Die büßende Magdalena in ihrer Höhle

Die heilige Büßerin Magdalena kniet in ihrer Felsenhöhle, die Hände gefaltete zum Gebet; vor ihr liegt ein Kreuz und ein Buch; als Stütze für das Buch ist ein Totenkopf zu sehen; von oben fällt ein Lichtstrahl in die Höhle auf die Heilige

Magdalena in ihrer Höhle

Wo suchen wir Magdalena? Wo finden wir sie? Die grausame Verfolgung der Juden, welche den zum Leben auferweckten Lazarus, als einen lebendigen Zeugen der Gottheit Jesu Christi, und die lebende Magdalena, als eine unwiderstehliche Zeugin der Auferstehung Jesu Christi mit ihrer Schwester, der Martha, nicht ertragen konnten und wollten, und sie überall zum Martertod aufsuchten – diese grausame Verfolgung der Juden, sage ich, trieb diese heilige Familie aus Jerusalem und Palästina, und die göttliche Vorsehung führte sie nach Frankreich in die Provence.

Magdalena trennte sich von ihren heiligen Geschwistern, suchte sich einen von aller menschlichen Gesellschaft abgesonderten Felsen in der Gegend von Marseille aus, und verbarg sich in eine von der Natur wie zu ihrer Wohnung erbaute Höhle; in diese verkroch sie sich und legte sich gleichsam lebendig ins Grab, und führte dort ein in Jesus Christus verborgenes Leben. Schon der Anblick dieses ungeheuer steilen und unfruchtbaren Felsens konnte dem Auge Schrecken und der Seele Furcht und Angst verursachen; die finstere Höhle aber, in welche Magdalena sich verschloß, war geeignet, die ganze Natur mit Grauen und Entsetzen anzufüllen. Magdalena sah jedoch diesen Felsen und diese Höhle mit ganz anderen Augen an. Der Felsen war ihr lebendiges Bild des Kalvarienberges, auf welchem sie ihren Jesus hatte leiden und sterben sehen, und die Höhle sinnbildete ihr das in dem Felsen gehauene Grab, in welchem sie den erblaßten Leichnam ihres Heilandes so angstvoll gesucht und seinen Tod so bitterlich und untröstlich beweint hatte.

Welches war nun die Beschäftigung der Magdalena in diesem Felsen, in dieser Höhle? Die unaufhörliche Betrachtung des bitteren Leidens und Sterbens ihres geliebten Erlösers, welches sie mit eigenen Augen gesehen, und das der Schmerz der Liebe so tief ihrer Seele, ihrem Herzen und Gedächtnis eingedrückt hatte. –

Der heiligen Büßerin fielen die Sünden ihrer üppigen Jugend, ihr eitler Putz, mit dem sie die Stadt geärgert und die Jugend verführt hatte, ein, und ihre Augen wurden zwei unerschöpfliche Tränen-Quellen. Sie machte ihren Felsen zu einem Kalvarienberge: dort glaubte sie den Ölgarten, dort das Richthaus des Pilatus, dort die Säule der Geißelung, dort den Stein der Krönung, dort Jesus mit dem schweren Kreuzesstamm beladen, dort auf der Erde die Kreuzigung, dort den Blutfließenden in der Luft am Kreuz hängen und endlich an demselben mit geneigtem Haupt erblassen und sterben zu sehen.

Bei jedem Bilde seines Leidens blieb ihre Seele in tiefe Betrachtung stehen. – Deine Eitelkeit, dein Stolz, dein Hochmut, sagte sie zu sich selbst, drückt dort auf dem Ölberg die traurige Seele deines geliebten Jesus nieder, und füllt seine Brust mit Todesangst; deine Sünden, Magdalena, sind es, die deinen Jesus mit einer solchen Angst, mit einer solchen Furcht quälen, daß sie den heißen Blutschweiß aus allen Gliedern pressen. Siehst du, wie er da liegt und für dich seinen himmlischen Vater bittet, daß der Kelch des Leidens, den du angefüllt hast, von ihm genommen werde? Siehst du, wie in diesem angstvollen Gebet, das er für dich verrichtet, die Blutstropfen von seinem Leibe herab träufeln und auf die Erde fließen? Laß sie mich aufküssen, mein Heiland! Laß mich dein Blut schwitzendes Angesicht abtrocknen; laß dich mit meinen Tränen abwaschen, mein Jesus! …

Die Betrachtungen des Leidens und Sterbens ihres Erlösers erfüllen ihr Herz mit Mitleiden und Liebe; die Betrachtungen ihrer Sünden, als die Ursache seines Leidens und Todes, erfüllen ihre Seele mit Reue und Buße, und so wird sie ein beständiges Brand- und Schlachtopfer der Liebe und Buße.

O wie streng war ihre Buße! Wie heftig ihre Liebe! Ihre Speise waren Kräuter und Wurzeln, die sie auf dem Felsen und in der Nähe ihrer Höhle fand; ihr Trank war das kalte Wasser, welches sie in den Felsspalten suchte und sammelte; ihre Kleidung waren Baumblätter, ihre Lagerstätte war die Erde, und ein Stein ihr Kopfkissen; von aller menschlichen Gesellschaft entfernt, lag sie Tag und nacht unter Weinen und Seufzen über ihre Sünden dem Gebet und den Betrachtungen des Leidens und Sterbens Jesu Christi ob.

Wie gefällt euch, zärtliche Weltmenschen, das Bußleben der Büßerin Magdalena? Ich gestehe, es erfüllt mein Herz und meine Gedanken mit Erstaunen und Entsetzen. Magdalena, muss ich bei mir selbst sagen, der Liebling Jesu Christi (denn so bezeugt es selbst die evangelische Geschichte: Magdalena war die Maria; welche Jesus liebte: Maria, quam diligebat Jesus), Magdalena, war das Weib, welcher Jesus alle, und deren waren viele, Sünden öffentlich vergeben hatte; Magdalena, welcher Jesus wider den Pharisäer, der sich beschwerte, daß der Herr eine Sünderin der Stadt zu seinen Füßen dulde, das unerhörte Zeugnis gegeben hat, daß sie viel geliebt habe, und daß ihr wegen der Größe und Stärke ihrer Liebe alle ihre Sünden vergeben seien; Magdalena, der unser gütigster Heiland zur Beschämung seines Gastwirtes eine so prächtige Lobrede mit den Worten gehalten hat: „Das Weib, welches du eine Sünderin nennst, hat meine Füße mit ihren Tränen gewaschen und mit ihren haaren getrocknet, denselben auch so viele tausend Küsse der Liebe und Freundschaft aufgedrückt, und nicht nur mein Haupt, sondern sogar meine Füße mit dem teuersten Balsam gesalbt“; Magdalena, der das Evangelium das Zeugnis gibt, daß sie von der Stunde ihrer Bekehrung an dem Heiland gefolgt sei, und ihn auf seinen Reisen mit ihren Gütern und Reichtümern unterstützt hat; Magdalena, deren Liebe zu ihrem verstorbenen Bruder und deren Tränen Jesus Christus selbst mit seinen heiligsten Tränen belohnt und zu ihrem und ihrer Schwester Trost durch ein unerhörtes Wunder ihren schon im Grabe verwesenden Bruder Lazarus zum Leben auferweckt; Magdalena, deren Andacht und Anhörung des Wortes Gottes der Heiland gegen ihre unzufriedene und eifersüchtige Schwester mit dem neuen, herrlichen Lobspruch: „Maria hat den besten Teil erwählt“, verteidigt hat; Magdalena, deren Übermaß der Liebe durch Vergießung des teuren Balsams, den der geizige Judas selbst auf 300 Pfund jüdischer Münze schätzte, Jesus mit dem prophetischen Lobspruch gekrönt hat: daß, wohin immer die Stimme des Evangeliums dringe, ihr Lob als ein evangelisches Echo zurück hallen würde, weil sie den Leichnam Jesu, ehe er noch gekreuzigt und begraben war, zu seinem Begräbnis einsalbte; Magdalena, die vom Heiland selbst vor allen Aposteln mit der ersten Erscheinung nach seiner Auferstehung, mit dem erfreulichen Wunder seiner glorreichen Urstände, in Mitten ihrer Traurigkeit getröstet und erfreut, ja von Jesus Christus selbst als Botschafterin der Apostel abgeordnet worden ist, um ihnen seine Auferstehung zu verkündigen: diese so geliebte und so heiß liebende Heilige soll nach so unzähligen und unwiderlegbaren Zeugnissen der Liebe und Vergebung ihres Erlösers, der Freundschaft ihres geliebten Heilandes und der Heiligkeit ihrer vollkommenen Bekehrung, noch auf ihrem einsamen Felsen, in ihrer finstern Höhle, in solchen Bußübungen, in solchen Werken der Andacht, in solchen unaufhörlichen Betrachtungen des Leidens und Sterbens Jesu Christi versenkt liegen? …

Aber welcher liebliche Geruch weht uns entgegen? Welcher Gesang von englischen Chören schallt aus ihrer Höhle hervor? Was sehen wir? Ihr Leib ist tot, aber nicht erblaßt; er ist tot, aber zu einer neuen Jugend, zu einer entzückenden Schönheit aufgeblüht. Sie ist zu einem neuen, zu einem himmlischen Leben, zur Herrlichkeit Jesu Christi auferstanden; Engelchöre haben ihre Seele ins Reich Gottes, zum Thron ihres geliebten Heilandes, in die Herrlichkeit Jesu Christi übertragen. Ihre Tränen sind in glänzende Perlen verwandelt worden und mit diesen geschmückt, glänzt sie in der himmlischen Glorie; aber meine sterblichen Augen sind nicht fähig, ihr ins Reich der Herrlichkeit zu folgen; dahin ist noch kein Auge, noch kein Ohr, noch kein Herz und keines Menschen Verstand gedrungen, sagt Paulus. –
aus: M.F. Jordan Simon, aus dem Eremitenorden des hl. Augustin, Die heilige Büßerin Magdalena In neun Reden, 1851, S. 232 – S. 234; S. 240 – S. 242; S. 249

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