Aschermittwoch Predigt Vom Tode

Es ist Winter und der Schnee liegt hoch; der Priester, der mit dem Allerheiligsten in der Hand und priesterlicher Kleidung im Schnee stapft, wird von einem Ministranten begleitet, der eine Glocke in der rechten Hand und eine Laterne in der linken Hand hält; sie gehen zu einem Sterbenden, der auf den Tod wartet; vor dem Haus steht ein Mann in der Tür, zwei Kinder und eine sitzende Frau, die eine Kerze in der Hand hält, warten vor dem Haus in der Kälte auf den Priester

Predigt zum Aschermittwoch: Vom Tode

Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris! „Gedenke, o Mensch, daß Du staub bist und zum Staube zurück kehren wirst!“ Mit diesen Worten bezeichnet der Priester am Aschermittwoch unsere Stirn mit dem Kreuz von Asche. Die Mahnung an den Tod und die Vergänglichkeit alles Irdischen hat in der Tat ihren rechten Platz am Beginn der Fastenzeit. Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris!

In einem Krankenhaus hatte ich einem Greis ernstlich zugeredet, die Sakramente zu empfangen. Er wollte nicht, da er wohl glaubte, er habe noch lange zu leben. Von einem Ausgang zurück gekehrt, höre ich, daß er plötzlich gestorben. Noch kurz zuvor schien der Tod keineswegs nahe bevor zu stehen; da plötzlich findet ihn der Krankenbruder beim Eintritt in das Zimmer im Todeskampf. Man sucht nach mir, als dem Priester, aber ich war einige Minuten zuvor ausgegangen; man läuft mir nach, aber man findet mich nicht. Der Sterbende mußte ohne Sakramente in die Ewigkeit wandern. „Der Menschensohn wird kommen zu einer Stunde, da ihr es nicht meinet.“

Eine junge, vornehme Dame hatte sich zum Ball angezogen. Sie wirft ein Zündhölzchen auf den Boden, ohne zu merken, daß es noch brennt. Ihr Kleid fängt Feuer, und sie verbrennt. „Der Menschensohn wird kommen zu einer Zeit, da ihr es nicht meinet.“

Im Jahre 1868 war die katholische Gemeinde zu Fritzlar in der Kirche versammelt. Als der Priester gerade die Präfation anstimmte, warf der Wind den Turm der Kirche auf das Gewölbe. Es wurden 21 Personen erschlagen. „Der Menschensohn wird kommen zu einer Stunde, da ihr es nicht meinet.“

Diesen kleinen Katalog von Fällen eines unerwarteten Todes könnte wohl mancher Leser aus den Erfahrungen seines eigenen Lebens leicht noch vermehren. Und dennoch gibt es Leute, welche tage, Wochen, Monate, mitunter sogar Jahre hindurch mit Wissen und Willen im Stande der Todsünde verharren, statt sich durch eine gute Beichte von derselben zu befreien! Und das, obschon sie überzeugt sind, daß der Tod den Menschen, welchen er im Stande der Sünde antrifft, unrettbar den ewigen Qualen der Hölle überliefert. Sie rechnen aber darauf, daß gerade sie noch Zeit finden werden, vor dem Tode Alles in Ordnung zu bringen. Um sich gegen Dürftigkeit im Alter zu schützen, treten sie vielleicht in eine Lebensversicherung; gegen Feuer und Hagelschlag versichern sie ihre Wohnungen und ihre Felder. Daß sie selbst aber ewig brennen, dagegen versichern sie sich nicht, damit spielen sie Hazard, obgleich eine statistische Wahrscheinlichkeits-Rechnung vielleicht ergäbe, daß der Prozentsatz der Leute, welche plötzlich und ohne Zeit zur Bekehrung sterben, größer ist, als der Prozentsatz der Häuser, welche abbrennen; und obgleich eine gute Beichte allerdings einige Überwindung, aber keinen Pfennig Geld kostet, die Versicherung gegen Feuersgefahr und Ähnliches dagegen schwer bezahlt werden muß. Ist das vernünftig, ist das praktisch?

Noch unpraktischer jedoch machen es jene, welche nicht an eine ewige Vergeltung, überhaupt nicht an die Wahrheiten des Christentums glauben, vielleicht nicht einmal an das Dasein Gottes; welche mithin gar nicht die Absicht haben, die schweren Sünden, in denen sie leben, durch Reue oder Beichte zu tilgen. Wer glaubt, aber seine Aussöhnung mit Gott bis zum Tode verschiebt, mag immerhin 9/10 Wahrscheinlichkeit haben, daß er vor dem Tode Zeit für dieselbe findet. Wer aber nicht glaubt und von der Religion nichts wissen will, für den steht es objektiv ganz fest, daß er ewig verdammt wird, falls er seinen Sinn nicht ändert. Subjektiv aber, d. h. nach seiner eigenen vernünftigen Erwägung, muß er sich wenigstens sagen, daß die Wahrscheinlichkeit seiner ewigen Verdammnis zum Gegenteil sich nicht etwa verhält wie 1:9, sondern 1:1; das heißt, er muß sich sagen: es kann ebenso gut sein, daß mein Leben mich in die Qualen einer ewigen Hölle stürzt, als daß dies nicht geschieht. Zunächst kann er nämlich nie eine Gewißheit erlangen, daß es keinen Gott und keine Hölle gibt; noch weniger, als wie man jemals gewiß werden kann, daß Madrid nicht in Spanien liegt. Ferner aber muß er sich sagen: wohl die Hälfte des Menschengeschlechts, nämlich alle gläubigen Christen, Juden, Mohammedaner und noch viele Andere, sind überzeugt vom Dasein Gottes und der Hölle. Sie könnten ebenso gut Recht haben, wie ich und meine Gesinnungs-Genossen. Und wenn sie Recht hätten, dann wäre ich der ewigen Verdammnis ganz sicher, besonders nach dem Ausspruch Christi: „Wer nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mark. 16, 16)
Diese Art Leute spielen also das aller unvernünftigste Hazardspiel.

Das sicherste Spiel, die beste praktische Mathematik ist folgende: Man setzt sein ganzes irdisches Tun und Treiben ein, und nötigenfalls das Leben selbst, für die Ewigkeit. Denn die Erdenzeit verhält sich zur Dauer der Ewigkeit mathematisch wie 1: ∞, d. h. wie 1 zu einer indefinit großen Zahl. Die Mühen einer Stunde hienieden werden vergolten durch ein ewig dauerndes Glück im Jenseits; man befolgt wo möglich den Rat des Heilandes, Alles zu verlassen, um „den Schatz im Himmel“ zu erlangen, den Christus jenen verspricht, welche diesem seinem Rat nachkommen (Mark. 10, 21)

So machte es Pater Rossignoli, ein Jesuit aus den vorigen Jahrhunderten. Als er auf`s Todesbett kam, war er auffallend heiter und freudig, so daß man fast Anstoß nahm an dieser seiner Stimmung. Man fragte ihn nach dem Grunde seiner Freude, und er entgegnete: „Ich habe mit dem lieben Gott folgenden Pakt geschlossen: hier auf Erden will ich nur für ihn schaffen und sorgen; jenseits des Grabes muss er dagegen sorgen für mich. Ich meinerseits nun habe meinen Teil des Vertrages erfüllt; und nun bin ich sicher, daß auch Gott seinen Teil nicht unerfüllt lassen wird.“
Das war eine praktische Befolgung der Parole des Aschermittwochs: Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris! –
aus: Ludwig von Hammerstein SJ, Sonn- und Festtags-Lesungen für die gebildete Welt, 1898, S. 183 – S. 188

Category: Tod, von Hammerstein
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