Wenn dein Fürsprecher Jesus zum Richter wird

Bedenke: Wenn dein Fürsprecher Jesus zum Richter wird

 3. März

Quid faciam, cum surrexerit ad judicandum Deus, et cum quaesierit, quid respondebo illi?
„Was werde ich tun, wenn Gott sich erhebt zum Gericht, und wenn er fragt, was werde ich ihm antworten?“ ( Job 31, 14)

1. Betrachte, daß jener nämliche Herr, der jetzt zur Rechten des Vaters sitzt, um das Amt eines Fürsprechers zu üben, sich bald erheben wird, um dir nicht mehr als Fürsprecher, sondern als Richter entgegen zu treten. Wie wird es dir dann ergehen, armer Mensch, wenn du auch noch diesen Beschützer verloren hast? Es heißt nicht: Was werde ich tun, wenn er kommt, sondern: „wenn er sich erheben wird“, um dir noch größeren Schrecken einzujagen.
Alles Gute, das du jetzt genießest, kommt dir deshalb zu, weil Jesus für dich fürbittet. „Wir haben einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, den Gerechten.“ (1. Joh. 2,1)
Aus dieser Ursache ziehst du von den geschaffenen Dingen größeren Vorteil, als du verdienst. Die Erde, statt sich unter deinen Füßen zu öffnen, trägt dich nicht bloß, sondern ernährt dich sogar. Luft und Wasser dienen dir. Das Feuer, worin du deine Laster schon büßen solltest, – es läßt sich zu deinem Dienst herbei. Aber am jüngsten Tag wird Jesus dieses liebreiche Amt nieder legen; und ich überlasse es dir zu erwägen, wie plötzlich du dann denen zur Beute werden wirst, die alle erdenkliche Qual gegen dich ausüben werden.
Und doch wäre dies noch das mindeste, einen solchen Fürsprecher wird sich zu verlieren; was noch viel schrecklicher ist: der Fürsprecher wird sich in den Richter verwandeln; für den Schuldigen sicher der härteste Schlag, der ihn treffen kann.

2. Betrachte, was du tun wirst, „wenn der Herr sich erhebt zum Gericht“. Wirst du einen Ausweg finden, wenn du mit einem Richter zu tun hast, von dem du nicht mehr appellieren kannst? Wenn dem Verbrecher nichts Anderes übrig bleibt als eines von diesen vier Dingen: entweder den Richter hintergehen, oder zu bestechen oder zu entwischen oder endlich ihn zu besänftigen?
Was wirst du also mit Christus tun? Wirst du ihn hintergehen? Aber wisse, er ist Gott?: „Wenn Gott sich erhebt zum Gericht.“ Wenn er Gott ist, wie wird er betrogen werden können? „Wird etwa auch Gott“, fragt Job (Job 13,9), „durch eure Hinterlist betrogen werden können wie ein Mensch?“
Was wirst du also tun? Wirst du ihn bestechen? Aber wisse, er ist gerecht: „Gott ist ein gerechter Richter.“ (Ps. 7,12)
Er nimmt demnach nicht, wie menschliche Richter, auf Personen und Geschenke Rücksicht. Nicht auf Personen, weil er Aller Vater ist: nicht auf Geschenke, weil er der Herr aller Dinge ist. „Die Furcht des Herrn“, sagt die heilige Schrift (2. Par. 19, 7), „sei mit euch; denn bei dem Herrn, unserem Gott, ist keine Ungerechtigkeit, kein Ansehen der Person und kein Verlangen nach Geschenken.“
Was wirst du also tun? Wirst du entfliehen? Aber wisse, er ist mächtig. „Gott ist ein starker Richter.“ (Ps. 7,12) Es ist keine Gefahr, daß er dich nicht erreichen könne, solltest du auch unter den Sternen dich verborgen haben. „Wenn du auch unter den Gestirnen dein Nest bauest, ich will dich von dort herabziehen, spricht der Herr“ durch den Propheten Abdias (Abd. 4) Und wenn er dich ergriffen hat, glaubst du etwa, er werde dich wieder loslassen? Nein, „er wird seine Beute festhalten und umfangen, und Niemand wird sein, der sie ihm entreißen könnte“, spricht der Prophet (Is. 5,29).
Oder wirst du ihn vielleicht wenigstens besänftigen? Auch damit mach dir keine Hoffnung. „Gott ist ein langmütiger Richter.“ (Ps. 7,12) Weißt du, welche Richter sich besänftigen lassen? Jene, die von der Leidenschaft und nicht von der Vernunft sich leiten lassen. Die vernünftig handeln, werden nie verwirrt; sie sind sanft und ruhig, aber eben deswegen auch unerbittlich. Und ein solcher Richter ist der deinige, ein langmütiger Richter. Er ist nicht jähzornig, nicht aufbrausend: „Zürnt er wohl alle Tage?“ (ebd.) Wenn er aber endlich mit Strafen einschreitet, so ist es nicht die Leidenschaft, die ihn dazu antreibt, sondern die die höchste Vernunft. Und da urteile du selbst, ob dies nicht erschrecklich sei. Dazu kommt noch, daß er der nämliche ist, der dich mit unermüdlicher Geduld übertragen hat, und somit ist, wenn er einmal dem Zorne Raum gegeben, keine Hoffnung mehr auf Gnade und Verzeihung.
Wohin du dich also immer wenden mögest bedenke: Was wirst du tun? Oder siehst du nicht offenbar, daß dir nirgends eine Zufluchtsstätte übrig bleibt? „Gott ist ein gerechter Richter, stark und langmütig“; und so kannst du ihn weder täuschen noch bestechen noch ihm entkommen, noch auch seinen Zorn besänftigen, – jenen Zorn, der ein Zorn des Lammes genannt wird, damit du wissest, daß er von keiner Leidenschaft herrühre. „Verberget euch vor dem Zorn des Lammes!“ (Apok. 6,16)

3. Damit du aber erkennst, daß dieser Richter auf die rechte Weise zu Werke gehe; so betrachte, wie er das Verdammungs-Urteil nicht spricht, bevor er dir Zeit gegeben zur Verteidigung. „Wenn er also fragt, was wirst du ihm antworten?“ Er weiß zwar genau, was du getan hast. Er hat Alles gesehen, Alles gehört, war überall als Zeuge gegenwärtig; aber desungeachtet will er deine Angelegenheit im Einzelnen erforschen, fragen und hören und (was könnte noch mehr verlangt werden?) sogar mit dir rechten. Denn, spricht er durch den Propheten (Joel 3,2), „ich will versammeln alle Völker, und sie hinführen ins Tal Josaphat und mit ihnen rechten.“
„Wenn er nun fragt, was wirst du antworten?“ Entweder mußt du dein verbrechen leugnen oder entschuldigen. Ersteres geht nicht an, denn es handelt sich hier nur um offenkundige und gewisse Verbrechen. Also bleibt dir nichts übrig als sie zu entschuldigen. Aber auf welche Weise? Auf zwei Punkte kann, wenn du es wohl erwägest, deine Entschuldigung zurück geführt werden, auf Unwissenheit, die dich zur Sünde verleitete, oder auf Gebrechlichkeit.
Aber wie wirst du Unwissenheit vorschützen können, du, der du in Mitte der christlichen Welt geboren bist, bekannt mit den Lehren der heiligen Schrift, mit den Vorschriften der Heiligen, mit so vielen Tugendbeispielen, welche dich wie leuchtende Fackeln allenthalben umgeben? Zwar ist es wahr, daß du selbst die Augen geschlossen hast, um sie nicht zu sehen; aber gerade das ist es, was dich noch mehr verdammen wird. „Das ist das Gericht“, spricht der Herr (Joh. 3,19), „daß das Licht in die Welt kam und die Menschen mehr die Finsternis als das Licht geliebt haben.“
Also wirst du deine Gebrechlichkeit zum Vorwand nehmen müssen; aber wie dann, wenn diese freiwillig war? Ja du warst gebrechlich, aber warum? Darum, weil du gebrechlich sein wolltest, die rechten Mittel nicht angewendet hast, welche der Herr dir geboten zur Wiederherstellung deiner Kräfte. Zur Zeit der Versuchung hast du nicht zu ihm deine Zuflucht genommen, um öftere Beichte und Kommunion dich nicht bekümmert, die bösen Gelegenheiten nicht gemieden, wie du es doch hättest tun können. Wirst du denjenigen entschuldigen, der deshalb fällt, weil er nicht um Hilfe ruft, kein Mittel anwendet, ja sich selbst in den Abgrund stürzt? – O alsdann wird Keiner auch nur den Mund zu öffnen wagen, um seine Sache nicht zu verschlechtern: „Alle Bosheit wird ihren Mund verschließen.“ (Ps. 106,42)

4. Wenn dir also auch Zeit gegeben wird zur Verteidigung, du aber nichts zu deinen Gunsten antworten kannst; so bleibt dir nichts übrig, als das gewisse Urteil der ewigen Verdammung. Werde also nicht überdrüssig, dich stets von Neuem mit dem Gedanken zu beschäftigen: „Was werde ich tun?“ Weißt du nicht, was du tun sollst, wenn Gott sich erhebt zum Gericht; wirst du dann vielleicht wissen, was du zu tun hast, wenn er dasitzt um das Urteil der Verdammung zu sprechen? Alsdann wirst du dich wohl zu den Bergen wenden und sie bitten können, daß sie über dich herfallen und dich bedecken, zu den Felsen, daß sie dich zerschmettern, zu den Mühlsteinen, daß sie dich zermalmen, zu den Abgründen der Erde, daß sie dich verschlingen. Aber was wird das helfen? Jetzt ist keine Zeit mehr zum Flehen, sondern zur Strafe; denn „angezogen hat der Herr das Gewand der Rache.“ (Is. 59,17)
Wie wird es dir also ergehen, wenn du aus dem Mund desjenigen, der einst mit so vieler Liebe dein Fürsprecher war, das Verdammungs-Urteil zu den höllischen Flammen vernehmen wirst? Wenn der Richter ein fremder, unerfahrener, feindseliger Mensch wäre, so könnte man es erträglich finden und ihm Grausamkeit vorwerfen; aber er ist jener, der zur Rechten seines himmlischen Vaters mit nichts anderem beschäftigt war, als für dich zu flehen, für dich sich zu verwenden; und der alles Mögliche aufbot, dich für den Himmel zu gewinnen! Sein Urteilsspruch ist und muss unwiderruflich sein, wenn er dich zur Hölle verurteilt. –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. I, S. 165-169

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