Fest der Opferung Mariä der Morgenröte

Fest der Opferung Mariä

Mariä Opferung: Maria als kleines Mädchen, schon die Krone ihrer zukünftigen Verherrlichung als Königin des Himmels, geht die Stufen hinauf zum jüdischen Priester, der sie mit ausgebreiteten Händen empfängt; hinter ihr sind ihre Eltern, die hl. Anna und der hl. Joachim sowie einige Jungfrauen; im Hintergrund sind zwei Engel sowie der Heilige Geist als Taube zu sehen

Maria, die Morgenröte des Heiles: ihre Schönheit, Würde und Macht

Quae est ista quae progreditur quasi aurora consurgens, pulchra ut luna, electa ut sol, terribilis ut castrorum acies ordinata?

„Wer ist Die, welche hervortritt wie die aufsteigende Morgenröte, schön wie der Mond, auserlesen wie die Sonne, schrecklich wie eine geordnete Schlachtreihe?“ (Hohel. VI.9)

Maria die Morgenröte

Erwäge: Wenn du heute Maria, dieses himmlische Kind, aus eigenem Antrieb mit festem Schritt die Stufen des Tempels hinan steigen siehst; so darfst du wohl mit vollem Recht ausrufen: „Wer ist Die, welche hervortritt wie die aufsteigende Morgenröte?“

Die seligste Jungfrau ist zweifelsohne jene glückliche Morgenröte, welche seit so vielen Jahrhunderten von den heiligen Vätern sehnlichst in der Welt erwartet wurde. Denn gleichwie die Morgenröte in der Mitte steht zwischen der Nacht, welche sie hinter sich zurück läßt, und dem Tage, den sie binnen kurzem durch ihr Kreisen zu bringen im Begriff ist; so steht die seligste Jungfrau in der Mitte zwischen der Nacht der Sünde, welche über das ganze Menschengeschlecht ausgebreitet lag, und dem Tage der Gnade, welcher dann folgte: zwischen der Nacht der Traurigkeit und dem Tage des freudigen Trostes: zwischen der Nacht des Schreckens und dem Tage des Frohlockens: zwischen der Nacht des Gesetzes und dem Tage des Evangeliums.

Es heißt deshalb nicht: Wer ist Die, welche heraus geht, wie die aufsteigenden Morgenröte? Denn so könnte man fragen am Fest ihrer glücklichen Geburt. Am heutigen Fest muss man sagen: „Wer ist Die, welche hervor tritt wie die aufsteigende Morgenröte? Weil sie schon weiter voran schreitet, – aber doch immer gleich der Morgenröte, das heißt, mit stillen und starken Schritten zugleich.

Mit stillen Schritten, weil nur Wenige auf der Welt die Fortschritte kennen, welche sie unablässig in der Tugend macht; so sehr liegen die Menschen in dem tiefen Schlaf teils der Sünde und teils der Unwissenheit begraben.
Mit starken Schritten, weil Niemand ihr Fortschreiten in der Tugend hindern kann; so sehr ist sie frei und unbeirrt von allem dem, was Andere vom Guten abhält oder doch wenigstens säumig macht. Oder wo fände sich Der, welcher im Stande wäre, die Morgenröte zu hindern, daß sie am Ende den Tag, den sie in ihrem Schoß trägt, der Welt nicht bringen könnte?

Du siehst daraus indessen, daß, wenn Maria an diesem Fest mit der Morgenröte verglichen wird, dies namentlich in Rücksicht auf ihre hohe Würde als Mutter Gottes geschieht; und eben um auf diese sich vorzubereiten, siehst du sie heute zum Tempel kommen. Deshalb wird sie auch nicht einfach mit der Morgenröte verglichen, sondern mit der aufsteigenden Morgenröte: „Wer ist Die, welche hervor tritt wie die aufsteigende Morgenröte?“ um anzudeuten, daß sie noch nicht reif ist, um das ewige Licht zu gebären, sondern sich dazu erst nach und nach durch immer herrlichere Verdienste vorbereiten soll.

Beim Erscheinen dieser Morgenröte freut sich der Himmel, weil er nunmehr die glückselige Verbindung zwischen Himmel und Erde wieder hergestellt sehen wird, welche so lange Zeit durch jene, ach so traurige Nacht unterbrochen war, die jetzt schon lichter zu werden beginnt.

Es jubelt die Erde, weil sie jetzt endlich die schöne Hoffnung ihres Heiles wieder erblühen sieht, welche während jener Nacht nicht bloß welk geworden, sondern beinahe ganz verdorrt war.

Die Hölle gerät in Wut: denn gleichwie die Räuber, die Meuchler, die Ehebrecher, die Mörder sehr gut wissen, daß die Morgenröte für sie nicht günstig ist, und daher vor derselben erschrecken: „Wenn auf einmal die Morgenröte erscheint, halten sie dieselbe für Todesschatten“ (Job 24,17), so wissen auch die bösen Geister sehr wohl, daß dieses Kind, das auf der Welt erscheint, keineswegs zu ihren Gunsten ist.

Was hast du hingegen zu tun? Du musst gedenken, daß dann, wann die Morgenröte sich erhebt, die geeignetste Zeit zum Aufstehen und zum Lobe Gottes ist: „Man muss der Sonne zuvor kommen zur Lobpreisung, und beim Aufgang des Lichtes den Herrn anbeten.“ (Sap. 16,28)

Schön wie der Mond

Erwäge: dieses nämliche Kind, das wegen seiner hohen Würde als Mutter Gottes, wozu es sich vorbereitet, heute eine aufsteigende Morgenröte genannt wird: „Wer ist Die, welche hervor tritt wie die aufsteigende Morgenröte?“ wird zu gleicher auch schön wie der Mond, und auserlesen wie die Sonne genannt. „Schön wie der Mond“ ist sie wegen der Gnade, mit der sie erfüllt war: „auserlesen wie die Sonne“ ist sie wegen der Herrlichkeit, in der sie strahlt.

I. Es heißt nicht, sie sei schön wie die Sonne, weil die Sonne ihre Schönheit aus sich selbst hat. Es heißt, sie sei schön wie der Mond, weil der Mond seine Schönheit von der Sonne hat.

Wann du daher sagen hörst, die seligste Jungfrau sei ganz schön: „Ganz schön bist du, meine Freundin, und keine Makel ist an dir“ (Cant. 4, 7), wann du vernimmst, daß sie im ersten Augenblick ihrer Empfängnis eine größere Fülle der Gnaden erhalten habe, als irgend Einer von den Heiligen je am Ende seines Lebens besaß: „Ihre Grundfesten sind auf den heiligen Bergen“ (Ps. 86,1): wann du erfährst, daß in ihr alle Gnadengaben, die ein ganz freies Geschenk Gottes sind, alle Vorzüge und alle herrlichen Eigenschaften sich vereinigten, die unter den anderen Heiligen verteilt sich finden: „In der vollen Versammlung der Heiligen ist mein Aufenthalt“ (Eccli. 24,16): wann du liest, daß auch ihr die großen, hehren Namen Erretterin, Erlöserin, Mittlerin, Hoffnung, Heil, Leben. Zugeteilt werden, welche mit Recht eigentlich nur der Sonne, Christus nämlich, gebühren: „Das Licht des Mondes wird sein wie das Licht der Sonne“ (Is. 30,26), so erschrick nicht, als ob dies ihre Schönheit zu sehr erheben hieße.

Man erhebe sie so hoch man nur immer will; es ist dabei keine Gefahr, da man ja weiß, daß zwischen Christus und ihr immer am Ende der Unterschied bleibt, der zwischen der Sonne und dem Mond besteht. Christus besitzt seine Schönheit von sich selbst, Maria empfängt ihre Schönheit von Christus.

Oder gereicht es vielleicht nicht zur Ehre der Sonne, daß sie dem Mond ihre Strahlen mitteilen kann? „Ein großes Zeichen erschien am Himmel: ein Weib, bekleidet mit der Sonne:“ (Apoc. 11,1)

II. Es heißt dann, sie sei auserlesen wie die Sonne, weil ihre Auserwählung zur himmlischen Herrlichkeit von der Auserwählung Jesu Christi nicht geschieden war; sondern da Christus als der Ersterwählte aller Vorherbestimmten, als „der Erstgeborene unter vielen Brüdern“ (Röm. 8,29), von Gott gewollt wurde; wurde mit ihm auch Maria, als Mutter Jesu Christi, gewollt: und sie wurde zugleich im Himmel zu einem so glänzenden Thron der Herrlichkeit bestimmt, daß, wie Christus in der himmlischen Seligkeit für sich allein eine eigene Rangstufe bildet, die über die Würde aller Heiligen hoch erhaben steht, da er ja ihr König ist; so auch Maria, als die Königin aller Heiligen, ihre besondere Ehrenstufe inne hat: „Es steht die Königin zu Deiner Rechten, im vergoldeten Gewande, umgeben von mannigfacher Pracht.“ (Ps. 44,10)

„Es steht“; nicht: es sitzt die Königin; weil Christus dem Herrn allein es zukommt, die Gnaden, welche über die Menschen ausgeteilt werden sollen, in seiner Machtvollkommenheit zu bestimmen; der seligsten Jungfrau aber, sie zu erbitten und auszuteilen.

„Zu Deiner Rechten“, nicht: zur Linken; denn sie hat keinen Teil an den schweren Züchtigungen, welche von dem nämlichen Christus verhängt werden; sondern bloß an den Gnadenerweisungen, die von ihm ausgehen.

„Im vergoldeten Gewande“, nicht: im goldenen Gewande; weil das doppelte Kleid der Herrlichkeit, welches sowohl der Seele als dem Leib nach schön macht, ihr nicht von Natur aus eigen ist, wie Christus dem Herrn, sondern huldvoll mitgeteilt.

„Umgeben von mannigfacher Pracht“, weil die verschiedenen Kränze der Seligkeit, welche unter den zahlreichen Scharen der Propheten, der Apostel, der Einsiedler, der Märtyrer und anderer großen Heiligen verteilt sind, in ihr alle miteinander sich finden. „So wahr ich lebe, spricht der Herr: mit allen diesen wirst du, wie mit einem Schmuck dich bekleiden.“ (Is. 49,18)

Und du wolltest dieses zarte Kind nicht bewundern, wolltest es nicht lieben, das eines Tages zu deinem Besten so hoch empor steigen soll?!

Deswegen pflegt eben die Kirche dreimal des Tages mit vereinter Stimme die seligste Jungfrau zu grüßen: am Morgen, Abends und Mittags. Am Morgen, damit du dich erinnerst, welche große Güter sie dir, als die aufsteigenden Morgenröte, durch die große heilige Frucht ihres Leibes gebracht hat. Am Abende, damit du dich an jene überreiche Gnadenfülle erinnerst, welche sie für sich selbst und für andere besitzt, — ähnlich dem Mond, der dann schön erscheint, wann er bereits voll geworden ist: „Schön wie der Mond.“ Zu Mittag, damit du jener Herrlichkeit eingedenk seiest, welche sie gegenwärtig „auserlesen wie die Sonne“, genießt, so daß sie, mit ihrem göttlichen Sohn vereint, mehr von der Höhe herab deine Seele mit ewigen Strahlen überströmen kann.

Wie eine geordnete Schlachtreihe

Erwäge: dieses nämliche Kind, obgleich ganz liebenswürdig, wird dir hier am Ende als ganz mit Schrecken gewappnet geschildert: „Schrecklich wie eine geordnete Schlachtreihe“.

Aber fürchte dich deshalb nicht; denn sie ist nicht schrecklich für dich; sondern für deine Feinde. Die höllischen Geister wissen, wie gewaltig die Macht jener Seufzer und jener Gebete ist, welche sie schon von der Wiege an zum Himmel empor zu senden begann; und o wie sehr fürchten sie daher diese Jungfrau! Sie fürchten dieselbe allein so sehr, als wäre sie ein ganzes Heer von Fürsten oder Gewaltigen, schon gerüstet zur Schlacht.

Ich sage gerüstet zur Schlacht; denn die seligste Jungfrau wird heute noch nicht schrecklich genannt, wie eine kämpfende Schlachtreihe, sondern wie eine geordnete Schlachtreihe.

Sie heißt noch nicht schrecklich wie eine kämpfende Schlachtreihe, weil sie noch nicht das Schlachtfeld betreten hat, um die Hölle in die Flucht zu sprengen, wie sie dies eines Tages bei dem Tode ihres göttlichen Sohnes am Fuße des Kreuzes tun wird. Aber sie heißt schrecklich wie eine geordnete Schlachtreihe, weil sie sich schon zur Schlacht rüstet.

Oder weißt du nicht, daß ein gewaltiges Heer, welches in guter Ordnung aufgestellt ist, schon halb siegreich genannt werden kann? Es braucht sich nicht erst viele Mühe zu geben, um dem Feind Schrecken einzuflößen: schwingt es auch das Schwert noch nicht, greift es noch nicht zum Feuer, – das tut nichts zur Sache: wenn man es bloß sieht, erregt es Schrecken!

So war die seligste Jungfrau in ihrem Kindesalter. Ja man muss sagen, daß sie auch gegenwärtig und immer so ist. Denn um die ganze Hölle in die Flucht zu jagen und zu zermalmen, – was hat sie zu tun? Es genügt, daß sie sich blicken läßt: „Durch ihres Angesichtes Glanz hat sie ihn vernichtet.“ (Judith 16,8)

Daher kommt es, daß nicht bloß die Hölle, sondern auch alle Verbündeten derselben nicht einmal ihren Namen hören können…

 – o welch großen Schrecken haben auch sie vor der seligsten Jungfrau!

Sie war es ja, welche dieselben schon oftmals besiegt hat, – ohne ein anderes Mittel, als durch die Kraft ihres mächtigen Namens, der von der Christenheit wider jene Feinde angerufen ward. Oder weißt du nicht, wie die Kirche von ihr singt? „Freue dich, Jungfrau Maria! alle Ketzereien hast du allein auf der ganzen Welt vernichtet.“ (Brev. Rom. In Off. B.M.V., Noct. III Ant. 1)

Und warum dies? Etwa weil sie der Welt jene Sonne gebar, welche alle Irrtümer, die darin herrschten, mit einem Male daraus verscheuchte? Gewiß, deshalb; aber nicht deshalb allein. Sie tat noch mehr, – weil sie zuerst auf besondere Weise die Apostel belehrte, welche in die ganze Welt ausgingen, um alle jene drei feindlichen Heere zu gleicher Zeit anzugreifen: und weil sie dann immer fortfuhr, vom Himmel herab sowohl die Fürsten, als die Päpste und die Lehrer der heiligen Wissenschaft zu beschützen, welche bald mit den Waffen, bald mit Bannsprüchen und bald in Rede und Schrift gegen dieselben drei Heere den Krieg führten.

Und sie sollte also diesen drei, wider Gott dem Herrn kämpfenden Heeren nicht immer fürchterlich sein? Sie ist ihnen fürchterlich, und fürchterlich wie eine geordnete Heerschar: „Schrecklich wie eine geordnete Schlachtreihe“; weil sie niemals sich erst in Ordnung wider ihre Feinde aufzustellen braucht, denn sie steht immer in Schlachtreihe.

Und ist dies richtig, – was hast du dann zu tun? Gehe und stelle dich in Sicherheit unter ihre Zelte, falls du bloß dem beschaulichen Leben dich widmest; gibst du aber dem tätigen Leben dich hin, so gehe gleichfalls in ihre Zelte, um dich in ihre Scharen zu reihen, damit auch du für sie, oder wenigstens mit ihr kämpfest. –
aus: Paul Segneri S.J., Manna oder Himmelsbrod der Seele, 1853, Bd. IV, S. 388 – S. 395

Anm.: Da man heute auch wegen historischer Texte, die man veröffentlicht, der Verhetzung angeklagt werden kann, muss ich den Text auslassen, in dem P. Segneri die drei Heere benennt.

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