Wanderbuch Wohin gehen wir ? Sechs Schritte

Wanderbuch: Wohin gehen wir ?

Ich glaube an Gott, den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde.“ (Vernunft und Glaube)

Erster Schritt. – Der Königspalast.

„Gesegnet seid ihr von dem Herrn, der gemacht hat den Himmel und die Erde; den höchsten Himmel hat der Herr für sich behalten, die Erde aber den Menschenkindern gegeben.“ –
Aber aufgepaßt; es folgt im Psalm gleich noch was nach. Diesen Palast hat Gott dir und deines Gleichen nicht geschenkt, sondern nur geliehen, zur Miete gegeben, zum Quartier überlassen auf Lebenszeit. Du verbrauchst alle Tage viel von seinem Hausgeräte, von seinen Kornkammern und Kellern und von den Gaslichtern und dergleichen. Darum hat er recht, von dir Haus- und Mietzins zu fordern, und bist schuldig ihn zu zahlen. David hat das wohl gewußt, und darum erlegt er also bald den fälligen Zinsgroschen. Worin besteht er? Er besteht darin, daß du Gott als deinen Hausherrn anerkennst und dich als Mietling; und daß du von Zeit zu Zeit seine Freigebigkeit lobest und ihm ein herzliches „Deo gratias“ darbringst. So hat es David getan: „die Erde hat er den Menschenkindern gegeben, wir, die da leben, preisen den Herrn jetzt und in alle Ewigkeit.“

Jetzt weißt du Eines, wozu du auf der Welt bist, und was deine erste Pflicht ist: Du bist da, nicht bloß um Gott seine Sachen und Tiere und Früchte und Weine und Getränke weg zu essen und weg zu trinken, und dir`s auf Kosten Gottes wohl sein zu lassen; du bist da – um Gott zu loben, und ihm zu danken für Kost und Quartier, welche du alle Tage von ihm bekommst. – wie steht es mit dir in diesem Punkt – andächtiger Leser? – Bist du nicht vielleicht deinen Hauszins schon seit Jahren rückständig? Gehörst auch du zu den Leuten, von denen es heißt: „Sie essen und trinken, und zahlen nicht gerne?“ Und wenn Gott heute noch deine Rechnung schickt, was dann? Und wie magst du zahlen? – Ich will mich nicht lange bei der Erforschung deines Gewissens aufhalten; es könnte dir unangenehm sein, wenn ich in deinen Schulbüchern blätterte; aber tue es selber, und schaff Richtigkeit. Früher oder später, aber gezahlt muss werden“! –
Euch aber, was ehrliche Mietleute sind, rufe ich auf einen Augenblick jetzt zusammen im Hause Gottes zu einem Deo gratias:

„Gott ist ein großer Herr. Sein ist das Meer und er hat es gemacht, und das trockene Land haben seine Hände gebaut: kommt, laßt uns anbeten, und laßt uns hinknien vor Gott, und vor Freude weinen vor ihm, dem Herrn, der uns gemacht hat. Er ist der Herr, unser Gott; wir aber sind sein Volk und die Schäflein seiner Weide.“- (Psalm 94). Darum also betet mit mir:
„Ehre sei Gott dem Vater, und dem Sohne, und dem hl. Geist, wie sie war von Anfang, so auch jetzt und zu allen Zeiten. Amen.“ –
So; jetzt hätten wir wieder was abgezahlt, jetzt gehen wir weiter.

Zweiter Schritt – Das Schulhaus

Es gibt für einen gescheiten Vater keine größere Schande, als dumme, unwissende Kinder zu haben. Darum läßt er es sich viel kosten, sie was Vernünftiges lernen zu lassen, ein Handwerk, eine Kunst oder die lateinischen Schulen. – auch dein Vater im Himmel, du Kind Gottes, kann es nicht leiden, daß du ein Tölpel bleibest, daß er sich deiner schämen müsste. Er will dich zu einem gebildeten und gelehrten, recht weisen Menschen erziehen. Und darum hat er dir das Wohnheus, die Welt auch zu einem Schulhaus eingerichtet, und darin in tausend Bildern und Blättern Alles aufgeschrieben, was ein vernünftiges Menschenkind braucht; und für das Gotteskind hat er noch besondere Lehrer besoldet und eigene Bücher schreiben lassen. Kurz, für den, welcher was lernen will, hat seinerseits Alles getan und vorgerichtet; wer also dumm bleibt und ein Tölpel, und sonst nichts weiß als zu ackern und zu säen, Erdäpfel zu graben und in dem Lehm und Staub herum zu wühlen, und etwa eine Fabrik zu bauen und neue Kanonen zu gießen oder mit Roß und Dampf zu fahren, oder Geld zu zählen oder als Naturgrübler zu benamsen Alles, „was kriecht und was fliegt, und Bein zur Erde biegt“, ein solcher Mensch ist an seiner Dummheit selber Schuld. Es wird ihm schlecht gehen, wenn er soll Prüfung machen am letzten Gerichtstage, und sie schlecht besteht, und dann auf die glühende Eselsbank hinab kommt und sich dort seine Denk- und Lernfaulheit ewig jammervoll absitzen muss. –

Ja, es ist nicht zu spaßen, liebe Herren und Damen. Haben auch die Schulräte zur ebenen Erde die Jahresprüfung abgestellt, so hat sie Gott im Himmel oben nicht zu seinen Schulräten beordert. In seinem Reich und Haus ist Prüfung angesagt für Jedermann: „dem Menschen ist bestimmt, einmal zu sterben, dann kommt das Gericht.“ – Darum ist die zweite Aufgabe, die du, o Mensch, auf Erden hast, daß du darin fleißig lernest dein Leben lang, und zwar lernest: Gott – erkennen, und Gott ehren! –

So hat es in Frankreich die fromme Dienstmagd Armella gemacht. Es stand ihr kein gedrucktes Betrachtungsbuch zu Gebote, wenn sie sich von der Früh des Morgens bis zum späten Abend mit schwerer Arbeit abmühen musste; aber die Natur gab ihren aufmerksamen Blicken immerdar Lehre und Beispiel. Solches erzählte sie später in bescheidener Vertraulichkeit ihrer Freundin Johanna, einer frommen Ursulinerinnen-Nonne. (siehe Beitrag: Armella Nicolas, Betrachtungen zur Natur)

Es soll aber auch Schulkinder darin geben, von denen der oberste Meister, Gott selber durch den Unterlehrer Isaias öffentlich klagen muss: „Höre Himmel! Und Erde merk auf! Denn der Herr redet: Es kennt das Rind seinen Eigentümer, und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel hingegen kennt mich nicht, und mein Volk merkt nicht auf mich.“ –

Das ist jetzt eine scharfe Rede. Wenn also Einer auch entsetzlich viel zu reden wüßte von der Welt und ihren Wundern, wie der Herr Humboldt, wenn er dabei nicht auf Gott merkt, und tut, als kennte er ihn nicht, so ist demgemäß ein solcher Mensch unter den Esel und das Rind ausgeartet. Das hat Isaias gesagt, nicht ich; er wird darum freilich bei solchen Leuten in großem Misskredit stehen; denn sie haben es nicht gern, wenn man ihnen die Wahrheit sagt.

Zu was für Art von Schulkindern gehörst denn du, Leser, zu Armella, oder zu diesen Leuten, die schlechter sind als Rind und Esel? – Hast du aus dem Segen der Erde und aus der Pracht des Frühlings und aus dem Donner der Wolken und aus den übrigen Millionen Blättern des großen Buches „Gott“ heraus gelesen, und ihn kennen gelernt.“ – Ja, kehre nur einmal ein in dich, gleich heute, und stelle mit dir selber eine Vorprüfung an, wie weit du vorgerückt bist in der Erkenntnis Gottes und in der Erkenntnis deiner Kinderpflicht gegen ihn. Isaias redet an der besagten Stelle 1, 3 von scharfen Strafparagraphen, welche das göttliche Gericht auch an dir vollziehen wird, wenn du nichts gelernt hast. –

Gehen wir weiter.

Dritter Schritt – Das Gotteshaus

Das war jetzt sonderbar. Damit die Aussaat dieses Buches auf dem Herzen der Leser recht gedeihe, pflege ich von Zeit zu Zeit abzusetzen, und dazwischen hinein ein Stück von dem priesterlichen Brevier zu beten, auf daß Gott die Arbeit und den Anbau segne. So habe ich es auch jetzt getan, nachdem ich das Wort: Dritter Schritt- geschrieben hatte. Ich schlag das Brevier auf und bete die Terz, da steht: „Mein Haus ist – ein Bethaus.“ – Und weiter zur Sext: Das ist das Haus des Herrn fest gebaut und wohl begründet auf starkem Felsen, – und etwas früher zur Prim: „Deinem Hause, Herr, geziemt Heiligkeit.“

Es ist dabei zunächst von einer katholischen Kirche und vom Tempel der Juden die Rede. Aber es ist keine leere Redensart, sondern lautere und tiefe Wahrheit, wenn man die ganze Welt, in der du lebst, eine Kirche, einen Tempel, ein Gotteshaus nennt. Du kannst leicht selber einmal, oder auch gerade jetzt einen Vergleich anstellen zwischen eurer Dorf- oder Stadtkirche und dem Tempel, den sich Gott selber in der Welt gebaut hat. – Ich gehe auf etwas Anderes aus.

Ist nämlich diese Erde eine große Kirche, und stehen wir jetzt Beide, du Leser und ich der Schreiber, meilenweit auseinander, aber doch in demselben Hause Gottes, – so ist es wahr: „Mein Haus ist ein Bethaus“ und „diesem Hause geziemt Ehrfurcht und Heiligkeit.“ – Wir wissen also, was wir Beide hier in dieser Kirche, in der großen Gotteswelt zu tun haben. Gott hat uns in dieselbe eingeführt, daß wir darin zu ihm beten, ihn loben und preisen und in derselben ihm „Ehrfurcht bezeugen.“

Aber daß Gott erbarme! Was haben die Menschen aus und in diesem Gotteshaus für Gräuel gemacht – eine wahre Räuberhöhle. Wenn du dir Christus den Herrn im Tabernakel vorstellst, und bedenkst, wie um die Kirche herum in der Stadt und im Dorfe gelogen, gestohlen, geschlagen, gelästert, geflucht, verführt, verschwendet, vertrunken, verbuhlt, verwünscht, verketzert, verklatscht wird, und dies Alles gegen Christus und sein Gesetz geht, ist das nicht ununterbrochen bei Tag und Nacht, die alte und ewig neue Geschichte dort im Gerichtshaus des Pilatus: „Sie versammelten um ihn die ganze Truppe, und sie zogen hinaus und legten ihm einen Scharlachmantel um, und flochten eine Krone aus Dornen, und setzten selbe auf sein Haupt, und ein Rohr in seine Rechte; sie bogen vor ihm das Knie, höhnten ihn und sagten: Sei gegrüßt. König der Juden! Und sie spieen auf ihn, und nahmen das Rohr und schlugen auf sein Haupt.“ (Matth. 21)

Es wird nichts helfen; der Herr wird wieder einen Strick, die Geißel des Krieges nehmen müssen, und blutige Striemen schlagen, die Wechseltische umwerfen, daß die Börse kracht, und die Käufer und Verkäufer aus dem Bethaus jagen und einige Schuh tiefer unter die Erde legen! – Er schweigt zwar eine Zeit lang, aber dann redet er wieder laut und deutsch, daß Jedermann es verstehen kann: „Gott läßt Seiner nicht spotten!“

Vierter Schritt – Das Arbeitshaus

Zum bloßen Beten hat Gott keinen Menschen, nicht einmal seinen eingebornen Sohn, auf die Welt geschickt. Er hat im Gegenteil gleich vom Anfang her für Alle, welche auf Erden Quartier nehmen, das Hausgesetz gegeben: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Wer daher ißt, ohne zu arbeiten, ist ein Tagedieb, ein Landstreicher, und stiehlt Andern das Brot vom Munde, mag er auch ein geborner Baron, Graf oder Fürst sein.

Adam und Eva waren vom ältesten Adel und vom reichsten Hause; er war König und sie Königin der ganzen Welt; und der Paradiesgarten war noch kein verwünschter Grund; und doch haben sie darin arbeiten müssen. So ist also ein weiteres Geschäft, das du auf Erden zu vollbringen hast – die Arbeit.

Aber nicht die nächste beste, wie es gerade deiner Laune entspricht. Gott hat verschiedene Dienste in seinem Hause, und Arbeitsstuben dazu hergerichtet; und er ist es, der jedem Einzelnen den Platz und das Amt anweist, in welchem er ihm dienen soll. Der Eine soll Bauer, der andere Handwerker, der dritte ein Studierter, der vierte ein Soldat, der fünfte ein Geistlicher, und wiederum die Eine soll Hausmutter, die andere Kindsmagd, die dritte barmherzige Schwester und so weiter; und Jeder soll in seinem Stande Gott zu lieb arbeiten, was Gott will und erlaubt. Und wer nicht nach Gottes Willen arbeitet, der bekommt auch von Gott erstlich keinen Lohn, sondern zweitens Strafe für seine Lauheit oder für seinen Eigensinn. Denk an den faulen Knecht, der das anvertraute Kapital vergraben. – Also auch das ist gewiß: Der Mensch ist auf der Welt, um Gott – zu dienen! –

Ist das, was du gerade vorher getan, und was du jetzt tuest, Gottes – Dienst – oder Selbstdienst? – Gib Antwort! Und dein ganzes bisheriges Leben war es Gelddienst oder Bauchdienst, oder Menschendienst und Teufelsdienst?

Fünfter Schritt – Das Zuchthaus

Zu einem Zuchthaus war anfangs die Welt nicht eigentlich eingerichtet; erst seit Eva und hernach auch Adam über ihren Stand hinaus wollten, und daher, um Götter zu werden, den Apfel gestohlen haben, und die Kinder und Kindeskinder mit ihnen ums Paradies gekommen sind, ist die Welt für Alle ein Straf- und Zuchthaus geworden; da sollen wir lernen gut tun. Das bedeuten der Zahnschmerz und das Kopfweh, die Cholera und der Typhus, die Lungensucht und das Zipperlein, die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter, der Kummer und der Verdruss und die innere Leere und Trostlosigkeit und Jammer und Elend und Not. Also auch zum Leiden bist du auf der Welt da.

Du musst dafür noch Gott danken, daß er es dir auf der Welt nicht zu gut gehen läßt und dir scharf zusetzt; denn: „wen Gott lieb hat, den züchtigt er, und den er zum Kinde aufnehmen will, den schlägt er“, sagt die Schrift. Es ist also nur Liebe, welche mit dir so umgeht; du würdest sonst auswachsen und statt eines schönen saubern Kindes Gottes ein ungeschliffenes Kind der Schlange werden, die auf dem Bauche kriecht und Staub frisst ihr Leben lang. Und dann weiter; es muss Alles gezahlt, Alles gebüßt, Alles ausgeglichen werden zwischen dir und Gott. Ist es nicht besser, daß es hier geschieht, wo deine Arbeit und deine Zucht, wenn du sie mit Geduld und Demut annimmst, dir noch bei Gott für den reichsten Lohn im Himmel angeschrieben werde, als daß du drüben im Fegefeuer erst musst gestriegelt, und der Rost, der sich an deiner Seele angesetzt hat, mit Feuer muss abgeglüht werden? –

Sechster Schritt. – Das Nachtquartier.

siehe folgenden Beitrag: Stefan Ungeschickt oder die Frage wohin?

aus: Franz Ser. Hattler SJ, Wanderbuch für die Reise in die Ewigkeit, I. Band, Erster Teil. Wo gehst du hin?, 1883, S. 29 – S 39

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