Opfergang Mariens in den Tempel

Zwei himmlische Wesen mit Flügeln, das eine mit Palmzweigen in den Händen, das andere läßt aus dem Gewand Rosen nieder fallen

Das junge Mädchen Maria, von ihren Eltern begleitet, befindet sich Tempel von jerusalem; sie geht die Treppe hinauf zum Priester, um sich Gott zu opfern

Der Opfergang Mariens in den Tempel

Darstellung und Opferung der seligsten Jungfrau im Tempel zu Jerusalem

Ein sehr bedeutsames Ereignis

Vielen frommen Christenleuten wäre es freilich sehr lieb, Genaueres von der Kindheit und Jugend des Erlösers durch göttliche Offenbarung zu wissen. Die liebevolle und weise Vorsehung hat es aber nicht notwendig und nützlich gefunden, uns mehr als einige wenige Tatsachen davon mitzuteilen. Wie in vielen anderen Stücken sollte nun auch hierin die Mutter dem Sohn gleichen; auch über Mariens Kindheit und Jugend ist uns in der heiligen Schrift fast nichts erzählt. Aber die heilige Kirche hat uns davon etwas überliefert, und zwar ein sehr bedeutsames Ereignis aus der ersten Jugendzeit Mariä, daß sie nämlich Gott dem Herrn im Tempel zu Jerusalem ist dargestellt worden. Am 21. November, also 74 Tage nach dem Fest Mariä Geburt, feiert sie die Erinnerung an diese Darstellung und Opferung der seligsten Jungfrau.

Das Gebet an diesem Tage lautet:

„O Gott! Der Du gewollt hast, daß die seligste und allezeit reine Jungfrau Maria, die Wohnung des heiligen Geistes, Dir heute im Tempel dargestellt werde, verleihe gnädig, daß wir durch ihre Fürbitte im Tempel deiner Herrlichkeit dargestellt zu werden verdienen.“

Wann und wie diese Darstellung geschehen sei, wird uns von der heiligen Kirche nicht näher erzählt, wohl aber werden in diesem Gebet zwei wichtige Umstände angegeben, erstlich, daß Maria als Wohnung des heiligen Geistes dargestellt worden, und daß sodann diese Aufopferung auf ausdrückliche Anordnung und bestimmten Willen Gottes geschehen. Wir wollen dies jetzt genauer in Augenschein nehmen, um zu sehen, was denn eigentlich die Darstellung Mariens bedeutet habe, und wie wohlgefällig sie Gott gewesen sei.

Im Voraus aber ist zu bemerken, was der heilige Kirchenlehrer Alfons Liguori schreibt: „Maria besaß vom ersten Augenblick ihres Daseins an die Erkenntnis Gottes; und schon damals, als ihr das Licht aufging, brachte sie sich ganz und gar ihrem Herrn dar, und weihte sich unbedingt seiner Liebe und seiner Ehre. Das erleuchtete Kind wußte nur allzu wohl, daß Gott ein geteiltes Herz verwirft, und daß er dasselbe ganz seiner Liebe geweiht sehen will, wie er es befohlen hat: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, aus deinem ganzen Herzen lieben.“ Daher kam es, daß Maria vom ersten Augenblick ihres Daseins an ihren Gott aus allen Kräften liebte, und sich ganz und gar dem Herrn schenkte.“

Bedeutung der Darstellung im Tempel

Du wirst denken, wenn solches schon damals geschehen ist, was bedeutet dann ihre Darstellung im Tempel noch mehr?
Darauf antwortet der Heilige: „Die heilige Seele Mariens erwartete mit großem Verlangen die Zeit, wo sie sich auch äußerlich und auf eine feierliche Weise ihrem Gott weihen konnte.“

Was bei uns Christen erst bei der Taufe geschieht, daß wir durch die Gnade „Tempel Gottes werden und der heilige Geist in uns wohnt“, das ist in Maria schon bei ihrer unbefleckten Empfängnis geschehen. Schon von dort an hat der heilige Geist selber sie zu seiner Wohnung gemacht, und schon von dort an hat Maria sich selber als Tempel des heiligen Geistes betrachtet. Was aber damals nur zwischen ihr und Gott geschehen, das geschieht jetzt vor den Priestern und dem gläubigen Volk; ihre Darstellung im Tempel ist die öffentliche und feierliche Weihe ihrer selbst zum Hause und Heiligtum und Tempel des heiligen Geistes…

Durch die Taufe wird der Mensch auserwählt und geweiht und geheiligt, zu sein ein „lebendiges, heiliges, Gott gefälliges Opfer, für einen vernunftgemäßen Gottesdienst“, wie Sankt Paulus sich ausdrückt. Auch Maria hatte schon in ihrer makellosen Empfängnis diese Weihe zum Opfer Gottes erhalten, und sie hat damals schon in ihrem Herzen sich selbst zum lebendigen Opfer Gottes geweiht. Jetzt bei ihrer Darstellung wird das Opferlämmlein von den übrigen Menschen ausgeschieden und an die heilige Opferstätte, in den Tempel des Herrn gebracht, wo sie nun angesichts der Priester und des Volkes sich selbst zum lebendigen Brandopfer Gott hingibt, das vom Feuer der Liebe bis zum letzten Atemzug soll verzehrt werden.

Es hat also die seligste Jungfrau bei dieser Darstellung ein Zweifaches getan; es hat ihr heiligstes Herz in aller Aufrichtigkeit, in aller Liebe, mit allem Ernst ihre erste Hingabe an Gott zum Tempel, zur Braut, zum Opfer erneuert, und es hat mit dieser Erneuerung jetzt auch das öffentliche und feierliche Bekenntnis dieser ihrer Hingabe verbunden.

Im Brevier spricht die heilige Kirche an diesem Feste zur seligsten Jungfrau: „Du allein hast ohne vorausgegangenes Beispiel Jesu Christo gefallen.“ –

Ja gewiß, eine solche Gabe ist Gott seit der Erschaffung der Welt bis zu jenem Tage nie dargebracht worden, und Gott musste das innigste Wohlgefallen daran finden. Es hat sich das heiligste Herz Mariens damals im allerschönsten Licht gezeigt. Die Person, welche diese Gabe Gott gebracht, war die heiligste, sündenreinste, gnadenvollste, und darum schon das von Gott geliebteste aller Geschöpfe. Die Gabe, welche Maria darbrachte, war nicht bloß das Allerbeste, was sie selber besaß, sondern geradezu das Allerbeste, was seit viertausend Jahren die ganze Welt und die gesamte Menschheit besessen hat; sie hat sich selbst mit ihrem ganzen Sein und Wesen und Leben geopfert. –

Diese Gabe befand sich auch im allerbesten Zustand. Dieser Tempel ist nie durch ein Geschöpf oder durch ein unheiliges Opfer entweiht worden. Dieses bräutliche Herz nie eine ungeordnete Liebe gekannt und gefühlt. Dieses Opfer ist nie verstümmelt, verkürzt, entstellt, verunreinigt gewesen. Und endlich hat Maria diese Gabe nicht erst nach einiger Zögerung und nach einigem Aufschub, sondern sogleich, wo sie nur konnte, in ihrem zartesten Alter Gott dargebracht, damit auch nicht der geringste Teil ihres Lebens Gott entzogen werde. Es konnte also selbst das reinste und schärfste Auge Gottes bei dieser Darstellung auch nicht das Geringste entdecken, was ihm mißfallen hätte; wohl aber zeigte ihm der Blick auf das Herz Mariens nur Schönes, Edles, Vollkommenes, Reines und Heiliges, einen Tempel, eine Braut, ein Opfer ganz nach seinen Wünschen. Man kann ihm zu einer solchen Darstellung wirklich vom Herzen gratulieren; es war in einem gewissen Sinn die Primiz, das erste feierliche Hochamt, das Maria ihm zu Ehren gehalten hat. –
aus: Franz Ser. Hattler SJ, Christkatholisches Hausbrod für Jedermann, der gut leben und fröhlich sterben will., II. Band, VI. Teil, 1892, S. 47 – S. 49

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