Das Mitleiden Mariens als Miterlöserin

Der Fuß des Kreuzes oder Die Schmerzen Mariens

Das Mitleiden Mariens

Anfangs standen wir am Ufer von Mariens Schmerzen und blickten mit Verwunderung auf sie hinaus, wie auf einen großen Ozean. Wir sondierten sodann nacheinander die sieben Abgründe jenes Ozeans, welche die Kirche auswählte und uns vorstellte. Nun betrachten wir ihre Schmerzen noch einmal als einen einzigen; aber sie ergießen ihre Wasser durch die Meerenge des Kalvarienberges in den mächtigen Ozean des kostbaren Blutes. Dieser eigentümliche Gesichtspunkt heißt das Mitleiden Mariens. Das rechte Verständnis desselben schließt mehrere wichtige theologische Fragen in sich, ist aber höchst notwendig, um unsere Andacht zu den Schmerzen Mariens zu einer wahren und tiefen zu machen.

Es sind nun sieben Fragen für uns zu erwägen: die göttliche Absicht ihres Mitleidens, seine Natur und seine Charakterzüge, was es tatsächlich bewirkte, die Beziehungen, in welchen es zu unserm eigenen Mitleiden mit ihr steht, eine Vergleichung der Passion mit Mariens Mitleiden, der scheinbar größere Schmerz des Mitleidens als des Leidens Christi, und endlich das Maß und der Umfang ihres Mitleidens.

§ 1. Die göttliche Absicht des Mitleidens Mariens.

Zuerst haben wir also die göttliche Absicht ihres Mitleidens zu betrachten. Es ist sehr in Frage, ob wir je von irgend etwas an den Werken Gottes sagen können, daß es bloß zum Schmucke diene. Es liegt etwas in der Idee eines bloßen Schmuckes, was mit der Wirksamkeit Gottes, mit der Herrlichkeit seiner Einfachheit, mit seiner anbetungswürdigen Realität in Widerspruch scheint. Die Annahme, die Schmerzen Unserer göttlichen Mutter seien nur eine dichterische Ausschmückung um Rührung hervorzubringen, eine Beigabe zu der Menschwerdung für den frommen Zweck, einige weitere Grade von Liebe zu erwecken, würde noch andere Fragen in sich schließen über den Charakter und die Vollkommenheiten Gottes, über seine Zärtlichkeit gegen seine Geschöpfe und über die gnadenreiche Bedeutung, die in jedem Schmerz und Leiden liegt in der ganzen Schöpfung. Es ist nicht leicht einzusehen, wie derjenige, der eine solche Ansicht von den Leiden Unserer gebenedeiten Mutter hätte, von dem Vorwurf der höchsten Unehrbietigkeit oder sogar der versteckten Gotteslästerung freigesprochen werden könnte. Gott hatte gewiß eine Absicht damit. Er hat eine Absicht in allem, was Er anordnet; aber seine Absicht bei einem so auffallenden Zuge der Menschwerdung, als die unaussprechlich schmerzhafte Bestimmung der Mutter Gottes ist, muss der Größe des Geheimnisses selbst und jenes noch größeren Geheimnisses angemessen gewesen sein, von welchem sie einen Teil bildet. Es konnte nicht ein einfaches Pathos gewesen sein. Gott konnte nicht eines seiner Geschöpfe gemartert haben, bloß um einen poetischen Glanz auf die tiefen Wahrheiten des Kalvarienberges zu werfen. Auch konnte es nicht bloß eine Lehre für uns gewesen sein. Denn viel von ihrem Mitleiden läßt sich nicht nur nicht von uns nachahmen und wir können es also nicht erreichen, sondern es ist uns auch unbegreiflich und übersteigt daher unsern Verstand. Es ist wahr, wir ziehen Lehren daraus, weil in allem, was Gott tut, eine Lehre enthalten ist; aber dies ist etwas ganz anderes, als daß Gott keine weitere Absicht in einem Geheimnis haben sollte, denn die, eine Lehre für uns zu sein. Auch kann es nicht bloß zu ihrer Heiligung gewesen sein, obwohl dies ohne Zweifel eine große Absicht dabei war. Sie war die Mutter Gottes geworden, ehe ihre Schmerzen anfingen, und sie waren eine Folge ihrer göttlichen Mutterschaft, nicht eine Vorbereitung darauf. Sie heiligten sie, ja sie waren in einem besondern Sinne die Heiligung eines Wesens, das als sündlos nicht geheiligt werden konnte, wie die Heiligen, durch Kämpfe, böse Neigungen, oder innere Versuchungen. Aber es ist schwer, sie überhaupt nach-denkend zu betrachten und zu glauben, daß ihre Absicht hiermit endige. Wir verlangen eine tiefere und göttlichere Absicht, die enger mit dem ganzen Plan der Menschwerdung verknüpft ist, und wir dürfen überzeugt sein, daß eine solche vorhanden ist, wenn wir sie auch nicht entdecken können.

Die Frage der Bedeutung Maria als Miterlöserin

Wenn wir also alle oben erwähnten Ansichten als unwahr und unwürdig und als offenbar im Widerspruch mit den zu erklärenden Erscheinungen verwerfen, dürfen wir auf der andern Seite annehmen, daß das Mitleiden Mariens ein Teil der Erlösung der Welt war, daß die Rettung der Seelen dadurch verdient und daß die Sünde damit gesühnt wurde? Manche aszetische Schriftsteller haben eine Sprache geführt, die so viel als dies zu enthalten scheint. Heilige und Gottesgelehrte haben sich vereinigt, Unsere gebenedeite Mutter Miterlöserin der Welt zu nennen. Es ist keine Frage über die Rechtmäßigkeit, eine solche Sprache zu führen, weil so gewichtige Stimmen dafür sind. Die Frage betrifft ihre Bedeutung. Ist sie bloß die Hyperbel einer Lobrede, die fromme Übertreibung der Andacht, die unvermeidliche Sprache eines wahren Verständnisses Mariens, welches die gewöhnliche Sprache unangemessen findet, um die ganze Wahrheit auszudrücken? Oder ist sie buchstäblich wahr und knüpft sich daran eine anerkannte theologische Genauigkeit? Dies ist eine Frage, die sich den meisten darbot, wenn es sich um die Verehrung Unserer gebenedeiten Mutter handelte, und es gibt wenige Fragen, auf die mehr vage und ungenügende Antworten gegeben worden sind, als auf diese. Auf der einen Seite scheint es übereilt, von der Sprache, welche Heilige und Lehrer der Kirche gebrauchten, zu behaupten, daß sie eine Übertreibung und Hyperbel, eine blumenreiche Phraseologie sei, die in Erstaunen setzen soll, aber ohne daß eine wirkliche Bedeutung darunter verborgen wäre. Auf der andern Seite, wer kann zweifeln, daß Unser Herr der alleinige Erlöser der Welt ist, sein kostbares Blut das einzige Lösegeld für die Sünde, und daß Maria selbst, obwohl in einer verschiedenen Weise, die Erlösung ebenso bedurfte, wie wir, und sie in einer reichlicheren Menge und auf eine herrlichere Art in dem Geheimnisse der unbefleckten Empfängnis empfing? So weit es die buchstäbliche Bedeutung des Wortes betrifft, möchte es daher scheinen, daß der Ausdruck „Miterlöserin“ nicht theologisch wahr sei oder wenigstens die Wahrheit nicht ausdrücke, die er gewiß mit theologischer Genauigkeit enthält. Wir sind geteilt zwischen dem Verlangen, Unsere gebenedeite Mutter zu erhöhen, zwischen der Autorität der Heiligen und Gottesgelehrten und den maßgebenden Anforderungen einer gesunden Theologie. Wir wollen gewiß nicht behaupten, daß die Sprache der Heiligen keine Bedeutung habe oder nicht ratsam sei; und zu gleicher Zeit haben wir keinen Zweifel, daß Maria nicht die Miterlöserin der Welt ist, in dem strengen Sinne einer Erlöserin, in dem Sinne, in welchem Unser Herr der Erlöser der Welt ist; aber sie ist Miterlöserin genau in dem Sinne jenes zusammengesetzten Wortes. Dies sind aber keine Zeiten, wo es wünschenswert ist, Worte zu gebrauchen, über deren eigentliche Bedeutung wir nicht ganz im Reinen sind. Während es daher in der Tat für jeden traurig wäre, den Versuch zu machen, Maria eines Titels zu berauben, welchen Heilige und Gottesgelehrte ihr übertragen haben, (denn wir leben in Tagen, wo die Zunahme der Andacht zu Unserer gebenedeiten Mutter die sicherste Vorbedeutung einer bessern Zukunft ist), so ist es doch zugleich für uns von Wichtigkeit, selbst vom Standpunkte der Andacht aus, zu wissen, was wir unter einem Titel verstehen, der gewiß eine wirkliche Wahrheit enthält, und zwar eine Wahrheit, die nicht leicht anders ausgedrückt werden könnte. Die folgenden Schlußfolgerungen können vielleicht als wahr angenommen werden, indem sie die Wahrheit in der Mitte finden und die beiden etwas gewaltsamen Alternativen vermeiden, entweder die Heiligen zu tadeln, oder die Vorzüge Unseres Herrn zu schwächen.

Unser Herr ist der einzige Erlöser der Welt

1. Unser Herr ist der einzige Erlöser der Welt im wahren und eigentlichen Sinne des Wortes, und in diesem Sinne teilt kein Geschöpf die Ehre mit Ihm, noch kann man von Ihm, ohne zu freveln, behaupten, daß er Miterlöser sei mit Maria.

2. In einem sekundären untergeordneten Sinne und durch Teilnehmung arbeiten alle Auserwählten mit Unserm Herrn an der Erlösung der Welt.

3. In demselben Sinne, aber in einem Grade, welchem sonst niemand nahe kommt, arbeitete Maria mit ihm an der Erlösung der Welt.

4. Überdies und abgesehen von ihren Schmerzen arbeitete sie daran mit in einem Sinne und nach einer Weise, wie kein anderes Geschöpf es tat oder vermochte.

5. Ferner arbeitete sie durch ihre Schmerzen an der Erlösung der Welt mit auf eine besondere und eigentümliche Weise, besonders und eigentümlich, nicht nur was die Mitwirkung der Auserwählten betrifft, sondern auch was ihre eigene andere Mitwirkung betrifft, unabhängig von den Schmerzen.

Diese fünf Sätze scheinen die ganze Frage in ein ziemlich klares Licht zu stellen. Es scheint nicht notwendig, etwas über den ersten zu sagen. Es ist Glaubensartikel, daß Unser Herr allein die Welt erlöste. Die Auserwählten arbeiten mit Ihm an diesem Werke als seine Glieder. Sie sind seine Glieder geworden durch die erlösende Gnade, d. h. durch die Anwendung seiner Erlösung allein auf ihre Seelen. Durch seine Verdienste haben sie die Fähigkeit erlangt, Verdienste zu erwerben. Ihre Werke können genugtun für die Sünden, für die Sünden anderer sowohl als für ihre eigenen durch die Vereinigung mit den seinigen. So ergänzen sie, um die Sprache des heiligen Paulus zu gebrauchen, an ihren Leibern das, was an den Leiden Christi für seinen Leib, welcher die Kirche ist, mangelt.

Auf diese Art geht vermöge der Gemeinschaft der Heiligen in ihrem Haupte, Jesu Christo, das Werk der Erlösung beständig fort durch die Vollführung und Anwendung der Erlösung, die Unser Herr am Kreuze bewirkte. Es ist nicht eine figürliche, und symbolische, sondern eine wirkliche und substantielle Mitwirkung der Auserwählten mit Unserm Erlöser. Es gibt noch einen wahren sekundären Sinn, in welchem die Auserwählten die Rettung der Seelen Anderer verdienen und in welchem sie die Sünde sühnen und ihre Gerichte abwenden. Allein dies geschieht durch Zulassung, durch göttliche Annahme an Kindesstatt, durch Teilnahme und die Unterordnung unter die alleinige und vollständige Erlösung Jesus Christi. Aber die Heiligkeit aller Heiligen miteinander kommt der Heiligkeit Mariens nicht einmal entfernt nahe.

Maria arbeitete mit Unserem Herrn an der Erlösung mit

Mariens Verdienste haben eine Art von Unendlichkeit im Vergleiche mit den ihrigen. Ihr Martyrtum und ihre Schmerzen sind wenig mehr als Schatten, wenn man sie neben die ihrigen stellt. So übertrifft sie in dem Sinne, in welchem die Heiligen an der Erlösung mitwirken, dieselben dem Grade nach unermeßlich, so daß ihre Mitwirkung mit Unserm Herrn die ihrige beinahe in Schatten stellt. In dieser Hinsicht könnte man sie Miterlöserin nennen mit einer Wahrheit, die sich weit weniger auf die Heiligen anwenden ließe.

Allein dies ist nicht Alles. Sie arbeitete mit Unserm Herrn an der Erlösung der Welt in einem ganz andern Sinne, in einem Sinne, der von den Heiligen nie mehr als bildlich wahr sein kann. Ihre freie Einwilligung war notwendig zur Menschwerdung, so notwendig wie der freie Wille für das Verdienst ist nach den Ratschlüssen Gottes. Sie gab Ihm das reine Blut, aus welchem der heilige Geist sein Fleisch und Bein und Blut bildete. Sie trug Ihn in ihrem Leibe neun Monate lang und nährte Ihn mit ihrer eigenen Substanz. Aus ihr ward er geboren und ihr verdankte er alle jene mütterlichen Dienstleistungen, die nach den gewöhnlichen Gesetzen zur Erhaltung seines unschätzbaren Lebens notwendig waren. Sie übte über Ihn die Fülle der elterlichen Gewalt aus. Sie gab ihre Einwilligung zu seiner Passion, und wenn sie in Wirklichkeit ihre Einwilligung nicht zurückhalten konnte, weil sie bereits in ihrer ursprünglichen Einwilligung zur Menschwerdung lag, so hielt sie dennoch tatsächlich dieselbe nicht zurück, und so ging Er auf den Kalvarienberg als ihr freiwilliges Opfer, das sie dem Vater darbrachte. Dies aber ist eine Mitwirkung in einem von dem vorigen verschiedenen Sinne, und wenn wir sie mit der eigentümlichen Mitwirkung der Heiligen vergleichen, worin Maria selbst allein sie alle übertraf, so werden wir sehen, daß diese andere besondere Mitwirkung von ihr unumgänglich notwendig war zur Erlösung der Welt, wie sie am Kreuze bewirkt wurde. Seelen konnten ohne die Mitwirkung der Heiligen gerettet werden. Die Seele des reumütigen Schächers wurde gerettet durch keine andere Mitwirkung als die Mariens und wenn es Unser Herr so gewollt hätte, so hätte sie auch ohne das gerettet werden können. Aber die Mitwirkung der göttlichen Mutterschaft war unumgänglich notwendig. Ohne sie würde Unser Herr nicht geboren worden sein, wenn und wie Er es wurde; Er hätte nicht jenen Leib gehabt, um darin zu leiden; die ganze Reihe der göttlichen Absichten würde auf die Seite gewendet und entweder vereitelt oder in einen andern Kanal geleitet worden sein. Es geschah durch den freien Willen und die segensreiche Einwilligung Mariens, daß sie flossen, wie Gott es haben wollte. Bethlehem und Nazareth und der Kalvarienberg gingen aus ihrer Einwilligung hervor, eine Einwilligung, die Gott in keiner Weise erzwang.

Allein nicht nur ist die Mitwirkung der Heiligen an sich selbst nicht unumgänglich notwendig, sondern kein einziger Heiliger ist an sich selbst unerläßlich zu dieser Mitwirkung. Ein anderer Apostel hätte fallen, die Hälfte der Martyrer hätte den Götzen opfern, die Heiligen in jedem Jahrhundert hätten um ein Drittel weniger an der Zahl sein können als sie waren, und dennoch würde die Mitwirkung der Heiligen nicht aufgehoben worden sein, obwohl ihre Größe geschmälert worden wäre. Ihr Vorhandensein hängt von der ganzen Körperschaft ab, nicht von den einzelnen Individuen. Kein einzelner Heiliger, der genannt werden kann, wenn es nicht in gewissem Sinne der heilige Petrus wäre, war zu dem Werke notwendig, so notwendig, daß ohne ihn das Werk hätte nicht ausgeführt werden können. Aber bei dieser Mitwirkung Mariens war sie selbst unumgänglich notwendig, sie hing von ihr im Einzelnen ab; ohne sie hätte das Werk nicht vollendet werden können.

Mariens Mitwirkung war zum Vollzug der Erlösung notwendig

Endlich war es eine Mitwirkung von einer ganz andern Art als die der Heiligen. Die Mitwirkung dieser war nur die Fortsetzung und Anwendung einer hinreichenden bereits ausgeführten Erlösung, während die ihrige eine zum Vollzug dieser Erlösung notwendige Bedingung war. Die eine war eine bloße Folge eines Ereignisses, welches die andere wirklich sicherte und welches nur vermittelst ihrer ein Ereignis wurde. Daher war sie mehr reell, mehr gegenwärtig, mehr innig und persönlich und hatte etwas von der Natur einer Ursache an sich, was in keiner Weise von der Mitwirkung der Heiligen ausgesagt werden kann. Und alles dieses ist wahr von der Mitwirkung Mariens ohne irgend eine Beziehung aus die Schmerzen überhaupt. Allein ihre Schmerzen waren an sich selbst eine andere noch eigentümlichere Mitwirkung. Die Menschwerdung hätte stattfinden können ohne ihre schmerzhaften Geheimnisse. Ja, wenn es keine Sünde gegeben hätte, so würde sie in einem glorreichen und leidensunfähigen Fleische stattgefunden haben und durch die nämliche Mutter mit einer andern Bestimmung, mit der Bestimmung einer eben so wunderbaren und unerklärlichen Freude, als in Wirklichkeit ihre Bestimmung voll Schmerzen war. Die Freuden Mariens sind wie Blitze, die aus einer andern Wolkenschicht der göttlichen Ratschlüsse hervorleuchten, welche nicht ganz von der gegenwärtigen Fügung Gottes überdeckt war. Dies ist ihre Eigentümlichkeit. Sie sind Zeichen eines im Geiste Gottes vorhandenen Geheimnisses, das aber für uns nicht mehr ist als eine mögliche Welt, oder vielmehr eine Welt, deren Verwirklichung unsere Sünde nicht gestatten würde. So ist es unmöglich, die Schmerzen Mariens von ihrer göttlichen Mutterschaft zu trennen. Sie gehen daraus wie eine Folge hervor, so notwendig als in den freien göttlichen Ratschlüssen die Menschwerdung der Schmach und des Leidens aus der Notwendigkeit folgte, die Sünde zu sühnen. Ihre Leiden wurden durch seine Leiden verursacht und waren mit ihnen unauflöslich verbunden. Sie kamen aus derselben Quelle; sie führten in dieselben Tiefen, sie waren mit den nämlichen Umständen verknüpft. Die beiden Leiden waren nur Ein Leiden, das zwei Herzen traf. Überdies gab es, wie wir später sehen werden, viele besondere Punkte nicht nur von auffallender Ähnlichkeit, sondern wirkliche Verbindungspunkte zwischen ihren Schmerzen und den seinigen. Dennoch, obwohl wir ihre Schmerzen nicht von ihrer Mutterschaft tatsächlich trennen können, ist ihre Mutterschaft doch ganz begreiflich ohne ihre Schmerzen, und ihre besondere Mitwirkung mit Unserm Herrn bei der Welterlösung hängt von andern Dingen ab, als von Schmerzen, von Dingen, für welche die Schmerzen keineswegs unerläßlich sind. So war in gleicher Weise oder vielmehr als eine Folge die Mitwirkung ihrer Schmerzen eine ganz andere Mitwirkung als die ihrer Mutterschaft, und hat einen eigenen Charakter.

Maria hat drei besondere Rechte auf den Titel Miterlöserin

Daher hat Maria drei besondere Rechte auf den Titel einer Miterlöserin. Sie hat ein Recht darauf erstens wegen ihrer Mitwirkung mit Unserm Herrn in demselben Sinne, wie die Heiligen, aber in einem in seiner Art einzigen und im höchsten Grade. Sie hat ein zweites Recht darauf, das ihr eigen ist wegen der unerläßlichen Mitwirkung ihrer Mutterschaft. Sie hat ein drittes Recht darauf wegen ihren Schmerzen, aus Gründen, die wir sogleich sehen werden. Diese zwei letzten Rechte teilt kein anderes Geschöpf mit ihr, noch alle Geschöpfe miteinander. Sie gehören der unvergleichlichen Herrlichkeit der Mutter Gottes an. Es war unsere Freude, mehr als einmal im Laufe dieser Untersuchung der Schmerzen Mariens irgend eine frische Höhe zu ersteigen, von welcher aus sich uns eine neue Ansicht von ihrer Größe darbot. Wie die großen Gipfel in den Bergketten der Alpen, der Anden oder des Himalaya sieht jeder neue Anblick der Herrlichkeit Mariens großartiger aus als die andern. Es verhält sich in Wahrheit mit ihrer Größe wie mit der Größe einer erhabenen Gebirgslandschaft. Wir können ihre Erhabenheit nicht in unserm Geiste mit uns nehmen. Wir sehen sie und wissen sie zu würdigen, während wir wirklich darauf hinschauen, aber wenn wir uns abwenden, dann ist das Bild davon in unserm Geiste geringer als die Wirklichkeit. Wenn wir daher den Berg wieder sehen, von was für einer Seite wir auch die Ansicht nehmen, so sieht er größer aus als vorher, weil er großartiger ist als unsere Erinnerung daran. Ebenso verhält es sich mit Unserer gebenedeiten Mutter. Sowie wir aufhören, unser Auge auf ihr im tiefen Nachdenken ruhen zu lassen, so ist unser Begriff von ihr geringer als er sein sollte. Wir lassen ihr nie volle Gerechtigkeit widerfahren, außer wenn wir auf sie hinblicken. Vielleicht ist es so mit allen den größten Werken Gottes, wie es mit Gott selbst ist, wie wir wissen. Daher kommt es, daß wir so oft Einwendungen hören gegen Behauptungen über die Herrlichkeit Mariens, die sogar von frommen Gläubigen kommen. Ihr Auge ruht nicht auf ihr und daher erscheint ihnen, was gesagt wird, unglaublich. Ja sie sind um so mehr überzeugt, daß die Behauptungen übertrieben sind, weil sie das Bild von Maria so weit übersteigen, das ihrem Geiste eingeprägt ist. Sie glauben mehr von ihr und sie glauben es bereitwilliger, wenn ihre Feste an ihnen vorüberziehen: denn dann ist ihr Auge auf sie gerichtet und sie sehen ihre Größe besser ein. In nichts gleicht sie Gott mehr, als darin, daß sie so kennen gelernt werden muss, um verstanden zu werden, und darin, daß sie vor unser Auge gehalten werden muss, weil unser Gedächtnis nicht weit genug ist, um ihre gewaltigen Verhältnisse zu fassen, wenn sie uns aus dem Gesichte ist. Diese Mitwirkung Unserer gebenedeiten Mutter ist daher eine andere Höhe, von welcher aus wir eine neue Ansicht von ihrer Herrlichkeit gewinnen. Es ist das erhabenste Vorrecht des Geschöpfes, ein Mitarbeiter mit dem Schöpfer zu sein, gerade wie es unsere Heimat und Seligkeit sein wird, seinen ewig dauernden Sabbat zu genießen. Aber was ist zu sagen von einem Mitarbeiten mit Ihm an einem solchen Werke, wie die Welterlösung ist, und von einem Mitarbeiten daran mit solcher Wirksamkeit und Innigkeit, ja von einem Mitarbeiten, das einfach unerläßlich ist zur Ausführung des Werkes? Was für einen Begriff gibt uns das von unermeßlicher Heiligkeit! Was für Gaben und Gnaden setzt es voraus! Was für eine wunderbare Vereinigung mit Gott schließt es nicht in sich!

Es ist, wie wenn Er gerade die Dinge an ihm auswählen wollte, die am meisten unmitteilbar sind, um ihr in einer überaus geheimnisvollen und doch wirklichen Weise dieselben mitzuteilen. Es ist, als ob Er in jenen Dingen, in welchen Er einzig und allein dasteht, sie so nahe zu sich hinzöge, daß es uns scheinen muß, wie wenn Er nicht einsam wäre, weil sie bei Ihm war. Sehet, wie er sie bereits mit den ewigen Ratschlüssen der Schöpfung verbunden hatte, indem Er sie beinahe zu einer teilweisen Ursache und zu einem teilweisen Muster davon machte. Allein während dies auch ihren Anteil an der Erlösung erklärt, macht es doch ihre Mitwirkung nicht minder wunderbar. Göttliche Werke erscheinen wunderbarer in unsern Augen, wenn wir mehr von ihrem Zusammenhang und ihrer Einheit erkennen. Kein Wunder also, wenn die Heiligen ein Wort zu erfinden suchten, ein kühnes und auffallendes Wort, das eine so unbeschreibliche Größe an einem Geschöpfe ausdrücken sollte, wie sie in dieser dreifachen Miitwirkung Mariens an der Welterlösung enthalten ist. Unser Herr hatte eine erschaffene Natur angenommen, um mittelst ihrer jenes große Werk auszuführen; so schien es, wie wenn die höchste Ehre und die engste Verbindung eines sündlosen Geschöpfes mit Ihm in dem Titel einer Miterlöserin ausgedrückt werden sollte. Es gibt in der Tat kein einziges anderes Wort, worin die Wahrheit ausgedrückt werden könnte, und so weit von seiner einzigen und hinreichenden Erlösung Mariens Mitwirkung entfernt liegt, so steht doch ihre Mitwirkung allein da und erhaben über alle Mitwirkung der Auserwählten Gottes.

Der Titel Miterlöserin wenn theologische Bedeutung richtig erkannt

Diesem, wie einigen andern Vorzügen Unserer gebenedeiten Mutter kann nicht volle Gerechtigkeit widerfahren durch die bloße Erwähnung davon. Wir müssen es zu unserm Eigentum machen durch die Meditation, ehe wir alles verstehen können, was darin enthalten ist. Aber weder die unbefleckte Empfängnis, noch die Himmelfahrt Mariens wird uns einen schöneren Begriff von ihrer Erhabenheit geben, als dieser Titel einer Miterlöserin, wenn wir seine theologische Bedeutung richtig erkannt haben. Maria ist groß auf allen Seiten und wie unsere Kenntnis und unser Urteil von Gott zunimmt, so wird auch unsere Kenntnis und unser Urteil von ihr, seinem auserwählten Geschöpfe zunehmen. Niemand denkt unwürdig von Maria, außer weil er unwürdig von Gott denkt. Die Andacht zu den Eigenschaften Gottes ist die beste Schule, um darin die theologische Lehre von Maria kennen zu lernen, und der Lohn unseres Studiums Mariens liegt in tausend neuen Ansichten, die sich uns in den göttlichen Vollkommenheiten eröffnen, in welche wir gar nie hätten blicken können, außer von ihren Höhen aus.

Was ist ferner die Stelle, die das Mitleiden Unserer göttlichen Mutter in den Absichten Gottes einnimmt? Diese Erhabenheit einer Mitwirkung beantwortet großenteils die Frage. Ihre Schmerzen waren nicht notwendig zur Welterlösung, aber in den Ratschlüssen Gottes waren sie davon unzertrennlich. Sie gehören zu dem Ganzen des göttlichen Planes und verrichten ohne Zweifel manche Dienste darin, die wir nicht begreifen können und von denen wir vielleicht nicht einmal eine Ahnung haben. Nach der Anordnung Gottes gibt es keine Nachlassung der Sünden ohne Blutvergießen. Eine einzige Träne Unseres Herrn als Kind hatte genug Wert, Demütigung, Verdienst und Genugtuung in sich, um die Sünden aller möglichen Welten zu sühnen. Dennoch wurden wir tatsächlich nicht durch seine Tränen erlöst, sondern einzig durch sein Blut. Daher war Bethlehem nicht notwendig für unsere Erlösung, noch die Anbetung der drei Könige, oder die Darstellung Jesu im Tempel, oder die Flucht nach Ägypten, oder die Unterredung mit den Schriftgelehrten. Nazareth war nicht notwendig zu unserer Erlösung mit allen den schönen Geheimnissen jener achtzehn Jahre des verborgenen Lebens. Das öffentliche Lehramt mit seinen drei Jahren von Wundern, Parabeln, Predigten, Bekehrungen und Berufungen der Apostel war nicht notwendig zu unserer Erlösung. Ja, unser Herr hätte als ein Kind leiden oder Er hätte vollkommen erwachsen, wie Adam, kommen und sogleich den Tod erleiden können. Sein Blut war alles, was absolut notwendig war. Allein Bethlehem und Nazareth und Galiläa gehörten zu dem Ganzen des göttlichen Planes. Sie waren nicht bloß übereinstimmend damit, schön und bedeutsam und voll Lehre, sondern es liegen noch tiefere Geheimnisse darin, und eine göttlichere Realität, einfach, weil es so Gottes Plan war.

Mariens Mutterschaft war unerläßlich für die Passion Jesu

Alle seine Werke nehmen nach ihrem Maße an seinen Vollkommenheiten teil, in was für einem Maße müssen also die Geheimnisse der drei und dreißig Jahre an seinen Vollkommenheiten teilnehmen? Die Schöpfung der Welt war wie nichts, im Vergleich mit der geistlichen Kosmosgonie jener drei und dreißig Jahre, außer daß sie die Wurzel von ihnen war. Niemand wird sich wohl träumen lassen, die Geheimnisse der heiligen Kindheit Unseres Herrn gering anzuschlagen, weil wir nicht durch dieselben erlöst wurden. Sie sind ein Teil eines Ganzen, eines göttlichen Ganzen. Wir wissen nicht, was geschehen wäre oder was wir verloren hätten, oder was für ewige Folgen gekommen wären, wenn sie nicht da gewesen wären. So ist es mit den Schmerzen Unserer göttlichen Mutter. Ihre Mutterschaft war unerläßlich für die Passion. Ihre Schmerzen scheinen das nicht zu sein; aber sie waren eine unvermeidliche Folge ihrer Mutterschaft unter den Umständen des Falles unserer Natur. Sie nehmen ihren Platz unter den evangelischen Geheimnissen ein. Sie stehen im gleichen Range mit den Geheimnissen von Bethlehem und Nazareth, vielleicht nicht nach ihrer inneren Wichtigkeit, aber nach dem Verhältnis, in welchem sie zu der Welterlösung stehen. Ja wir können wohl sagen, daß sie sogar nach ihrer inneren Wichtigkeit mit einigen Geheimnissen Unseres Herrn verglichen werden könnten. Denn ist es ganz klar, daß seine Geheimnisse und die ihrigen in dieser Weise getrennt werden können? Sind nicht ihre Geheimnisse die seinigen und seine Geheimnisse die ihrigen? Ist nicht die unbefleckte Empfängnis eine Glorie seiner erlösenden Gnade? Ist nicht ihre Reinigung eben so sein Geheimnis wie seine Darstellung im Tempel? Und bei den Schmerzen ist die Verbindung der Mutter und des Sohnes größer, als in irgend einem andern Geheimnisse. Er ist selbst ihr einziger Schmerz, siebenmal wiederholt, siebenmal verändert, siebenmal vergrößert. In unserm Glauben nehmen die Schmerzen Unserer gebenedeiten Mutter einen sehr hohen Rang ein unter den göttlichen Geheimnissen und haben eine höhere Bedeutung, als man gewöhnlich glaubt. Aber jedenfalls sind sie, sofern es ihr Verhältnis zu der Welterlösung betrifft, nicht weiter davon entfernt, als die unblutigen Geheimnisse Jesu und stehen ihr vielleicht näher wegen ihres unmittelbaren Zusammenhanges.

Die Geheimnisse Jesu und Mariens waren ein einziges Geheimnis

Die Wahrheit scheint zu sein, daß alle Geheimnisse Jesu und Mariens im Plane Gottes, wie ein einziges Geheimnis waren. Wir können dasselbe nicht unterbrechen und teilen und die Wichtigkeit seiner verschiedenen Herrlichkeiten klassifizieren. Dies ist eine Aufgabe, die unser Wissen übersteigt. Wer kann zweifeln, daß man in Wahrheit sagen kann, daß viele, die jetzt gerettet sind, verloren gegangen wären, ohne Mariens Schmerzen, während dennoch ihre Schmerzen nicht dieselbe Beziehung für uns haben, wie das Leiden Unseres Herrn, sogar in ihrem untergeordneten Grade? Das Ganze der drei und dreißig Jahre, und die Herzen Jesu und Mariens in allen Geheimnissen jener Jahre tragen die Farbe der Passion, wo sind aber außerhalb der Passion selbst die Farben tiefer und die Züge lebensähnlicher als in den Schmerzen der Mutter? Mariens Mitleiden war das Leiden Jesu, wie es im Herzen seiner Mutter gefühlt und wirklich empfunden wurde.

Ist dies also die ganze Erklärung der Sache, daß das Leiden Jesu notwendig war und das Mitleiden Mariens nicht notwendig? Wer möchte es wagen, so etwas zu behaupten? Wer möchte sagen, daß das verborgene Leben zu Nazareth unnötig war? Es gibt gewiß einen sehr tiefen Sinn, in welchem alle Bestandteile eines göttlichen Werkes notwendig sind, denn Gott ist kein solcher Werkmeister wie der Mensch. Wenn wir einfach bei der Lehre stehen bleiben sollen, daß es gerade das Blutvergießen war, wodurch unsere Erlösung ausgeführt wurde, gab es dann in der Passion selbst nicht viele Dinge, die keineswegs notwendig waren, z. B. die Seelenleiden, die öffentliche Schande, die mannigfaltigen körperlichen Qualen, den Hohn, die Müdigkeit, den Durst, die Furcht, die Verlassenheit am Kreuze? In jenem Sinne war keines dieser Dinge notwendig zu unserer Erlösung. Selbst was das Blutvergießen betrifft, so würde ein einziger Tropfen hingereicht haben; warum wurde es alles vergossen? Warum der Schweiß, die Geißelung, die Krönung, die gewaltsame Entkleidung, die Durchbohrung nach dem Tode? Die Verschwendung des Unendlichen war gewiß nicht notwendig in unserm Sinne jenes Wortes. Nun aber sind dies gerade die Geheimnisse, unter die wir die Schmerzen Mariens reihen müssen. Sie gehören der Klasse der sogenannten unnötigen Leiden der Passion an; ja sie waren buchstäblich die unnötigen Leiden Unseres Herrn; denn waren nicht ihre Schmerzen bei weitem die grausamsten Werkzeuge seiner Passion? Ihre Mitwirkung mit der Passion mittelst ihrer Schmerzen ist gewiß nicht so unumgänglich notwendig als die Mitwirkung ihrer Mutterschaft; aber dieselbe ersetzt dies bei weitem durch die heldenmütige Ertragung solcher Leiden, durch die immer fließende Quelle des freien Willens und der Bereitheit, durch das reine und uneigennützige Leiden und seine unmittelbare Berührung mit dem Kreuze Christi, die es auszeichnet. In ihrer Mutterschaft hatte sie Freud wie Leid und eine Würde ohne Beispiel. Ihre Einwilligung dazu wurde ein für allemal gegeben und die Mitwirkung ihrer Mutterschaft mit der Passion war eher materiell als formell. Diese zweite Mitwirkung ihrer Schmerzen hatte mehr von ihr selbst an sich und mehr Ähnlichkeit mit ihrem Sohne; es kostete sie mehr, und schon die Abwesenheit der Notwendigkeit dazu machte das Opfer um so edelmütiger und wunderbarer. Ihre Mutterschaft hatte mit der Menschwerdung als solcher zu tun; ihre Schmerzen mit der Menschwerdung, sofern sie auch Erlösung war.

aus: Frederick William Faber, Der Fuß des Kreuzes, 1916, S. 477-494

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