Rationalistische Kritik der Brotvermehrung

Die rationalistische Kritik des Wunderberichtes der Brotvermehrung

Wunder sind nicht möglich

Die von der Kritik gegen die gläubige Auffassung der Erzählung erhobenen Einwände dürften durch folgende Erwägungen ihre Erledigung finden:

1) Man sagt: das Wunder habe keine Zweck. Allein abgesehen davon, daß es als ein signifikanter Beweis der göttlichen Allmacht des Erlösers auf dessen göttliche Sendung hinweist und dessen erbarmende Liebe und Güte beweist (Mt. 14, 14; Mk. 6, 34; Lk. 9, 11), soll es auch, wie sich aus dem sechsten Kapitel des Johannes-Evangelium unzweideutig ergibt, stark machen für die Annahme der Lehre Jesu, daß er das „lebendige, wahre Himmelsbrot“ sei, das den Menschen das geistige Leben verleiht. Gerade in der apostolischen Katechese muss dem Wunder eine große Bedeutung beigemessen worden sein, weil es zu den wenigen Stücken gehört, die allen vier Evangelien gemeinsam sind.

2) Das Wunder, behauptet man, habe keinen Erfolg gehabt. Denn nach der johanneischen Überlieferung habe das Volk alsbald darauf (am Sabbat) wieder ein Wunder begehrt: „Himmelsbrot“, „Manna, wie es Moses ihren Vätern gespendet“. Selbst die Apostel hätten bald darauf (und zwar nach einer zweiten Brotvermehrung) Sorge gehabt, als sie einmal kein Brot mitgenommen hätten (Mt. 16, 7; Mk. 8, 16) Allein a) der mangelhafte Erfolg einer Begebenheit kann doch nimmer maßgebend sein für die Wirklichkeit und Geschichtlichkeit derselben. b) Den wahren Erfolg der Begebenheit zu beurteilen, haben wir nicht genug Anhaltspunkte. c) Daß das Wunder nicht vollends erfolglos war, geht aus der Erzählung der Synoptiker sowohl wie des Johannes hervor. Joh 6, 14f berichtet, daß das Volk Jesus zum Messiaskönig habe ausrufen wollen, und wenn auch die Synoptiker sich nicht über den Eindruck des Wunders verbreiten, so setzen sie doch die Größe desselben voraus durch die Bemerkung: Jesus habe noch am Abend seine Jünger genötigt, das Schiff zu besteigen und wegzufahren. Wenn die Juden aber alsbald abermals ein Wunder vom Heiland begehrten, so hat man doch nicht nötig anzunehmen, daß alle, die das Wunder erlebten, in diese Forderung mit einstimmten, und wenn auch dies, so bewiese es nur die Hartnäckigkeit, mit der ihre Vorurteile gegen Jesus als Messias sich wieder Geltung verschafft hätten, nachdem er eben nicht Messias nach ihrem Sinn hatte werden wollen. Was aber die Apostel betrifft, so sagt auch von ihnen Mk. 6, 52 (aus dem herzen des hl. Petrus): „Ihr Herz war verblendet.“

3) Nicht stichhaltiger ist die Behauptung: Die Situation, daß in der ganzen versammelten Menge sich kein Speisevorrat gefunden habe, sei geschichtlich unwahrscheinlich und gemacht, um sich die Veranlassung des Wunders zu denken. Bestand doch die Menge bei dem Wunder der ersten Brotvermehrung aus Festpilgern und aus Leuten der Umgegend. Daß erstere Vorrat mitnahmen für die kurze Reise, ist auch nach orientalischen Bräuchen sehr unwahrscheinlich; die Leute der Umgegend aber hatten sich nach Mk. 6, 33 bemüht, dem Heiland „zuvor zu kommen“, hatten sich also in der Begeisterung ihres Herzens gewiß nicht ihre Körbe mit Speise gefüllt. Bei dem Wunder der zweiten Brotvermehrung, die im Sommer stattfand, wo ein Übernachten auf freiem Feld im Orient nichts auf sich hat, hatte die Menge schon drei tage beim Heiland ausgeharrt.

4) Ganz besonders aber hat man die Glaubwürdigkeit der Überlieferung des ganzen Vorganges bestritten im Hinblick darauf, daß dasselbe Ereignis zweimal berichtet werde; es werde dadurch ein „Schwanken“ hinsichtlich der Überlieferung dieser Wundergeschichte angedeutet; wir hätten zwei Referate eines und desselben Vorfalles, der darum, so wie er in den Evangelien überliefert ist, nicht stattgefunden haben könne. Diese Annahme aber ist eine durchaus willkürliche. Der Verschiedenheiten in den Berichten sind so viele, daß unmöglich ein und dasselbe Faktum zu Grunde gelegen haben kann; beachte 5 Brote, 2 Fische – 7 Brote, einige Fischlein; hier 5000, dort 4000 Männer; 12 Körbe – 7 Körbe; 1 Tag – 3 Tage; grünes Gras (Zeit vor Pascha) – Erde (Sommer). Dazu kommt noch als wichtiges Zeugnis für eine zweimalige Brotvermehrung die Stelle bei Mt. 16, 9f und Mk. 8, 19f. Nun git aber dich die moderne Kritik selbst zu, daß Markus aus den Mitteilungen des hl. Petrus unmittelbar geschöpft habe; es handelt sich also doch um den Bericht eines Augenzeugen. Ferner ist der Inhalt der Überlieferung ein solcher, daß eine subjektive Täuschung unmöglich, ein Betrug gänzlich ausgeschlossen ist. Die Erfindung einer Brotvermehrung ebenso wie die Erfindung einer Verdopplung des Wunders erscheint zur Zeit, da noch Augenzeugen lebten, undenkbar. Auch die Annahme der dichtenden Sage widerlegt sich selbst; denn die dichtende Sage hätte hier ganz ihrer sonstigen Gepflogenheit zuwider das Wunder verkleinert statt vergrößert; nämlich erst 5000, dann 400 Männer. Es kann mithin kein stichhaltiger Grund geltend gemacht werden, daß der Bericht der vier Evangelisten über die erste, oder der Bericht des Matthäus und Markus über die zweite Brotvermehrung der Glaubwürdigkeit entbehrt.

Es zeigt sich auch hier wieder, daß der eigentliche Grund der Verdächtigung der evangelischen Berichte einzig zu suchen ist in der Voraussetzung; Wunder sind unmöglich. –
aus: Schuster u. Holzammer, Handbuch zur Biblischen Geschichte, Zweiter Band, Das Neue Testament, 1910, S. 268-270

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