Das Wunder der Brotvermehrung Jesu

Die erste wundersame Brotvermehrung durch Jesus

(Mt. 14, 13-23; Mk. 6, 30-46; Lk. 9, 10-17; Joh. 6, 1-15)

Einige Zeit nach dem Tode des hl. Johannes kamen die Apostel von ihrer Sendung zurück und verkündeten Jesus alles, was sie gelehrt und getan hatten. Da sie der Ruhe bedurften, bei Jesus aber gar viele ab und zu gingen, so daß sie nicht einmal Zeit zum Essen hatten, sprach Jesus zu den Jüngern: „Kommt beiseite an einen einsamen Ort und ruht ein wenig aus!“ Sie stiegen also mit ihm in ein Schiff und fuhren über das Meer in eine abgelegene Wüste bei Bethsaida. (1) Die Leute sahen sie wegfahren und folgten zu Lande und kamen Jesus zuvor. Als Jesus die Volksscharen sah, erbarmte er sich ihrer; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Ohne sich Erholung zu gönnen, bestieg er einen Berg und setzte sich da mit den Aposteln und übrigen Jüngern nieder. Es war aber das Osterfest ganz nahe. (2) Jesus fing an, sie vieles zu lehren. Er redete zu ihnen vom Reich Gottes und heilte ihre Kranken.

Da indes der Tag sich zu neigen begann, traten die Jünger zu ihm und sprachen: „Entlasse das Volk, damit es in die nächsten Dörfer gehe und sich Speise kaufe.“ Jesus aber sprach: „Sie haben nicht nötig, wegzugehen.“ (3) Gebt ihr ihnen zu essen.“ Philippus antwortete ihm: „Für 200 Denare (4) Brot würde nicht ausreichen, daß jeder auch nur ein wenig bekomme.“ Jesus erwiderte: „Wie viele Brote habt ihr?“ Da sprach Andreas, der Bruder des Simon Petrus: „Es ist ein Knabe hier, fünf Gerstenbrote und zwei Fische hat; allein was ist das für so viele?“ Jesus sprach: „Bringt sie mir her!“ Dann befahl er: „Lasset die Leute sich in Gruppen niedersetzen!“ Es war aber viel Gras an dem Orte. Da setzten sie sich, gegen fünftausend an der Zahl, die Frauen und Kinder nicht gerechnet, in Gruppen zu hundert und zu fünfzig.

Jesus nahm nun die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel (5), segnete, brach die Brote und gab sie den Jüngern (6), damit sie dieselben dem Volk vorlegten. Ebenso teilte er auch die zwei Fische aus unter alle und gab ihnen, soviel sie wollten. Und sie aßen alle und wurden satt. Dann sprach Jesus zu seinen Jüngern: „Sammelt die übrig gebliebenen Stücklein, damit sie nicht zu Grunde gehen!“ Da sammelten sie und füllten zwölf Körbe (7) mit Stücklein, die von den fünf Gerstenbroten und den zwei Fischen übrig geblieben waren.

Als die Leute das Wunder sahen, sagten sie zueinander voll Erstaunen: „Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll!“ (8) Da aber Jesus erkannte, daß sie kommen wollten, um ihn fortzuführen und zum König zu machen (9), so befahl er seinen Jüngern, sogleich in das Schiff zu steigen und vor ihm an das andere Ufer gegen Bethsaida (10) zu fahren, indes der das Volk entlassen wollte. Da er es entlassen hatte, begab er sich wieder allein auf den Berg, um zu beten. (11)

Anmerkungen:

(1) Bethsaida Julias, heute et-Tell (d.i. Ruinenhügel), 5 km nordöstlich von Kapharnaum, 2 km nördlich von der Mündung des Jordan in den See Genesareth, am linken Ufer des Jordan gelegen, jetzt ein Trümmerhaufen. Es lag in der Landschaft Gaulanitis, ward vom Vierfürsten Philippus verschönert und vergrößert und der Julia, Tochter des Kaisers Augustus, zu Ehren Julias genannt. Südöstlich von der Stadt erstreckt sich weithin die Wüste, in die sich Jesus zurückzog. Von diesem östlichen Bethsaida ist ein zweites auf dem westlichen Ufer, nicht weit von Kapharnaum gelegenes zu unterscheiden. Vgl. Fonck, Die Wunder des Herrn im Evangelium I, 199, 303, 341.
(2) Das dritte Osterfest des öffentlichen Wirkens Jesu, 20 bzw. 32 n. Chr.
(3) Jesus offenbart hier, wie so oft, die unendliche Liebe und Güte seines göttlichen Herzens, das auch auf unsere zeitlichen Bedürfnisse Bedacht nimmt. Zugleich will er selbst durch auffallende Wunder uns lehren, daß er jene, die vor allem auf das Himmlische bedacht sind, in ihren irdischen Angelegenheiten nicht zu Schaden kommen läßt, wie er es auch ausdrücklich verhieß: „Suchet zuerst das Reich Gottes etc.“
(4) Etwa 174 Mark.
(5) Jesus lehrt uns hier und anderwärts, daß wir nicht ohne Gebet Speise nehmen sollen. Ebenso die Apostel; vgl. Apg. 2, 46; 27, 35; Röm. 14, 6; 1. Kor. 10, 31; 1. Tim. 4, 3f.
(6) Dieselben Zeremonien beobachtete Jesus bei der Einsetzung des allerheiligsten Sakramentes, bei dem das Wunder der Brotvermehrung sich in erhabenster Weise wiederholt, indem das heilige Sakrament zur Speise dient für die ganze Welt und doch nie aufgezehrt wird.
(7) Handkörbe oder Reisesäcke, dergleichen die Juden auf Wanderungen und Reisen mit sich führten. Das Aufheben der Stücklein sollte das Wunder noch augenfälliger machen und auf den Glauben an das wunderbare Himmelsbrot vorbereiten, das Jesus gleich danach verhieß. Zugleich soll es uns lehren, die Gabe Gottes nicht zu verachten oder zu Grunde gehen zu lassen, unsern Überfluss für Bedürftige aufzuheben, und soll uns zeigen, daß man durch Almosengeben nicht arm wird, vielmehr den Segen Gottes für dieses und das künftige Leben hat, gleichwie die Apostel, nachdem sie alles ausgeteilt, mehr hatten als vorher. Über das Wunder selbst vgl. die schöne Stelle beim hl. Augustin ((Tractatus 24. in Ioannem).
(8) Den Gott durch Moses verheißen hat, der Messias.
(9) Die Propheten hatten den Messias oft genug als den großen König Israels und aller Völker bezeichnet, freilich in einem viel höheren Sinne, als die Juden zur Zeit Christi gemeiniglich annahmen.
(10) Bethsaida bei Kapharnaum.
(11) Der hl. Chrysostomus bemerkt hierzu (Hom. In Matth. 50, al. 51, n. 1): „Oft sucht Jesus die Einsamkeit auf und verweilt die nacht hindurch im Gebet, um uns zu lehren, daß wir Ort und Zeit aufsuchen sollen, die zum ruhigen Beten geeignet sind. Denn die Einsamkeit ist die Mutter des Friedens und der Hafen der Ruhe, der uns aus allen Stürmen befreit.“ So hatte er auch die Nacht vor der Wahl der Apostel im Gebet zugebracht, so jetzt vor der Verheißung des allerheiligsten Sakramentes; so wieder vor seinem Leiden. –
aus: Schuster u. Holzammer, Handbuch zur Biblischen Geschichte, Zweiter Band, Das Neue Testament, 1910, S. 266 – S. 267

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