Beispiele von der Liebe des Mitleidens

Einige Beispiele von der Liebe des Mitleidens

Ich werde mich euch deutlicher machen, indem ich euch Beispiele von diesem Schmerz über alle Sünden gegen die Ehre Gottes aus dem Leben der Heiligen selbst gebe, und ihr werdet so sehen, wie süß und leicht diese Übung ist.

Heilige Katharina von Siena

Gott gab derselben heiligen Katharina folgende Offenbarung (Ial. c. 5.):

„Ich finde ein großes Wohlgefallen, meine teuerste Tochter, an deinem Verlangen, jeden Schmerz und jede Mühseligkeit, selbst den Tod zu erdulden, um Seelen zu retten. Denn je mehr Einer duldet, desto mehr zeigt er seine Liebe gegen mich, und indem er mich liebt, lernt er mehr von meiner Wahrheit kennen, und je mehr er von mir kennen lernt, desto mehr fühlt er den Schmerz und einen unerträglichen Kummer über jede Sünde gegen mich. Du verlangst die Strafe für die Fehler anderer auf dich zu nehmen, ohne zu bemerken, daß du, während du dies verlangst, zugleich um Liebe, Licht und Erkenntnis der Wahrheit batest; denn wie ich bereits gesagt habe, je größer die Liebe ist, um so größer ist auch der Schmerz; wie daher die Liebe zunimmt, so wird auch der Schmerz wachsen.“

Heilige Maria Magdalena von Pazzis

Die heilige Maria Magdalena von Pazzis fiel eines Tages in Verzückung, als sie über die Worte der Schrift nachdachte: „Es floss Blut und Wasser hervor.“ Sie sah, wie ihr Beichtvater sagt, eine große Menge Seelen, in der Seitenwunde Jesu, die wie Edelsteine in einer Königskrone glänzten, und sprach: „So werden unsere Seelen, durch das Blut verschönert, die Krone des Wortes; denn sie haben vor aller übrigen Schöpfung von dem Wort Zeugnis abgelegt, und Er rühmt sich ihrer wie ein König sich seiner Königskrone.“ Sie sah, wie die Seelen, welche in diese Wunde der heiligen Seite eingingen, zwei Gefühle ausdrückten. Zuerst verwandelten sie sich in Blut durch die Liebe und dann in Wasser durch den Schmerz. Allein Gott hat mehr Wohlgefallen an einer Seele, welche in diesem Leben wenigstens sich durch den Schmerz umwandelt, als an einer, die sich umwandelt durch die Liebe, wiewohl ich weiß, o göttliches Wort! daß der Schmerz, den eine Seele fühlt, wenn sie Dich beleidigt sieht, nur aus der Liebe entstehen kann, die sie gegen Dich trägt, und welche an sich selbst vollkommener ist, als der Schmerz. Allein durch den Schmerz wird die Seele besser in der Liebe zum Nächsten geübt, weil sich dabei der Eifer für seine Rettung lebhafter zeigt.

Es gibt noch einen andern Grund, warum in diesem Leben die Übung des Schmerzes Gott mehr gefällt, als die Übung der Liebe, weil der erstere eine Art von Martertum ist, wodurch die Seelen Ihm ähnlich werden, da Er am Kreuz hing; ihr Schmerz ist Mitleid über die grausamen Qualen, die unser Herr duldet, es sind gleichsam Tränen der Liebe, über sein Leiden vergossen. Wenn endlich der Schmerz den höchsten Grad erreicht, so reinigt er die Seele von ihren Sünden. Die Liebe hat allerdings mehr Reiz; aber da wir in dieser Welt gereinigt werden sollen, so ist es eher die Zeit, um aus Liebe zu unserm Gott zu dulden und zu trauern, und deshalb hat auch Gott mehr Wohlgefallen am Schmerz, als an der Liebe. Bei einer andern Gelegenheit sagte unser Herr nach der Kommunion zu derselben Heiligen, sie solle seufzen, wie ein Taube, und Ihn bemitleiden, weil Er von seinen Geschöpfen so weniger erkannt und geliebt sei.

Die Aufgabe, die Klosterfrauen zu erfüllen haben

Dies ist gerade die Aufgabe, welche die Klosterfrauen in der Kirche Gottes zu erfüllen haben. Es gibt keine einzige, so beschäftigt sie auch mit der Erziehung oder mit andern äußern Werken sein mag, die nicht gerade durch ihr klösterliches Gelübde diese Bürde auf sich genommen hätte. Eine Anzahl frommer und liebenswürdiger Frauenzimmer, die miteinander in Frieden und Eintracht leben, und täglich eine Reihe geistlicher Übungen durchgehen, wie der Buchstabe ihrer Regel sie vorschreibt, oder die sich mit Erziehung der Jugend befassen, ohne Erkenntnis eines übernatürlichen Zweckes, oder eines innigen Gefühls, daß sie mehr als andere Jesu geweiht sind – dies sind keine Nonnen, so malerisch auch ihre Tracht scheinen mag, und so achtungswürdig die einzelnen sein mögen. Es ist allerdings erfreulich, wenn Frauenzimmer eine solche Zufluchtsstätte vor der Welt haben, wo sie viele Eitelkeiten und Versuchungen fern gehalten werden. Allein solche Zufluchtsörter sind keine Klöster. Ein Kloster ist ein ganz anderer Ort, und ein Frauenzimmer, das sich aus der Welt zurückzieht, wird darum noch nicht eine mystische Braut Christi. Das Gelübde der Armut, wenn auch sonst nichts anderes, drückt den Klosterfrauen notwendig einen Charakter der Büßung auf. Nicht so fast sie werden vor der Welt geschützt, als Jesus, welcher gegen die verkehrte Welt in dem Heiligtum ihres Herzens eine Zuflucht sucht.

Geist des Schmerzes und der Liebe

Sie müssen einen Geist des Schmerzes und der Liebe atmen; ihr Leben soll unter heiligen Tränen und Genugtuungen für die Unbilden ihres himmlischen Bräutigams verfließen. Sie haben seine Interessen ergriffen; sie müssen mit Ihm trauern und mit Ihm sich freuen. Ihnen hat Er die Sorge für seine Ehre anvertraut. Die Welt ist ihr Kreuz und sie müssen es tragen. Sie dürfen nicht gleichgültig sein gegen die Sünden derselben, sie haben sich in die Einsamkeit zurückgezogen, um dieselben zu beweinen. Wo diese Gesinnung fehlt, da findet man nicht das opferwillige Herz der Abtötung, die gnadenvolle Höhe des innerlichen Gebetes, den Ehrfurcht einflößenden und dabei doch erheiternden und erfrischenden Atem des wirklich übernatürlichen Lebens. Weder Zeit, noch Land, noch Beschäftigung kann die Bräute Jesu Christi von ihrer Pflicht entbinden, liebende Tauben des heiligen Herzens zu sein. Sie müssen durch einen beständigen Geist der Genugtuung und Opferung die Gefühle in sich verwirklichen, welche dem gottseligen Paulus vom Kreuz eigen waren. Er jammerte und klagte unter bitteren Tränen über die Undankbarkeit der Menschen, welche der unbegrenzten Güte Gottes so kalt begegneten, und pflegte oft die Worte zu wiederholen: „Was! Ein Gott ist Mensch geworden! Ein Gott gekreuzigt! Ein Gott gestorben! Ein Gott unter den Gestalten der Sakramente verborgen! Wer? – Ein Gott!“

Dann blieb er eine Zeit lang still, in einer Art von ekstatischer Erstarrung und brach darauf wieder in die Worte aus: „O brennende Liebe! O Übermaß der Liebe! Wer ist Er und wer sind wir, für die Er so viel getan? O undankbare Geschöpfe! Wie kann es sein, daß ihr Gott nicht liebt? Ich möchte, wenn es möglich wäre, die ganze Welt mit dem Feuer der Liebe entzünden. Ach, wenn ich nur ein wenig Kräfte hätte, um hinaus zu gehen ins freie Feld, meinen lieben gekreuzigten Jesus zu predigen, unsern guten Vater, der für uns Sünder am Kreuze starb!“

Wenn dies von den Nonnen gilt, dann ist es so wichtig, daß es immer alle ihre Gedanken beherrschen sollte. Sind sie dazu bestimmt, Gott für die Sünden anderer bestimmte Sühnopfer darzubringen, so muss offenbar dies der Hauptgegenstand ihrer Aufmerksamkeit sein. Der Erfolg ihrer Schulen muss für sie eine ganz untergeordnete Angelegenheit sein, und so auch die Zahl ihrer Novizen, die Bauart ihrer Klöster, oder ihre Befreiung von der bischöflichen Gerichtsbarkeit. Ihr einziges Absehen soll dahin gehen, ihrem himmlischen Bräutigam zu gefallen, und über seine beleidigte Majestät zu trauern. Die Selbstliebe ist an allen Menschen gehässig; an Religiosen ist sie beinahe ein Frevel am Göttlichen; der Geist heiliger, schüchterner Furcht, welcher immer seufzt, weil seiner Niedrigkeit die Höhen des wahren Berufes so entrückt scheinen – dies ist der Geist der Klöster. Wenn eine fromme Seele mit einem Mal alles sehen könnte, wozu sie sich sowohl in Bezug auf die Vollkommenheit, als auf das Leben durch ihr religiöses Gelübde verpflichtet hat, vielleicht könnte sie ohne ein Wunder den Anblick nicht aushalten und leben. So ist es in jenen wonnigen Häusern, wo alles Gottesruhe atmet, wo schon die Luft stolze Gedanken ferne hält, und aus welchen wir eine köstliche Missachtung unserer selbst mitnehmen, ohne die Bitterkeit der Vorwürfe des Gewissens empfinden zu müssen. –
aus: Frederick W. Faber, Alles für Jesus oder die leichten Wege zur Liebe Gottes, 1913, S. 122 – S. 126

Category: Betrachtungen, Faber
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