmerzen die Indianer ihre begangenen Missetaten bereuen, mit welch‘ wachsamer Sorgfalt sie die durch das Sakrament der Wiedergeburt erhaltene Herzensreinheit zu bewahren sich befleißen.“
„Man pflegt in den Missionen zum Ende der Predigt dem versammelten Volk den Akt der vollkommenen Reue mit beigesetzten Beweggründen, warum man die Gott zugefügte Unbill verabscheuen und betrauern soll, mit lauter Stimme vorzutragen; dabei dann gemeiniglich in der ganzen Kirche ein herzzerbrechendes Seufzen und reumütiges Wehklagen erschallt, welchem einige aus Antrieb des lebhaften Schmerzes rauhe Bußwerke und äußerliche Züchtigungen zugesellen, so dass öfters der Missionär den Bußeifer in gewisse Schranken einschließen muss, damit die Büßer ihrem Leben und ihrer Gesundheit nicht merklichen Schaden zufügen.“
„Sie klagen in dem geheimen Gericht vor dem Priester unter häufigen Zähren auch ihre mindesten Fehler an, und zwar fast eben in jenem Augenblick, da sie aus menschlicher Gebrechlichkeit gefallen. Sie unterbrechen dann auch ihre notwendigen Geschäfte und eilen der Kirche zu, um sich durch das Sakrament der Buße alsbald zu reinigen.“
„Wie vieles andere“, so schreiben die ‚Katholischen Missionen‘, „wurde nach dem Vorbild der christlichen Urkirche auch die öffentliche Kirchenbuße in den Reduktionen eingeführt. Einige zuverlässige, musterhafte Männer führten »nach Weise der römischen Zensoren« in jeder Dorfschaft stramme Aufsicht über öffentliche Zucht und Sitte.“
„Hatte jemand durch ein schwereres Vergehen öffentliches Ärgernis gegeben, so musste er, in ein Bußkleid gehüllt, an der Kirchenpforte demütig die ganze versammelte Gemeinde um Verzeihung bitten und die über ihn verhängte Strafe, z. B. öffentliche Geißelung, über sich ergehen lassen. Es war dann Sitte, dass der Gestrafte nach erlittener Züchtigung dem Korrektor oder dem Missionär die Hand küsste mit den Worten: «Gott vergelte es Euch, dass Ihr mich zurechtgewiesen habt.»“
„Dabei ereignete es sich öfters, dass einige aus den Anwesenden, die sich eines gleichen, aber im geheimen begangenen Lasters schuldig wussten, vortraten, sich desselben offen unter vielen Tränen anklagten und um eine gleiche Bestrafung eifrigst anhielten. Rückfälle kamen nur äußerst selten vor.“
„Wenn die Indianer zum Tisch des Herrn hinzutreten“, so schreibt abermals Pater Herran, „wenden sie vorher alle möglichen Zubereitungen an, dieses Geheimnis würdig zu empfangen, und sind nicht minder sorgfältig, die erhaltene sakramentale Gnade beständig zu bewahren. Sollte man einige Zeit nach der heiligen Kommunion einen aus ihnen fragen, ob er nicht etwa in jene Fehler, die er vor derselben begangen, wieder zurückgefallen sei, würde er sich über eine solche Frage befremden. «Ist es wohl möglich», würde er verwundert antworten, «dass man, nachdem man mit dem Fleisch Jesu Christi genährt worden, wieder in die vorigen Laster zurückkehre?»“
„Die erste heilige Kommunion der Kinder war wie in der ganzen katholischen Welt, so auch in den Reduktionen ein Fest für die ganze Gemeinde. Dabei bestand der löbliche Gebrauch, dass zugleich mit den Kindern auch die Eltern die heiligen Sakramente empfingen. Am bestimmten Tag kamen Vater und Mutter mit ihren glücklichen Kleinen noch vor dem Gottesdienst in die Kirche, wo der Kommunionunterricht noch einmal kurz zusammengefasst wurde. In der Messe wurde dann den Kindern vorgebetet, während sie mit kleinen Blumenkränzen auf dem Haupt und brennenden Kerzen in der Hand den Altar umknieten. Nach der Feier war ein gemeinsames festliches Frühstück im Hof der Patres.“
„Hervorgehoben wird noch in den Berichten, dass die Christen dem Empfang des Sakramentes immer eine sehr lange Danksagung folgen ließen und nachher eine ungewöhnliche Sammlung und Eingezogenheit bewahrten. Sehr häufig kamen sie den Tag über und aus sich selbst, um dem heiligsten Sakrament einen Besuch abzustatten. Gewiss zeigte sich hier in besonders packender Weise die Wahrheit des Schriftwortes, dass Gott es liebt, den Einfältigen sich vertraulich zu nähern. «Die Hungrigen erfüllte er mit Gütern, die Stolzen aber ließ er leer ausgehen.»“
„In Bezug auf das Sakrament der Ehe drängten die Missionäre auf frühe Heiraten, so dass die Jünglinge gewöhnlich mit siebzehn, die Mädchen mit fünfzehn Jahren in die Ehe traten, ein Alter, das bei der rascheren Entwicklung in jenen Gegenden dem bei uns gebräuchlichen, ziemlich entsprach. Diesen frühen Ehen war zum Teil die außerordentliche Sittenreinheit zu verdanken, die auch nach dem Urteil Außenstehender in den Reduktionen herrschte.“
„Ein schöner Zug der Reduktionen war die herzliche Liebe und Brüderlichkeit, die alle ihre Glieder zu einem Herzen und einer Seele verband. Nur äußerst selten wurde diese Eintracht durch Raufhändel und Zwistigkeiten gestört. Diese gegenseitige Liebe zeigte sich auch in der Opferwilligkeit, mit welcher die Familien sich gegenseitig und eine Reduktion der andern beisprangen, so oft ein Misswachs oder sonst ein Unglück dieselbe betroffen hatte.“
„Besonders heben die Berichte auch den tätigen Seeleneifer dieser Neubekehrten hervor, der sie antrieb, sich den beschwerlichsten Reisen und selbst der Todesgefahr auszusetzen, um ihre noch heidnischen Glaubensgenossen dem wahren Glauben zuzuführen.“
„Wir zählen schon hundert solcher Liebesmärtyrer“, schreibt Pater Herran 1726, „welche bei Bekehrung der Heiden ihr Leben ritterlich gelassen haben. Es ist unter ihnen eine heilige Eifersucht, wer mehr solcher irrenden Schäflein auf die gerechte Straße zurückführen möge, und der Tag, an welchem sie mit einer reichen Beute aus den Wäldern und Bergen nach Hause kommen, ist ein allgemeiner Fest- und Freudentag, welchen sie mit vieler Pracht öffentlich feiern.“
„Den neu herbeigeführten Gästen begegnen alle mit tausend Liebkosungen und Diensterweisungen. Jeder trägt das Seinige bei, dass der Not dieser armen Leute gesteuert werde; jeder sucht ihnen die neue, bisher ungewohnte Lebensart süß zu machen und jene von der Natur zu ihren Wüsteneien eingeflößte Neigung aus dem Herzen zu bringen. Auf solche Art vermehren sie die Anzahl der Neugläubigen und bevölkern ihre alten Kirchspiele mit so reichem Zusatz, dass man davon immer neue Pflanzstätten errichten und das sonst öde platte Land mit christlichen Indianern besetzen kann.“
Ein Kapuziner bemerkt über die Reduktionen: „Es helfen viele Sachen zur beharrlichen Unschuld dieser Neubekehrten, erstlich der allergenaueste Fleiß, sie im Christentum gründlich zu unterrichten; zweitens das gute Beispiel ihrer Vorsteher, an welchen sie nichts als Gutes und Auferbauliches sehen; drittens die Trennung von den Europäern und viertens die von den Missionären eingeführte Ordnung, welche bis auf diese Stunde genau beobachtet wird, dergestalt, dass auf all’ diesen Missionen eine Gleichheit in allen Sachen verspürt wird.“
Ähnlich berichtet im Jahre 1721 der Bischof von Buenos-Aires, Don Pedro Faxardo, O. Ss. Trin., an König Philipp V. von Spanien:
„Es herrscht unter diesen zahlreichen Völkerschaften, welche aus Indianern bestehen, die von Natur zu Lastern aller Art geneigt sind, eine solche Unschuld, dass ich glaube, es werde daselbst keine einzige Todsünde begangen, da die Wachsamkeit der Hirten die geringsten Fehler vorhersieht und ihnen zuvorkommt. Ich war an einem Festtag U. L. Frau in einer ihrer Ortschaften und sah daselbst 800 Personen zur heiligen Kommunion hintreten. Darf man sich da noch wundern, dass der Feind des menschlichen Heiles so viele Stürme gegen ein so heiliges Werk erregt und seine ganze Kraft aufbietet, um es zu zerstören!“
Zwei Jahrzehnte später, unter dem 8. Januar 1743, schrieb abermals ein Bischof von Buenos-Aires, der Dominikaner Joseph Peralta, an König Philipp V.: „Weil ich nicht zweifle, dass Ew. königliche katholische Majestät, gemäß Ihrem Eifer, sich freuen wird, wenn Sie von dem Zustand und Fortschritt dieser armen Indianer, dero Majestät untertänigster Vasallen, Kunde erhalten, so will ich hier nur dasjenige vorbringen, was ich mit eigenen Augen gesehen und sozusagen mit Händen gegriffen habe. Dasselbe bereitete mir einen so unaussprechlichen geistlichen Trost, dass mir alle Beschwerden, die ich bei dieser mühsamen Visitation habe ertragen müssen, leicht geworden sind.“
„Als ich sie verlassen sollte, konnte ich mich ohne großen Schmerz kaum von ihnen trennen, so tief bewegt war ich durch die Beweise ihrer zärtlichsten Teilnahme und Frömmigkeit. Ich danke dem Herrn beständig für den so reichen Segen, welchen er durch diese apostolischen Männer der Gesellschaft Jesu über jene Völker ausgegossen hat. Denn sie geben sich solche Mühe, ihre Indianer zu unterrichten, sie im katholischen Glauben zu befestigen und im Gehorsam gegen Ew. Majestät zu erhalten, und sind darin so unermüdlich und eifrig, dass sie diese Eigenschaften von ihren Vorfahren ererbt zu haben scheinen.
Der Anblick der Kirchen, der Schmuck des Gotteshauses, die Andacht und Ehrerbietung im Dienst des Altares, das Liebliche der heiligen Lieder, die Pracht bei der Feier des Gottesdienstes, die Liebe zu dem im Sakrament verborgenen Heiland, alles das rief in mir Gefühle hervor, die sich nicht ausdrücken lassen.“
„Was mich aber am meisten rührte, war, dass ich am frühen Morgen immer eine ganze Schar von Knaben und Mädchen, nach ihrem Geschlecht getrennt, zur Kirche eilen sah, um den Herrn in den süßesten und andächtigsten Liedern zu loben. Abends vor Sonnenuntergang wiederholte sich dieses Schauspiel, so dass ich zu behaupten wage, es sei, wie die Schrift sagt, in diesen Reduktionen Morgen und Abend wie ein Tag, nämlich ein Tag des Herrn. Das sind die Früchte des Fleißes, der Wachsamkeit und des Eifers, womit diese frommen Ordenspriester der Gesellschaft Jesu die ihnen anvertrauten Völker erziehen und unterrichten.“
Die Zerstörung der Reduktionen
Inzwischen hatte, wie bekannt, der Unglaube und die Freimaurerei an den Höfen von Spanien und Portugal ihren Sitz aufgeschlagen. Paraguay ward 1750 großenteils von Spanien an Portugal abgetreten. Der portugiesische Minister, Pombal, verordnete, dass 30.000 Indianer der Reduktionen auswandern und ihr Gebiet abtreten sollten, weil man daselbst Minen von edlem Metall vermutete. Die Jesuiten wurden nach Europa transportiert und wie Verbrecher in scheußliche Gefängnisse geworfen.
Solche und ähnliche Maßregeln Portugals und Spaniens zerstörten die aufblühende Zivilisation Südamerikas. Die Wilden kehrten in die Wälder zurück. Später rissen die Kolonien sich los vom Mutterland. Portugal und Spanien aber fielen von ihrer Höhe herab, als sie aufhörten, eine katholische Politik zu befolgen –
aus: Ludwig von Hammerstein SJ, Charakterbilder aus dem Leben der Kirche, Bd. I, 1903, S. 540 – S. 551
Siehe auch die Beiträge auf katholischglauben.online:
