Wo findet sich das Geheimnis der Bosheit

Hoffnung einer letzten Phase oder Periode der Wiedererkennung

Erstes Kapitel.

Wo findet sich in der Geschichte der Nationen das Geheimnis der Bosheit?

IV.

Der Leser konnte leicht unserem Gedankengang folgen.

Im Schoß der Nationen gibt es ein Geheimnis der Bosheit und der Untreue, das Gott wachsen lässt.
Wenn es seine ganze Fülle erreicht haben wird, dann wird dieses Mysterium der Untreue eine ungeheure Hungersnot erzeugen.

Dies haben wir bewiesen.
Hier aber bietet sich ganz natürlich eine letzte Frage:

Wo findet sich in dem jetzigen Zeitpunkt der Geschichte der Nationen das Geheimnis der Bosheit? Und sollten sich in der Welt nicht Anzeichen einer beginnenden Hungersnot finden?

Sicher haben wir nicht die Absicht, die Zukunft schaffen zu wollen. Und der Leser wird uns die Gerechtigkeit widerfahren lassen müssen, daß wir in der Wahl unserer Beweismittel streng sind. Folglich werden wir, indem wir uns gleich jenen Wächtern, die von den Zinnen Jerusalems herab sich zurufen: „Wächter, wie steht`s mit der Nacht?“ (Is. 21, 11) auf die sorgfältigste Beobachtung beschränken; die genausten Verhältnisse des Mysteriums der Nacht oder der Bosheit angeben, ohne auch noch am äußersten Rand des Horizontes Schreckensgestalten finden zu wollen.

Bei allem wollen wir eine äußerst wichtige Unterscheidung machen.

Heute mehr als je muss man in einer Nation sorgfältig zwischen den Individuen und der Regierung unterscheiden. Die Regierung kann die Kirche zurückgestoßen haben, ohne daß die Mehrzahl der Individuen sie zurückgestoßen hätte. Jedoch ebenso, wie das Haupt den Leib deckt, für denselben handelt und dieser danach beurteilt wird, ebenso wird auch die Nation nach der Regierung, welche ihr Haupt bildet, vor Geschichte und Gott gerichtet. Daraus folgt, daß eine Nation an dem Tage abtrünnig wird, da ihre Regierung den Akt der Abtrünnigkeit vollzieht, obwohl es in ihr viele Individuen von unschätzbarer Treue geben mag. Indessen begreift man, daß niemals eine Regierung eine solche Kühnheit besitzen würde, wäre sie nicht von einer Menge umgeben, die ihre Absichten ermutigt. (1) Alles dieses hat sich in der vorbildlichen Geschichte des jüdischen Volkes ereignet. Die Regierung oder der hohe Rat wollte sich Christi entledigen; eine große Menge des Volkes ging mit Eifer darauf ein und die ganze Nation wurde von Gott und dem Universum mit dieser Schuld beladen, obgleich es neben jenen viele gläubige Juden gab, welche zu der Ehre berufen waren, die Grundlagen der Kirche zu bilden.

(1) Der Graf de Maistre hat gesagt: „Die Nationen haben die Regierung, welche sie verdienen.“

Nachdem wir diese sowohl tröstliche als furchtbare Unterscheidung festgestellt, können wir zur genauenVerhältnisangabe des Mysteriums der Bosheit zur jetzigen Zeit der Geschichte der Nationen übergehen.

In Europa, diesem auserlesenen Gebiet für das Feld des Heidentums, besaß die Kirche lange Zeit zwei Gruppen gläubiger Nationen: die romanische Gruppe und die germanische Gruppe.

Die germanische Gruppe: das heißt, alle Nationen des Nordens: Deutschland, Preußen, die Schweiz, England und Skandinavien.

Die romanische Gruppe: das heißt, alle Nationen des Südens: Frankreich, Italien, Teile von Österreich und Spanien.

Nun: mit zwei Schlägen ist ihr alles entrissen worden oder wird ihr zur Stunde noch alles entrissen.

Der Protestantismus hat ihr die ganze Gruppe der Nationen des Nordens entrissen.
Und die Revolution ist mit einem gigantischen Sprung im Begriff, ihr die ganze Gruppe der Nationen des Mittags zu entreißen.

Wir wiederholen es: in diesem Abfall des Heidentums oder der Nationen teilen sich die Massen; und während sich die schlechten Massen um die Regierungen scharen, drängen sich die christlichen Massen um die Kirche; die christlichen Massen, durch welche sich der Katholizismus erhält; die christlichen Massen, durch welche sich gewiss die herrliche Verheißung des „sanabiles fecit nationes“ oder die Auferstehung der Nationen erfüllen wird; aber nicht weniger wahr ist es, daß es in dem als Versammlung der Nationen betrachteten Heidentum zur Stunde nicht eine gibt, welche in ihrer Verfassung christlich geblieben wäre, die Standarte Christi und Seiner Kirche hoch trüge. Wenn es eine gibt, so zeige man sie uns.

Es ist dieses Heidentum, welches das Christentum war, durch den vollendeten oder bevorstehenden Bruch aller Nationen mit der Kirche bedroht, die Vision des heil. Paulus auf sich angewendet zu sehen: „conclusit in incredulitate“ – „Alles ist unter dem Unglauben verschlossen.“ (2)

So viel über das Geheimnis der Bosheit an sich.

(2) „Viele Übel quälen und beunruhigen die Welt; aber das, was allen andern den Anstoß gibt, das ist der universelle Bruch der Völker und derjenigen, welche sie leiten, mit dem öffentlichen und sozialen Königtum Jesu Christi. Ein einziger Staat hat bis jüngst eine Ausnahme gemacht: Spanien. Aber unter den Schlägen und unter der Schmach seiner letzten Revolution ist die Kette zerbrochen und durch diese gottlose Scheidung ist die allgemeine Abtrünnigkeit der Regierungen und der Völker jetzt vollendet.“ (Msg. Plantier, Bischof von Reims. Les concils généraux. p. 137-138)

Aber, haben wir hinzugefügt, beginnt nicht aus ihrem Schoß die Hungersnot hervor zu gehen?

Bossuet sagt bei der Erklärung der Apokalypse: „Ich zittere, wenn ich die Hände auf die Zukunft lege.“ Hätte er das Ende dieses Jahrhunderts erlebt, würde er sagen: „Ich zittere, wenn ich die Hände auf die Gegenwart lege.“

Was aber ist die Gegenwart?

Die Gegenwart ist nicht mehr der Glaube. Die alte Gläubigkeit an die mosaische und an die christliche Offenbarung, welche so lange Zeit das Leben und die Freude der Völker war, ist verschwunden vor der Verachtung, vor dem Gelächter der Wüstlinge und vor der Berechtigung zur Gotteslästerung.

Die Gegenwart ist nicht einmal mehr die Vernunft. Die Gottesidee ist in Gefahr.
Die Gegenwart ist nicht mehr die Gerechtigkeit. Die Völker und ihre Häupter haben sie vergessen und die Erde wird ihr bald keine Zufluchtsstätte mehr zu bieten haben.

Die Gegenwart ist nicht mehr die Ehre. Man begegnet nur noch Herzen, die sich in niedriger Weise der Erde zuwenden und beinahe dem kalten Metall, für das sie sich verkauft haben, ähnlich geworden sind.

Die Gegenwart ist nicht mehr die Tugend. Man behauptet, die Sitten seien schändlich und es finde ein furchtbarer Rückfall der Menschen in großen Massen in die Bestialität statt.

Die Gegenwart ist nicht mehr die Brüderlichkeit. Die bürgerliche Gleichheit und die Teilung des Vermögens haben wohl die Kluft, welcher den Armen vom Reichen trennte, bedeutend gemindert; aber indem sie sich näherten, scheinen sie neue Gründe, sich zu hassen, gefunden zu haben und werfen einander Blicke voll Schrecken und Neid zu.

Die Gegenwart ist nicht mehr die Ordnung. Die Freiheit will die Autorität verschlingen, die Autorität will die Freiheit ersticken; man weiß nicht mehr, wohin sich dieser großer Körper Europas wendet, der, indem er sich bald an einer schrankenlosen Demokratie, bald an einer Autokratie stößt, welcher ein Gegengewicht fehlt, ungewiss seines Weges und seines Zieles, mehr einem berauschten Menschen, als einer Gesellschaft gleicht.

Die Gegenwart ist nicht mehr der Frieden. Niemals hatte die Menschheit ein solches Waffengetöse vernommen; und die Phantasie ahnt Seen von Blut, welche weder durch die Winde mit ihrem glühenden Hauch, noch durch die Sonne mit all ihrem Feuer ausgetrocknet werden können.

O siehe… Feld des Heidentums, armes Heidentum, was ist aus Dir geworden! Christliche Nationen, Acker Christi, soll deine Unfruchtbarkeit also so groß werden, daß man von der Größe deines vergangenen Überflusses nur noch wie von einem Traum wird sprechen können? „Und die Unfruchtbarkeit wird so groß sein, daß man allen Überfluss vergessen wird, der vorher gewesen.“ (Gen. 49, 30) Ach, weiset nicht mehr auf Eure Eisenbahnen und Lokomotiven, nicht mehr auf die Elektrizität und den Durchstich der Gebirge hin! Alles, alles dies sind nur die Wege des Feldes. Zeigt uns die Arbeiterin! … Was habt ihr mit der Arbeiterin gemacht! – Ihr habt sie zurückgestoßen; Ihr habt gerufen: „Wir wollen ohne sie vorwärts gehen!“ Und das rauhe und verwilderte Ansehen, das Ihr besaßet, als sie sich Euer annahm, wird wieder zum Vorschein kommen! O Heidentum, das Du lange genug unser Volk mit dem schrecklichen Vorwurf verfolgt hast: „Was hast Du mit dem Messias gemacht?“ An uns ist es, Dich zu fragen: „Was hast Du mit Seinem Schweiß und mit Seiner Arbeit gemacht?“ –
aus: Gebr. Lémann, Die Messiasfrage und das vatikanische Konzil, 1870, S. 79 – S. 83

Category: Neuzeit
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