Mariä Heimsuchung und das Magnificat

Man sieht die beiden Frauen, Elisabeth und Maria, vor dem Hause Elisabeths; Maria in erhabener, heiliger Haltung, Elisabeth vor dem Eingang des Hauses begrüßt Maria in ehrfürchtiger Haltung

Heimsuchung Mariens und das Magnificat

Maria machte sich in jenen Tagen auf, ging eilends (1) auf das Gebirge in eine Stadt von Juda (2), kam in das Haus des Zacharias und grüßte Elisabeth. Und es geschah, als Elisabeth den Gruß Mariä hörte, hüpfte das Kind in ihrem Schoße auf (3), und Elisabeth, vom Heiligen Geist erfüllt, rief mit lauter Stimme: „Du bist gebenedeit unter den Weibern (4), und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes! Und woher kommt mir dieses, daß die Mutter meines Herrn (5) zu mir kommt? Denn siehe, wie die Stimme deines Grußes in meine Ohren drang, frohlockte vor Freuden das Kind in meinem Schoß. Selig bist du, weil du geglaubt hast, was dir von dem Herrn gesagt worden ist, werde in Erfüllung gehen.“ (6)
Maria aber stimmte, voll demütigen Dankes für die wunderbare Gnade, die ihr vom Herrn zu teil geworden war, einen herrlichen Lobgesang (das Magnificat) an (7):

„Hoch preiset (8) meine Seele den Herrn, und mein Geist (9) frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn er hat angesehen die Niedrigkeit seiner Magd.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Geschlechter (10); denn Großes hat an mir getan, der mächtig und dessen Name heilige ist. Und seine Barmherzigkeit währet von Geschlecht zu Geschlecht für die, so ihn fürchten.
Er übet Macht mit seinem Arme und zerstreut, die da hoffärtig sind in ihres Herzens Sinne. Die Gewaltigen stürzt er vom Throne und erhöht die Niedrigen. Die Hungrigen erfüllt er mit Gütern, die Reichen aber läßt er leer ausgehen.
Er hat sich angenommen Israels seines Knechtes, eingedenk seiner Barmherzigkeit, wie er zu unsern Vätern gesprochen hat, zu Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.“

Maria blieb ungefähr drei Monate bei Elisabeth (11). Dann kehrte sie nach Nazareth in ihr Haus zurück.

Anmerkungen:

(1) Nicht etwa um die Wahrheit der Worte des Engels zu erproben, sondern um ihrer Base Glück zu wünschen, sich mit ihr zu freuen und ihr zu dienen. (Vgl. S. Ambr. 1.2 in Luc., im Brevier fer. 6 post Dom. 3 Adv. Lect. 7) Nach göttlichem Plan aber sollte durch den Besuch der Mutter des Herrn dessen Vorläufer geheiligt werden. Der in dem durchaus gebirgigen Lande beschwerliche Weg betrug wenigstens 30 Stunden (etwa 130 km), also etwa vier Tagesreisen. Der Weg führte sechs Stunden lang über die Ebene Esdrelon dahin, an den Bergen von Gelboe vorüber, durch die alten Städte Samarias (Ginäa, Dothain, Samaria, Sichem) und durch die Städte Judäas (Silo, Bethel, Jerusalem). Auf diesem ihrem Pilgerzug hat die seligste Jungfrau ohne Zweifel das Walten und Wirken Gottes in derGeschichte Israels und in der Geschichte der Menschheit betrachtet. Denn ihr „Magnifikat“ klingt wie der Schlußgesang einer solchen Betrachtung.
(2) Ohne Zweifel St. Johann im Gebirge, heute Ain-Karim, 7 ½ km westlich von Jerusalem.
(3) In demselben Augenblick wurde Johannes im Mutterschoß geheiligt, wie der Engel vorher gesagt.
(4) An die letzten Worte des Engels anknüpfend, setzt Elisabeth dessen Gruß fort, ein Beweis, daß durch sie derselbe redet, der den Engel gesendet hat, und fortan erklingt dieser Gruß über die ganze Erde und durch alle Zeiten.
(5) Zum ersten Mal aus menschlichem Munde wird hier Maria mit ihrem höchsten Ehrennamen „Mutter Gottes“ angeredet, und zwar von der hoch begnadigten, vom Heiligen Geist erleuchteten Mutter des Vorläufers des Herrn.
(6) Maria war hierdurch das Gegenbild der Eva. Denn Eva ward durch Unglauben zum Fluche, Maria aber durch den Glauben zum Segen für die ganze Menschheit.
(7) Das Magnificat, ein Lobpreis Gottes für das Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung der Welt, ist die Antwort auf die Seligpreisung Mariä durch Elisabeth. – Man teilt diesen Lobgesang am besten in vier, oben kenntlich gemachte Teile (Strophen):
1. Dankbare Anerkennung und jubelndes Bekenntnis der wunderbaren Gnade und Würde, zu der der unendlich erhabene Gott Maria, sein Geschöpf, erhoben hat.
2. Weissagung der Seligpreisung und frommen Verehrung, die sie von den Menschen empfangen wird ob des „Großen“ (Jungfrau und Mutter Gottes), das der Herr an ihr getan.
3. Hinweis darauf, daß das Werk Gottes an ihr, der Jungfrau, gleichsam nur der Höhepunkt seines unendlich heiligen, mächtigen, barmherzigen Waltens und Wirkens in der Geschichte Israels und in der Geschichte der Menschheit ist (Gegensatz zwischen dem Geist Gottes und dem Geist der Welt).
4. Hinweis darauf, daß Gott mit dem großen Geheimnis der Menschwerdung das Ende und die Erfüllung des Alten Bundes und den Anfang des in Ewigkeit dauernden Neuen Bundes herbei führt. –
Der Lobgesang hat einige Ähnlichkeit mit dem der Mutter Samuels, die angesichts des durch inniges Flehen erlangten Geschenkes eines heiligen Sohnes in der Freude ihres Geistes die Verheißung des späteren wunderbaren Gnadenkinde für Israel bereits erfüllt sah. – Dieser Lobgesang Mariä (das Magnificat) bildet täglich in der feierlichsten der kirchlichen Tagzeiten, in der Vesper, den Gipfelpunkt des Lobpreises Gottes. Die Kirche will dadurch sowohl Gott für das gnadenvolle Werk der Erlösung fortwährend Dank sagen, als auch die seligste Jungfrau, in der sich dasselbe zu vollenden anfing, nach ihrer eigenen Vorhersagung lobpreisen.

(8) Im Lateinischen: Magnificat; daher der Name des Liedes.
(9) „Meine Seele“ und „mein Geist“ = alle meine Seelenkräfte.
(10) Dieses mit größter Klarheit und Sicherheit gesprochene Wort einer armen, der Welt ganz unbekannten Jungfrau in dem einsamen Gebirge Juda, mitten in einer Zeit, als noch alle heidnischen Gräuel die Welt bedeckten und das Christentum noch nicht einmal dem Namen nach bekannt war, musste von bloß menschlichem Gesichtspunkt aus betrachtet als gänzlich unerfüllbar, ja als töricht erscheinen. Wenn wir nun aber in der aus allen christlichen Jahrhunderten uns entgegen tönenden und über die Erde ausgebreiteten Marienverehrung das Wort der Jungfrau in so herrlicher Weise erfüllt sehen, so müssen wir in dieser Erfüllung einen Beweis erblicken
1. dafür, daß Maria nicht aus sich selbst, sondern vom Heiligen Geist erleuchtet dieses Wort gesprochen hat;
2. dafür, daß die Marienverehrung von Gott selbst gewollt und eingesetzt ist;
3. für die Wahrheit und Göttlichkeit der Heiligen Schrift;
4. für die Wahrheit und Göttlichkeit des Christentums und der katholischen Kirche.

(11) Also wohl bis zur Geburt und wohl auch bis zur Beschneidung des hl. Johannes (acht Tage nachher). Vielleicht hat die Kirche, von diesem Gedanken geleitet, das Fest Mariä Heimsuchung auf den Tag nach der Oktav des Festes der Geburt des hl. Johannes gelegt. (Vgl. S. Ambr., Comm. In Luc. 1. 2, c. 1 in fine; im Brevier Lect. 7 festi S. Io, Bapt.) –
aus: Schuster u. Holzammer, Handbuch zur Biblischen Geschichte, Zweiter Band, Das Neue Testament, 1910, S. 95 – S. 97

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