Betrachtung der Dienstmagd Armella

Kindlicher Glaube der Dienstmagd Armella

„Keine Kreatur“, sprach sie, „war so klein und geringfügig, daß sie mich nicht zu Gott geführt und erhoben hätte, und ich musste oft laut ausrufen: O meine Liebe und mein Alles! Wenn kein einziger Mensch auf der Welt wäre, der mir sagte, daß man sich lieben müsste, so lehrten es mich die Tiere und andere Kreaturen zur Genüge! Wenn ich daher einen armen Hund ansah, wie er seinen Herrn nicht verläßt, so treu ihm folgt und um jedes Bissen Brotes willen ihn liebkoset, so war mir dieses eine eindringliche Lehre, Gleiches gegen meinen Gott zu tun, der mich durch so viele Guttaten zu seinem Dienst verbunden hat.

„Wenn ich auf dem Felde die kleinen Lämmer sah, die sie sanft und friedfertig sind, die sich scheren und schlachten lassen, ohne zu blöken, so stellte ich mir meinen Jesus vor, der sich zur Schlachtbank des Kreuzes führen ließ, ohne den Mund aufzutun, und mich lehrte, ihm nachzufolgen, und jede Beschwerde hinzunehmen wie er.

„Wenn ich nun betrachte, wie die Bäumchen sich biegen und wenden nach allen Bewegungen des Windes, und wie das große Meer seine Ufer nie überschreitet, dann rief ich aus: O mein Gott, warum bin ich denn nicht ebenso willig und bereit, mich von jeder Anregung und Bewegung des göttlichen Geistes lenken und leiten zu lassen! O gib doch, daß ich die Schranken deines göttlichen Willens nie übertrete!
„Die Fische, die im Wasser schwammen, und sich darin erlustigten, lehrten mich, daß ich mich gleichergestalt in meine göttliche Liebe versenken und darinnen mich ergötzen möge. Wenn ich die Äcker bebauen und besäen sah, so däuchte mich, ich sähe meinen Heiland, wie er die ganze zeit seines Lebens so viele Mühe getragen und schweiß vergossen hat, um in unsere Seelen den Samen seiner Lehre und göttlichen Liebe einzusäen, und wie wenige Seelen es gibt, die gute Früchte bringen. Dies verursachte mir unsäglichen Schmerz.

„Wenn ich zur Zeit der Ernte den Weizen und das Unkraut absondern sah, dann dachte ich an das Gericht des Herrn und die Scheidung der Gerechten und Sünder. So gab mir jede Kreatur Unterricht und von jeder lernte ich etwas Gutes, so daß ich oft ausrief: O meine Liebe! Wie gut hast du meiner Unwissenheit abgeholfen; denn da ich weder lesen noch schreiben kann, so hast du mir große Buchstaben zur Unterweisung vorgelegt. Die darf ich nur ansehen, um zu lernen, wie liebenswürdig du bist.“

„Aber nicht bloß unterwiesen mich die Kreaturen, sondern ich sah auch in ihnen, wie die unendliche Liebe Gottes sie alle zu meinem Dienst erschaffen hat, und durch sie mir so viel des Guten erweist. Darum schrieb ich ihm auch Alles zu; und was mir ein Mensch oder eine Kreatur Gutes erwies, das, dachte ich, komme von meinem Geliebten.“

Sieh, Leser, was die Einfalt und der kindliche Glaube für große trostreiche Wahrheiten im Schulhaus Gottes gelernt hat. –
aus: Franz Ser. Hattler SJ, Wanderbuch für die Reise in die Ewigkeit, I. Band, Erster Teil. Wo gehst du hin?, 1883, S. 32 – S. 34

Category: Betrachtungen, Hattler
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