Selige Anna Garcias arm im Geist

Jesus Christus mit seinen Heiligen, die ihm Verehrung zollen und ihn anbeten

Die gottselige Anna Garcias war arm im Geist

Vieles, das man liest, versteht man erst deutlich und ganz richtig, wenn eine Abbildung dabei ist; so auch in der heiligen Schrift. Das rechte Bilderbuch zu der heiligen Schrift ist aber das Leben der Heiligen. Diese sind lebendige Gestalten, an welchen man in der Tat sieht, was das Evangelium mit Worten lehrt. Die heilige Schrift lehrt z. B.: „Selig sind die Armen im Geiste.“ Was soll aber dies bedeuten: arm im Geist? Gewöhnlich sagt die Auslegung, arm im Geist sei derjenige, dessen Herz nicht an zeitlichen Gütern haftet, er möge sie besitzen oder nicht. Allein viel besser und gründlicher wirst du sehen, was arm im Geist ist, wenn ich eine Heilige vorführe, die es wahrhaft gewesen ist – es ist die hl. Anna Garcias, die auf den heutigen Tag verehrt wird. Sie hat ihr Leben selbst aufgeschrieben, weil ihr geistlicher Führer es forderte, damit es auch andern Menschen zur Erbauung gereiche. Wir wollen sie darum selbst reden lassen.

„Ich bin geboren in Spanien im Jahre 1549, eine halbe Stunde von der Stadt Ubalde, wo meine Eltern mit zeitlichen Gütern reichlich gesegnet waren. Als die Eltern gestorben und ich zehn Jahre alt war, schickten mich meine Geschwister in das Feld, die Schafe allda zu hüten, welches mir im Anfang sehr hart ankam. Bald darnach aber fing unser Herr an mich zu trösten – und in seiner glückseligen Gesellschaft liebte ich die Einsamkeit so sehr, daß es mit gleichsam eine tödliche Pein und Marter war, die Welt nur anzusehen; ja ich dachte auf Mittel und Wege, wie ich in eine Einöde mich begeben und fern von den Menschen ein Einsiedlerleben führen könne – allein Gott verhinderte es.
„Nachdem ich nun groß war, gedachten meine Geschwister mich zu verheiraten; meine Gedanken und mein Herz waren aber weit von einem solchen Vorhaben entfernt. Einstmals ließ mich eine meiner Schwestern in ihr Haus rufen, wo auch meine übrigen Geschwister versammelt waren und ein junger Mann, mit welchem sie mich verloben wollten. Als ich dieses erfuhr, besudelte ich mein Gesicht, bedeckte mich mit unreinen Tüchern und trat in solcher Gestalt vor die Gesellschaft. Meine Schwester erzürnte sich über die Maßen, hieß mich eine Närrin und jagte mich fort; diese Verabschiedung freute mich und ich wurde innerlich mit großem Trost erfüllt. Ich floh mit vielem Fleiß alle Gesellschaft der Mannspersonen, und vermied jeden Anlass, wo sie mit mir reden könnten; wann ein guter Freund von meinem Bruder ins Haus kam, so ging ich alsbald davon, oder sah denselben so sauer an, daß ihn das Ansehen eines Gespenstes nicht mehr hätte verdrießen können. So hielt ich mich sehr eingezogen und war fest entschlossen nicht zu heiraten, um Gott recht treu und rein zu dienen.

„Ein Geistlicher, dem ich beichtete, fragte mich, ob ich nicht Lust habe, in das neu gestiftete Kloster zu Abula einzutreten? Wie ich dieses hörte, meinte ich vor Freude den Himmel offen zu sehen – und antwortete, solches würde mir ein sonderlicher großer Trost sein. Meine Brüder aber sagten, die Klosterfrauen seien zu streng dort, und hielten mich von nun an sehr hart, um zu sehen, wie sie sagten, ob mein Verlangen von Gott sei oder nicht. Ich musste manchmal solche Lasten tragen, daß Männerstärke dazu gehörte; die Knechte selbst bekannten, daß ihrer zwei nicht hätten verrichten können, was ich allein täte. Die Gnade Gottes hatte mich solchergestalt gestärkt. Nachdem ich so manche schwere Proben und den Unwillen meiner Geschwister übertragen hatte, und ich dennoch standhaft in meinem verlangen blieb, so wurde ich endlich in das Kloster geführt. So freudenvoll aber auch mein Eintritt gewesen war, wurde es wenige Tage nachher ganz trostlos in mir und blieb so die ganze Zeit meines Probejahres. Nach Ablegung des Gelübdes wurde aber meine Seele wieder ganz entzündet von der Liebe zu dem Gekreuzigten. Der Abtötung wegen tat ich viele Dinge, damit ich für töricht angesehen werden möchte; aber ich hatte hierzu keine besondere Kunst von Nöten, weil ich in der Tat sehr plump und ungeschickt bin. Meine Seele ist von Kindheit an mit besonderer Andacht und Liebe zum bitteren Leiden unseres Heilandes erfüllt gewesen, daß, wenn ich nur ein Gemälde davon sah, mir alsbald die Tränen kamen und ich von herzen wünschte, arm und verachtet zu sein und übel gehalten zu werden um dieses meines Herrn willen. Als ich noch bei meinen Brüdern wohnte, gab ich von meinen Kleidern Alles den Armen, was ich nur unbemerkt davon bringen konnte, und versteckte die Speisen, die man mir zu essen gab, um sie den Armen heimlich zu geben.

„Ich muss zur Ehre Gottes sagen, daß ich allezeit einen Trost und Freude gehabt, meinem Nächsten in allen Gelegenheiten zu dienen, ihm in seinen Anliegen und Nöten zu helfen und Gutes zu tun. Wenn es mir auch selbst Ungelegenheit verursachte, achtete ich solche nicht, und fand keine Mühe, sondern lauter Freude und Trost dabei. Dieses ist eine solche Gnade, wofür ich Gott dem Allmächtigen bis auf den heutigen Tag viel Dank schuldig bin. Sein allerheiligster Name sei in alle Ewigkeit gelobt und gebenedeit! Amen.

„Die Mutter Priorin war einmal bettlägerig und bestellte mich zur Krankenwärterin aus großer Affektion zu mir. Wie aber die Menschen sich leicht ändern, so nahm ich auch bald wahr, daß ihr die andern Schwestern lieber und angenehmer waren, als ich. Ich zeiget aber nicht, daß ich es merke; sondern wartete ihr ab mit großer Liebe, wie wenn ich dem Herrn Jesu in eigener Person gedient hätte – dennoch blieb sie weniger freundlich gegen mich; allein die innerliche Liebe verursachte, daß ich Lust und Freude in dieser Selbstverleugnung fühlte. Einmal hatte ich einen besonderen Fleiß angewandt, die Speisen so zuzurichten, daß es ihr wohl schmecken möge, und sagte zu ihr: „Ich bitte Eure Ehrwürden recht schön, wollet ein wenig davon versuchen, vielleicht wird es euch schmecken.“ Sie wollte aber nicht davon kosten, sondern hieß mich fortgehen – wie ich es denn auch tat und mit überaus großer Freude erfüllt wurde, daß mir diese Verachtung begegnet war.

„Einmal hatte mir Gott gezeigt, daß ich noch auf einem dunklen Meer nach Frankreich würde reisen müssen. Weil ich mich aber etwas darüber entsetzte, kam unser Herr, so daß ich seine Gegenwart sehr deutlich empfand, ohne sichtbare Gestalt und fragte: „Müssen nicht die Trauben erst durch die Presse des Kelters ihren Saft heraus geben? Alle meine Freunde sind diesen Weg gegangen, eben so will ich dich haben.“ Diese Worte erweckten in mir einen neuen Mut und Dargebung meiner selbst zu allem, was Gott von mir begehren würde, und ich ergab mein herz ernstlich in seine Hände. Später wurde der Beschluss gefaßt, daß unser Viere nach Frankreich reisten, um dort auch Klöster nach unserm Orden einzurichten. An der Grenze zwischen Spanien und Frankreich überfiel uns die Nacht auf einem hohen Berg und ward dermaßen finster, daß wir unsere eigenen Hände nicht sehen konnten. Wir waren gezwungen, unter freiem Himmel zu übernachten; wir hatten weder Brot noch Wein bei uns, während ein heftiger Sturm und Regen tobte. Aber dieses störte meinen innerlichen Frieden nicht, nur war ich einmal sehr betrübt durch den Gedanken, daß ich den andern Schwestern nur eine Last sein werde, indem ich zu solchem Unternehmen untauglich sei. Da tröstete mich der Herr, daß er mir beistehen werde; nun bekam ich eine so große Freiheit des Gemütes, daß es mich freute um der Liebe Gottes willen verachtet zu sein.

„Als wir in Paris anlangten, fanden wir ein wohl zugerichtetes Haus, aber nur zu wohl für arme barfüßige Karmeliterinnen. Ich ging hin, das Essen für unsere Schwestern zu bereiten, was ich mit großer Freude tat, denn ich war meines Standes eine Laienschwester, was mir lieber war, weil ich allzeit den andern gern diente. Nun wurde ich aber ernstlich von unserm Vorgesetzten aufgefordert, den schwarzen Schleier anzunehmen, d. h. Chorschwester zu werden, was ich aus Gehorsam, aber sehr ungern tat, weil ich lieber im niedrigen Stand geblieben wäre. Man schickte mich alsbald nach Poitoise, um dort auch ein Kloster einzurichten. Wir wurden dort sehr feierlich und mit vieler Ehre empfangen, was mich sehr betrübte und beschwerte; es dünkte mich eine wahre Schande, daß ich das Amt einer Vorsteherin führen sollte, und ich habe bei keiner Gelegenheit eine größere Verachtung meiner selbst gefühlt, als hier. Es deuchte mich, ich sei ein verächtliches Erdwürmlein, wie ich auch in der Wahrheit bin, was ich aber vorhin mit keinem so klaren Licht erkannt habe, als bei dieser Gelegenheit.

„Nach einiger Zeit wurde ich zurück nach Paris gerufen, um in dem Kloster dort das Amt einer Vorsteherin zu übernehmen; solches machte mir großen Kummer, doch erkannte ich auch, daß es Gottes Wille sei. Ich opferte mich daher im Geist und sprach: „Tue mit mir, o Herr, was du willst; aber es ist mir eine große Pein und Schmach, daß ich so geehrt werde; warum lassest du doch solche Leiden über mich kommen?“ Darauf sprach der Herr in großer Klarheit: „Auf solche Weise müssen die wandeln, welche die Werke Gottes verrichten, wie ich auch auf Erden gewandelt habe: betrübt in der Ehre und freudig zu Schmach und Leiden.“

In den Ermahnungen, welche die hl. Anna als Vorsteherin an die Klosterschwestern hinterließ, heißt eine Stelle: „Es ist kein gewisseres Zeichen, daß Jemand arm im Geist sei, als wenn er wahrhaftig gehorsam ist; denn der Gehorsam ist der wahre Probierstein der andern Tugenden. Diejenigen, welche die Tugend der Armut besitzen, denen ist es eine Freude und Ergötzen, daß sie in Allem, sowohl Kleidern als Nahrungsmitteln, allzeit das Geringste, das Schlechteste, und das, was Andere am meisten verwerfen, für sich bekommen. Dieses tun sie aber nicht aus Verleugnung, sondern darum, weil alles Überflüssige sie beladet und beschwert. Die wahrhaft Armen lieben nicht sich selbst, lieben auch nicht die Ehre, Gunst, Ansehen oder Achtung der Menschen, sondern ihr meistes Verlangen ist, sich selbst in Allem zu verleugnen, und den Gemächlichkeiten des Leibes abzusterben, damit sie auf diese Art dem armen Heiland gleichförmiger werden und ihm vollkommen nachfolgen mögen. Wenn auch schon kein anderes Gut in dieser Tugend wäre, als die Freiheit und der Friede, den die wahren Armen haben, so solltenAlle eifrig darnach ringen. Ich erinnere mich, daß es uns oft an allen Dingen mangelte und wir nichts zu essen hatten; und doch war bei dieser Armut ein solcher Überfluss des Geistes, daß die Schwestern den sinnlichen Mangel nicht empfanden, so groß war der innerliche Trost und Freude.“

Anna war die zwei letzten Jahre viel mit Krankheiten heimgesucht. Sie hatte auch in keinem Ding auf Erden einige Lust mehr, sondern hielt sich, als wäre sie in einem fremden Land, wo sie Tag und Nacht seufzte nach ihrem ersehnten Vaterland. Es war ihr eine Pein, von gleichgültigen äußerlichen Dingen zu reden, weil sie innerlich ganz abgeschieden war von allem Erschaffenen. Als die Erzherzogin von Brabant aus großer Vorliebe zu Anna ihre Leibärzte und einige Hofdamen zu deren Verpflegung sandte, war Anna überaus bestürzt darüber, daß man so viel Aufhebens wegen ihrer Person mache und bat Gott, er möge sie doch unbemerkt und still aus dieser Welt hinweg nehmen. Sie hatte immer ein großes Missvergnügen darüber, wenn die Menschen eine gute Meinung oder Hochachtung gegen ihre Person zeigten. Sie begehrte in der Krankheit nie etwas, wozu sie Lust hatte; was ihr hingegen die Krankenwärterin von selbst gab, nahm sie gehorsam an; sie scheute sich, Jemanden die geringste Unruhe oder Ungelegenheit mit ihrer Abwartung zu machen. Bei ihrem Verlangen nach der himmlischen Heimat sprach sie stets in aller Gelassenheit: „Sieh`, Herr, da bin ich; vollbringe an mir deinen allerheiligsten Willen – ich will und verlange nichts anderes!“ Nachdem sie am Ende noch große Schmerzen erduldet hatte, starb sie beinahe 77 Jahre alt.

„Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.“ –
aus: Alban Stolz, Legende oder der christliche Sternhimmel, Bd. 2 April bis Juni, 1872, S.339-345

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