Wahre Weisheit und der Trug der Sünder

Die wahre Weisheit und der Trug der Sünder

6. April

Si sapiens fueris, tibimetipsi eris: si autem illusor, solus portabis malum.
„Bist du weise, so bist du es für dich selbst: bist du aber ein trügerischer Spötter, so wirst du allein das Übel tragen.“ ( Sprichw. 19,12 )

1. Erwäge, daß in der heiligen Schrift das Wort weise so viel bedeutet, als gerecht. Denn dies ist die wahre Weisheit: die Heiligkeit. „Die Fülle der Weisheit ist: Gott fürchten.“ (Is. 30, 38) Bist du nun gerecht, in welcher Art dies immer sei, so ist es zu deinem Besten.

Die Fülle der Gerechtigkeit hat drei Teile; wie denn in der Dreizahl überhaupt die Vollkommenheit ruht. Und daher kannst du niemals vollkommen gerecht sein, wenn du nicht gerecht in dir selbst bist, gerecht gegen den Nächsten und gerecht gegen Gott.

Gerecht gegen Gott machen dich alle Zeichen der Unterwürfigkeit und der Anbetung, welche zur Religion gehören: gerecht gegen den Nächsten macht dich die Erfüllung aller verschiedenen Pflichten der Treue, der Liebe, der Gerechtigkeit: gerecht in dir selbst macht dich die Ausübung aller übrigen Tugenden, welche in deinem Innern herrschen, als da sind die Tugenden der Züchtigkeit, der Abtötung, der Sanftmut, der Reinheit, des Gehorsams, der Demut, der Geduld und unzählige andere.

Erfülle also welche Art der Gerechtigkeit du willst. – der Gewinn ist immer dein: „Bist du weise, so bist du es für dich selbst.“ Denn bist du gerecht in dir selbst, so sieht Jeder klar, daß du es für dich bist: Alles ist ja lediglich dein eigener Nutzen. Bist du gerecht gegen deinen Nächsten, so bist du es auch für dich: denn es kann bisweilen geschehen, daß dein Nächster aus dem, was du zu seinem Besten tust, gar keinen Nutzen zieht;… es kann sein, daß er, wenn du ihn unterrichtest, doch nichts lernt: daß er, obgleich gemahnt, doch nicht hört: daß er, wenn du ihn zum guten Wandel aufmunterst, sich doch nicht bekehrt:… aber niemals kann dir in allen diesen Fällen dein eigener Nutzen entgehen.

Endlich – bist du gerecht gegen Gott, so bist du es noch viel mehr für dich selbst. Denn Gott zieht keinen Vorteil aus den Diensten der Anbetung und des Gehorsams, welchen du dich unterziehst: „Was nützt es Gott, wenn du gerecht bist?“ (Job 22, 3) und doch belohnt er dich, als ob er wirklich einen Vorteil daraus zöge.

Wie herrlich und vortrefflich ist es also, Gutes zu tun! Dies ist jener Handel, der niemals fehlschlägt. „Bist du weise, so bist du es für dich selbst.“ Denke nach so viel du willst: und du wirst finden, daß man von andern Reichtümern, als von denen der Tugend, keineswegs das Gleiche sagen kann…

Betrügerische Spötter Gottes

2. Erwäge dann: wie in der heiligen Schrift das Wort weise ebenso viel bedeutet als gerecht; so hat auch das Wort betrügerischer Spötter die Bedeutung von gottlos. Wie daher, wenn du gerecht bist, dies zu deinem Besten gereicht; so wird es zu deinem eigenen Schaden sein, wenn du böse bist: „Bist du aber ein betrügerischer Spötter, so wirst du allein das Übel tragen.“

Das Wort betrügerischer Spötter bedeutet nun eigentlich einen Menschen, der anders handelt, als er sich den Schein gibt. Denn wer dieses tut, täuscht dich, verhöhnt dich, und scheint durch sein ganzes Benehmen deiner spotten zu wollen. Drei verschiedene Arten von bösen Menschen, die hier betrügerische Spötter heißen, finden sich aber in der heiligen Schrift. Einige sind betrügerische Verspotter ihrer selbst; andere betrügerische Verspotter ihres Nächsten; andere endlich betrügerische Verspotter Gottes.

Die zahlreichsten heuchlerischen Verspotter Gottes sind Jene unter dem christlichen Volke, welche zum Gebete, zum Chore, in die Kirche gehen, als ob sie Gott zu ehren im Sinne hätten; dann aber daselbst viel mehr zugegen sind, um Gott zu entehren, als ihn zu ehren. Denn sie beten mit zerstreutem Geiste, schwätzen und plaudern; und zur Zeit der heiligen Messe sogar gestatten sie ihren Augen jede jugendliche Leichtfertigkeit. Diese Menschen gleichen jenen Juden, welche in der schweren Leidensnacht sich ringsum Christus auf die Knie ließen, gleich als wollten sie ihm die Huldigung ihrer Ehrfurcht darbringen, und ihn eben bei dieser Ehrfurchtsbezeigung verhöhnten, indem die Toren wähnten, sie würden von ihm nicht gesehen, weil sie ihm eine Binde um die Augen geschlungen hatten: „Sie fielen vor ihm auf die Knie, verspotteten ihn und sagten: Sei gegrüßt, König der Juden.“ (Matth. 27, 29)

Betrügerische Spötter ihres Nächsten

Die vorzüglichsten heuchlerischen Verspotter ihres Nächsten, in Sachen der schuldigen Wahrhaftigkeit und Treue, – sind jene Prediger, welche die heilige Stätte betreten, als ob sie voll des Eifers das ewige Heil des Volkes befördern wollten, und dann bloß das Vergnügen ihrer Zuhörer im Auge behalten, und dabei den wahren Sinn der heiligen Schrift verkehren, Scherze und sonderbare Einfälle vorbringen, verrücktes Zeug reden und bisweilen sogar unsinnige Späße sich erlauben, um elenden Beifall zu erhaschen. Diese Leute gleichen Jenen, von welchen einst der heilige Apostel Petrus schrieb: „In den letzten Tagen werden betrügerische Spötter kommen, die nach ihren eigenen Gelüsten wandeln und sagen: Wo ist seine Verheißung?“ (2. Petr. 3, 4) Denn diese falschen Prediger rauben dem göttlichen Worte allen seinen Glauben und all sein Ansehen; und handeln so den Irrgläubigen ähnlich, jedoch in mehr verhüllter und verborgener Weise.

Die vorzüglichsten betrügerischen Verspotter des Nächsten, in Sachen der christlichen Liebe, sind jene schlechten Gesellen, welche sich den Schein geben, als lobten sie deine Frömmigkeit, deine Reinheit, deine Bescheidenheit; während sie in Wahrheit dich verlachen und alles Gute, was du tust, ins Lächerliche ziehen. Diese gleichen jenen mutwilligen Kindern, welche einst, da sie den Elisäus einen Hügel hinan steigen sahen, um nach Bethel zu gehen, sich stellten, als ob sie ihn zum Steigen aufmuntern wollten, und unterdessen ihn verlachten: „Und als er den Weg hinan stieg, kamen kleine Knaben heraus aus der Stadt, und spotteten seiner, indem sie sagten: Steig herauf, Kahlkopf! Steig herauf, Kahlkopf! „ (4. Kg. 2, 23)

Die vorzüglichsten trügerischen Verspotter ihres Nächsten, in Sachen der Gerechtigkeit, sind jene Reichen, welche sich gebärden, als ob sie einen Vertrag schließen wollten, der nicht bloß gerecht, sondern sogar günstig für den Armen wäre; und inzwischen durch Wucher, durch Übervorteilungen, durch schlaue Kunstgriffe, durch später erhobene Streitigkeiten ihm alles Blut aussaugen, das er in seinen Adern hat….

Betrügerische Spötter ihrer selbst

Die hauptsächlichsten trügerischen Verspotter ihrer selbst endlich sind Jene, welche auf tausendfach verschiedene Art sich in Täuschung zu wiegen suchen, und sich dabei der Meinung hingeben, als meinten sie es gut mit sich, während sie in der Tat es sehr übel mit sich meinen. Die Zahl dieser Menschen ist unendlich groß, weil dazu alle Sünder gehören, namentlich wenn sie Christen sind: „In der letzten Zeit werden Spötter kommen, die nach ihren Lüsten in der Gottlosigkeit dahinleben.“ (Judasbrief, 18)

Ihr Wahnwitz erscheint besonders klar in zwei Stücken: indem sie das Böse sich aufladen, und indem sie die gegebenen Heilmittel mißbrauchen.
Voll von Täuschungen sind sie, indem sie das Böse auf ihre Seele laden. Denn sie bemühen sich geflissentlich, sich selbst zu überreden, daß die Sünde ein nichts bedeutendes Übel, eine Kleinigkeit, ein verzeihlicher Leichtsinn, eine Artigkeit, eine von Ehre und Achtung gebotene Tat sei, um sie mit größerer Freiheit begehen, und mit größerer Ruhe darin leben zu können: „Der Tor spottet der Sünde.“ (Prov. 14, 9)

Voll der Täuschung sind sie ferner, indem sie die gegebenen Heilmittel mißbrauchen, seien es solche, welche den Sünder vorbereiten und befähigen sollen, sich von der Sünde frei zu machen; oder solche, welche ihn wirklich seinem üblen Zustande entreißen.

Denn sie spiegeln sich vor, daß auch sie, gleich den Anderen, das Wort Gottes hören, bei frommen Versammlungen, bei geistlichen Vorträgen und Reden sich einfinden; aber nichts von allem, was sie vernehmen, wenden sie auf sich selbst an: Alles, glauben sie, sei für Andere gesagt, die mehr des Tadels bedürften: „Der trügerische Heuchler hört nicht, wenn man ihn zurechtweist.“ (Prov. 13,1)

Und nicht bloß dies: sondern sie spiegeln sich noch dazu vor, daß auch sie, gleich den Anderen, zu den heiligen Sakramenten hinzutreten, daß sie zur Beichte gehen und die heilige Kommunion empfangen. Und doch ist dies nicht wahr: sie begehen Sakrilegien, verrichten gottesräuberische Beichten und Kommunionen, weil sie im Herzen immerfort die Liebe zur Sünde behalten, keine wahre Reue und keinen wahren Vorsatz haben. Sie suchen absichtlich einen unwissenden Priester auf, von dem sie sich diese Sakramente auf leichtfertige und unziemliche Weise spenden lassen. Sie geben sich keine Mühe, ihre unerläßlichen Pflichten kennen zu lernen, wo es sich darum handelt, die schlechten Gelegenheiten zu verlassen, den guten Namen wieder herzustellen, das fremde Gut zu erstatten, denen zu verzeihen, welche sich mit ihnen aussöhnen wollen: und bisweilen sagen sie nicht einmal vollständig ihre begangenen Sünden.

Gegen alle diese, welche sich damit begnügen, wenn sie nur, sei es wie immer, zu den heiligen Sakramenten hinzutreten, ohne daß sie bemüht wären, auch gebührendermaßen ihr Herz dazu vorzubereiten, erhebt sich der Prophet Isaias und ruft: „Spottet jetzt nicht, damit nicht etwa eure Fesseln enger geschlossen werden.“ (Is. 28, 22)

Siehst du nun, daß auch in Mitte des Christentums heut zu Tage die Zahl der heuchlerischen Spötter so groß geworden ist, daß du nicht mit Unrecht fürchten darfst, ebenfalls zu ihnen gerechnet zu werden. Sieh dich daher genau um, ob du in irgend einer Beziehung Gott, deinen Nächsten, oder dich selbst betrügst und verspottest: denn am Ende wirst sicher du stets der Verspottete und Betrogene sein: „Bist du aber ein betrügerischer Spötter, so wirst du allein das Übel tragen.“

Was wird dein Los sein?

3. Erwäge endlich: Gehörst du zu denen, die sich selbst betrügen und verspotten, so wirst du – das unterliegt keinem Zweifel – allein das Unheil tragen. Denn ob du die Sünde gering achtest, oder die gegebenen Heilmittel mißbrauchest, – Alles wird lediglich zu deinem eigenen Schaden sein: „Sie sinnen Trug wider ihre eigenen Seelen.“ (Prov. 1, 18)

Aber nicht minder wirst du auch allein das Übel tragen, wenn du zu denen gehörst, welche ihren Nächsten trügerisch verspotten. Denn du magst vielleicht wohl für mehr als einen durch die Sünden des Ärgernisses, die wir oben erwähnten, die Ursache ihrer ewigen Verdammnis werden, und so wirst du auch dem Nächsten Unheil schaffen; aber zuletzt wird es doch dich allein treffen, deine Strafen und Qualen zu tragen, ohne auch nur Einen zu finden, der durch die Jahrhunderte alle sie dir jemals tragen hülfe: und so wirst auch wieder du allein das Übel tragen.

Meinst du etwa, daß dir die Hölle einigermaßen erträglicher sein werde, weil du vielleicht noch Andere mit dir da hinab gebracht hast, um daselbst auf ewig neben dir in wilder Glut zu brennen, zu rasen und zu heulen? Nein: gerade dies muss dir die Hölle noch unendlich qualvoller machen, weil du dann dort unten eine doppelte Last zu tragen hast: die der eigenen Schuld und die der fremden Sünden; und du wirst wohl diese Unseligen, ich leugne dies nicht, in deiner Gesellschaft leiden sehen, aber nicht an deiner Statt: „Ein Jeder wird seine eigene Last tragen.“ (Gal. 6, 5)

Bist du aber unter denen, welche Gottes heuchlerisch spotten, – was wird dein Los sein? Mehr als je wird am Ende an dir wieder wahr werden: „Du allein wirst das Unheil tragen.“ Denn alle Art von Trug und Spott, welche du wider ihn dich schuldig machst, wird zuletzt ganz über dein Haupt sich entladen. Er bleibt in alle Ewigkeit gleich selig auf seinem Throne sitzen, und lacht deiner, der du so frech bisweilen dich nicht scheuest, ihn zu beleidigen, ihn unter seinen eigenen Augen zu verhöhnen, ob er gleich dieselben nicht mehr verhüllt, sondern offen hält: „Er wird die trügerischen Spötter verlachen.“ (Prov. 3, 34)

Siehe hier, was der Herr oben im Himmel tut. Er spottet derer, welche ihn verspotten.
Er spottet ihrer gegenwärtig: weil sein Arm sie da trifft, wo sie es am wenigsten vermuten, indem er macht, daß sie Gift in den Lüsten kosten, in welchen sie Honig zu genießen sich versprachen, daß sie Missachtung in der Ehre, Verlust in dem vermeintlichen Gewinne finden. Und noch mehr wird er ihrer in der Zukunft spotten, wann sie sich als seine Gläubigen geltend machen wollen und rufen werden: „Herr, Herr, tue uns auf!“ und er dagegen ihnen antworten wird: „Ich kenne euch nicht.“ (Matth. 25, 11,12)

Nun schließe dich an, wenn es dich ferner gelüstet, an die unglückliche Schar der heuchlerischen Spötter, als ob diese am Ende nichts anderes zu tun hätten, als zu lachen und zu scherzen. Im Gegenteil – gerade sie sind die Sünder, die verabscheuungswürdig vor Gott sind, weil sie als die schändlichsten Trugmenschen sich zeigen: sie betrügen sich selbst, sie betrügen ihren Nächsten, und es scheint sogar, als ob sie Gott zu betrügen in Absicht hätten: „Ein Gräuel vor Gott ist jeder trügerische Spötter.“ (Prov. 3, 32) –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. II, S. 34 – S. 42

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