Erste Brotvermehrung durch den Heiland

Das Wunder der ersten Brotvermehrung durch den Heiland

Das Wunder selbst

Am Wunder selbst ist ein Dreifaches zu erwägen.

Das erste ist die eigentliche Ursache, welche das Wunder selbst herbei führte. Es war dieses einzig der eigene Entschluss und der Wille des Herrn, seine Güte und Barmherzigkeit und die Absicht, den Glauben der Apostel und des Volkes zu stärken. Es geht dieses ganz deutlich hervor aus der Beratung, welche der Herr mit den Aposteln abhielt auf deren Mahnung, das Volk zu entlassen, damit sie etwas zu essen. „Warum sie entlassen? Schickt sie nicht fort. Gebt ihnen zu essen.“ – „Sollen wir in die Ortschaften gehen und für sie Brot kaufen?“ antworteten die Apostel. Zu Philippus gewendet, fragt der Herr: „Woher (womit) sollen wir genug Brot kaufen?“ Philippus meint, 200 Denare (130 bis 140 Mark) reichten nicht hin zu einem Bissen für jeden. „Wie viele Brote habt ihr?“ erwidert der Heiland; geht, seht zu.“ Andreas berichtete, ein Knabe habe (vielleicht als Almosen für den Heiland oder zum Verkauf oder zur eigenen Verköstigung) fünf Gerstenbrote und zwei Fische. „Aber was ist das für diese Menge?“ (Joh. 6, 5-9; Luk. 9, 12. 13; Mark. 6, 37. 38; Matth. 14, 16. 17) Offenbar beabsichtigt der Heiland durch dieses Gespräch mit den Aposteln, die Unmöglichkeit einer natürlichen Speisung unter diesen Umständen darzutun und dadurch die Größe des Wunders recht ins Licht zu setzen, und andererseits sie zu prüfen, ob ihr Glaube an seine Gottheit wohl auf dieses Mittel fallen und ob sie nicht auch durch diesen Glauben zum Wunder mitwirken, dasselbe herbei führen und selbst bewirken wollten (Joh. 6, 6).

Zweitens kommt das Wunder selbst in Betracht, das eines der größten und wichtigsten ist, weil es seiner Natur nach die Wesenheit der Dinge, nämlich ihre Vermehrung, trifft; weil es ferner nicht an einem Menschen, sondern man kann sagen an eben soviel tausend Menschen und ebenso oft vollzogen wurde, als von dem Brot erhielten und aßen, und endlich, weil es so sicher und unwiderlegbar, öffentlich und feierlich vor so viel tausend Zeugen vollzogen wurde und so große Wirkung hervor brachte. Der Heiland wollte mit diesem Wunder wie mit einem Gewaltstreich auf den Glauben der Jünger und des Volkes einwirken.

Drittens ist am Wunder zu betrachten die Art und Weise, mit welcher der Herr es wirkt. Er vollzieht es erstens mit großer und schöner Ordnung und Ruhe. Er läßt durch die Apostel das Volk in Tischgesellschaften von je fünfzig und hundert absondern und einteilen und heißt sie auf das hohe Gras sich niedersetzen (Matth. 14, 19; Mark. 6, 39; Luk. 9, 14. 15; Joh. 6, 10). Die Apostel, schon voll Glauben und an solche Behandlung des Volkes gewöhnt, vollführen alles sofort, und so ist es ein lieblicher Anblick, das Volk in Gruppen verteilt an der grasreichen Halde sitzen zu sehen, hinter sich die aufsteigenden Höhen und vor sich die kleine Ebene bis zum See, von Bächen durchschnitten, an deren Ufer im Frühling Oleander-Wäldchen zu blühen begannen. – Ferner vollzieht der Heiland das Wunder mit großer Frömmigkeit. Er nimmt die Brote und Fische, erhebt seine Augen zum Himmel, segnet und bricht dir Brotkuchen und reicht sie den Aposteln zum Vorsetzen hin und ebenso von den Fischen (Matth. 14, 19; Mark. 6, 41; Luk. 9, 16; Joh. 6, 11). Wer denkt hier nicht an den Hausvater, der mitten unter den Seinen das Ostermahl einleitet und feiert? Der Heiland feiert so hier gleichsam seine Ostern. Denselben Zug der Frömmigkeit sehen wir beim Heiland in der Sorge um die Überbleibsel des wunderbaren Mahles (Joh. 6, 12). – Dann vollzog er das Wunder mit großer Rücksicht und Huld gegen die Apostel, weil er sie teilnehmen ließ an der Vollziehung desselben, sei es nun daß die Brote sich bloß in den Händen des Heilandes immer mehrten und die Apostel das vermehrte Brot nur austeilten, oder daß das Brot sich bloß in den Händen der Apostel vermehrte, oder endlich daß die Vermehrung begann in den Händen Jesu und sich fortsetzte in den Händen der Apostel (Matth. 14, 19; Mark. 6, 41; Luk. 9, 16; Joh. 6, 11). – Endlich wirkte er das Wunder mit Großmut und außerordentlicher Freigebigkeit. Es gab so viel Brot, daß alle satt wurden (Matth. 14, 20; Mark. 6, 42; Luk. 9, 17; Joh. 6, 12), ja so viel als sie wollten (Joh. 6, 11) und mit großem Überfluss, so daß zwölf Körbe voll gesammelt werden konnten von den Überbleibseln (Matth. 14, 20; Mark. 6, 43; Luk. 9, 17; Joh. 6, 13); es war also eine königliche Freigebigkeit. Der Essenden waren bloß an Männern fünftausend, die Frauen und Kinder nicht mitgerechnet (Matth. 14, 21; Mark. 6, 44; Luk. 9, 14; Joh. 6, 10). Es war bei den Juden gebräuchlich, ihren Reisebedarf in Körben mitzunehmen; daher die Körbe für die Überbleibsel. Diese Fülle des Überflusses bezeugt überdies nicht bloß die Güte und Freigebigkeit des Herrn, sondern auch seine Weisheit. Die Überreste, viel größer als der ursprüngliche Vorrat, sind unwiderlegliche Zeugen des Wunders. – Das war die äußere Vollziehung des Wunders. Noch unvergleichlich schöner und kostbarer in sich und vor Gott war die innere Gesinnung, die Güte, das Wohlwollen, die Liebe und Freude und der Dank gegen Gott, womit der Herr alles tat.

Die Wirkungen des Wunders

Die Wirkung musste natürlich eine große und außerordentliche sein, da das Wunder sich eine Zeitlang fortwährend und an jedem Teilnehmer erneuerte. Unter dem Eindruck dieses Wunders, das natürlicher Weise an die wunderbare Speisung des Volkes in der Wüste durch Moses erinnerte, und unter der gehobenen Stimmung der Osterzeit ist es sehr erklärlich, daß Stimmen laut wurden, ob der Heiland nicht der große, versprochene Prophet sei, der kommen sollte, d. h. der Messias, und es regte sich bei den leicht beweglichen galiläischen Männern der Plan, den Heiland mit Gewalt nach Jerusalem zu führen und ihn dort beim Osterfest zum König Israels auszurufen (Joh. 6, 14). In diesem Entschluss war gewiß der Dank, die Begeisterung und die Überzeugung von der Messiaswürde Jesu richtig; aber unrichtig war, daß sein Königtum ein äußeres und weltliches sein sollte. So vermengten sich Gutes und Böses, Glaube und Unglaube, Dank und Eigensucht in diesem Entschluss.

Der Heiland sah ihre Gedanken, und um ihrem Entschluss rasch zuvor zu kommen, befahl er den Jüngern, sofort zu Schiff zu steigen und zurück zu fahren gegen Kapharnaum an dem westlichen Ufer. So konnte er das Volk leichter entlassen. Es sah daraus, daß Jesus nicht hier bleiben werde, und es zerstreute sich. Er selbst entwich, um zu beten, auf die Höhen, von denen er herab gestiegen war zum Volk (Joh. 6, 15. 16; Matth. 14, 22. 23; Mark. 6, 45. 46). Dieses außerordentliche Gebet ist ein Zeichen, daß wieder etwas Wichtiges bevor steht.

Das ist die erste Brotvermehrung, ein schönes und bedeutungsvolles Geheimnis. (siehe auch den Beitrag: Das Wunder der Brotvermehrung) Vor allem ist es sehr wichtig und bedeutungsvoll für die Person und den Charakter Jesu. Es offenbart sich da so herrlich vor allem sein seeleneifriges Herz: beim Anblick des armen Volkes vergißt er alle seine Bedürfnisse, er nimmt es auf, kann es nicht genug unterrichten; dann zeigt er sein gutes Herz: er geht gleich ein auf die Bemerkung der Apostel und wollte schon selbst das Wunder wirken; ferner sein frommes herz: alles beginnt er mit Gott und Gebet; alsdann sein großmütiges Herz: die Apostel selbst sollen das Volk, das ihnen ihre Erholung verdorben, speisen, sie sollen ihr Geld und ihre Vorräte mit ihm teilen, er spendet Brot und Fische im Überfluss; endlich offenbart sich sein weises, demütiges und selbstloses Herz: er sorgt für die Unwiderlegbarkeit des Wunders, vollzieht es aber ganz still, ohne Aufsehen, mit Beihilfe der Apostel und will nicht, daß man zum Dank ihn zum König mache. Welch königliches Charakterbild! – Was bietet er auch dem Glauben mit diesem Wunder für Aussichten in ganz neue Gebiete seiner göttlichen Macht, Aussichten in die Welt der Vorbilder, auf Moses und das Manna, und voraus in seine eigenen Lebensgeschicke, nämlich auf das vierte Osterfest, das er nach einem Jahr in Jerusalem feiern wird, und weiter hinaus in die Kirche, in sein eucharistisches Leben! – Auch für die Apostel und für die Kirche ist das Geheimnis von großer Bedeutung. Gewiß haben die Apostel eine große Bereicherung an Glauben und Liebe aus dieser Brotvermehrung davon getragen, da sie die Gottheit des Heilandes so glorreich bestätigt und sich selbst so geehrt sahen. Sie sind die amtlichen Vermittler zwischen dem Volk und dem Heiland. Sie tragen ihm die Bedürfnisse des Volkes vor, und mit ihnen pflegt der Heiland ganz gemütlich Rat, dieselben zu befriedigen. Zum ersten Mal treten sie hier tätig teilnehmend an einem Wunderwerk des Heilandes, gleichsam als seine Werkzeuge auf und bilden so ihren glorreichen Beruf und ihr Amt um die heilige Eucharistie vor, welche die Seele der katholischen Kirche ist. – Endlich legt das Geheimnis ein neues Zeugnis ab, wie weltlich und fleischlich die Juden vom Messiasreich dachten, und darin liegt der Keim ihrer eigenen künftigen Geschicke. –
aus: Moritz Meschler SJ, Das Leben unseres Herrn Jesu Christi des Sohnes Gottes, Bd. 2, 1912, S. 425 – S. 427

Verwandte Beiträge

Woher die Uneinigkeiten im Ehestand
Heilige Berta von Blangy Äbtissin
Menü