Sagt Dich muss ich anbeten o Herr

Festigkeit im Guten gegenüber dem Einfluß der Bösen

Sagt in eurem Herzen: Dich muss ich anbeten o Herr

31. Mai

Visa itaque turba de retro et ab ante, adorantes dicite in cordibus vestris: te oportet adorari, Domine!
„Nachdem ihr gesehen die Menge von hinten und von vorne, sagt anbetend in eueren Herzen: Dich muss man anbeten, o Herr!“ (Baruch VI, 5)

1. Erwäge hier: als Gott zugab, daß sein ganzes auserwähltes Volk in die Gefangenschaft und Knechtschaft nach Babylonien geführt wurde; ließ er sich zugleich vom Mitleiden gegen dasselbe bewegen in Betracht der großen Gefahren des Abfalls und der Sünde, welchen es daselbst ausgesetzt sein konnte. Darum sendete er demselben sogleich einen Brief nach, in welchem man die vortreffliche Mahnung liest, welche ich dir jetzt mitteilen will. (Baruch 6, 1ff.)

Die Grundsätze des Glaubens unverbrüchlich festhalten

„Ihr werdet“, sprach Gott, „in eine Stadt kommen, welche ganz dem Götzendienst ergeben ist. Welche Gattung von falschen Göttern könnte man sich deshalb denken, die ihr da nicht fändet? Götter von Holz, Götter von Metall, Götter von Marmor, Götter von gemeinem Ton, – alle werdet ihr da treffen. Und trotz dieser ihrer Nichtigkeit werdet ihr sie doch von wahnwitzigem Volke wie im Triumph durch die öffentlichen Strassen der Stadt getragen sehen. Hütet euch also, daß ihr euch durch was immer für schlechte Beispiele verleiten lasset, diese Götzen irgendwie hoch zu schätzen; sondern gedenket sogleich meiner, der ich der einzig wahre Gott bin, verehret mich in dem Innersten eures Herzens und saget, daß mir allein die Anbetung gebührt: „Nachdem ihr also gesehen die Menge von hinten und von vorne, sagt anbetend in eurem Herzen: Dich muss man anbeten, o Herr!“

Dies ist das Bild einer Übung, die sowohl zu den schönsten, als zu den notwendigsten gehört, deren man im geistlichen Leben sich befleißen muss.
Denn worin besteht die höchste Schwierigkeit, die man erfahren muss, wenn man durch die Pflicht der Nächstenliebe, des Amtes oder des Gehorsams sich gezwungen sieht, mit den Menschen zu verkehren? Darin, daß man die Grundsätze des Glaubens unverbrüchlich festhält – gegenüber so vielen, welche wider dieselben reden oder handeln, und an das Eitle ihre Seele hängen.

Der treibt mit der Lust, dieser mit dem Gelde, Jener mit der Ehre feilen Götzendienst. Und wie musst du dich daher jedesmal verhalten, um bei so gefährlichem Anblick immer fest zu bleiben? Du musst in deinem Herzen sogleich ihren Irrtum berichtigen und bei dir selbst wiederholen, daß alle, so viele ihrer auch sind, – alle sich täuschen; und daß du allein Recht hast, wenn du Christus den Herrn anbetest und Ihn umfassest, wie er nackt für dich am Kreuze hängt im größten Schmerz, in größter Armut, in größter Schmach.

So oft du dies zu tun unterläßt, bist du deinem Verderben nahe; denn die läufigen Volksmeinungen üben einen schrecklichen Zauber auf das Herz. O wie schnell werden sie deinen Geist verkehrt haben, wenn du nicht sogleich das Verwahrungsmittel stets in Bereitschaft hast! „Das Blendwerk nichtigen Wesens verdunkelt das Gute“ (Weish. 4, 12): denn es macht, daß den Menschen die ewigen Güter verächtlich erscheinen, obgleich sie allein es sind, die man mit Recht Güter nennen kann.

Folge nicht der Menge um Böses zu tun

2. Erwäge dann: wenn es nur wenige wären, welche auf dieser elenden Erde die eitlen Güter abgöttisch anbeten; dann würdest du nicht so große Gefahr laufen, von ihnen verführt zu werden, wann du sie siehst. Aber das schlimmste ist, daß ihrer sehr viele sind: „Nachdem du gesehen die Menge.“ Und darum muss dein erster Gedanke sein, daß du ihre Zahl verachtest: „Folge nicht der Menge, um Böses zu tun!“ (Exod. 23, 2)

Wären auch derer, welche anders handeln, als das Evangelium uns lehrt, nicht bloß viele, sondern wären sie unzählig, wäre ihre Menge unendlich, wären es sogar alle; so musst du dich, unberückt dadurch, allein dem allgemeinen Irrtum gegenüber stellen: „Als alle, (betrachte hier den unerschrockenen, großen Mut des frommen Tobias, obgleich er noch sehr jung, und sogar da er noch in seinem geknechteten Vaterland war!) als alle, nicht die meisten, nicht sehr viele, sondern alle zu den goldenen Kälbern gingen, welche Jeroboam, der König von Israel, errichtet hatte; floh er allein die Gesellschaft aller und zog nach Jerusalem zu dem Tempel des Herrn.“ (Tob. 1, 5,6)

Was belangt es dich, wenn derer, die da irren, viele sind? Es sind dann eben auch viele, welche zu Grunde gehen, und gerade deshalb ins Verderben stürzen, weil einer dem anderen ohne alle Vorsicht nachgeht: „Wie Schafe sind sie in die Hölle versetzt.“ (Ps. 48, 15)

Folge nicht den Hirten, die dich in den Abgrund führen

3. Erwäge ferner, daß du nicht bloß die Zahl derer, welche solchen Götzendienst treiben, nicht zu achten hast, sondern ebenso wenig ihr Ansehen berücksichtigen darfst.

Denn gar häufig wirst du unter der götzendienerischen Menge nicht bloß solche sehen, welche dir nachstehen, sondern auch solche, welche dir vorgehen. Und wenn es daher, wie ich gerne gestehe, dir nicht schwer fällt die Meinung derer nicht zu achten, welche hinter dir stehen, das heißt jener, welche nach ihrem Alter, nach ihren Geschäften oder Ämtern oder nach ihrem öffentlichen Ansehen eine niedrigere Rangstufe einnehmen als du; so ist es dir nicht eben so leicht, dich um die Ansichten derer nicht zu kümmern, welche in einer hohen Stellung vor dir sich befinden: es ist vielmehr sehr wahrscheinlich, daß du dich von ihnen verführen lassest, da sie deine Vorgesetzten sind.

Das dies niemals geschehe! „Nachdem ihr gesehen die Menge von hinten und von vorne“; nicht bloß von hinten, sondern auch von vorne: – „saget anbetend in euern Herzen: Dich muss man anbeten, o Herr!“

O wie oft wird sich der Fall begeben, daß dir gerade von jenen eine Anreizung zum Bösen kommt, welche ihrer Pflicht gemäß dich mit aller Kraft davon zurückhalten sollten: „Eine verlorene Herde ist mein Volk geworden“, spricht der Herr. Und woher so schreckliches Unheil? „Ihre Hirten haben sie verführt“ (Jer. 50, 6): nicht die Wölfe, sondern ihre Hirten.

Das größte Übel, das über so manche katholische Herden hereinbricht, kommt gewöhnlich nicht von den Wölfen, sondern von jenen Hirten, welche schlechtes Beispiel geben. Denn vor den Wölfen pflegen die Schafe ohne weiteres zu fliehen, aber von den Hirten lassen sie sich sogar in den Abgrund führen.

Dessen ungeachtet darfst du dich auch nicht einmal von diesen verführen lassen? Nein! wiederhole ich: „Wenn auch wir“, wir Apostel nämlich, „oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkünden würde, als wir euch verkündet haben, der sei verflucht!“ (Gal. 1, 8)

Mögen also jene, welche du an die eitlen Güter ihr Herz hängen siehst, dir vorangehen oder hinter dir folgen; du musst sie alle gleichmäßig verachten, weil dann alle zusammen nichts als eine Menge und dazu eine verächtliche, nichtswürdige Menge bilden: „Nachdem ihr gesehen die Menge von hinten und von vorne, sagt anbetend in euern Herzen: Dich muss man anbeten, o Herr!“

Wie du die nützliche Lehre anzuwenden hast

4. Erwäge endlich, auf welche Weise du diese nützliche Lehre, die Gott dir gegeben hat, im Leben anzuwenden hast.

Sollst du vielleicht zürnend gegen die Gottvergessenen dich erheben, welche sich so ganz anders betragen, als ihre Pflicht es gebietet? Sollst du ihnen Vorwürfe machen? Sollst du sie zurechtweisen? Sollst du gleichsam eine Beteuerung und ein feierliches öffentliches Bekenntnis deines Glaubens ablegen – Angesichts so vieler Götzendiener?

Nein, dies nicht; denn dies verlangte Gott nicht einmal von seinem Volke in Babylon, wo der Götzendienst in so entsetzlicher Weise getrieben wurde. Du musst dich bloß in deinem eigenen Innern sammeln, und daselbst, mit einem Blick voll frommer Liebe auf deinen Gott, ihm durch einen stillen Schwur aufs Neue die unerschütterliche Treue beteuern, welche du ihm schon früher versprochen hast: „Nachdem dun gesehen die Menge von hinten und von vorne, sagt anbetend in euern Herzen: Dich muss man anbeten, o Herr!“

Hast du die weise abgemessenen Worte: in euern Herzen wohl bemerkt? Diese dienen dir zur Richtschnur. Allzu schwer wäre es für dich, wider eine ganze Menge von Leuten aufzutreten, welche teils niedriger, teils höher gestellt sind als du. Da du daher nichts anderes tun kannst, so soll es dir genug sein, ihnen innerlich mit deinem Geiste zu widersprechen und Mitleid mit ihnen zu tragen.

Aber habe wohl acht: du musst dieses nicht etwa bloß ein einziges Mal tun, sondern so oft du in den Fall kommst, daß du etwas siehst oder hörst, was eine Neigung zu den eitlen Gütern in dir rege machen könnte. Hierin liegt der wahre Vorteil.

Denn die Gewalt, welche die allgemein geltenden Meinungen auf unsern Geist auszuüben pflegen, ist so groß, daß sie gar leicht die Oberhand über uns gewinnen, wenn wir nicht immer mit den Waffen in der Hand bereit stehen, um uns ihrer zu erwehren, und ihren Andrang zurückzuschlagen. Und haben sie einmal Besitz von unserem Herzen genommen, wer vermag sie wieder daraus zu vertreiben? Nur wenige sind dazu imstande!

Gehst du daher über die Strassen und siehst du daselbst so viele Üppigkeit, die der christlichen Einfachheit nur allzu sehr zuwider ist, so viel unheiliges Treiben, so viel eitle Pracht und Verschwendung; so sage in deinem Herzen: „Dich muss man anbeten, o Herr!“

Wann du aus Gründen der Notwendigkeit zu einem Hofe gehen musst, und dort so viel Annehmlichkeiten und Genüsse siehst, in denen man lebt, so große Scharen von Bediensteten, so viel Gefolge, so viele Ehren und Auszeichnungen; so sage in deinem Herzen: „Dich muss man anbeten, o Herr!“

Wann du in einem befreundeten Kreise dich befindest und daselbst einen anderen deines Gleichen preisen hörst, weil er mehr noch, als sein Verdienst es mit sich brachte, erhoben worden ist: weil er von hohen Personen geliebt, von dem Volk beifällig gelobt wird: weil er schon im Begriff steht, mit dem Ruf seines Namens dich hoch zu überbieten, und jedes Andenken an dich in Vergessenheit zu bringen; so sage in deinem Herzen: „Dich muss man anbeten, o Herr!“

O wie nützlich wird es für dich sein, wenn du bei tausend ähnlichen Gelegenheiten immer diesen Denkspruch in deinem Herzen bereit hältst! Dieser Gedanke wird hinreichend sein, um dich allezeit sicher vor einem bösen Gelüsten zu bewahren, das auch in dir rege werden kann: vor der Neigung nämlich, um eines falschen Götzen willen den wahren Gott zu verlassen.

Und das darf dich nicht Wunder nehmen: denn Gott selbst ist es ja, der dich mit seinem eigenen Munde diesen kräftigen Denkspruch gelehrt hat. Wer könnte also noch in Zweifel ziehen, daß Er auch gehalten ist, mit seinem besonderen Gnadenbeistand jene hilfreich zu unterstützen, welche sich desselben recht zu bedienen pflegen? –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. II, S. 403 – S. 408

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