Der große Beruf der hl Katharina von Siena

Der große Beruf der heiligen Katharina von Siena

Wohl die traurigste Zeit in der Geschichte der Kirche Gottes ist das 14. Jahrhundert. Der Niedergang der Kaisermacht in Italien und deren letzte Fehde mit dem Papsttum unter Ludwig dem Bayern, die Übersiedelung des päpstlichen Stuhles nach dem französischen Avignon, die Verwilderung und Anarchie in Rom und Italien, die wiederholten Pesthauchen und endlich das große abendländische Schisma sind Schatten, trüb und dunkel genug. Mitten in den Schatten steht die lichte Gestalt der hl. Katharina.

Ein weites Feld der mannigfachen Wirksamkeit

Besonders war es das Jahr 1370, mit dem eine ganz außerordentliche Wirksamkeit nach außen begann. Von allen Seiten strömte man herbei, Katharina zu sehen, zu hören, sich von ihr belehren, trösten und bessern zu lassen. Die Priester, die um sie waren, erhielten besondere Vollmachten von Rom, um die Bekehrten von ihren Sünden loszusprechen. Niemand nahte sich ihr, ohne besser und weiser zu werden. Einer ihrer Bekehrten, ein Notar, schreibt: „Zur Zeit sandte Gott der Welt einen neuen Stern, einen wahren Ausfluss des Heiligen Geistes, die ehrwürdige Katharina, … Die Zahl ihrer Anhänger war überaus groß, und sie betete für sie und erlangte ihnen Gnade. Des Heiligen Geistes voll, warme Liebe im herzen, sandte die Dienerin Gottes zahlreiche Briefe aus, erbauliche, ernste, erhabene Worte, die man gelesen haben muss, um sie zu glauben. Wo es Gottes Ehre galt, fragte sie nicht nach Freude oder Bitterkeit. Frei sagte sie die Wahrheit.“

Ein weiteres Feld der Wirksamkeit eröffneten Katharina die schlimme Tage, die über ihre Heimatstadt herein brachen, die nach fast einem Jahrhundert außerordentlicher Macht und Blüte sich nun wiederholt schimpflicher Weise durch Gold mit fremden Söldnerscharen abfinden musste und endlich im Jahre 1368 einer der inneren Umwälzungen zum Opfer fiel, die um jene Zeit so oft die italienischen Gemeinwesen erschütterten und an den Rand des Verderbens brachten. Am 22. August brach ein furchtbarer Aufstand los, und eine wilde, blutige Pöbelherrschaft bemächtigte sich der Gewalt, ächtete den Adel und warf nach einer unglücklichen Fehde mit Florenz die ganze Stadt dem schrecklichen Bernabo Visconti von Mailand in die Arme. Da gab es viele Wunden zu heilen, Tränen zu stillen und zwischen den verfeindeten Familien in der Stadt und Umgebung Versöhnungen zu stiften. Katharinas Familie selbst büßte in den bitteren Zeitläufen all ihr Vermögen ein. Katharina aber war überall, wo zu helfen und zu trösten war. Einen verurteilten politischen Verbrecher, der nicht beichten wollte, bekehrte sie und begleitete ihn bis auf das Blutgerüst. Wohin ihre Worte nicht reichten, drangen ihre Mahn-, Bitt- und Drohbriefe, selbst an Visconti und die wilden Bandenführer.

Katharinas Friedenstätigkeit

Katharinas Friedenstätigkeit sollte aber eine noch viel wichtigere Verwendung haben. Seit dem Jahre 1305 saß der Papst in dem französischen Avignon und verwaltete den Kirchenstaat in Italien durch Legaten und vielfach durch französische Beamte, die das italienische Volk nicht zu behandeln wußten und reizten. Anderseits waren die Unzufriedenheit und das Auflehnungs-Gelüste in dieser Zeit der Verwilderung und Anarchie allenthalben groß, und so kam es zu einer Schilderhebung eines großen Teiles der päpstlichen Städte gegen die zeitliche Oberherrschaft des Papstes. Die Republik Florenz und der Mailänder Herzog Visconti standen an der Spitze der Bewegung und schürten und unterstützten sie mit allen Mitteln, so daß Gregor XI., der damalige Papst, die Republik mit dem kirchlichen Interdikt belegte (1376). Mürbe gemacht durch empfindliche Handelsverluste und den Druck des Interdiktes, gingen endlich die Florentiner Katharina, deren Name schon in ganz Italien geehrt war, um Friedens-Vermittlung beim Papst an. Katharina, voll Schmerz über den trostlosen Zustand ihres geliebten Italiens und immer bemüht um die Einigung der christlichen Fürsten zu einem neuen Kreuzzug gegen die Mohammedaner, ging bereitwillig auf den Antrag ein und erschien im Mai 1376 in Florenz. Ihr Auftreten schildert ein Augenzeuge folgendermaßen: „Im Mai 1376 erschien eine, die das Gewand der Dominikaner-Laienschwestern trug, namens Katharina, die Tochter Giacomos von Siena. Sie ist 27 Jahre alt. Ihr Kleid ist ärmlich, zerrissen und geflickt, auf dem Leibe trägt sie stets ein Bußhemd und ist mit einer Kette gegürtet… Sie schläft auf einem Bretterboden oder auf einem Strohsack, ohne sich auszukleiden. Einen großen Teil der Nacht ist sie schlaflos und findet meist erst von 1 Uhr bis zum Morgen etwas Ruhe… Immer verrichtet sie ein frommes Werk bis zum Kirchgang. Diese Jungfrau ist mit der Glut der Liebe erfüllt, und sie betet gern für alle, die sie darum bitten.“ Die Heiligkeit ihres Wandels und ihrer Erscheinung war von unbeschreiblichem Eindruck. Auf ihre herzergreifende und erschütternde Predigt zum Frieden gab sich die stolze, trotzige und bitter gesinnte Republik dazu her, die Heilige als Friedensvermittlerin zum Papst nach Avignon zu senden. Eine Florentiner Gesandtschaft sollte ihr dahin folgen.

Im Geleit von drei Ordensschwestern und zwanzig Klosterleuten und Adeligen aus Pisa und Siena machte sich Katharina auf den Weg und langte am 18. Juni 1376 in Avignon an. Zwei Tage später betrat sie die Papstburg, die, auf dem Domfelsen wurzelnd, mit ihren massigen, viereckigen Türmen, mit ihren gelblich braunen, durch wenige Spitzbogen-Fenster unterbrochenen Mauern fest und streng das Rhonetal und die Stadt überblickt, während sie im Innern alle Pracht eines vornehmen Fürstensitzes aufweist, Burg und Kloster, Gefängnis und Palast zugleich, ganz das Sinnbild der damaligen Tage des Papsttums im fremden Land. In voller Versammlung der Kardinäle empfing der Papst Katharina, und sie trug einfach und demütig, frei und eindringlich die Friedens-Botschaft vor. Gregor neigte zum Frieden und legte dessen Bedingungen selbst in ihre Hand. Sie wollte aber den Frieden bloß anbahnen, alles andere überließ sie den Florentiner Gesandten. Katharina hatte drei Herzens-Anliegen, die sie bei dieser Gelegenheit und später immer wieder beim Papst betrieb: die Rückkehr des Papstes nach Rom, die Reform der Geistlichkeit und den Frieden mit Florenz. Die Kardinäle staunten über den Freimut und über die Ehrfurcht und Kindlichkeit, mit der sie die Angelegenheiten behandelte.

Aus einem Brief der hl. Katharina an Papst Gregor

Einen Begriff der Sprache, die sie führte, geben uns die Briefe, die sie in diesen Verhandlungen an Gregor schon geschrieben hatte und noch schrieb:

„Ich bitte Euch, folget Christus männlich nach, dessen Stellvertreter Ihr seid… Fürchtet nichts von den Stürmen, nichts von den abgestandenen Gliedern, die sich gegen Euch erhoben… Gottes Beistand ist nahe… Sorget für die geistlichen Dinge, für gute Hirten, für gute Verwalter in Euern Städten, denn durch die schlimmen Hirten und Verwalter ist die Empörung entstanden… Vollbringet, was Ihr auf heilige Eingebung begonnen, nämlich Eure Rückkehr hierher und den Kreuzzug… Kein Verziehen mehr! Richtet das Kreuzesbanner auf, denn des Kreuzes Duft wird den Frieden bringen… Ich sehe keinen andern Weg, die entwichenen Schafe wieder zu gewinnen, als die Liebe. So bitte ich Euch im Namen des Gekreuzigten, erzeiget mir diese Barmherzigkeit, besieget durch Eure Güte ihre Bosheit. Wir sind Euer, Vater! … Kommet, und ich sage Euch, die reißenden Wölfe werden die Häupter in Euern Schoß legen gleich sanften Lämmern… Die Eigenliebe hat die Welt vergiftet und den mystischen Leib der Kirche angegriffen. Sie hat den Garten der Braut des herrn verwildern lassen und ihn mit übelriechenden Blumen angefüllt… Irdische Lust, Pomp und Eitelkeit sind eingerissen… Es sind die Sünden der Hirten, welche in den Seelen der Untergebenen Finsternis und Tod erzeugen. Wie können solche, die an so vielen Fehlern kranken, Recht verkünden und die Irrenden auf die rechte Bahn zurück führen? Aus Habsucht sind sie Händler und Wucherer geworden. Sie haben den Untergebenen das Blut ausgesogen und lieben sie nur in dem Maße, wie sie von ihnen Geld ziehen, und mehr nicht. Aber gegen sie selber sind ihre Vergehen. Mein herzlieber Vater! Kehret nach Ro zurück, sobald Ihr Könnt… Der Gekreuzigte sagt Euch durch mich: Fürchtet nichts. Vertraut auf den süßen Heiland… Auf mit Mut! Erfüllet Ihr nicht Eure Pflicht, so müsste Ihr fürchten. Ihr müsst kommen; so kommet denn! Ergreifet die Waffe des Kreuzes, der Christen Schirm und Leben! Lasset reden, wer will, und beharret bei dem heiligen Vorsatz. Vergebt mir. Der Gekreuzigte sei mit Euch.“

Ein erträglicher Frieden mit Florenz

Von den drei Herzens-Anliegen hatte nur das erste Erfolg. Trotz aller Schwierigkeiten riß sich Gregor von seiner französischen Heimat los und traf am 17. Januar 1377 zur großen Freude aller Italiener und aller Christen nach 72 Jahren der Abwesenheit des Apostolischen Stuhles in Rom ein. Katharina hatte den größten Teil an diesem Erfolg. Mit dem Frieden aber wollte es nicht vonstatten gehen. Nur gute Worte gab die Republik Florenz und stellte unannehmbare Bedingungen, nicht einmal das Interdikt hielt man ein. In ernsten Worten hielt die Heilige den Machthabern ihre Unehrlichkeit, Falschheit und irdische Schlauheit vor. Sie machte sich im folgenden Jahr selbst noch einmal auf Geheiß des Papstes nach Florenz auf, erreichte aber für die Sache selbst nichts als die Beobachtung des Interdiktes; ja ihr Leben kam in ernste Gefahr, indem ein wilder Volkshaufe das Haus der Heiligen stürmte und die unbequeme Friedensstifterin mit dem Tode bedrohte. Entschlossen kniete sie hin, den Todesstreich zu empfangen, voll Freude, für die Kirche das Leben zu lassen. Das hielt sie aber nicht ab, in einem neuen, rührend schönen Brief, ihrem letzten an Gregor, den Papst um Versöhnung und Entgegenkommen gegenüber den halsstarrigen Florentinern zu beschwören. Es war ein Meistergriff politischer Klugheit von Gregor, die Entscheidung des Streites niemand anderem als Bernabo Visconti, dem mächtigen Bundesgenossen der Florentiner, in die Hand zu legen. So kam denn eine Friedenstagung zustande, deren Arbeit aber durch den plötzlichen Tod Gregors XI. unterbrochen wurde. Erst am 24. Juni 1378 vermochte Geld- und Gewissensnot die Florentiner, mit Urban VI., Gregors Nachfolger, einen erträglichen Frieden zu schließen.

Der Ausbruch des abendländischen Schismas

Ruhe brachte er aber der Welt und der Kirche nicht, denn nun brach das entsetzlichste aller Übel über die Christenheit herein, das traurige Schisma, das fast 40 Jahre anhielt, in dem christliche Nationen, Päpste Päpsten, Heilige Heiligen gegenüber standen, das Schisma, das Verwirrung, Spaltung und Feindschaft in alle Kreise der christlichen Gesellschaft brachte, das wie nichts anderes das Ansehen des päpstlichen Stuhles erschütterte und die Kirche entehrte. Auf Gregor XI. folgte im selben Jahr noch (1378) durch rechtmäßige Wahl Urban VI., fromm, sittenstreng und gelehrt und von den besten Gesinnungen für richtige Verbesserung. Aber durch seine unzeitige Strenge und Rücksichtslosigkeit verdarb er seine Sache und beging Missgriffe über Missgriffe. So kam es, namentlich durch die französischen Kardinäle, bald zur Wahl Klemens` VII. als Gegenpapst, der später wieder nach Avignon übersiedelte und es zum Sitz des Gegenpapsttums machte. Katharina war untröstlich über das Unglück, stand fest zum rechtmäßigen Papst und bot alles auf, das Übel zu beschwören. Auf ausdrücklichen Befehl des Papstes kam sie nach Rom und sprach ihm Mut zu in offenem Konsistorium, so daß er zu den Kardinälen sagte: „Dieses Weiblein beschämt uns; während wir uns ängstigen, steht sie über aller Furcht erhaben da.“ An alle Machthaber und Fürsten richtete sie ihre Mahn- und Bittbriefe für die Sache des Papstes. Diese nahm auch eine entschieden bessere Wendung mit dem Eintreffen Katharinas in Rom (1378). Es gelang ihr selbst einmal, die wetterwendischen Römer, die das Leben des Papstes bedrohten, mit ihm auszusöhnen. Wenn Italien der Partei des rechtmäßigen Hirten treu blieben, ist es namentlich den Bemühungen Katharinas zu danken.

Indessen sollte die Heilige die Frucht ihrer Gebete und Anstrengungen sowie die traurigen Geschehnisse bis zur Beendigung des Schismas nicht mehr erleben. Am 29. April 1380, erst 33 Jahre alt, erlag sie dem Druck des allgemeinen Unglücks und einer schweren Krankheit, mit den rührend demütigen Worten: „Nicht um meiner Verdienste willen, sondern durch deine Barmherzigkeit und die Kraft deines Blutes komme ich zu dir.“ –
aus: Moritz Meschler SJ, Aus dem katholischen Kirchenjahr, Erster Band, 1919, S. 328 – S. 336

Category: Bekenner, Meschler
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