Die Liebe des Mitleidens

Die Liebe des Wohlgefallens und Mitleidens

Wenn wir Gott lieben, so freuen wir uns, daß Er Gott, daß Er so gut und vollkommen ist, wie Er ist. Wir nennen dies Gefühl die Liebe des Wohlgefallens. Wir übertragen seine Freude auf uns selbst, wir freuen uns an ihr, als ob sie unser eigen wäre, bloß weil wir Ihn lieben. Jakob wollte nicht an Josephs Herrlichkeit glauben, aber als er ihn sah, fiel er ihm um den Hals, umarmte ihn und sprach: „Nun will ich gerne sterben, denn ich habe dein Angesicht gesehen, und lasse dich am Leben zurück.“ (Gen. 46)

Allein dies ist nicht die einzige Pflicht der Liebe. Wenn es uns beglückt, weil der Gegenstand unserer Liebe glücklich ist, indem wir sein Glück in unser Herz aufnehmen, und so seine Interessen zu den unsrigen machen, so wird dieselbe Liebe uns gleichfalls betrüben, weil der Gegenstand unserer Liebe beleidigt und misshandelt wird, indem wir seine Beleidigung auf uns selbst übertragen, und uns seine Unbilden zu Herzen nehmen, wie wenn sie vielmehr die unsrigen wären, als die seinigen. Ich will damit sagen, daß der Kummer über die Sünden Anderer kein so weit hergeholtes oder übertriebenes religiöses Gefühl sei, sondern daß diese Gemütsstimmung notwendig aus der Liebe Gottes folge. …

Woher kam es, daß die Schmerzen unserer göttlichen Mutter unerträglicher waren, als alle Qualen der Märtyrer, wenn nicht daher, daß ihre Liebe alle Liebe der Märtyrer übertraf? Wenn daher Gott beleidigt wird, so nehmen wir das Unrecht zu Herzen, und es verwundet uns wegen der Liebe, die wir zu Ihm haben.

Da ferner Sympathie und Mitleid Gefühle sind, die sich in uns leichter erregen lassen, als die des Wohlgefallens, so scheint es, als ob Gott die Liebe des Mitleids, wie die Theologen sich ausdrücken, sogar mehr gepflegt haben wolle, als die Liebe des Wohlgefallens. Dies ist ein Grund, warum die Andacht zu dem Leiden unsers Herrn in der ganzen Kirche so beliebt ist. Es mag dies auch eine Ursache sein, warum es unserm Herrn gefiel, mehr zu leiden als nötig war, und unter so rührenden Umständen, damit das Mitleiden mit Ihm in seinen Schmerzen uns um so leichter, und damit Ihm von unserer schwachen Liebe um so mehr zu Teil würde. Es erfordert auch keinen seltenen Grad von Liebe, dies heilige Mitleid zu empfinden. Die Frauen Jerusalems waren keine Heiligen, und doch weinten sie auf dem Kreuzweg über Ihn. Jobs Freunde waren die hartherzigsten Menschen, und doch wurde das Mitleid Herr über ihre selbstgefällige Kälte und ihre lieblose Schulweisheit. Was wir vor allen Dingen bedürfen, ist die Rührung unserer Herzen, und der Schmerz rührt dieselben bälder und wirksamer als die Freude.

Ich habe keine Hoffnung, daß wir die Liebe in einem höheren Grad in unser Herz aufnehmen, wenn wir nicht zuerst diese Liebe des Mitleids dort einheimisch machen. Wir finden keinen so großen Fehler an einem Menschen, welcher sich nicht über die Freude Anderer freut, als an dem, der sich nicht über den Kummer Anderer betrübt. Die Sympathie gehört zu unserer Stellung in der Welt, und es ist noch Hoffnung für das sündhafteste Herz, wenn es nur eine innige, liebevolle Sympathie bewahrt. Aus allem Übel kommt Gutes hervor, und so strömt aus der Sünde und den Leiden unsers Herrn, wie aus zwei immer fließenden Quellen, diese beseligende Liebe des Mitleids in unsere Herzen. Seht, was diese Liebe vermag! Maria`s Mitleiden soll gewissermaßen mit den Leiden unsers Herrn mitgewirkt haben, die Welt zu erlösen. Wie viele Beispiele haben wir, wo Gott Sündern Gnade erzeigte, gerade deshalb, weil sie im Grunde ihres Herzens noch ein zärtliches Andenken an sein liebevolles Leiden bewahrten! Wir müssen jetzt mit Ihm trauern, wenn wir uns nachher mit Ihm freuen wollen.

Ich wünschte, daß ihr darüber nachdenken möchtet, und ich glaube nicht, daß ihr diesen Gedanken so erwägt, wie ihr solltet und wie er es verdient. Der heilige Franz von Sales sagt, daß das heftige Verlangen unsers Erlösers, durch diese schmerzhafte Liebe in unsere Seelen einzugehen, unerklärbar ist. Hier zeigt sich also ein leichter Weg, Ihn zu lieben und Ihm größere Ehre zu erzeigen, und ihr werdet dies Mittel nicht zurückweisen, da es so wenig kostet. Ich weiß gewiss, ihr liebt Ihn und wünscht Ihn noch mehr zu lieben. Ich will nicht glauben, daß dem nicht so sei. Lieber Gott! Wer sollte Dich nicht lieben? Gibt es ein Herz, das Dich nicht liebt? Doch es ist nicht unsere Sache, dies zu untersuchen; wir lieben Ihn und gepriesen sei seine Gnade dafür! Achtzehn Jahrhunderte sind schon seit seinem schmerzhaften Leiden verflossen, aber es erneuert sich täglich und jede Nacht ist Zeuge seines neuen Todeskampfes wegen der Menge unserer Sünden. Grausame Sünde! Grausamer Sünder! Aber Er soll eine Zuflucht bei uns finden; horcht nur auf die Stimme eures Herzens und hört, was Er sagt: „Tu mir auf, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Unbefleckte! denn mein Kopf ist voll des Taues, meine Locken voll nächtlicher Tropfen!“ (Hohl. 5, 2)

Aber ihr werdet sagen; sich über die Sünden Anderer kümmern, ist ganz wohl passend für die Heiligen; wir wissen, daß die Heiligen dies taten! Aber dies ist eher zu bewundern, als nachzuahmen, es übersteigt unsere Kräfte, und es wäre unverständig von uns, es zu versuchen. Wir bekümmern uns nicht halb genug um unsere eigenen Sünden, und sollten vor Allem uns damit beschäftigen. Ach, macht doch keinen solchen Einwurf! Ich will euch bei euren eigenen Worten nehmen. Ihr habt, wie ihr sagt, nicht halb genug Schmerzen über eure eigenen Sünden, und nichts macht euch so viel Kummer, als dies, nichts entmutigt euch so sehr, und setzt eurem Fortschritt im geistlichen Leben so viele Hindernisse in den Weg. Aber woher kommt es, daß euer Schmerz so gering ist? Weil ihr mehr auf die Sünde seht, sofern sie eure eigene Seele betrifft, als sofern sie die Interessen Gottes berührt.

Ich will damit nicht sagen, daß ihr die Sünde nicht auch auf diese Weise betrachten sollt – Gott bewahre! Ihr müsst das Eine tun und das Andere nicht unterlassen. Wenn ihr daher die Sünde bloß betrachtet, sofern sie auf eure eigene Belohnung oder Bestrafung Bezug hat, so werdet ihr offenbar nie den Hass gegen dieselbe fassen, welchen sie verdient; denn eure Strafe ist weit entfernt, das Hauptübel der Sünde zu sein. Das Hauptübel derselben ist die Beleidigung der Majestät Gottes, und wenn ihr sie in diesem Licht betrachten könntet, so würdet ihr einen viel lebhafteren Schmerz über eure Sünden haben, als jetzt. Aber um sie in diesem Licht sehen zu können, müsst ihr lernen, die Sünden anderer mit bekümmerten Augen zu betrachten, und dies ist gerade die Übung, welche ich euch empfehlen will, da sie im Geist unserer Bruderschaft (*) liegt: ihr sollt Schmerz über die Sünden anderer empfinden, und die dadurch beleidigte Ehre Gottes wieder herzustellen suchen.

(*) gemeint ist die Bruderschaft des kostbaren Blutes. Dies Werk war bestimmt, für die Mitglieder der Bruderschaft als geistliches Handbuch zu dienen.

Ich sage, diese Übung liege in dem Geist der Bruderschaft; denn die Gründe, die wir haben, uns über die Sünden anderer zu betrüben, sind dieselben, vermöge deren wir der Bruderschaft angehören. Wir betrüben uns über die Sünden anderer, weil Gottes Ehre dadurch beleidigt, die Frucht des Leidens unsers Herrn vernichtet wird, und weil die Seelen dadurch Schaden leiden oder verloren gehen. Ihr seht, dieselben drei Dinge kommen immer wieder zum Vorschein, und ihr dürft darüber nicht unwillig werden, daß ich sie so oft wiederhole. Wenn ich aber das Wort Schmerz gebrauche, so dürft ihr mich nicht missverstehen, ich will euch nichts Trauriges oder Unangenehmes auflegen. Nein, der Schmerz, von dem ich spreche, ist eines der größten Vergnügen, welches mehr geeignet ist, ein schweres Herz zu erleichtern, als ein heiteres Gemüt zu betrüben. Vernehmt, wie der ewige Vater sich herabließ, dies seiner geliebten Tochter Katharina von Siena zu erklären.

Nachdem er mit ihr von den fünf Arten der Tränen gesprochen (Dial. 88), welche die Menschen vergießen, spricht er von einem zugleich begnadigten und doch kummervollen Zustand der Seele. „Dieselbe ist allerdings glücklich durch ihre innige Vereinigung mit mir, worin sie die göttliche Liebe kostet. Ihr Schmerz entspringt aus dem Anblick der Beleidigungen, die gegen mich begangen werden, der ich die ewige Güte bin, und welchen diese Seele in ihrer Kenntnis von sich selbst und von mir sieht und kostet. Aber dies hebt den Zustand ihrer Vereinigung mit mir nicht auf; denn die Tränen, die sie vergießt, sind voll Süßigkeit und kommen aus der Erkenntnis, die sie von sich selbst hat, und aus ihrer Liebe zum Nächsten. Denn sie findet die Klage der Liebe in meiner Barmherzigkeit, und den Schmerz der Liebe in dem Elend ihrer Nebenmenschen. Daher weint sie mit den Weinenden, und freut sich mit den Freudigen; denn die Seele freut sich, wenn meine Diener meinen Namen ehren und verherrlichen.“

Und ferner: „Dieser Schmerz, welcher nicht wehe tut, entspringt aus meiner Beleidigung und aus dem Unglück der Nebenmenschen, und gründet sich auf die wahrste Liebe, und die Seele findet darin eine kräftige Nahrung. Ja, der Mensch freut sich und frohlockt über diesen Schmerz, weil er der überzeugendste Beweis ist, daß ich durch eine ganz besondere Gnade in seiner Seele wohne.“

So kam es, daß die Seelen, welche die Gabe der Tränen im höchsten Grad empfingen, auch vor andern mit geistlichen Freuden überhäuft wurden. Der Biograph des heiligen Johannes Climacus erzählt uns, daß keine Worte die entzückenden Wirkungen ausdrücken können, welche die Gabe der Tränen in seiner Seele hervor brachte, und der Heilige selbst sagt bei der siebenten Stufe seiner Leiter der Vollkommenheit, daß die, welche die Gaben der Tränen empfangen haben, jeden Tag ihres Lebens als ein geistliches Fest zubringen. Wahrhaftig, es ist keine Bitterkeit, in den Tränen derjenigen, die lieben, und was kann anders, als Friede und Freude in den Tränen sein, welche eine Gabe desjenigen sind, der, wie der heilige Augustin sagt, die Liebe und Freude des Vaters und Sohnes ist? –
aus: Frederick W. Faber, Alles für Jesus oder die leichten Wege zur Liebe Gottes, 1913, S. 116 – S. 122

Category: Betrachtungen, Faber
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