Aschermittwoch Beweggrund zur Buße

Ein Friedhof in Mailand: Skulpturen auf den Gräbern, die beten, weinen und uns einen Beweggrund geben zur Buße , solange wir noch leben

Fastenpredigt zu Aschermittwoch

Beweggrund zur Buße

Auszug aus der Predigt von Paul Segneri SJ

Memento homo quia pulvis es, et in pulverem reverteris.
Gedenke Mensch, daß du Staub bist, und wieder in Staub zurückkehren wirst.

Teil 1

Eine sehr traurige Kunde euch zu bringen bin ich hier meine werte Zuhörer! Und ich gestehe, daß ich mich nicht ohne große Mühe dazu entschließen konnte; denn sehr schwer fällt es mir, euch so sehr zu betrüben, und zwar schon am ersten Morgen, wo ich euch sehe, oder ihr mich kennen lernet. Wenn ich nur daran denke, was ich euch sagen muss, fühle ich meine Seele von kaltem Schauer ergriffen. Doch was nützte das Schweigen? Was hälfe das Verhehlen? Darum will ich es euch sagen. Alle, wie wir hier sind, jung oder alt, Herr oder Knecht, hoch oder niedrig, Alle müssen wir einmal sterben. „Es ist beschlossen, daß der Mensch einmal sterbe“ (Hebr. 9, 27) Aber ach! Was sehe ich? Ist Niemand unter euch, der sich ob schrecklicher Nachricht entsetze? Niemand, der die Farbe wechsle? Niemand, der die Miene verändere? Ja, ich merke schon, daß ihr in eurem Herzen ein wenig zu lächeln beginnt, weil ich eine so alte Kunde euch für neu auszugeben suche. Und wem, sagt ihr mir, sollte wohl unbekannt sein, daß wir Alles sterben müssen? „Wer ist der Mensch, der da lebt, und den Tod nicht sieht?“ (Ps. 88, 49) …

Ihr wisset es? Wie ist es möglich? Saget: Seid nicht ihr Jene, die gestern noch jubelnd durch die Stadt liefen, der Eine als Liebhaber, der Andere als Narr oder lustige Person verkleidet? Seid nicht ihr Jene, die auf den Bällen so fröhlich tanzten? Seid nicht ihr Jene, die sich so unmäßig berauschten? Seid nicht ihr Jene, die mit solcher Ausgelassenheit sich den Gebräuchen des törichten Heidentums überließen? Seid es doch ihr, die so heiter in der Komödie saßen. Seid es doch ihr, die so kühn von der Bühne herab deklamierten. Antwortet: seid nicht ihr es, die sich noch in der letzten vor der Aschermittwoch in Saufgelagen, in Geschwätz und Gesang, in Liebeshändeln, und vielleicht, wollte Gott nicht in noch ungebührlicherem Zeitvertreib, unterhielten? Und während ihr das tuet, wisset ihr auch gewiß, daß ihr sterben müsset? O Blindheit! O Torheit! O Wahnsinn! O Verkehrtheit! Ich dachte für Alle einen unwiderstehlichen Beweggrund zu Buße und Tränen mit mir gebracht zu haben, wenn ich euch den Tod ankündete, und darum begab ich mich bei Nebel und Regen, bei Wind und Kot, durch Schnee und Wildbäche als Verkünder des göttlichen Wortes hierher, und machte mir alle Mühe dadurch leicht, daß ich bei mir sagte: Unmöglich, daß ich nicht einige Seelen gewinne, wenn ich die Sünder an ihre Sterblichkeit erinnere. Aber ach! Nur zu sehr haben mich meine Erwartungen getäuscht; denn bei allem Grunde, den ihr habt, euch zu bessern, habt ihr lieber fort gesündigt und euch nicht geschämt, es den gefräßigen und ungezogenen Schafen nachzumachen, die besonders dann sich erlustigen, über jeden Weideplatz hinspringen und über jede Wiese hüpfen, wenn sie sehen, daß bald ein Sturm droht. Was soll ich aber tun? Soll ich weinen? Soll ich mich zurück ziehen und euch der Sünde überlassen? Gott wolle vielmehr mein Vorhaben in dem Grade unterstützen, wie in mir das Zutrauen wächst, euch zu gewinnen…

Ihr wisset doch, daß in demselben Augenblick, als ihr eure Sünde in Gedanken, in Worten, oder in Werken beginget, auch das schreckliche Urteil ewiger Verdammnis sogleich gegen euch ausgesprochen ward. Auch ist es nicht schwer, dies Urteil zu vollziehen. Sie brennen schon, die unauslöschlichen Flammen, die auf ewig zu eurem Bett bestimmt sind. „Das Feuer ist in meinem Zorn angefacht“, ja , sagt Gott „über euch soll es lodern.“ (Jerem. 15, 14) Die Peinen stehen schon bereit, und bereit stehen auch ihre Vollstrecker. Was fehlt also noch? Es fehlt nur noch, daß jener Faden breche, der euch über dem gähnenden Schlund eines so tiefen Abgrundes hält. Und ihr fühlt desungeachtet keine Furcht, sondern könnt weidlich zu Abend essen, könnt schwätzen, könnt euch in Gesellschaft unterhalten, und dann ganz ruhig schlafen gehen? Wenn nicht dieses unerträgliche Verwegenheit ist, antwortet mir, was wird es dann sein? Es ist wahr, dieser Lebensfaden, der euch jetzt aufrecht hält, könnte noch stark und dauerhaft sein; er könnte aber auch mürbe und abgenützt sein. Und warum wollt ihr bei gleicher Ungewißheit euch lieber an jene Meinung halten, die euch mit so großer Gefahr zum Vertrauen ermuntert, als an jene, die euch zu eurem größten Nutzen zur Furcht ermahnt?

Das es nun aber euch allen, o Sünder! noch wahrscheinlicher ist, daß ihr ein armseliges Ende nehmen werdet, das euch da erreicht, wo ihr es am wenigstens denket, sei es im tiefsten Schlaf oder mitten im Spiel oder in fröhlicher Unterhaltung; ach, so gesteht mir doch nochmals: ist es nicht törichte Vermessenheit, auch nur einen Augenblick in schwerer Sünde zu leben? Welches Unterpfand, welche Gewißheit, welche Versicherung habt ihr, daß es nicht auch euch ergehe wie so vielen Andern, „die ihre Tage in Wollust verleben“, die Sünde durch Gleichgültigkeit erschweren, „und dann plötzlich in die Hölle zu stürzen?“ (Job 21, 13) Hat euch Gott vielleicht mit besonderer Begünstigung die Stunde eures Todes geoffenbart? Oder hat er versprochen, euch denselben nicht wie ein Dieb, der sachte einher schleicht, um euch nicht aufzuwecken, sondern wie einen Kurier zu senden, der von ferne in das Horn bläst, damit ihr ihm die Tore öffnet? Was, was ist es, das euch so verwegen macht? Und warum hält sich der für so sicher, rufe ich euch erstaunt mit dem heiligen Gregor zu; warum hält sich der für so sicher, dessen Leben in qualvoller Unsicherheit schwebt? Die Bewohner von Ninive hatten kaum gehört, daß ihre Stadt in vierzig Tagen untergehen sollte, als sie unverzüglich die strengste Buße übten. (Conc. Tr. Sess. 14, c. 14) Sogleich hüllten sie sich in Bußkleider, und bestreuten sich mit Asche, ohne erst dabei auf die Befehle des Königs zu warten, der, wie es gewöhnlich der Fall ist, der letzte war, so traurige Nachrichten zu vernehmen, sei es denn, daß er wenig Zutrauen einflößte, oder wenig Zutritt gestattete, oder daß ein Jeder, vor Schrecken außer sich, nur auf sein eigenes Heil bedacht war. Woher denn doch so große Eile, meine Zuhörer? Wußten sie denn nicht gewiß, daß sie noch ganze vierzig Tage Zeit hatten? Warum sagten sie also nicht: warten wir noch ein wenig? Um Gott zu besänftigen, braucht es nicht viele Stunden; ein Augenblick ist dazu genug. Ein Akt der Reue am Morgen des vierzigsten Tages wird uns retten. So hätten sie sicher sagen und fortfahren können, zu essen, wenn sie bei Tische saßen, oder das Spiel vollenden, wenn sie im Spielen begriffen waren. Gesetzt aber, sie hätten sich so benommen, was für ein Urteil würdet ihr darüber fällen? Würdet ihr sie nicht für dreist, verwegen anmaßend und jener Begnadigung unwürdig halten, die sie ihrer Bereitwilligkeit wegen erhielten? Um wie viel schlimmer aber, o Zuhörer! Steht es in unserem Fall! Die Bewohner von Ninive konnten sich wenigstens sämtlich vierzig Tage versprechen, der ihnen als letzte Zeitfrist zur Buße anberaumt waren; und je sicherer sie dessen waren, desto kleiner wäre ihre Verwegenheit gewesen, wenn sie in der Sünde noch einige Stunden länger verharrt hätten. Euch aber ist nicht einmal so viel Zeit zugesichert. Christus sagt: „Ihr wisset nicht, wann es Zeit sei.“ (Mark. 13, 33) Der Tod kann euch nicht bloß nahe, sondern schon bevorstehend sein. Er könnte sich selbst diese Woche, diesen Morgen, diesen Augenblick ereignen. Denn der Tod geht immer mit Schwert und Bogen bewaffnet. „Er wird sein Schwert schwingen, seinen Bogen hat er gespannt.“ (PS. 7, 13) Mit dem Schwert trifft er die Alten, die sich nicht mehr wehren können, trifft die Weichlinge, trifft die Schwachen; mit dem Bogen die Jungen, die stolz sich auf die Flucht verlassen. Und wie könnt ihr daher eure Verwegenheit rechtfertigen, wenn ihr, auch nur die mindeste Zeit, unnütz vorüber lasset? Was sagt, was antwortet ihr? Wie entschuldigt ihre eure Verwegenheit in so großer Gefahr? – Der Jäger könnte den Falken nicht so leicht und so sicher auf der Hand halten, wenn er ihm nicht früher die Augen wohl verschlossen hätte. Und so hat es der Teufel mit euch gemacht: er hat euch die Augen verschlossen, o Zuhörer! Er hat euch die Augen verschlossen; und darum macht er mit euch, was er will.

Eine einzige Ausflucht, sehe ich, könnte euch noch übrig bleiben; und diese wäre, wenn ihr sagtet: ihr könnt zwar nicht wissen, ob ihr noch länger zu leben habet, doch aber es hoffen; und daß, ungeachtet so vieler Gefahren, wie wir aufgezählt haben, auch viele Sünder sich wohl befinden, alt werden und friedlich bei vollem Gebrauch ihrer Sinne sterben, und daß ihr lieber ein ähnliches Glück hoffen, als ein entgegen gesetztes Unglück fürchten wollet… Ihr wisset doch, daß wir von der Seele sprechen: nicht wahr? Und zwar von einer Seele, die euer ist, ja, die euer ganzes Wesen ausmacht; und von einer einzigen, von einer unsterblichen Seele; von einer Seele, die unwiederbringlich ist? Und von dieser Seele sprecht ihr so gleichgültig? Ach, gedenket, rufe ich euch mit Chrysostomus zu, gedenket, daß ihr von der Seele sprechet. Und diese scheint euch so wenig schätzenswert, daß ihr sie den Händen des Zufalls überlassen wollet? Sie könnte daraus glücklich entkommen; nun denn, es wäre möglich; wenn es ihr aber nicht gelänge? … Ach! An dieser darf euch nicht so wenig gelegen sein; denn wer sieht nicht, daß es höchste Verwegenheit wäre, wenn man dort nicht mit äußerster Behutsamkeit zu Werke ginge, wo es für den möglichen Verlust keinen Ersatz gibt?

Warum also wollt ihr das wichtigste aller Geschäfte, wie das eures Seelenheiles ist, in die Hände des Zufalls legen; und da ihr euch heute bekehren könnet, sagen: nein, ich habe dazu vielleicht noch später Zeit? O Christen! Glaubet mir, ich kann nicht begreifen, wie dieses komme, und bin gezwungen, mit dem heiligen Chrysostomus voll Staunen und Verwunderung auszurufen: „Dem ungewissen Zufall überlassest du dich.“ (Homil. 23, in ep. 2. ad Cor.)… Staunet, ihr Himmel! Entsetzt euch, ihr Himmelsbewohner! Wenn ihr solche Verwegenheit höret, denn ich bin überzeugt, daß es eine größere auf der Welt nicht geben kann…

Um der Liebe Christi willen, wollet nicht länger euch selbst täuschen; erwachet, gehet in euch, und erforscht von nun an euer Innerstes und betrachtet, was ihr von eurem Zustand für einen Nutzen ziehet. Und wenn der Vorteil dabei größer ist, als die Gefahr, so achtet Alles, was ich euch gesagt habe, für nichts; wenn er aber ohne Vergleich kleiner ist, so habet Mitleid, ich bitte euch, habt Erbarmen mit eurer Seele. Wollt ihr denn mit Gewalt einst weinen, und mit dem trauernden Jeremias rufen: „Meine Feinde haben mich wie einen Vogel um nichts gefangen?“ (Jer. Thren. 3, 52) O welche Bitterkeit, welcher Gram, welch` schmerzlicher Jammer wäre dieses! … „Ach, woher kommst du, o schändliche Verwegenheit!“ frage ich mit dem Sohne Sirachs. (Eccli. 37, 3) Ich habe nicht Worte genug, eine so schreckliche Verwegenheit hinlänglich zu verabscheuen, und kann nur mit Entsetzen darüber staunen. –
aus: Paul Segneri SJ, Fastenpredigten Bd. 1, 1880, S. 24 – S. 39

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Category: Predigten, Segneri
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