Erinnere dich daß du sterben musst

Ein Kirchhof mit Gräbern und vielen Kreuzen aus Eisen; in der Mitte im Hintergrund ein hölzernes großes Kruzifix; dies erinnert uns an Tod und Gericht

Aschermittwoch: Erinnere dich daß du sterben musst

Philipp Neri fragt: „Und dann?“

Es kam einmal zum hl. Philippus Neri ein Jüngling und erzählte ihm ganz rosenrot vor Freude, daß die Eltern durch vieles Bitten endlich erlaubt hätten, daß er Juristerei studiere. Der heilige Philippus machte nicht gern viel Geschwätz, und was man mit drei Worten sagen kann, das sagte er lieber mit anderthalben. Er hörte dem Jüngling ganz gelassen zu und fragte zuletzt nur: „Was dann?“ Der fröhliche Student erwiderte: „Dann werde ich Advokat.“ „Und dann?“ fragte der Heilige weiter. „Dann werde ich mir schon Ruf und Ansehen zu verschaffen wissen; die Leute werden mir stark zulaufen, um ihre Prozesse zu führen.“ „Und dann?“ „Dann“, fuhr der junge Mensch fort, „dann werde ich ein hübsches Geld mir verdienen, ein schönes Haus an der Hauptstraße kaufen, Pferde und Kutsche anschaffen, eine schöne reiche Person heiraten, und ein herrliches, vergnügtes Leben führen.“ Ganz zäh und trocken fragte der alte Patriarch noch einmal: „Und dann?“
„Dann?“ sagte der Jüngling langsam – und es ging wie bei einem Fäßlein, das leer wird: es will nicht mehr recht laufen, und lüpft und rüttelt man es von hinten, so läuft es trüb und es kommt der Satz. So war nun auch der Kopf des Studenten wie ein leeres Fäßlein geworden (was auch sonst hie und da einem Studenten passiert, daß nämlich sein Kopf wie ein leeres Fäßlein inwendig ist und bleibt) – der fromme Priester hatte mit seinen einfältigen Fragen dem schwindelhaften Studenten alle fröhlichen Hoffnungen und Pläne abgezapft. Der Jüngling bedachte sich, und es stiegen ernste, dunkle Wolken auf in seiner Seele, Gedanken von Tod und Sarg und Grab und von dem großen stillen Meer hinter dem Grab, von der Ewigkeit.
So kann in der Frühe ein schönes Morgenrot am Himmel seine Flügel ausspannen, aber bald wird es grau und grauer, und es gibt einen trüben, traurigen Regentag. Wie das Morgenrot, so zerfloss dem Jüngling Lust und Liebe an Prozessen und Heiraten und Landgütern, und er wurde schwermütig ob der Aussicht auf das End, sehr schwermütig; und sieh, er entschloss sich, in ein Kloster zu gehen, um allda lebenslänglich zu sorgen für seine unsterbliche Seele.

Vertiefe dich in dein letztes „Dann“

Lieber Leser, ich bin kein Heiliger, und du bist vielleicht schon lang kein Jüngling mehr, oder du bist deiner Lebtag noch keiner gewesen, weil du zum weiblichen Geschlecht gehörst; ferner wirst du auch gerade kein Advokat werden wollen, zumal da man bis jetzt noch keinen Mangel an Advokaten in unserem Land verspürt hat, sondern das Gegenteil von Mangel. Auch will ich dich nicht durch allerlei melancholische Betrachtungen über die Welt in ein Kloster hinein ängstigen. Es ist ohnedies bei uns heutigen Tags leichter in einer Kaserne oder Fabrik Unterkunft zu finden als in einem Kloster. Aber darum will ich doch so ein Gespräch von der Art führen, wie der hl Philippus mit dem Student geführt hat. Schau einmal inwendig in dich hinein, und schau, was deine leibeigene Seele treibt; da wirst du leichtlich sehen, daß sie wie ein Huhn sitzt und brütet über einem ganzen Nest voll Sorgen, Wünschen und Plänen, und meint: Wenn nur das weg wäre und jenes noch geschähe, dann wollte ich gern nichts mehr sorgen und nichts mehr wünschen. Schlag oder blas einmal und kommandier sie hervor, und laß alle General- und gemeinen Wünsche alle schweren und leichten Bekümmernisse, die bei dir im Quartier liegen, aufreiten und vorbei marschieren vor deinem Geist in ihren grünen Uniformen der Hoffnung und ihrer grauen Montur der Sorge. Wir wollen den Fall setzen, es gehe und komme alles, wie du nur wünschest, eine Sorge um die andere schmelze hinweg wie Schnee und Eis im Frühjahr, und es sprosse, blühe und grüne dir nichts als Freude und Glück auf Erden – was aber dann? Was zuletzt? Besinn dich und vertief dich einmal recht in das letzte Dann – –

Der Tod ist gewalttätig

Kommt`s dir nicht in den Ohren, wie wenn du so etwas zunageln hörst als wie einen Sarg? Und sehen die Augen deiner Seele nicht von weitem ein Kreuz mit einem Dächlein darüber, und dein eigener Name steht auf dem Kreuz? Und witterst du nicht Erdgeruch von einem frisch aufgeworfenen Grab? Oder daß ich`s kurz sage, erinnert es dich nicht, daß du sterben musst? Du hast freilich das Sterben noch nicht erlebt, und darum tut auch mancher, wie wenn er gar nicht an seinen eigenen Tod glaube und der Tod nur für andere Leute auf der Welt wäre, z. B. für reiche Basen und ledige Geschwister, die er erben will. Aber leugnen kann`s doch keiner, daß er sterben muss; und daß er es nicht leugnen kann, so gern er auch möchte, das macht manchem reichen Herrn, aber auch manchem habsüchtigen Handwerksmann und geizigen Bauern bitteren Verdruss, und es kommen ihm darüber zu Zeiten rabenschwarze Gedanken. Denn der Tod ist gewalttätig gar sehr, und läßt sich durch keine Polizei, durch keinen Nachtwächter, durch keine Schildwache, nicht einmal durch einen Physikus oder Leibarzt abhalten, ebenso arg in Städten und Palästen zu rumoren und Tag und Nacht Menschen ums Leben zu bringen, wie auf dem armen Dorf.

Todesgedanken lassen keine Ruhe

Sich den Tod aber aus dem Sinn schlagen, auch das will nicht immer gehen. Du kannst nicht allemal die Ohren zuhalten, wenn das Scheidzeichen läutet; du kannst nicht allemal vorher schon das Gesicht wegwenden, wenn der Schreiner einen leeren, oder ihrer vier einen vollen Sarg an deinem Fenster vorbei tragen; und wenn du über Feld gehst, kannst du nicht allemal einen Umweg nehmen, damit du nicht am Kirchhof vorbei musst.

Ja auch im Bett lassen dir die Todesgedanken keine Ruhe; wie die Wanzen kriechen sie gerade nächtlicher Weil am liebsten hervor und setzen deiner Seele zu; bald siehst du im Traum einen Toten ins Grab tragen, oder wider alle Ordnung aus dem Grab heraus kriechen und herum gespenstern; bald machen dir beim Aufwachen Sterbe- und Gericht-Gedanken in ihren schwarzen Mänteln eine Morgenvisite ohne deine Erlaubnis und ohne daß di „Herein!“ gesagt hast. Ja, es geht manchen Leuten mit den Todesgedanken wie mit den Mücken im August. Je öfter man sie aus dem Gesicht jagen will, desto öfter und hartnäckiger setzen sie sich wieder darauf. Ohnedies schickt der Tod meistens, wie die hohen Potentaten, seine Kuriere voraus, die ihn ansagen und ihm den Weg bereiten müssen. Und wenn die einmal da sind, da ist es schwer, nicht an den Tod zu denken. Diese Boten des Todes sind Krankheiten und Leibesschwachheiten. Schlag einmal den Tod aus dem Sinn, wenn langwieriger Husten, Engbrüstigkeit, Fieber, übertriebenes Herzklopfen, geschwollene Füße und andere Schäden deinen Leichnam wurmstichig und baufällig machen, und es braucht einer gerade nicht auf Doktor studiert zu haben, um zu merken, daß es auch kein langes Leben mehr bedeute, wenn die Blätter deines Hauptes, die Haare, grau werden und abfallen, so daß der Totenschädel nur noch mit einer dünnen Haut überzogen ist; und wenn die Glieder zitterig werden, als rüttle der Tod darin, bis sie umstürzen; und wenn deine Zähne hohl sind wie Orgelpfeifen, oder ein Zahn um den andern von seinem Posten desertiert und schon im voraus den Weg alles Beinwerks gegangen ist. Wenn aber der furchtbare Exequent des ewigen Richters, wenn der Tod stärker und gröber anklopft an dem morschen Häuschen der Seele, so daß die arme Seele handgreiflich merkt, wer vor der Türe steht; wenn eine schwere Todeskrankheit einen packt, da geht es manchem wie dem Vögelein, wenn es eine Klapperschlange sieht. Wenn dieses schreckliche Tier mit seinen feurigen Stechaugen funkelt, seinen Rachen aufsperrt und mit seiner gespaltenen Gabelzunge dem Vögelein gierig entgegen züngelt, da kommt ein solcher Schrecken und Verwirrung über das Tierchen, daß es der Schlange selber noch in den Rachen fliegt. – Mancher möchte sich selber noch in den Tod stürzen, nur um der Last der Todesangst los zu werden.

Hausmittel gegen die Angst vor dem Tod

Darum wäre es viel wert, wenn man alle Angst vor dem Tod auf rechtmäßige Art abtreiben könnte. Diese Kunst will ich dich aber gerade lehren. Darum stehen in diesem Kalender keine Historien, Mordtaten und Gespäße; keine Mittel gegen die Feldmäuse und Maikäfer; nichts von einem neuen Pflug und neumodischen Dung und dergleichen Unrat, sondern nur Hausmittel und Rezepte gegen die Todesangst; es ist auch Sympathie und Wahrsagen dabei. Die Mittel sind alle wohlfeil, ganz wohlfeil, und helfen ganz gewiß; es hat noch keinen gereut, der sie gebraucht hat. Die meisten und besten darunter sind von einem Schäfer, der vielen hundert Jahren weit über dem Meer in Asia gelebt hat, und der mehr gewußt hat als alle Doktor, Amtmänner und Pfarrer zusammen genommen, obschon er nie studiert hat. Ich will dir auch seinen Namen sagen: er heißt – Jesus Christus.

Wenn die Mittel aber anschlagen sollen, so darfst du es nicht machen wie ein Kranker, der sich ein Rezept verschreiben läßt, die Medizin besieht und daran riecht, wie sie schmeckt, dann aber dieselbe abseits stellt oder zum Fenster hinaus schüttet…

Zumal, wenn (…) du allerlei Gedanken darob bekommst, das Herz zum ersten Mal unruhig wird, oder eine alte Unruhe im Herzen sich wieder regt: … merk auf die inwendigen Gedanken, besonders auf die, welche das ernsthafteste Gesicht machen. Und wenn unter diesem Gewühl von Gedanken etwas sich regen will und das Haupt empor hebt, wie ein guter Vorsatz, dann greif danach, wie wenn du unter dem Sand ein Goldkörnchen sähest, und laß die selber keine Ruhe, bis der Vorsatz in dir lebendig wird und Gewalt bekommt, so daß du auch danach tust. Denn ein guter Vorsatz, der nach ein paar Tagen nicht wieder elendiglich verwelkt und abstirbt, sondern gesundes Leben und Gedeihen hat, und aus dem etwas wird, ein gutes Werk oder eine gute Gewohnheit, ei solcher Vorsatz ist eine kostbare Errungenschaft, mehr wert, als wenn einer ein paar Morgen Feld und ein Stück Wald von einem alten Vettersmann geerbt hätte. –
aus: Alban Stolz, Kompass für Leben und Sterben, 1898, S. 3 – S. 8

Bildquellen

Category: Stolz, Tod

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