Zwei jüdische Konvertiten und eine Petition

Öffentliche Sitzung des Konzils von 1869/70 in St. Peter; vorne ist ein Altar zusehen; direkt gegenüber am Ende des Saales sitzt der Papst; rechts und links sitzen die Kardinäle und Bischöfe

Ein dem Konzil eingereichter Antrag im Interesse der Juden

Seit 40 Jahren hat sich bekanntlich unter den französischen resp. elsässischen Juden eine auffallende Annäherung an das Christentum kund gegeben. Viele von ihnen haben sich taufen lassen und sind später Priester geworden. Diese Priester, von denen die beiden Ratisbonne die bekanntesten sind, gaben sich von Anfang an alle Mühe, für die Bekehrung ihrer Stammesgenossen zu wirken, und ihre Erfolge bestärkten sie in der Hoffnung, daß die Stunde, in der Gott sich ihres Volkes erbarmen werde, bald schlagen müsse. Zwei dieser edlen Konvertiten haben nun Schritte getan, um das Konzil in ihr Interesse zu ziehen, und unter Anderem in diesem Sinn eine Petition an die Väter des Konzils gerichtet, welche lautet, wie folgt:

Petition an die Väter des Konzils

Eminenzen und Hochwürdigste Väter!

Über dem Portal der geheiligten Aula des Konzils sind die Worte Christi zu lesen: „docete omnes gentes“ – Lehret alle Völker. Wer immer diese Inschrift liest, ersieht daraus Eure Fürsorge für die verschiedenen Zweige der menschlichen Familie; und zugleich haben wir, Söhne Abrahams und nun, durch Gottes Erbarmung, Priester Christi, daraus Kraft und Mut geschöpft uns Euch zu nahen, um bei Eurer mitleidigsten Barmherzigkeit Fürbitte für unser, der Hebräer Volk einzulegen. So oft der Kirche die Möglichkeit gegeben war, das Licht des Evangeliums leuchten zu lassen denen, die im Schatten des Todes sitzen, hat sie ihrer göttlichen Pflicht zu entsprechen nicht ermangelt. Und wenn sie je einmal ein Volk mit ihrer himmlischen Lehre zu erleuchten nicht vermochte, da ist anzunehmen, daß durch eine Art von Unmöglichkeit ihr Eifer unfruchtbar geblieben sei; und so ist es, neunzehn Jahrhunderte lang, mit dem unglücklichen Geschlecht der Israeliten gewesen. Heute aber, nachdem die göttliche Vorsehung ins Mittel getreten, scheinen die alten Hindernisse hinweg geräumt.

Schon vom Anfang des Jahrhunderts erscheint die Lage unseres Volkes durchweg geändert, sowohl in bürgerlicher als religiöser Beziehung. Denn wenn wir die gegenwärtige Stellung der Juden in ihren äußeren Beziehungen zur Gesellschaft ins Auge fassen, bemerken wir sie fast in allen Gegenden des Okzidents mit den Eingeborenen vermischt und demselben politischen Regiment unterworfen. Gefallen ist seit vielen Jahren jene Scheidewand, Ghetto genannt, durch welche einst die Juden selber (im Mittelalter) umgeben und beschützt sein wollten; in Rom selbst hat unser erhabener und ruhmvoller Papst Pius IX., sobald er Petri Stuhl bestiegen, den Befehl zur Entfernung des Tores der Scheidung gegeben. Und der Beste der Hirten hat dankbare Herzen dafür gefunden; denn noch vor kurzer Zeit haben wir mit eigenen Ohren die Stimme der Dankbarkeit aus dem Munde von Israeliten vernommen: „wahrhaftig ein Engel ist uns Pius der Neunte“.

Auch in religiöser Beziehung ist eine große Änderung mit den Juden geschehen. Während sie sonst einerseits durch eine materielle Mauer von der bürgerlichen Gesellschaft geschieden wurden, hielt sie anderseits nicht minder von den Christen Gesetz und Sitten entfernt jenes Buch, dem sie den Titel Talmud geben. Jetzt aber, nachdem sie mit den Christen sich vermischt haben, werden sie tatsächlich angetrieben, den Talmudismus aufzugeben und andere Sitten und ein anderes Bekenntnis anzunehmen; und in der Tat schreiten die Israeliten jetzt, da die Völker des Okzidents dem Rationalismus oder Indifferentismus verfallen sind, – weil in ihre Gemeinschaft zugelassen -, auf demselben höchst verkehrten Wege vorwärts. Bei diesem Stand der Dinge nun, da die Israeliten in der bürgerlichen Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielen, und nachdem sie den Glauben der Väter verlassen, abgeirrt und verlockt, irren Lehren sich hingeben, sind wir überzeugt, – Eminenzen und hochwürdigste Väter -, daß der Seeleneifer und die Liebe zu unserem Volk von uns fordern, demütig vor Euch auf die Knie nieder zu fallen, um Eure Barmherzigkeit für unsere Brüder, die Kinder Abrahams anzuflehen.

Mit Inbrunst also, Eminenzen und hochwürdigste Väter, rufen wir Eure Barmherzigkeit an, Ihr möchtet Euch würdigen, von Seiten Eures heiligen Konzils an die Hebräer eine väterliche Einladung ergehen zu lassen. Durch solche Herablassung nämlich, wenn vielleicht auch nicht so schnell die völlige Bekehrung zu Christus erfolgen sollte, werdet Ihr jenen erbarmungsvollen Vater nachahmen, von dem der Evangelist sagt: „Da er (-der verlorene Sohn -) noch ferne war, sah ihn sein Vater und wurde gerührt, lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals.“ O gewiß, Eminenzen und hochwürdigste Väter, wird Eure Barmherzigkeit gegen unsere Brüder von Erfolg sein, weil die Juden Gott immer „sehr teuer wegen der Väter“ sind, weil „aus ihnen ist Christus nach dem Fleische“. Ihr werdet Euch erbarmen, eingedenk dieser so mächtigen Ermahnung, welche der heilige Petrus, vor dessen glorreichem Grabe Ihr jetzt versammelt seid, gleich im Anfang seines Apostolates an die Juden gerichtet hat. Ihr werdet Euch erbarmen, teilnehmend an jenem unaufhörlichen Schmerz, der dem heiligen Paulus die Worte auspreßte: „Es ist mir eine große Trauer und ein beständiger Schmerz meinem Herzen; ich wünschte selbst verworfen zu sein von Christus für meine Brüder, die meine Verwandten sind nach dem Fleische, die Israeliten sind.“ Ihr werdet Euch erbarmen, damit nicht, während das heilige vatikanische Konzil alle Nationen des Erdkreises unter seine Fittiche genommen, ausgeschlossen sei jenes Volk, zu dem Christus seufzend gesprochen: „Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder sammeln wollen, wie eine Henne ihre Küchlein unter die Flügel sammelt!“

Ihr werdet euch erbarmen endlich, o gütige Väter, damit unsere Mutter, die seligste Jungfrau Maria, welche der Hohepriester, dem sie hoch gewogen ist, kürzlich mit dem Diadem der Unbefleckten geziert, in ihrem mütterlichen Herzen, die von ihr heiß ersehnte Freude empfinde, erfüllt zu sehen ihres erhabenen Lobgesanges letzte Worte: „Er hat in Gnaden aufgenommen Israel seinen Knecht eingedenk seiner Barmherzigkeit, wie er gesprochen zu unseren Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

Joseph Lehmann,

August Lehmann,

Priester der Erzdiözese Lyon.

Diese Petition hatte den Erfolg, daß eine große Anzahl der Väter des Konzils ihrerseits folgenden Antrag oder Postulatum an das Konzil einreichte.

Postulatum der Bischöfe

„An das heilige ökumenische Konzil.

Die unterzeichneten Väter richten an das hl. Ökumenische Vatikankonzil die demütige und dringende Bitte, es möge sich würdigen, eine väterliche Einladung an die so unglückliche Nation der Israeliten ergehen zu lassen, nämlich den Wunsch auszusprechen, daß die Israeliten, endlich müde der so langen und vergeblichen Erwartung sich beeilen möchten, den Messias, unsern Heiland anzuerkennen, der dem Abraham wirklich verheißen und durch Moses vorher verkündigt worden, indem sie so die mosaische Religion vollenden und krönen, ohne sie zu wechseln.“

Motive des Postulatum

„Einerseits haben die unterzeichneten Väter das festeste Vertrauen, daß das Konzil Mitleid mit den Israeliten haben werde, weil sie Gott immer wegen ihrer Väter sehr teuer“ sind und weil „aus ihnen Christus nach dem Fleische ist.“ Andererseits teilen dieselben Väter die süße und innige Hoffnung, daß dieses Verlangen, eingegeben von zärtlicher Liebe und ehrenvoll für die, welche es angeht, mit Hilfe des heiligen Geistes von Mehreren der Kinder Abrahams gut aufgenommen werden wird, weil die Hindernisse, die sie bis heute aufgehalten haben, mehr und mehr zu verschwinden scheinen, seitdem die alte Scheidewand gefallen ist. Gebe also Gott, daß sie sobald als möglich Christo den Ruf entgegen bringen möchten: „Hosanna dem Sohne Davids. Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Gebe Gott, daß sie herbei eilen möchten, sich in die Arme der unbefleckten Jungfrau Maria zu werfen, die schon ihre Schwester dem Fleisch nach, auch noch ihre Mutter der Gnade nach sein will, wie sie selbe für uns geworden.“

Dieses Postulatum, der Ausdruck der Liebe und des Erbarmens ist von 506 Bischöfen unterzeichnet worden. Wohl hätten einige Unterschriften genügt, um dieser Angelegenheit den Zutritt zum Konzil zu eröffnen. Aber weil das Volk der Juden zerstreut ist durch alle Gegenden, auf allen Inseln, in jedem Winkel der Welt, deswegen lag den zwei Brüdern daran, daß alle Völker, durch ihre Hirten repräsentiert, wie mit einer mächtigen Stimme nach Ablauf von beinahe 2000 Jahren nach der Bekehrung der Reste Jakobs verlangen. Aus nachstehender Zusammenstellung der Unterschriften des Postulatums ersieht man, wie in der Tat alle Nationen des Erdkreises vertreten sind, mit Ausnahme der Polen, deren Bischöfe gefangen gehalten sind…

Nach Sammlung aller dieser Unterschriften ist den Brüdern Lehmann die Ehre bewilligt worden, das Postulatum Seiner Heiligkeit vorzulegen. Es war notwendig, daß der Blick Petri auf diesem Werk ruhte und demselben zur Bestätigung und zum Segen gereiche. Und Pius IX. sprach zu ihnen: „Siehe da, die zwei israelitischen Brüder, die zwei Priester, die großen Eifer für das Heil ihres Volkes haben. Ja meine Kinder, Ihr seid Söhne Abrahams, und Ich auch … Ach! Um alle diese Unterschriften zu sammeln, mußtet Ihr wohl viele Gänge machen, mußtet Ihr Euch wohl viele Mühe geben.“ Die zwei Brüder antworteten: „Ja heiliger Vater, wir haben viele Gänge gemacht; in unserer Person unser ganzes Volk darstellend, waren wir der irrende Jude, und der irrende Jude hat seine Wanderung vollendet, indem er hinauf stieg die Treppen aller Bischöfe der Welt, die in Rom versammelt sind. Hier in Rom haben wir zum letzten Male die Reise um die Welt gemacht.“ Und Pius IX. erwiderte gerührt: „Meine Kinder, ich nehme Euer Postulatum an, ich selbst will es dem Sekretär des Konzils übergeben. Ja es schickt sich, ja es ist gut an die Israeliten einige Worte der Ermahnung und Ermutigung zu richten. Eure Nation hat in den heiligen Schriften sichere Verheißungen der Rückkehr. Wenn die Weinlese auch nicht ganz stattfinden kann, möge uns der Himmel doch wenigstens einige Trauben gewähren.“ Dann gab der heilige Vater den zwei Brüdern bewegt den Segen, indem er ihnen das kostbare Wort der Ermutigung hinterließ: „Ihr arbeitet für euer Volk, das ist ein Beruf, ihr wollt für sie tun, was Moses getan: sie befreien.“ –
aus: M. Joseph Scheeben, Das ökumenische Concil vom Jahre 1869, Bd. 2, 1870, S. 23 –  S. 27

Bildquellen

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