Heiliger Johannes Baptiste de la Salle

Jesus mit seinen Heiligen, Männer, Frauen und Kinder

Heiligenkalender

15. Mai

Heiliger Johannes Baptiste de la Salle

Stifter der christlichen Schulbrüder

(1651 bis 7. April 1719)

Heiliger Johannes Baptiste de la Salle, Stifter der christlichen Schulbrüder

Die katholische Kirche hat von Christus den Auftrag erhalten, das Menschengeschlecht und daher auch besonders die Jugend zu erziehen. Es liegt in der Natur der Sache, dass dieses Erziehungswerk sich bei der Jugend noch mehr als bei den Erwachsenen zu betätigen hat. Somit ist es eine wesentliche Pflicht und ein unveräußerliches Recht der Kirche, Schulen zu gründen und zu besitzen. Keine weltliche Macht kann ohne Rechtsverletzung dieses Recht der Kirche entreißen oder verkümmern.

Ihrer großen Auſgabe entsprechend ist die katholische Kirche mehr, als jede andere Gewalt, befähigt, für ein gutes Schulwesen zu sorgen. Denn der Kern des Schulwesens ist der Religionsunterricht und die religiöse Erziehung. Sie sind entscheidend nicht bloß für das Wohlergehen während dieser wenigen Jahre auf Erden, sondern für eine ganze Ewigkeit.

Diese religiöse Seite der Erziehung nun kann weder von anderen Religionsparteien, noch vom Staat so gut besorgt werden, wie von der katholischen Kirche. Von anderen Religionsparteien nicht, weil sie abgewichen sind vom Weg der Wahrheit und in zahllose Meinungsverschiedenheiten auseinandergehen, daher schon früh das Gift des Zweifels den Herzen der Kinder einträufeln.

Doch ebenso wenig vom Staat, es sei denn, dass er Hand in Hand geht mit der katholischen Kirche. Tut er das nicht, so wirft er sich entweder einer falschen Religion in die Arme oder wird konfessionslos, religionslos. Ein religionsloses Schulwesen aber vermag wohl Lesen, Schreiben, Rechnen u. s. w. den Kindern beizubringen, verzichtet dagegen von vornherein auf den wichtigsten Theil der Erziehung, den religiösen.

So ist es gekommen, dass die Kirche zur Mutter der Schule, besonders der Volksschule ward und täglich noch wird, wo immer sie den Fuß in heidnische Länder setzt; dass andererseits aber Glaubenslosigkeit und Sittenverderbnis überhand nahmen, wo immer man die Kirche aus der Schule verdrängte.

Trotz dieser Wahrheiten hat man in der Geschichte der Pädagogik vielfach die irrige Meinung verbreitet, als verdanke das Schulwesen, wenigstens das moderne, seine Blüte hauptsächlich dem Protestantismus und den nichtkatholischen Staaten. Nichtkatholische Schulmänner, wie Diesterweg, wurden verherrlicht, weit größere katholische Pädagogen möglichst totgeschwiegen. Um so mehr wollen wir einen der letzteren aufs neue hier in Erinnerung bringen. Es ist der heilige de la Salle.

Johann Baptist de la Salle ward geboren am 30. April 1651 zu Rheims. Er entstammte einem alten Adelsgeschlecht der Champagne. Sein Vater hatte das Amt eines königlichen Rates beim Obergericht zu Rheims. Johann Baptist war der erstgeborne unter sieben Geschwistern. Schon in früher Jugend fühlte er sic zur Frömmigkeit und zum Dienst des Altars hingezogen. Im Alter von elf Jahren empfing er die Tonsur. Ein Verwandter überließ ihm seine Domherrnstelle an der Kathedrale von Rheims. Dabei sprach er zu seinem erst sechzehnjährigen Nachfolger: „Mein junger Vetter, bedenke wohl, dass ein Kanonikus wie ein Karthäuser sein und sein Leben in Einsamkeit und Zurückgezogenheit zubringen muss.“

Die Domherrnstelle verpflichtete den jungen de la Salle, die höheren Weihen zu empfangen und somit Theologie zu studieren. Er tat es zu Paris, wo er am 18. Oktober 1670 in das Priesterseminar von St. Sulpice eintrat. Einer seiner dortigen Lehrer bezeugte von ihm: „La Salle war gleich anfangs ein treuer Beobachter der Regel, pünktlich bei den Übungen der Anstalt; bald nachher schien er noch mehr von der Welt entfernt zu sein, als er es bei seinem Eintritt war. Sein Umgang war stets sanft und ehrbar; er hat meines Wissens nie jemanden gekränkt und sich nie einen Vorwurf zugezogen.“

Am 20. Juli 1671 starb seine Mutter, und am 9. April 1672 sein Vater. Johann Baptist musste nun, obwohl erst 21 Jahre alt, Elternstelle an seinen jüngeren Geschwistern vertreten. Daher kehrte er nach Rheims zurück. Am 19. April 1678 erhielt er die Priesterweihe.

Zum Seelenführer erkor sich la Salle seinen Kollegen, den Domherrn Nikolaus Roland. Das war eine glückliche Wahl; denn Roland lenkte die Aufmerksamkeit seines jungen Kollegen schon damals auf jenes Gebiet, welches seinen hauptsächlichsten Lebensberuf ausmachen sollte: das Volksschulwesen.

Roland hatte zu Rheims eine Gesellschaft von Lehrerinnen gegründet unter dem Namen „Schwestern des heiligen Jesukindes“. Als er, kaum 36 Jahre alt, wenige Tage nach der Priesterweihe de la Salles starb, sprach er zu diesem: „Ihnen vertraue ich meine junge Gesellschaft des heiligen Kindes Jesu an; sie ist das vornehmste Erbteil, das Sie von mir empfangen. Aus Liebe zu den jungen Seelen, die durch das Blut Jesu Christi erkauft sind, werden Sie das gute Werk vollenden, welches ich begonnen habe.“ La Salle entsprach diesem Wunsch; seine eigentliche Lebensaufgabe sollte jedoch in der Hebung des Schulwesens für die Knaben bestehen.

Stiftung der Schulbrüder

Die Volksschulen hatten, wie in Deutschland durch die sog. Reformation und den dreißigjährigen Krieg, so in Frankreich durch die Hugenottenkriege entsetzlich gelitten. Was sollte de la Salle tun zur Hebung derselben? Francke gründete etwas später zu Halle sein Waisenhaus, seine Armenschule und seine übrigen Lehranstalten. La Salle stiftete die „Brüder der christlichen Schulen“, ein Werk von ganz ungleich größerer Tragweite, als die Stiftungen Franckes.

La Salles erste Gehilfen waren Adrian Nyel und ein anderer junger Mann. In der Pfarrei St. Moritz zu Rheims ward eine Freischule errichtet. Bald gesellten sich zu den ersten Genossen andere Lehrkräfte, welche um Gotteslohn sich der Jugenderziehung widmeten. La Salle mietete der entstehenden Genosserschaft ein eigenes Haus, welches diese am 25. Dezember 1679 bezog; er regelte ihre Tagesordnung.

Zu besserer Leitung wollte er sie in sein eigenes Haus aufnehmen. Dagegen sträubte sich die adelige Verwandtschaft de la Salles; man hielt einen Familienrat und beschloss, seine Geschwister von ihm wegzunehmen, falls er sich von den Lehrern nicht trennte. Johann Baptist entgegnete: „Wenn ich mich von ihnen [den Lehrern] zurückziehe, so werden ihre Schulen diesen Schlag nicht überdauern. Meine Brüder werden bei meinen Verwandten ein besseres Unterkommen finden als bei mir, da diese erfahrener sind als ich, um sie zu leiten und ihr Studium zu überwachen.“

Die junge Lehrgenossenschaft bezog also am 24. Juni 1681 das Haus ihres Stifters.

So war der Grund gelegt zu dem großen Werke la Salles. Dasselbe entfaltete sich mehr zu einem religiösen Orden; es breitete Segen spendend seine Äste aus über den Erdkreis; es hatte aber vielfach mit Verfolgungen zu kämpfen.

Die Entwicklung zu einem Orden ging naturgemäß aus einem inneren Bedürfnis hervor. Nur eine Genossenschaft konnte etwas Großes leisten; nur sie konnte einheitliche Leitung und feste Traditionen verbürgen; nur sie konnte den Mitgliedern eine sichere Versorgung im Alter bieten; nur sie konnte die Lebenszeit der Einzelnen überdauern.

Diese Genossenschaft aber musste eine religiöse sein, um ihrem Werk, dem Schulwesen, den religiösen Charakter, diese notwendige Grundlage jeder gesunden Sozialordnung, aufzuprägen; sie musste eine religiöse sein, um ihre Mitglieder recht lebendig mit jenem Geist der Liebe, der Geduld, der Selbstverleugnung zu erfüllen, dessen das Lehramt, namentlich in den Volksschulen, bedarf; die Genossenschaft musste auch deshalb eine religiöse sein, damit ihre Glieder durch das Beispiel christlicher Vollkommenheit der zu erziehenden Jugend vorleuchten könnten. Denn Christus hat nun einmal gesprochen: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen.“

Schön sagt der hochwürdigste Herr Weihbischof Dr. Knecht in der Lebensbeschreibung de la Salles, welcher wir hier folgen: „Sein Institut sollte nicht in den Maßregeln klügelnder Berechnung, sondern in dem vollkommenen Vertrauen auf die göttliche Vorsehung seine Stärke finden; es sollte auf dem Fundament der evangelischen Armut begründet und durch die reine, selbstloseste Liebe zu Gott und dem Nächsten aufgebaut werden. Die Glieder des Institutes sollten nicht durch natürliche Beweggründe der Versorgung oder der Ehre angezogen und in der Treue erhalten werden, sondern nur durch die übernatürlichen Motive des lebendigen, alles bezwingenden Glaubens.

In diesem übernatürlichen Geist, welcher die Pflanzungen der Kirche durchdringt und beseelt, liegt die Erklärung ihrer wunderbaren Fruchtbarkeit und Dauerhaftigkeit. Sie wurzeln in der übernatürlichen Welt der Ewigkeit und ziehen ihre übernatürliche Lebenskraft aus dem unversiegbaren Born der göttlichen Gnade. Je inniger ihr Geist mit dem der Kirche sich vermählt, je vollkommener sie den Geist des Christentums aufnehmen und in sich ausprägen, desto mehr nehmen sie auch Anteil an der unverwüstlichen Lebenskraft der ewigen Kirche Gottes.

Das sollte auch an dem Institut der Brüder der christlichen Schulen offenbar werden. Während die Anstalten eines Basedow, Campe, Salzmann, Pestalozzi und anderer gefeierten Pädagogen noch bei Lebzeiten ihrer Gründer durch Uneinigkeit, Eifersucht und Unfruchtbarkeit zerfielen, hat die Stiftung de la Salles die furchtbaren Stürme der letzten zwei Jahrhunderte überdauert und immer weiter sich entwickelt. Der Christ begreift dies. In jenen Anstalten waltete der Geist der natürlichen Humanität, welche den Egoismus zu überwinden nicht die Kraft hat; de la Salles Institut aber ist gebaut auf jenen Geist der übernatürlichen christlichen Liebe und Selbstverleugnung, dem der ehrwürdige Stifter, wie wir sahen, alles zum Opfer brachte.“

Erste Gelübde

Im Jahre 1684 machte la Salle mit zwölf seiner hervorragendsten Schüler geistliche Exerzitien zu Rheims bei den Karmeliten. Diesen Schülern sagte er: „Wir machen jezt zehn Tage lang geistliche Übungen; dabei wollen wir miteinander die Regeln studieren, die wir befolgen müssen, und die Mittel, durch welche unserer Gesellschaft eine feste und dauerhafte Existenz gesichert wird.“ Einige schlugen vor, man solle sich durch ein ewiges Gelübde an die Gesellschaft binden.

La Salle jedoch hielt die geeignete Zeit noch nicht für gekommen; er gestattete nur jenen Zwölfen, mit ihm das Gelübde des Gehorsams und der Beharrlichkeit auf drei Jahre abzulegen; den übrigen erlaubte er nur ein einjähriges Gelübde. Man wählte für die Genossenschaft den Namen: „Brüder der christlichen Schulen“ und bestimmte ihr Ordenskleid. Über das letztere schrieb de la Salle:

„Bevor die Brüder die Ordenstracht hatten, betrachtete sie jedermann als bezahlte Lehrer, und diejenigen, welche sich der Genossenschaft anboten, verlangten Lohn wie Dienstboten. Seitdem sie Ordenskleidung haben, verlangt keiner mehr Bezahlung. Das Volk sieht nunmehr in ihnen Personen, die der Welt entsagt haben. Ihr neues Gewand hatte in jeder Hinsicht gute Folgen.“

Am Tage Mariä Opferung, 21. November 1691, verband sich la Salle mit den Brüdern Vuyart und Drolin vor dem Altar durch folgende ewige Gelübde:

„Allerheiligste Dreifaltigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist! In tiefer Ehrfurcht vor Deiner unendlichen und anbetungswürdigen Majestät niedergeworfen, bringen wir uns ganz und gar Dir zum Opfer, um aus allen unseren Kräften und mit aller möglichen Anstrengung die Genossenschaft der christlichen Schulen in der Weise aufrecht zu erhalten, wie es Dir am wohlgefälligsten und der genannten Genossenschaft am dienlichsten sein wird.

Zu diesem Zweck machen wir — ich Johann Baptist de la Salle, Priester, ich Nikolaus Vuyart und ich Gabriel Drolin — von diesem Augenblick an und für immer bis zum letzten Hauch unseres Lebens und bis zur gänzlichen Vernichtung des genannten Instituts das Gelübde der Verbrüderung und Einigung, um dieses Institut zu schützen und zu erhalten, ohne uns je von demselben lossagen zu können, selbst wenn wir drei allein von der Genossenschaft übrig bleiben und genötigt sein sollten, zu betteln und von trockenem Brot zu leben.

In dieser Absicht geloben wir, einmütig und im gemeinsamen Einverständnis alles zu tun, was uns in unserem Gewissen und ohne alle menschliche Rücksicht zum Wohle der genannten Gesellschaft das Beste zu sein scheint. So geschehen und eigenhändig beglaubigt am 21. November 1691, dem Tage der Opferung der heiligen Jungfrau.“

La Salle hatte natürlich seine Domherrenstelle niedergelegt, ehe er sich derart dem neuen Berufe hingab.

Als er am Dreifaltigkeitsfest 1694 abermals zwölf Brüder die ewigen Gelübde ablegen ließ, sprach er zu diesen: „Unser Ziel steht klar vor unseren Augen. Der Weg dazu ist uns bestimmt vorgezeichnet: wir haben uns vereinigt, um christliche Schulen zu halten; der Erhaltung und Verbreitung dieser Schulen wollen wir unser Leben widmen. Als Soldaten Jesu Christi führen wir Krieg gegen die Unwissenheit. Das Gelübde der Beharrlichkeit soll uns für immer an unsere Fahne binden, das Gelübde des Gehorsams wird unsere Kräfte vermehren, indem es sie alle auf dasselbe Ziel vereinigt — die christliche Erziehung der Kinder.“

Hand in Hand mit dieser inneren Entwicklung der religiösen Genossenschaft entfaltete sich ihre äußere Tätigkeit. Es wurden Freischulen gegründet in Rheims, Rethel, Guise, Laon, Paris, Chartres, Calais, Troyes, Avignon, Marseille, Dijon, Darnetail, Rouen mit St. Yon, Mende, Alais, Grenoble, Valréas, St. Denis, Versailles, Moulins, Les-Vans, Boulogne und Rom.

Es waren wirkliche Freischulen, in welchen besonders die Kinder der Armen um Gotteslohn unterrichtet wurden. Die Unkosten waren gering, weil die Brüder sehr mäßig lebten und keine Familie zu unterhalten brauchten. Diese geringen Unkosten aber wurden durch freie Liebestätigkeit frommer Seelen aufgebracht, nicht durch erzwungene Steuern der Bevölkerung.

Schöne Erfolge

Die Leistungen dieser Schulen waren ungleich besser, als die Leistungen anderer Volksschulen jener Zeit, namentlich auch in Deutschland. Bischof de Piencourt von Mende schrieb an la Salle: „Ich kann Gott nicht genug danken, dass er Ihnen den Entschluss eingegeben hat, Schullehrer heranzubilden für den Unterricht und die religiöse Erziehung der Jugend. Man kann nicht zufriedener sein, als ich es bin mit dem Bruder, den Sie mir gesandt haben. Ich wäre Ihnen sehr zu Dank verpflichtet, wenn Sie noch einen anderen Bruder schicken würden, der sowohl im Schreiben, als auch im Rechnen tüchtig wäre; denn dieses ist das Mittel, um die ganze Jugend anzuziehen und dadurch sie in die christliche Frömmigkeit einzuweihen.“

In seinem Testament vom 7. Oktober 1707 vermachte der Bischof den Brüdern ein Haus und eine Jahresrente, indem er schrieb: „Da die Lehrer des Herrn Abbé de la Salle die berühmtesten im ganzen Königreich sind und diejenigen, bei denen die Jugend die größten Fortschritte in der Tugend macht, so will ich und bedinge ich, dass die Exekutoren meiner Stiftung Lehrer aus ihrem Institut nehmen, so lange es solche geben wird, und dass sie dieselben allen anderen vorziehen.“

Der Bischof von Alais schrieb am 28. Januar 1708: „Wir sind mit Ihren Schulbrüdern sehr zufrieden. Ich beehre mich, Ihnen meinen Dank dafür auszusprechen, dass Sie uns dieselben geschickt haben, und Sie um noch mehr Brüder zu bitten. Ich tue für sie und werde für sie alles tun, was mir möglich ist; denn sie wirken unendlich viel Gutes.“

Generalvikar Languet (später Erzbischof von Sens) war von der Unterrichtsweise der Brüder so eingenommen, dass er sie bat, einmal wöchentlich im Beisein der jungen Kleriker die Kinder im Katechismus zu unterrichten, damit die angehenden Geistlichen von den Schulbrüdern lernten.

Diese weit verzweigte Tätigkeit verlangte natürlich, dass für Nachwuchs der Lehrkräfte gesorgt wurde. La Salle errichtete daher im Laufe der Zeit verschiedene Noviziate und sorgte, dass der Geist der Frömmigkeit und der Selbstverleugnung, ohne welchen die Genossenschaft nicht hätte gedeihen können, eifrig gepflegt wurde. Namentlich ließ er, als eines der wirksamsten Mittel zu diesem Zweck, alljährlich die geistlichen Übungen halten.

Doch auch vermittelst des Nachwuchses seiner Brüder konnte er dem schreienden Bedürfnis nach guten Volksschullehrern nicht genügen. Besonders galt das von den Schulen auf dem Lande. Denn hier trat der Umstand hinzu, dass in den einzelnen Dörfern meist nur ein Lehrer erforderlich war und seinen Unterhalt fand. Seine Brüder aber wollte la Salle einer solchen Einzelstellung nicht aussetzen. Um daher auch gute weltliche Lehrer heranzubilden, gründete er schon 1684 zu Rheims ein Schullehrerseminar, die erste Anstalt dieser Art, von welcher die Geschichte der Pädagogik berichtet. Jm Jahre 1685 folgte die Errichtung eines zweiten Seminars für Landschullehrer in der Diözese Laon; im Jahre 1700 ward ein weiteres Seminar in Paris errichtet.

Auch für Gewerbe- und Industrieschulen sorgte la Salle. Das Lateinische dagegen wollte er von seinen Schulen fern halten; denn für die klassische Ausbildung war durch andere religiöse Orden hinreichend gesorgt.

Sogar seinen Brüdern verbot er das Studium der lateinischen Sprache, damit sie nicht auf den Gedanken kämen, Priester werden zu wollen. Ebenso verbot er auch die Aufnahme von Priestern in seine Genossenschaft. Diese sollte voll und ganz dem Elementarunterricht erhalten bleiben.

Von den Schulen la Salles sagt Dr. Knecht: „Der Elementarunterricht, wie er in den Freischulen erteilt wurde, umfasste: Katechismus und biblische Geschichte, Lesen des Französischen, des Lateinischen und verschiedener Handschriften, Grammatik, Orthographie, Rechnen, Gesang und Zeichnen.

Zum höheren Unterricht, wie er in den Pensionaten erteilt wurde, gehörte außer dem Religionsunterricht: Geschichte, Geographie, ein Abriss der Rhetorik und der Literaturgeschichte, Buchführung, Rechnungswesen, Geometrie, Baukunst und Naturgeschichte; dazu kamen noch in gewissen Fällen Hydrographie, Mechanik, Differential- und Integral-Rechnungen, Kosmographie, Musik und lebende Sprachen. St. Yon besaß einen botanischen Garten, physikalische Instrumente und eine reichhaltige Bibliothek für die Zöglinge.“

Sogar eine heilpädagogische, eine Besserungsanstalt für verdorbene Knaben, ward von la Salle mit dem besten Erfolg gegründet. Von ihr sagt Blain, ein alter Biograph la Salles: „Es ist unglaublich, wie viele verdorbene Leute auf diese Weise gebessert wurden. Wie viele widerspenstige und unbändige Kinder lernten hier Bescheidenheit und Gehorsam, wie viele kehrten zur Pflicht und zur Tugend zurück! Die meisten von denjenigen, welche in St. Yon eingesperrt waren, haben durch ihren späteren Lebenswandel die Macht und die Vorzüglichkeit der Erziehung, die daselbst erteilt ward, bewiesen.“

An Schwierigkeiten und Verfolgungen sollte es dem Werk La Salles nicht fehlen. Schwierigkeiten pflegen ja das Los aller großen, wahrhaft christlichen Unternehmungen zu sein! La Salle fand deren von Seiten der Jansenisten, von Seiten weltlicher Behörden, von Seiten der vorhandenen Elementarlehrer. Einigen Freunden gegenüber erklärte er:

„Ich versichere Sie, meine Herren, wenn mir Gott, als er mir das Gute zeigte, welches unser Institut wirken könnte, zugleich die Mühseligkeiten und Widerwärtigkeiten geoffenbart hätte, die mir begegnen sollten, so würde es mir an Mut gefehlt haben. Ich war dem Widerspruch ausgesetzt und wurde selbst von denjenigen verfolgt, von denen ich Hilfe erhofft hatte. Einige meiner eigenen Söhne, gerade diejenigen, welchen ich die größte Sorgfalt zugewendet hatte und von denen ich die größten Dienste erwartete, haben sich gegen mich erhoben. Während einige Beamte uns halfen, die Kinder der Unwissenheit und Zügellosigkeit zu entreißen, haben sich andere mit unseren Feinden verbündet und denselben ihren Einfluss und ihre Autorität geliehen, um uns zu unterdrücken.

Unsere Reformen des Unterrichts haben uns unversöhnliche Feinde in den Schreiblehrern geschaffen, welche an der routinierenden Abrichtung festhalten, statt durch Verbesserung ihrer Methode in eine ehrliche Konkurrenz mit den anderen Lehrern einzutreten. Wenn nicht Gott selbst geholfen, wenn nicht die Vorsehung die Fundamente unserer Gesellschaft gelegt hätte, dann, meine Herren, wäre unser Werk schon längst zusammengestürzt, und wir würden nur noch die Ruinen davon sehen. Indessen ist der Bau aufgeführt worden. Er hat bis dahin allen Anstrengungen widerstanden, die gemacht wurden, um ihn umzustürzen; dies gibt mir die Hoffnung, dass er auch in Zukunft über die Verfolgungen triumphieren und dass er der Kirche die Dienste leisten wird, welche sie von ihm zu erwarten berechtigt ist.“

Wahl eines Nachfolgers

Allmählich fühlte la Salle sein Ende nahen. Er berief ein Kapitel seiner Genossenschaft, damit ihm ein Nachfolger gewählt würde; er fürchtete nämlich, dass, wenn dies nicht bei seinen Lebzeiten geschähe, man nach seinem Ableben von außen her irgendeinen Priester der Genossenschaft zum Oberen setzte. La Salle aber wollte, dass ein Glied der Genossenschaft selbst, wenngleich ein Laie, an der Spitze derselben stände. So ward denn zu St. Yon am 8. Mai 1717 Bruder Barthélemy zum General-Superior gewählt.

La Salle war froh, sich jetzt ungestörter auf den Tod vorbereiten zu können. Taktvoll vermied er, nach seiner Abdankung noch irgendwie die Rolle des Obern spielen zu wollen. Als er einst in Paris sich einige Zeit aufhielt, wollte er deshalb nicht bei den Brüdern wohnen, sondern im Seminar des hl. Nikolaus. Über seinen Aufenthalt daselbst schrieb später einer der Leiter des Seminars an Bruder Barthélemy:

„Wir haben über sechs Monate lang das Glück gehabt, durch die Gegenwart Ihres Stifters erbaut zu werden, und ich glaube, dass ihn Gott in unsere Mitte geschickt hat, um unseren Alumnen durch sein Beispiel zu predigen und uns selbst aus der Lauigkeit herauszuziehen. Er hat bei uns in der größten Demut und Abtötung gelebt; er schlief wenig und betete viel. Unser Wecker hat mir mehrmals gesagt, dass er ihn immer wach angetroffen habe, so oft er ihn aufwecken wollte, selbst während der Winterkälte, während welcher er sich nie in die Wärmstube begab, wenn ich ihn nicht mit Gewalt dahin führte, was indessen selten geschah, weil meine Stunden mit den seinigen nicht zusammen fielen.

Er widmete regelmäßig alle Tage wenigstens drei Stunden der Betrachtung. Die Hausregel beobachtete er genauer als irgendein Seminarist und folgte mit einer erbaulichen Pünktlichkeit dem ersten Ton der Glocke, welche zu den Übungen rief. Seine einzige Freude war die Zurückgezogenheit, das Gebet, die Ausübung von Liebeswerken, die Demut, die Armut und die Abtötung.“

Das Ableben von la Salle

Von Paris kehrte la Salle nach St. Yon zurück. Sein Tod rückte näher und näher. Er sah demselben mit großer Freude entgegen. Am Mittwoch in der Karwoche 1719 empfing er voll glühender Andacht die heilige Wegzehrung, am Gründonnerstag die heilige Ölung. Abends versammelte Bruder Barthélemy alle Brüder im Krankenzimmer. Sie umgaben kniend sein Bett, und Bruder Barthélemy sprach: „Hier sind Ihre teuren Kinder; wir bitten Sie, uns und mit uns allen Gliedern des Instituts Ihren Segen zu geben.“ La Salle erhob die Augen zum Himmel und betete: „Der Herr segne Euch alle.“ Tags darauf verschied er. Er ward in der Pfarrkirche von St, Sever zu Rouen begraben. Als Grabschrift setzte man ihm die Worte:

„Hier erwartet die Auferstehung des Lebens der ehrwürdige Johann Baptist de La Salle, Priester aus Rheims, Doktor der Theologie, Kanonikus der Metropolitankirche zu Rheims, Stifter der Brüder der christlichen Schulen, berühmt durch seine Geburt, berühmter noch durch seine Tugenden. Er starb am Karfreitag, den 7. April 1719, im 68. Jahre seines Lebens.“

In seinem Testament hatte la Salle erklärt: „Ich empfehle dem lieben Gott erstlich meine Seele und dann alle Brüder der Gesellschaft der christlichen Schulen, mit welchen er mich vereinigt hat.“

„Den Brüdern empfehle ich vor allem eine vollkommene Unterwürfigkeit gegen die Kirche, besonders in diesen betrübten Zeiten. Zum Zeichen dieser Unterwürfigkeit empfehle ich ihnen, sich in keiner Sache von unserem heiligen Vater dem Papst oder der römischen Kirche zu trennen, indem sie stets eingedenk bleiben, dass ich zwei Brüder nach Rom gesandt habe, um von Gott die Gnade zu erflehen, dass ihre Gesellschaft dem heiligen Stuhl vollkommen ergeben bleibe.

„Außerdem empfehle ich ihnen:

1. Dass sie eine große Verehrung gegen unseren Herrn und Heiland hegen;

2. dass sie eine große Liebe zur heiligen Kommunion und zum Gebet bewahren;

3. dass sie eine besondere Verehrung für die heiligste Jungfrau und für den heiligen Joseph, den Patron und Beschützer ihrer Gesellschaft, haben;

4. dass sie mit Eifer und Uneigennützigkeit die Pflichten ihres Berufes erfüllen;

5. dass sie die innigste Einigkeit unter sich erhalten;

6. endlich, dass sie gegen ihre Vorgesetzten den strengsten Gehorsam üben; denn diese Tugend ist das Fundament und die Stütze aller Vollkommenheit in einer religiösen Genossenschaft. “

Am 8. Mai 1840 unterzeichnete Papst Gregor XVI. das Dekret, welches die Einleitung des Heiligsprechungs-Prozesses für la Salle erlaubte und ihm das Prädikat: „Ehrwürdiger Diener Gottes“ verlieh. Am 1. November 1873 tat Papst Pius IX. einen weiteren Schritt zur Heiligsprechung, indem er die Tugenden la Salles als „heroisch“ erklärte, am 14. Februar 1888 erfolgte die Seligsprechung und am 24. Mai 1900 die Heiligsprechung.

Entwicklung der Genossenschaft

La Salles Stiftung, die Genossenschaft der christlichen Schulbrüder, ward von Papst Benedikt XIlI. durch eine Bulle vom 25. Januar 1725 bestätigt und verbreitete sich weiter und weiter. Beim Ausbruch der französischen Revolution zählte sie 121 Niederlassungen, 1000 Brüder und 36.000 Schüler und Pensionäre. Durch die Revolution litt sie natürlich viel.

Doch zählte sie im Jahre 1838: 2300 Brüder und 134.000 Zöglinge; im Jahre 1874: 10.235 Brüder und 388.024 Zöglinge; im Jahre 1877: 1249 Niederlassungen, 11.640 Brüder, 1329 Novizen, 1127 Aspiranten, 2234 Schulen mit 8002 Klassen und 390.607 Schülern. Im Jahr 1896 zählte die Genossenschaft ewa 15.000 Brüder, davon 10.000 in Frankreich, 5000 in anderen Ländern, nämlich in England, Österreich, Belgien, Spanien, Italien, Ägypten, Türkei, Algier, Tunis, Madagaskar, Indien, China, Cochinchina, Kanada, den Vereinigten Staaten, Ecuador, Chili, Argentinien, u. s. w. In Preußen können sie nicht sein, weil daselbst bekanntlich die männlichen Erziehungsorden der katholischen Kirche nicht zugelassen werden.

Weltausstellung von New Orleans

Soviel über das äußere Wachstum der Genossenschaft. Was den Wert ihrer Leistungen anlangt, so besteht ja vielfach das Vorurteil, Ordensleute passten nicht in die moderne Welt. Dieses Vorurteil zu beleuchten, diene statt alles Übrigen ein Auszug aus dem offiziellen Bericht des Unterrichtsministeriums über die Weltausstellung zu New Orleans im Jahre 1884 bis 1885. Dort heißt es über die Schulbrüder la Salles:

„Die Schulbrüder nebst der katholischen Versorgungsanstalt von New York hatten 90 Fuß von der Galerie, welche an die Abteilung der Naturwissenschaften anstößt, eingenommen. Raumersparnis, systematische Anordnung und Beobachtung artistischer Anforderungen kennzeichneten die Sammlung ihrer Ausstellungsgegenstände. Tische, Schränke und Rahmen waren so nahe an einander gerückt, als es ohne Beeinträchtigung des freien Zutritts der Besucher nur möglich war.

Zwei Normalschulen (Lehrerseminare), 11 Kollegien (Gymnasien), 12 Akademien (Realgymnasien), 37 Pfarrschulen (Elementarschulen), 2 Industrie- und Gewerbeschulen und 2 Waisenanstalten hatten Gegenstände zur Ausstellung geliefert. Eine Sammlung von Büchern und Karten von Mitgliedern des Ordens enthielt die geschichtlichen Werke des Ordens, Hilfskarten für den Unterricht im Schreiben und Zeichnen, Textbücher, literarische und naturwissenschaftliche Werke und Handbücher für Lehrer. Ein vorzüglicher Teil der Sammlung war eine Reihe von Modellen und Abdrücke für den Unterricht im Zeichnen und in der Baukunst … Die Galerie (der Schulbrüder) war stets ein Muster von Reinlichkeit und Ordnung und wurde durch Steigerung ihrer Vorzüge noch anziehender.“

Die Seiten 152 — 162 des Berichtes enthalten die Ausstellungs-Gegenstände der verschiedenen von den Schulbrüdern geleiteten Schulen und Anstalten. Ihre Ausstellung wird im allgemeinen als eine „mannigfaltige, systematische, vollständige, anregende und lehrreiche“ bezeichnet. (The whole exhibit is varied, systematic, complete, suggestive, instructive.)

Die Elementarschulen betreffend lesen wir (S. 154): „Ungefähr 40 von den Schulbrüdern geleitete Pfarrschulen haben Beiträge für die Ausstellung geliefert. Wir möchten besonders hinweisen auf den praktischen Charakter der Arbeit (the practical character of the work) im Religionsunterricht, in der Arithmetik, Grammatik und Stilübung, Man gewinnt einen Einblick in die Methode der Schulbrüder. Dieselbe ist höchst geeignet zur Ausbildung für geschäftliche und industrielle Berufszweige.“

Industrieschulen und Waisenanstalten. Diese gehören gleichfalls zur Aufgabe der Schulbrüder. Am meisten stciht unter denselben die männliche Abteilung der katholischen Versorgungsanſtalt in New York hervor. Letztere verdient es auch in hohem Grade, von den Besuchern sorgfältig studiert zu werden (the most deserving of the careful study of visitors).“ (S. 156.)

Lehrerseminare (normal department). Die Beiträge zur Literatur, die Handbücher der Unterrichtsmethode und Schulleitung, die geistreichen, von den Schulbrüdern gemachten Erfindungen zur Mitteilung von Kenntnissen und zur Vereinfachung von Aufgaben und Lehrsätzen, ebenso die artistischen Leistungen in den Lehrerseminarien sind der ernsten Aufmerksamkeit der Erzieher wert (are worthy of the serious attention of educators), da sie eine Idee von dem ganz vorzüglichen System geben, welches die Welt dem ehrwürdigen Johann Baptist de la Salle und seinen Schülern verdankt. Manchem mag es neu sein, zu erfahren, dass das erste Lehrerseminar, welches je existierte, vom Stifter der Schulbrüder eingerichtet wurde“ (S. 161).

Auszeichnungen und Anerkennungen, welche vom Prüfungskomitee der Ausstellung erteilt wurden, waren fünffacher Art in folgender Abstufung: Großes Ehrendiplom, Ehrendiplom, Diplom, Verdienstbescheinigung, Ehrenvolle Erwähnung. In der Liste dieser Auszeichnungen nehmen die Schulbrüder fast zwei Seiten ein (S. 228 — 230).

Welche Religion hat als ihre Frucht eine auch nur annähernd ähnliche Sozialbildung aufzuweisen, wie die la Salles? Und doch sind die Schulbrüder la Salles nur eine der verschiedenen Arten von katholischen Schulbrüdern, nur einer aus den vielen Hunderten religiöser Orden unserer Kirche, welche für das Sozialwohl arbeiten! In Frankreich allein bestanden schon vor etwa einem halben Jahrhundert nicht weniger als 25 männliche Genossenschaften, welche sich dem Volksunterricht widmeten und 7590 Schulen besorgten. Der Staat kann auf dem Weg des Zwanges vieles erreichen: durch Besteuerung, durch Schulzwang, durch Monopolisierung der Schule. Auf dem Wege freier Liebestätigkeit dagegen hat keine Macht auf Erden etwas ähnliches geleistet, wie die katholische Kirche.

aus: Ludwig von Hammerstein SJ, Charakterbilder aus dem Leben der Kirche, Bd. I, 1903, S. 176 – S. 189

Bildquellen

  • Johannes_Baptist_de_la_Salle: wikimedia | CC BY-SA 3.0 Unported
  • bitschnau-das-fest-der-heiligen-1: © https://katholischglauben.info
Tags: Heilige

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